Über das Seelische (IV) – Die Vernunft

In dieser Artikelserie wird das Seelische umkreist, verschiedene Aspekte des Seelischen werden benannt, aber es bleiben Teile des ganzen Bildes. Die Seele ist letzten Endes nicht greifbar, nicht „dingfest“ zu machen. Die Seele ist eben kein Ding. Jedes Mosaiksteinchen, welches hier ausgebreitet wird, verweist auf das Gesamtbild, zu dem es gehört. Diese Texte sollten so gelesen werden, dass auf das geschaut wird, worauf verwiesen wird, nicht auf den Verweis selber. Nach dem alten Motto: Wenn dir jemand den Mond am Nachthimmel zeigt, und er deutet mit dem Finger darauf, dann schau auf den Mond, starre nicht auf den Finger.

Die letzten beiden Texte und auch dieser sind geleitet von einer Vorstellung des seelischen Raums, wie sie in der alten Weisheitsleere der Astrologie entwickelt wurde. Hier bezeichnet der zweite Quadrant die seelische Landschaft, die noch einmal in drei große Territorien unterteilt werden kann, die Häuser 4 bis 6. In den letzten beiden Artikeln hatten wir hier die Territorien des archetypisch weiblichen (das 4. Haus mit dem Zeichen Krebs und dem Mond als Verkörperung dieses Prinzips) durchwandert ebenso wie das Territorium des archetypisch männlichen (5. Haus, Zeichen Löwe und Sonne als Verkörperung). Hier geht es nun um das 6. Haus, in der Astrologie mit den Signaturen von Jungfrau als Zeichen und Merkur als Planet versehen.

Wir haben also bislang in der Seele als Triebkraft das urweibliche und urmännliche Prinzip kennen gelernt. Und es ist offensichtlich, dass diese beiden Prinzipien nicht so leicht miteinander zu vereinbaren sind. Und doch müssen sie miteinander in Einklang gebracht werden. In jeder einzelnen Person sind sie vorhanden und wirksam und in jeder einzelnen Person müssen sie sich arrangieren mit dem jeweils anderen Prinzip. Es geht hier also mitnichten um die Gestaltung einer Paarbeziehung, wie man vordergründig meinen könnte. Nein, es geht um den Frieden und die gedeihliche Koexistenz der männlich-weiblich-Polarität in mir.

Und an dieser Stelle kommt die dritte Kraft und die dritte große Landschaft des Seelischen ins Spiel. Hier hat sie ihr Betätigungsfeld und ihren Ausdruck. Dieser Teil der Seele ist der geborene Vermittler, eine Agentin des Ausgleichs, unparteiisch und unermüdlich, ohne eigene Interessen.
In der Astrologie wird dies, zu Recht, mit der Organisation des Alltags, mit den alltäglichen Verrichtungen, mit den Routineaufgaben, mit den Pflichten des Broterwerbs oder der Kindererziehung und auch mit einer gesundheitsförderlichen Lebensführung in Verbindung gebracht. Es ist dies der Bereich der (selbstgewählten) Regeln, der Ordnung und des Fleißes sowie der Begrenzung von Exzessen in jeglicher Richtung. Und doch ist dies eine etwas oberflächliche Betrachtung, bei der man meinen könnte, wir haben es hier mit der personifizierten Spaßbremse zu tun.

Im Kern geht es bei diesem Seelenaspekt aber um etwas Anderes als Arbeit, Routine und Ordnung: Es geht um die Verbindung und Vermittlung von Kräften in uns, die sich oft genug unversöhnlich gegenüberstehen und einen inneren Krieg ausfechten. Diese Vermittlungsleistung ist etwas ganz anderes als ein laues weder heiß noch kalt, weder links noch rechts, weder oben noch unten. Diese seelische Instanz erkennt jede der widerstreitenden Bestrebungen an und versucht auf dieser Grundlage „den Laden am laufen zu halten“, sie übernimmt Verantwortung für das Ganze. Das wird ihr oft nicht gedankt. Wenn wir sie nur als „Spaßbremse“ sehen, werden wir ihr nicht gerecht.

Was dieser Teil in uns leistet, ist ein schwieriges Unterfangen, gleichzeitig ist es aber die Krönung aller seelischen Bewegungen. Die Aufgabe ist am besten beschrieben in dem, was man in der Philosophie „Dialektik“ nennt. In der Dialektik geht es darum, aus einer These und der entsprechenden Gegenthese zu einer Synthese zu kommen, zu einer Vereinigung der beiden gegensätzlichen Pole zu gelangen. Wenn dies gelingt, werden die Erkenntnis und die Einsicht auf eine neue Ebene gehoben, in der beide vorherigen gegensätzlichen Pole aufgehoben sind und zu ihrem Recht kommen.[1]

Das ist, wenn es gelingt, kein fauler Kompromiss. Bei einem faulen Kompromiss nehme ich nur bestimmte Anteile der einen Seite als gültig an und nur bestimmte Anteile der anderen Seite. So kann man sich arrangieren, aber glücklich wird so niemand. Im Prozess der dialektischen Aufhebung von Gegensätzen werden die Pole jedoch vollständig vereint und zu einem neuen Ganzen mit einer neuen Qualität des Seins vereint. Das ist mehr eine Kunst denn eine Wissenschaft oder ein Handwerk.

Um hier einmal ein Beispiel zu geben: In der Kindererziehung gibt es verschiedene Regeln, Ratschläge oder Auffassungen, welche als Einzelaussage diametral entgegengesetzt sind. So gibt es zum Beispiel die Auffassung, dass Kinder fester Regeln bedürfen. Ihr Fehlen beschädigt die Kinderseele, lässt sie orientierungslos und mit wenig Vertrauen in die Erziehungspersonen zurück, es überfordert die Kinder in ihrer Entwicklung, wenn es keine Orientierungen und kein „sicheres Gelände“ gibt. Auf der anderen Seite gibt es die Auffassung, dass Regeln, welche starr und autoritär von außen auferlegt werden und die Individualität des einzelnen Kindes nicht berücksichtigen, das Selbstwertgefühl des heranwachsenden Menschen nachhaltig beschädigen.

Beide Auffassungen sind unbedingt richtig. Also, nicht nur ein wenig richtig oder in diesem oder jenem Kontext richtig, sondern grundsätzlich richtig. Trotzdem erscheinen sie, wenn die jeweilige Position etwa als pädagogische Theorie ausformuliert, als unvereinbare Gegensätze. Gute Eltern wie auch gute Erzieher oder Lehre wissen jedoch in ihrer Praxis um beide Prinzipien gleichzeitig und wissen vor allem beide Prinzipien gleichzeitig im praktischen pädagogischem Handeln zu verbinden. Dem Kind wir gleichzeitig Orientierung geboten und es wird in seinen individuellen Besonderheiten geachtet und gefördert. Wir ahnen hier natürlich: Das ist kein leichter Job.

Es ist aber der Job, den dieser Teil der Seele täglich in uns erledigt. Dieser Teil erledigt diesen Job still und ohne viel Aufheben um seine Vermittlungsleistung zu machen, weshalb diese Leistung auch wenig gewürdigt wird.

Die beste Bezeichnung, die wir für diese seelische Instanz finden können, lautet: Die Vernunft. Die Vernunft arbeitet in uns sanft, aber beharrlich. Sie hat dabei wenig mit dem intellektuellen Finden von Gründen zu tun, warum das eine oder das andere vernünftig wäre. Sie ist überhaupt im Kern gar keine intellektuelle Gestalt. Sie weiß einfach, was in einer gegeben Situation richtig, angemessen und gemäß ist. Sie muss das nicht begründen. Sie könnte es auch gar nicht.

Aber, wir sagten es schon, die Stimme der Vernunft ist leise. Deswegen verhalten wir uns oft nicht entsprechend diesem seelischen Wissen, weil andere innere Stimmen lauter und auch verführerischer sind. Verführung ist nicht die Sache dieser inneren Instanz, eher manchmal die Warnung und die Mahnung, oft genug allerdings die fruchtlose Mahnung und Warnung.

Ein Bild dieser Instanz

Wie können wir uns eine solche innere Instanz aber wirklich vorstellen? Ich versuche ein Bild zu geben, aber nimm es nicht zu wörtlich, sondern wirklich nur als Bild.

Wir stellen uns eine belagerte Burg vor, außen vor der Burg sind die feindlichen Streitkräfte versammelt und grimmig entschlossen, die Burg zu erobern. In der Burg gibt es gerüstete Verteidiger, ebenso grimmig entschlossen, die Belagerer zu besiegen. Sie rüsten sich zu einem Ausfall, zur offenen Entscheidungsschlacht.

Hier kommt nun die seelische Instanz ins Spiel, um die es hier geht. Wir stellen uns eine Person vor, die bei den Führern beider Seiten vorstellig wird. Sie wird auf die Verluste hinweisen, die kommenden Toten und Verletzten. Sie wird Vorschläge zur gütlichen Beilegung des Konflikts machen. Sie wird appellieren, sie wird warnen, sie wird darauf verweisen, dass es für das Leben in der Burg keinen sooooo großen Unterschied macht, wer sie beherrscht. (Dass sie beherrscht wird, wird als gegeben betrachtet.) Sie wird die alles – vermutlich – vergeblich tun.

Aber nach der Schlacht wird sie aufopferungsvoll die Verwundeten auf beiden Seiten pflegen, Schmerzen mildern und Verzweifelte aufmuntern. Dies tut sie, ohne sich über die in den Wind geschlagenen Ratschläge zu beklagen und ohne jeglichen Verweis in der Art „seht ihr, ich habe es ja gleich gesagt“. Sie erwartet auch keine Dankbarkeit für die Pflege oder die Heilung, so sie denn eintritt.

So müssen wir uns diese innere, seelische, Instanz vorstellen.

Können wir sie würdigen?

[1] Wie erwähnt wird in der Astrologie dieses synthetisierende Prinzip mit dem Planeten Merkur in Verbindung gebracht. Merkur ist der lateinische Name für den griechischen Gott Hermes, der war der Götterbote. In der griechischen Mythologie vermittelt der Götterbote Hermes zwischen den Göttern und den Menschen, zwischen oben und unten, oft genug aber auch zwischen den Göttern untereinander. (Ja, auch diese haben die Vermittlungsleistung bitter nötig im Olymp!)
So haben die Griechen in ihrer Weisheit diesen Gott z.B. sowohl als Gott der Kaufmänner und Handelsreisenden wie auch als Gott der Diebe und Wegelagerer erkannt. Man stelle sich das einmal vor: Diese beiden Gruppen sind natürliche Feinde in ihrem natürlichen Habitat. Könnte ein Mensch gleichzeitig sozusagen Gewerkschaftsvorsitzender für die Kaufleute und die Diebe sein, für die Stehlenden und die zu Bestehlenden? Ein Gott kann das!
Und dafür, so finde ich, müssen wir ihn lieben, diesen Gott. Und die Griechen, die das so klar und scheinbar sinnwidrig erkannt haben, müssen wir auch dafür lieben.