Das Neue

Dieser Blogbeitrag ist geschrieben in der Zeit „zwischen den Jahren“, wie man sagt, also in der Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester. Es ist dies eine Zeit, wo das neue Jahr vernehmlich vor der Tür steht und das alte Jahr schon so gut wie vergangen ist. Vielleicht ziehen wir Bilanz bezogen auf das alte Jahr und entwickeln eine Erwartung an das neue Jahr.

Das neue Jahr beginnt in unserem Kulturraum am 1. Januar. Dies ist eine recht willkürliche Setzung des gregorianischen Kalenders. Andere Kulturen haben für den Beginn des neuen Jahres andere Daten, wie etwa China, wo der Beginn des neuen Jahres zwischen dem 21. Januar und 21. Februar liegt, je nach dem, wann in dieser Zeit ein Vollmond ist.
Stimmiger in Bezug auf die Zyklen eines Jahreskreislaufes wäre sicherlich entweder die Wintersonnenwende am 21. Dezember, also die Rückkehr des Lichts nach dem dunkelsten Tag als Neujahrsbeginn zu nehmen oder den Frühlingsanfang um den 21. März, wie auch in der astrologischen Betrachtung mit dem Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen Widder ein neuer Jahreszyklus startet.

Unbeschadet der eher willkürlichen Setzung am 1. Januar wird aber doch der Beginn eines neuen Jahres als ein bedeutsamer Einschnitt und Wechsel erlebt. Mit diesem Tag beginnt etwas neues, ein neues Jahr, ein neuer Zyklus der Monate und Jahreszeiten.

Wie begegnen wir nun dem Neuen? Das Neue hat seinen besonderen Reiz, weil es frisch ist und noch unberührt, weil es noch offen ist für Gestaltung. In dem bekannten Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse heißt es:
         „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
         Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Was macht diesen Zauber aus? Nun, sicherlich ist es die Unverbrauchtheit, die uns im Neuen begegnet. Das Neue, so scheint es, eröffnet ein Feld von Möglichkeiten, gerade weil es noch nicht zu Ende geformt und somit festgelegt ist, sondern offen. So wie bei einem neugeborenen Kind zwar nicht alles, aber doch vieles noch offen ist bezüglich seines Lebensweges.

Und wie begrüßen wir am Besten einen neuen Menschen, ein neues Erdenwesen? In dem wir es anschauen mit dem Gedanken: „Sei Willkommen!“. Sei willkommen, du Mensch unter Milliarden Menschen, von denen keiner genau so ist wie du. Sei Willkommen, du Mensch, wie es in der ganzen Menschheitsgeschichte nie einen Menschen genau so gegeben hat und auch nie wieder einen genau so geben wird. Dies wäre, so scheint mir, die angemessene Begrüßung für ein Neugeborenes aber auch für jedes Neue in unserem Leben. Mit freudiger Neugier, was aus diesem Neuen wohl erwachsen mag.

Der Abschied

Aber alles Neue ist nicht nur neu, es trägt auch die Insignien des Alten, aus dem es erwachsen ist, in sich. Der neue Baum trägt in sich das Vermächtnis des Samens eines alten Baumes, aus dem er entstand. Der neu geborene Mensch ist in allem ganz eigen und einzigartig und doch steht er auf den Schultern der Ahnen, entstand durch die Eltern mit ihrer Lebensgeschichte und Kultur und diese wiederum wurden wer sie sind durch ihre Eltern und so weiter, bis in die Tiefe der Zeit hinein. Auch ein neues Jahr, mit allem was es für uns persönlich bringen mag, erhebt sich aus dem Fluss der vergangenen Jahre und auf der Grundlage dessen, was wir in den vergangen Jahren erreicht haben. Das Neue erwächst aus dem Alten, muss dieses Alte aber auch hinter sich zurück lassen.

Und auch bei einem neuen Jahr, so scheint mir, setzt das vollständige Einswerden mit dem Zauber des Anfangs, von dem Hermann Hesse redet, einen Abschied voraus. Das Alte, hier das alte Jahr, will würdig verabschiedet werden. Wie machen wir das? Am Besten mit einem Dank, mit Dankbarkeit. Dankbarkeit all dem gegenüber, was gut war im alten Jahr, was uns genährt, geschützt und genützt hat. Aber auch in Dankbarkeit den Schwierigkeiten, Herausforderungen und Niederlagen gegenüber. Auch sie haben uns geformt zu der Person, die wir jetzt sind. Und gleichzeitig verabschieden wir uns – nach Möglichkeit – mit leichtem Herzen, um uns dem Neuen ganz zuwenden zu können. Bei Hesse heißt es in dem angesprochenen Gedicht ein paar Zeilen vorher:
         „Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe      
         Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,  
         Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern      
         In andre, neue Bindungen zu geben.“

Diese Spannung zwischen Abschied und Neubeginn wohnt aber natürlich nicht nur dem Jahreswechsel inne. Genau genommen ist es der Rhythmus des Lebens selber, der in jedem Augenblick, genau betrachtet mit jedem Atemzug, von diesem Zusammenhang von Abschied und Neubeginn geprägt ist. Mit jedem Ausatmen verabschieden wir einen bis dahin noch gegenwärtigen Moment, der damit zur Vergangenheit wird, um mit dem nächsten Atemzug des Einatmens dem nächsten gegenwärtigen Moment zu begegnen, sich in seine „neue Bindungen zu geben“, wie es bei Hesse heißt. Dies scheint mir die eigentliche Bedeutung der Lehre vom Leben im großen JETZT zu sein. Was war ist Vergangenheit und nur noch Geschichte, war wird ist ein Rätsel. Und dazwischen, in diesem kurzen Zwischenraum, leben wir. Im gegenwärtigen Moment. Immer am Berührungspunkt von Abschied und Neubeginn – in jedem Moment.

Vielleicht wäre es eine hilfreiche Übung, wenn wir es denn könnten, wenn wir zumindest jedem neuen Tag, direkt nach dem Aufwachen, so begegnen könnten, wie wir es vielleicht am Neujahrsmorgen mit dem neuen Jahr noch machen. Wir würden uns bewusst, dass dieser neue Tag frisch und noch unverbraucht ist, dass ihm der Zauber des neuen Anfangs inne wohnt.

Die Stufen (Hermann Hesse, Mai 1941)

Da das erwähnte Gedicht von Hermann Hesse mit dem Titel „Stufen“ tief in der Seele etwas anrührt, sei es hier noch einmal ganz zitiert:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!