Familienaufstellung – ein Form von Psychotherapie?

Ist eine Familienaufstellung eine Form der Psychotherapie? In diesem Blogeintrag will ich argumentieren, dass die Aufstellungsarbeit allgemein und die Familienaufstellungen im Besonderen keine Psychotherapie im herkömmlichen Sinne sind, aber mitunter natürlich erhebliche therapeutische Effekte nach sich ziehen.

Was ist Psychotherapie?

Üblicherweise wird unter Psychotherapie eine Tätigkeit verstanden, welche der Feststellung, Linderung oder Heilung von psychischen Störungen mit Krankheitswert dient.
Psychische Störungen wiederum sind Beeinträchtigungen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Verhaltens oder der sozialen Interaktion, die krankhaft sind in dem Sinne, dass sie durch die betreffende Person nicht oder nicht ausreichend willentlich beeinflusst werden können.

So weit die Definition. Praktisch kann man hier an Depression, Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie, Paranoia, Abhängigkeiten, Zwänge usw. denken. In Deutschland ist das Gebiet der Psychotherapie gesetzlich so geregelt, dass als Psychotherapie nur gilt, wenn die Linderung oder Heilung von psychischem Leiden mittels „wissenschaftlich anerkannter Verfahren“ angestrebt wird.

Können Familienaufstellungen Psychotherapie sein?

Geht man von der obigen Definition aus, dann kann man aus zwei sehr unterschiedlichen Gründen sagen, dass Familienaufstellungen keine Psychotherapie sind.

1. Rein pragmatisch gesehen können Familienaufstellungen und andere Aufstellungsformen (zumindest in Deutschland) keine Psychotherapie sein, weil es sich nicht um ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren handelt.
Zwar ist es nicht so, dass sich nicht auch Wissenschaftler und wissenschaftlich ausgebildete Personen mit der Aufstellungsarbeit und dem Familienstellen beschäftigen und diese Methode selber anwenden[1]. Ebenso gibt Studien, welche die Wirksamkeit von Familienaufstellungen wissenschaftlich evaluieren[2].
Dies ändert aber nicht daran, dass Familienaufstellungen derzeit nicht zum Kanon der „wissenschaftlich anerkannten“ Therapieverfahren gehören und in naher Zukunft auch wohl nicht gehören werden.
Schon aus diesem, eher formalen, Grund muss das Familienstellen also in den Bereich der psychologischen Beratung und Lebenshilfe eingeordnet werden, kann aber nicht als Psychotherapie gelten.

2. Neben dem pragmatischen Grund gibt es noch einen inhaltlichen Grund: Beim Familienstellen und auch anderen Formen der Aufstellungsarbeit geht es um die seelischen Bewegungen, die in einem Menschen gerade wirksam sind. Diese gilt es „ans Licht zu holen“ – um eine oft zitierte Formulierung von Bert Hellinger zu verwenden.
Wenn es also z.B. eine seelische Verstrickung mit Personen aus der Herkunftsfamilie gibt, wenn fremdübernommene Gefühle an ihren Ursprung zurückgeführt und dort geheilt werden[3] – dann ist dies das eigentliche Ziel einer Aufstellung. Es geht darum, die wirksamen „Unterströmungen“ in der eigenen Seele zu erkennen, anzuerkennen und zu würdigen.
Dies hat oft sehr profunde therapeutische Effekte, sowohl im psychischen wie im körperlich-somatischen Bereich. Aber: Diese therapeutischen Effekte sind nicht das eigentliche Ziel der Aufstellung. Man sollte eine Aufstellung nicht mit dem Ziel machen: Hier gibt es ein Symptom – und das mache ich jetzt weg. Das geht mit ziemlicher Sicherheit schief.
Die innere Haltung, insbesondere bei der Leitung der Aufstellung, muss eher sein: „Wir schauen uns einmal an, welche Kräfte – durchaus unbewusst – in deiner Seele wirken. Und wenn du das weißt, kannst du dich innerlich anders dazu verhalten“. Die Frage, ob das dann für ein Symptom, egal ob psychisch oder körperlich, eine Heilung oder Linderung zur Folge hat, sollte man während der Aufstellung eher ausblenden. Wer zu sehr auf ein Symptom und sein „Bekämpfung“ fokussiert ist, verpasst vermutlich das Wesentliche in der Aufstellung.
Nun zeigt die Erfahrung zwar, dass sich fast immer positive Effekte nach einer Aufstellung einstellen. Aber es wirkt hier ein paradox anmutendes Phänomen: Diese positiven Wirkungen stellen sich um so eher und schnelle ein, je mehr sie nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Weder bei der Leitung der Aufstellung noch bei der Person mit dem Anliegen. Im Grundverständnis des Familienstellens wäre es eine Anmaßung, zu glauben, man könnte vorhersagen, was passiert, wenn seelische Strömungen „am Licht“ sind. Auch dies muss man dann, in aller Demut, dem Wirken der „großen Seele“ überantworten. Das kontrollieren wir nicht. Weder als Person mit dem Anliegen noch als Aufstellungsleiter.

Therapeutische Effekte ohne Therapie – ein Beispiel

Wenn also Familienaufstellungen keine Therapie sind, wie sind dann therapeutische Effekte denkbar? Dazu ein Beispiel aus einer Aufstellung:

Eine Frau macht eine Aufstellung mit dem Anliegen, sie leide schon seit gut 20 Jahren an einer bestimmten Organunterfunktion, welche die Lebens- und Erlebensmöglichkeiten einschränkt. Verschiedene medizinische und auch heilpraktische Behandlungen hatten in der Vergangenheit wenig und oft nur sehr kurzfristigen Erfolg. Sie wolle sich das jetzt in einer Familienaufstellung einmal anschauen, weil sie auf die Vermutung gekommen war, es könne etwas mit der Herkunftsfamilie zu tun haben. Die Mutter habe das Symptom auch gehabt. Auf die Frage, ob es sonst noch jemanden gäbe in der Herkunftsfamilie mit dem gleichen Symptom, sagte sie: „Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Es gab Erzählungen, eine Schwester meiner Mutter (also eine Tante) und auch meine Großmutter mütterlicherseits (also die Mutter der Mutter) hatten das auch.“ Beide waren lange vor ihrer Geburt gestorben.

In der Aufstellung zeigten die Stellvertreterinnen eine deutliche wechselseitige Abwendung voneinander. Es fiel allen Stellvertreterinnen schwer, eine andere Person anzusehen. Und die Körpersprache signalisierte Ablehnung. Im Laufe der Aufstellung stellte sich heraus, dass die Frauen noch etwas teilten, außer dem organischen Symptom: Ein schwieriges Verhältnis zur Mutterschaft. Eine ungewollte Schwangerschaft, eine Notsituation mit Flucht und Vertreibung mit einem Säugling und ohne Unterstützung, eine ungewollte Kinderlosigkeit …

Die Lösung war, dass die Frauen sich als Kinder auf ihre jeweiligen Mütter hin bewegten – und als sie ganz nahe waren sich auf Knien mit dem Kopf an den Bauch der Mutter lehnten. Und nach einiger Zeit ihre Mutter Sätze sagten, die sinngemäß in etwa lauteten[4]: „Von dir habe ich mein Leben. Und ich nehme es jetzt vollständig zu dem Preis, den es dich gekostet hat. Und auch zu dem Preis, den es mich vielleicht noch kostet.“ Und noch etwas anderes war wichtig, nämlich zu sagen: „Mama – nur bei dir kann ich lernen, was es heißt, eine Frau und (vielleicht) auch eine Mutter zu sein“. Am Ende der Aufstellung war eine sehr enge Verbindung zwischen diesen Frauen verschiedener Generationen und es war, wie wenn ein Strom von Weiblichkeit, von weiblicher Energie, durch die Glieder dieser Kette sich ergoss.

Einige Zeit später berichtete die Frau, deren Anliegen die Aufstellung war: Im Rahmen einer routinemäßigen medizinischen Untersuchung haben sich zum ersten Mal Messwerte bezüglich des Organs ergeben, die im Normalbereich sind. Und bislang sei dieses körperliche Problem auch nicht wieder aufgetaucht.

Nun könnte man dieses Geschehen so interpretieren, dass das Symptom ein Ausdruck der Verbundenheit und der ursprünglichen Liebe zwischen den Müttern und den Töchtern gewesen sei. Und der Fluss dieser ursprünglichen Lieben war, schon über mehrere Generationen hinweg, blockiert. Es gab da Einstellungen der Ablehnung, man wollte etwas ganz anders machen, als die Mutter es gemacht hatte, weil die es nicht „richtig“ gemacht hatte. Und das Symptom hätte nun die Funktion, an diese ursprüngliche und existenzielle Verbundenheit mit dem eigenen Ursprung zu erinnern. In dem es die Verbundenheit im Symptom, der Organschwäche, herstellt. Die sie dann alle gemeinsam haben. So als sage die Seele mit dem Symptom und entgegen dem Bewusstsein (das sagt: Ich bin anders als du, ich will alles anders machen als du): „Ich bin wie du!“

Eine solche Erklärung scheint erst einmal plausibel. Wenn wir annehmen, das wir Symptome nicht zufällig haben, sondern Symptome auch etwas nicht Bewusstes ausdrücken, dass eine „Botschaft“ in einem Symptom enthalten ist. Aber ob es wirklich so ist? Das ist völlig unklar. Wir wissen es nicht wirklich, es ist eher eine Erklärung im Nachhinein. Wichtig im Erleben während der Aufstellung war: Es ist etwas wieder in Fluss gekommen, was vorher blockiert war. Es ergab sich eine Verbindung mit der Quelle des eigenen Lebens – und das hatte eine wohltuende und stärkende Wirkung.

Nun könnte man aber meinen, gerade diese Aufstellung sei doch gerade ein Beispiel für eine therapeutische Ursache-Wirkung-Erzählung. Die „Klientin“ kam mit einem somatischen Problem und der Vermutung, dies könnte psychische Ursachen haben. Und diese wiederum lägen in der Herkunftsfamilie begründet. Es erfolgt eine therapeutische Intervention (in Form einer Aufstellung). Nach Beseitigung der psychologischen Ursachen verschwindet die somatische Störung.
Und doch wäre dies meines Erachtens nach ein zu vordergründiger Kurzschluss. Das Wesentliche an dieser Aufstellung war, dass der eigentliche Ausgangspunkt, das Symptom der Organschwäche, in der Aufstellung selber gar keine Rolle gespielt hat. Es wurde sozusagen von allen Beteiligten vergessen.

Meine Vermutung ist: Das, was in der Aufstellung an seelischer Bewegung in Fluss gekommen ist, wäre nicht möglich gewesen, wenn die Aufmerksamkeit auf die Aufhebung einer organischen Einschränkung fokussiert gewesen wäre. Dann hätte sich die wesentliche seelische Bewegung nicht gezeigt.

Therapeuten müssen bis zu einem gewissen Grad so arbeiten, dass der Fokus auf der Beseitigung oder Milderung der Störung gerichtet ist. Das ist ihr Auftrag, das ist ihr Job. In der Aufstellungsarbeit dagegen – so die Vermutung, die ich nicht „beweisen“ kann – besteht die Gefahr bei dieser Orientierung die wesentliche seelische Bewegung, dass was in der Seele „heimgeholt“ werden will, zu verfehlen.

Noch einmal: War das Therapie? Nach allen gängigen Kriterien: nein! Hatte es therapeutische Effekte? So sieht es aus. Aber: Der therapeutische Effekt war sozusagen nur nebenbei.

[1] Pars pro toto wäre hier Prof. Franz Ruppert in München zu nennen, der Aufstellungen in den wissenschaftlichen Kontext der Forschung zu psychologischen Traumata und deren Therapie gestellt hat. Prof. Ruppert hat in diesem Zusammenhang nicht nur eine eigene Form der Aufstellungsarbeit, die „identitätsorientierte Psychotraumtherapie mit der Anliegenmethode“ entwickelt, sondern auch eine Reihe von Büchern verfasst, in denen die Vorgehensweise bei Familienaufstellungen und ihre Wirkungen mit Konzepten aus der wissenschaftlichen Psychologie – Bindungstheorie und Theorien psychologischer Traumatisierungen – einleuchtend verknüpft werden. Auch hier sei wieder nur stellvertretend und als Beispiel auf das Buch „Trauma, Bindung und Familienstellen“ verwiesen.

[2] Für eine Übersicht bezüglich wissenschaftlicher Studien: http://www.familienaufstellung.org/studien
Beispielhaft für eine Studie  mit einem in der Wirkungsforschung geradezu klassischen Kontrollgruppendesign und mit im Ergebnis bemerkenswerten Effektstärken sei auf die Forschungsarbeit am Institut für medizinische Psychologie der Universität Heidelberg verwiesen. Der in der Zeitschrift „Family Process“ veröffentlichte Forschungs- und Ergebnisbericht in englischer Sprache findet sich hier. Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse in deutscher Sprache ist hier zu finden.

[3] Was meistens einfach heißt, das Schicksal der Vorhergehenden zu achten und zu würdigen. Und die tiefe Verbundenheit und Liebe zu spüren, die sich im Symptom ausdrückt.

[4] Die konkreten Akzentuierungen waren recht unterschiedlich, aber darauf kommt es für diese Darstellung nicht an.