Das wissende Feld – Teil 1

Stellvertretende Wahrnehmung im wissenden Feld

Projektive Fremdwahrnehmungen, höhere Weisheit, spukhafte Fernwirkungen – oder einfach Einbildungen naiv Gläubiger?

In einer Aufstellung, sei es in einer klassischen Familienaufstellung oder auch in anderen Varianten der Aufstellungsarbeit, nutzen wir die sogenannte „stellvertretende Wahrnehmung“. In einem einfachen Fall bedeutet dies z.B. : Eine Teilnehmerin in einer Gruppe wird im Raum an einen bestimmten Platz gestellt und ihr wird gesagt: „Du bist die Stellvertreterin für die Mutter von Jutta“. Jutta ist hier ein – frei erfundener – Name für eine andere Gruppenteilnehmerin, die ihre Herkunftsfamilie aufstellen möchte. Im Raum stehen vielleicht noch andere Stellvertreter, etwa eine Stellvertreterin für Jutta selber und für ihren Vater, vielleicht auch noch für ihre Geschwister. Und nach einer gewissen Zeit sagt die Stellvertreterin für Juttas Mutter: „Ich habe eine Stinkwut auf meinen Mann!“. Und man kann sehen, dass die Stellvertreterin diese Emotion tatsächlich erlebt, die Körperhaltung und die Gesichtszüge drückte Wut aus. Wir nehmen weiter an: Es hat vorher keinerlei Information darüber gegeben, ob und in welcher Weise Juttas Mutter guten Grund hätte, auf Juttas Vater wütend zu sein.

Ein solches Phänomen ist der Normalfall in Aufstellungen. Jemand steht stellvertretend für eine ihm fremde und völlig unbekannte Person – und nach eine kurzen Zeit stellt sich beim Stellvertreter ein Emotion oder eine körperliche Reaktion oder ein Bewegungsimpuls oder allgemeiner eine Empfindung ein. Und zwar ohne dass diese Erlebnisse beim Stellvertreter durch vorausgegangene Informationen erklärlich wären. Und oft tauchen im Nachhinein Informationen auf, welche die Reaktion der Stellvertreter einleuchtend erscheinen lassen.
Natürlich ist das nur der Ausgangspunkt einer Aufstellung – aber es liefert das Material, mit dem in der Aufstellung gearbeitet wird.

Die Frage, die sich hier stellt, ist natürlich: Wie ist das möglich? Wie kann eine Stellvertreterin in einer sehr lebendigen Form eine sehr real erlebte Empfindung haben, die zu einer ihr völlig fremden Person gehört, über die sie nichts weiß? Eine offensichtliche Erklärung wäre natürlich: Die Stellvertreterin in der Aufstellung möchte irgendwie „brav“ mitspielen und sie spürt den Erwartungsdruck der Gruppe und nicht zuletzt von Jutta, der Teilnehmerin mit dem Anliegen, etwas Eindrückliches zu produzieren. Also spekuliert ein innerer Teil der Stellvertreterin, welches Gefühl diese Ehefrau und Mutter haben könnte und wem gegenüber. Und Wut gegen den Ehemann ist eine nicht so fern liegende Spekulation. Danach produziert die Psyche der Stellvertreterin ein authentische Erleben von Wut (jeder von uns war schon einmal wütend und weiß daher, wie das geht) in einem Prozess einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Und dann werden im Nachhinein Fakten aus der realen Person und realen Familie gefunden (oder zur Not auch erfunden), welch zu dieser Emotion Wut passen.
Eine solche Erklärung wird jeder Skeptiker der Aufstellungsmethode gegenüber leicht finden können. Und diese Erklärung wäre im geschilderten Fall auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Drei Beispiele für stellvertretende Wahrnehmung

Wie gesagt: Die „Null-Hypothese“ von Aufstellungs-Skeptikern, die sogenannte „stellvertretende Wahrnehmung“ sei im Wesentlichen auf Prozesse der Selbstsuggestion bei den Stellvertretern zurückzuführen, soll hier erst einmal als durchaus mögliche Erklärung gültig bleiben. Das die Stellvertreter tatsächlich etwas empfinden und ausdrücken, was in den Erlebensbereich der vertretenen Person gehört, wäre dann die „Alternativhypothese“.

Bevor wir hier weiter fortschreiten in den Überlegungen zur stellvertretenden Wahrnehmung und dann zum eigentlichen Thema, dem Begriff des „wissenden Feldes“ kommen, seien drei Erlebnisse der Autors im Rahmen von Aufstellungen geschildert, um es etwas plastischer zu machen:

Der verlorene Arm

Vor etlichen Jahren nahm ich als Stellvertreter an einer Familienaufstellung teil. Ich stand für den Großvater der Frau, die ihre Herkunftsfamilie aufstellte. Und um es gleich zu sagen: Der Großvater spielte keine Rolle bei dem Geschehen, um das für die Frau mit dem Anliegen ging. Er war schlicht nicht wichtig für diese Aufstellung und hätte nicht Teil der Aufstellung sein müssen[1].

In der Aufstellung selber passiert auch bei mir als Stellvertreter nichts Bemerkenswertes. Mir ging es gut an meinem Platz. Ich hatte natürlich zu manchen Familienmitgliedern engeren Kontakt als zu anderen, manche schaute ich häufiger an als andere. Wenn ich befragt wurde von der Aufstellungsleiterin, wie es mir denn ginge, antwortete ich entsprechend. Und was auch immer ich sagte, spielte für die Aufstellung keine Rolle, das Drama spielte sich an anderen Stellen und in anderen Stellvertretern ab.

Aber gegen Ende der Aufstellung geschah etwas – zunächst nur unterschwellig, dann etwas stärker werdend: Ich bekam ein leicht taubes Gefühl in meinem rechten Arm. Ich spürte ihn nicht mehr – wie wenn ich ihn nicht hätte. Und dies Taubheit im rechten Arm hielt auch noch nach der Aufstellung an. In der anschließenden Besprechung der Aufstellung äußerte ich dies, worauf die Frau mit dem Anliegen sehr aufgeregt sagte: „Ach, das habe ich vorhin gar nicht erwähnt, mein Großvater war im 2. Weltkrieg an der Ostfront und hat dort seinen rechten Arm verloren“.

Zwischen uns ist Mord

In einer anderen Aufstellung war ich Stellvertreter und ich wusste nicht, für wen ich eigentlich stehe. Die Aufstellungsleiterin hatte es angekündigt als „verdeckte Aufstellung“, also ohne irgendwelche Information. Und sie stellt mich und einen weiteren Stellvertreter auf, wir standen uns im Raum im Abstand von ca. 3 m gegenüber. Wir wussten beide sonst nichts.
Relativ schnell passierte etwas: Wir starrten uns beide an mit einer großen Intensität. Und in mir entstand der Satz – es war wirklich mehr ein gesprochner Satz denn ein Gedanke – „zwischen uns ist Mord“. Und im Erleben war dies eine Bindung zwischen uns zwei Personen von einer enormen Intensität. Aber eben mit dem ganz klaren Gefühl: Das was uns verbindet, ist Mord. Ich wusste nicht, ob ich als Stellvertreter der Mörder oder der Ermordete war. Es war aber für mich in der Stellvertreterrolle auch völlig gleichgültig. Alles war bestimmt von dem überwältigendem Erleben, mit diesem Menschen für alle Zeiten auf das intensivste verbunden zu sein.
Nach Beendigung der Aufstellung wurde die Information gegeben: Die Person, für die ich stand, war ein Rechtsanwalt in der Frühphase des Nationalsozialismus, der versuchte, die in den GeStaPo-Kellern Verschwundenen rechtlich zu vertreten. Die andere Person war sein Vetter, ein frühes NSDAP-Mitglied und Mitglied der GeStaPo. Und in der Familie ging – obwohl nie offen ausgesprochen, aber immer mal wieder angedeutet – das Gerücht, dieser Vetter habe seinen Vetter (den Anwalt) anlässlich eines der Besuche bei der GeStaPo selbe in einem der Keller festgesetzt und dort ermordet. Gesichert war nur, dass der Anwalt eines Morgens wie schon häufiger zu einer Dienststelle der GeStaPo mit einer Aktentasche aufgebrochen war, um sich nach dem Verbleib eines Verschwundenen aus der Nachbarschaft zu erkundigen und nach Möglichkeit diesen anwaltlich zu vertreten. Er kehrte nie zurück und was seit diesem Tag verschwunden, sein Verbleib oder sein Schicksal wurden nie offiziell geklärt.

Atemnot

In einer anderen Aufstellung waren u.A. Stellvertreter für die Mutter, eine Tante und die Großmutter des Anliegengebers vertreten, die Anfang 1945 auf der Flucht aus Ostpreußen waren. Die Großmutter war in den Wirren der Flucht vom Rest der Familie getrennt worden und seit dem verschollen, vermutlich tot.
Die Stellvertreterin der Großmutter brach in der Aufstellung recht schnell zusammen und lag dann am Boden. Dort, am Boden liegend erlitt sie einen dramatischen Anfall von Atemnot – und der war nicht „gespielt“. Ich erinnere mich noch, dass ich dachte, sie hätten einen akuten und bedrohlichen Asthmaanfall.
Spätere Nachforschungen in der Familie durch den Anliegengeber ergaben, dass es Hinweise (wenn auch nicht exakte Sicherheit) gab, dass die Großmutter es vermutlich als eine der Letzten auf die „Wilhelm Gustloff“ geschafft hatte. Die Wilhelm Gustloff war ein von der Kriegsmarine eingesetztes ehemaliges Kreuzfahrtschiff, dass Ende Januar 1945 mit geschätzt 10.500 Menschen (Verwundete und Flüchtlinge) an Bord versenkt wurde, wobei nur 1.200 Menschen gerettet werden konnten. Dieser Aspekt, dass seine Großmutter vermutlich beim Untergang der Wilhelm Gustloff ertrunken ist, war dem Anliegengeber zum Zeitpunkt der Aufstellung nicht bekannt und war bis dahin in der Familie ihm gegenüber nie erwähnt worden.

Zur Normalität und Alltäglichkeit von stellvertretenden Wahrnehmungen

Die drei geschilderten Beispiele sind mehr oder weniger dramatisch. Die meisten stellvertretenden Wahrnehmungen im Feld sind es nicht. Oder besser: Sollten es nicht sein. Die typische stellvertretende Wahrnehmung ist eher subtil. Es sind leichte Empfindungen von z.B. „ich stehe hier etwas schwankend“ oder „wenn ich da hinschaue, empfinde ich etwas wie Wut“ oder „meinen Blick zieht es immer zum Fenster“. Solche stellvertretenden Wahrnehmungen werden oft recht unbeteiligt geäußert, ohne große innere emotionale Beteiligung. Es ist so, wie wenn man sagt: „Mir fällt gerade auf, dass du rote Schuhe an hast. Bislang habe ich das gar nicht (bewusst) bemerkt“. Was für sich genommen in den meisten Kontexten bedeutungslos ist.

Ich schrieb: Im Normalfall sollten stellvertretende Wahrnehmungen zumindest erst einmal diese eher beiläufige Qualität haben. Warum? Weil es in der Aufstellungsarbeit nicht darum geht, dass die Stellvertreter solche Empfindungen dramatisch ausleben. Das wäre Psychodrama, eine ganz andere Art psychologischer Intervention. Für die Aufstellungsarbeit reicht die Mitteilung. Hier gibt es etwas, und das ist so-und-so beschaffen. Kurz, sachlich, ohne Wertung, ohne Spekulation über die Hintergründe.

Von der inneren Haltung der Stellvertreter gleicht es eher dem, was man auch aus der Meditation kennt: Man kommt zur Ruhe – und beobachtet seine Gedanken. Und jetzt haben wir zwei Prozesse gleichzeitig: Einerseits die Gedanken, die aufsteigen („Ich muss aber ganz dringend noch Herrn Kellermann anrufen“ oder „Ich habe jetzt eigentlich gar keine Zeit dafür, ich muss unbedingt und ganz dringend die lange versäumte Steuerklärung abgeben“) – und gleichzeitig haben wir einen inneren Beobachter, der einfach nur feststellt: Aha, hier steigt jetzt dieser Gedanke oder jenes Gefühl auf, und es hat bestimmte Qualitäten, und nach einer Weile vergeht es auch wieder und wird durch andere Gedanken und Gefühle abgelöst. Und der innere Beobachter der Gedanken und Gefühle wahrt einen gewisse Distanz, ist nicht emotional involviert – sonst ist er kein innerer Beobachter, sondern ein ganz anderer innerer Teil von mir.

Zurück zur Aufstellungsarbeit: Viele stellvertretende Wahrnehmungen sind also für sich genommen nicht dramatisch, sondern eher beiläufig. Und wenn es zu sehr oder zu schnell dramatisch wird, ist es für die Aufstellungsleitung eher ein Hinweis, dass es sich nicht um stellvertretende Wahrnehmung handelt, sondern um das Ausagieren von Themen der Stellvertreter – in diesem Fall müsste man die Stellvertreter entweder bremsen oder austauschen.

Aber wie wirkt nun diese stellvertretende Wahrnehmung tatsächlich oder besser: Wie kann man es beschreiben? Nun: Wir könnten sagen, es handelt sich um eine milde Form der Besetzung. Vielleicht sogar: Eine milde Form der Besessenheit. Als Stellvertreter im Feld „befällt“ mich etwas von außen, etwas was erst einmal nicht zu mir gehört, und über das ich nichts weiß. Aber ich kann es spüren, habe eine sinnliche Wahrnehmung dazu und kann es als einfachen Aussagesatz ausdrücken.

Nun hört sich das Wort „Fremdbesetzung“ oder gar „Besessenheit“ erst einmal erschreckend an. Man könnte Gedanken an bizarre Exorzismusrituale bekommen oder an naive Geistergläubigkeit, die manchmal durchaus psychotische Züge annehmen kann. Und wem ist schon wirklich wohl bei der Vorstellung, von einer fremden geistigen Kraft befallen zu sein? Tatsächlich ist der Prozess aber viel alltäglicher und undramatischer.
Beschreibend könnten wir sagen: Als Stellvertreter in einer Aufstellung stehen wir im Feld und nach einer gewissen Zeit, vielleicht nach 30 Sekunden oder nach zwei Minuten (oder vielleicht auch schon praktisch unmittelbar, das variiert) überkommt uns etwas. Eine körperliche Empfindung, ein Gefühl, ein in der Wahrnehmung auf einen bestimmten Punkt ausgerichtet werden – was auch immer. Und dieses „etwas“ sitzt sozusagen locker auf mir drauf. Ich kann mich jederzeit wieder davon lösen, es abschütteln, wenn die Aufstellung zu ihrem Ende gelangt. Das ist zumindest der Regelfall.

Und der Prozess ist nicht anders, als wenn wir in ein Buch oder in einem Film vertieft sind. In dem Moment leben wir im Wortsinne in der Geschichte. Wir leiden mit den Protagonisten, erleben ihre Erfolge und Kämpfe als die unseren, teilen ihre Erwartungen und Enttäuschungen usw. Kurz: Wir gehen in Resonanz mit einer – erst einmal – fremden Geschichte. Wir sind von ihr „gefangen genommen“, sie hat uns gepackt. Aber: Wir können jederzeit aussteigen. Wenn das Telefon läutet, während wir ein im Wortsinne „fesselndes“ Buch lesen, können wir jederzeit die Lektüre unterbrechen, uns in unsere „normale“ Realität reorientieren, den Anruf entgegennehmen und mit unserem üblichen Ich agieren. Der Wechsel der Erlebensrealitäten erfordert nur wenige Sekunden uns ist Normalfall mühelos zu bewältigen.

Natürlich gibt es Fälle, wo die Re-Orientierung etwas länger dauert, bestimmte Stimmungen und Motive noch nachschwingen und wir „noch nicht so ganz“ wieder „da“ sind, während wir in den Alltagskontext wechseln. Aber das ist so, wie wenn ein Besucher einer Operettenaufführung auf dem Nachhauseweg ein prominentes musikalische Motiv dieser Operette vor sich hinpfeift. Und vielleicht pfeift er es auch am nächsten Morgen unter der Dusche. Auch hier schwingt etwas innerlich nach. Aber das ist ebenso unproblematisch wie letztlich banal. Es lässt nicht die Vorstellung aufkommen, hier wäre jetzt eine „Teufelsaustreibung“ oder ein Geisterbeschwörungsritual nötig.

So weit erst einmal zur stellvertretenden Wahrnehmung in der Aufstellungsarbeit. Die stellvertretende Wahrnehmung ist der gemeinsame Kern der Aufstellungsarbeit, egal welche unterschiedliche Methodik man innerhalb dessen haben mag und in welchen Kontexten und mit welchen Themen man diese Arbeit verwendet.Wir schließen hiermit den ersten Teil ab.
Es stellt sich natürlich die Frage: In welchem Rahmen tritt denn diese stellvertretende Wahrnehmung überhaupt auf? Offensichtlich normalerweise nicht im Rahmen unserer normalen Alltagsaktivitäten. Sondern dazu verwenden wir eben das Aufstellen von Stellvertretern, die allein durch das aufgestellt werden ein Feld kreieren, in dem dann die stellvertretende Wahrnehmung sich mitteilt. Im Rahmen der Aufstellungsarbeit hat sich eingebürgert, hier vom „wissenden Feld zu reden“. In beiden nächsten Teilen geht es um genau dieses „wissende Feld“.

  • In Teil 2 geht es um das Feld im wissenden Feld
  • In Teil 3 geht es um das Wissen im wissenden Feld

 

[1] Als Anmerkung: Die Aufstellung war eine – wie ich es heute nennen würde – „klassische“ Familienaufstellung in der Form, wie sie von Bert Hellinger im Rahmen der „Ordnungen der Liebe“ in Familiensystemen entwickelt wurde. Dabei stellt man immer alle zur Familie gehörenden Mitglieder mit Stellvertretern auf – unabhängig davon, ob sie wichtig für das zu klärende Anliegen waren oder nicht.

 

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