Die große Mutter

Wenn wir an Mütter denken, oder an das sprachliche Attribut „mütterlich“, was verbinden wir damit, üblicherweise zumindest? Wir verbinden damit vielleicht Fürsorge, Nährung, ein wohlwollendes und unterstützendes Kümmern, welches Wachstums und Eigenständigkeit ermöglicht. Vielleicht verbinden wir damit auch Schutz und Trost und nicht zuletzt die mütterliche Liebe, welche zumindest im Ideal sehr nahe an einer bedingungslosen Liebe ist. Je kleiner wir noch sind als Kinder desto größer ist das Bedürfnis eines Kindes nach dieser mütterlichen Zuwendung. Und umso größer der seelische Schmerz, die seelische Wunde, wenn wir diese mütterlich-bejahende Zuwendung ganz oder teilweise vermissen. Die reale Mutter handelte nicht nach einem Ideal von Mütterlichkeit, sondern nach dem, was ihr möglich war, nach ihren Begrenzungen. Nicht selten liegen diese Begrenzungen in eigener Traumatisierung und diese wiederum ist oft eine transgenerationale Traumatisierung, hier wird etwas höchst unbewusst, aber höchst wirksam, übernommen von den Vorfahren.

In diesem Beitrag möchte ich eine Sichtweise anregen, dass wir alle vielleicht noch eine andere Mutter haben, eine größere Mutter.

Die Gaia-Hypothese

Jegliches menschliche Leben und jeder Lebensprozess basiert auf dem Planeten Erde, auf dem wir heimisch sind. Es sind zwar im Wesentlichen unsere menschlichen Gebäude, die uns stützen und halten, aber sie alle ruhen auf der Erde, letzten Endes hält uns also die Erde. Jegliche Form von Nahrung, die wir zu uns nehmen – in welcher veränderten und umgestalteten Form auch immer – basiert auf dem, was die Erde in Form von Tieren und Pflanzen wachsen lässt. Die Luft, die wir atmen, stellt die Erde mit der zu ihr gehörenden Atmosphäre zur Verfügung, ebenso das Wasser, dessen wir zum Leben bedürfen.

Es gibt eine Sichtweise, die Erde selber mit ihrer Atmosphäre und ihrem sehr differenziert entwickelten Ökosystemen als ein Lebewesen zu betrachten, also einen großen lebendigen Organismus. Diese Betrachtungsweise gibt es nicht nur in einem esoterischen Kontext, sondern auch in einem naturwissenschaftlichem Kontext, der sich aus Evolutionstheorie und systemtheoretischen Überlegungen speist. In diesem wissenschaftlichem Kontext gibt es eben die sog. „Gaia-Hypothese“, welche unseren Planeten inklusiver aller lebenden und nicht lebenden Materie als einen großen Superorganismus auffasst, der lebt und vielleicht auch ein eigenes Bewusstsein aufweist.

Wenn wir in diesen Bahnen denken, dann könnten wir uns auch als Kinder dieses großen Organismus sehen, als Söhne und Töchter von Mutter Erde. Genau so sie jedes andere Lebewesen, jedes Tier und jede Pflanze, auch. Und diese große Mutter stellt uns – und auch allen ihren anderen Kindern, allen anderen lebenden Organismen – alles zur Verfügung, was wir zum Leben benötigen. Sie tut dies großzügig und ohne Unterscheidungen zu machen, sie tut dies bedingungslos.

In der Bibel gibt es eine Aussage, die Sonne scheine gleichermaßen die Gerechten wie auch die weniger Gerechten, ähnlich fällt der Regen gleichermaßen auf sie ohne Unterschied.
Ähnlich ist es mit „Mutter Erde“, wenn wir sie denn als eigenständigen Organismus ansehen würden und uns als ihre Kinder begreifen würden. Sie, die große Mutter, liebt und versorgt alle ihre Kinder gleichermaßen, ohne Ansehen von Leistung oder moralischem Verdienst.

Diese Sichtweise ist entgegengesetzt einer Sichtweise, in welcher die Natur sozusagen der Feind ist, ein lebensfeindliche Umwelt, der wir unser Leben und unsere Lebensbedingungen erst abringen müssen, in dem wir die Natur bekämpfen.

Tatsächlich ist es ja so, dass die Mutter Erde sehr freigiebig ist. Dies wird unmittelbar deutlich, wenn man z. B. Wildkräuter sammelt oder wildes Obst auf Streuobstwiesen pflückt. Aber selbst da, wo wir kulturgestaltend eingreifen in Form von Ackerbau und Viehzucht, gibt die Erde immer in Fülle und umsonst. Ja, es Bedarf unserer Anstrengung, dass die gegeben Lebensmittel eine bestimmte Form annehmen. Aber trotzdem wird alles frei gegeben. Die Bezahlung ist ein rein menschliches, ein gesellschaftliches, wirtschaftliches und soziales Konstrukt.

Sich tragen lassen

Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen einer großen Mutter, deren Kinder wir sind und die uns nährt und trägt, wie sie auch alle anderen ihrer Kinder nährt und trägt, dann könnten wir uns vielleicht ein wenig entspannen. Wir könnten uns bewusst tragen lassen von Mutter Erde. Wir könnten uns ihrem starken und haltendem Körper anvertrauen. Wir könnten uns bewusst und mit Dankbarkeit von ihr Nähren lassen.

Liebe Leserin, lieber Leser, du kannst dies einmal ausprobieren. Egal ob im Stehen, im Sitzen oder im Liegen, spüren einmal nur der simplen Tatsache nach, dass du in jedem Moment gehalten wirst, ohne dazu etwas tun zu müssen.
Und jetzt kannst du dies in deiner Vorstellung vielleicht noch ein wenig ausbauen. Stell dir vor, dieses Gehalten-Werden hätte die Qualität, mit der ein Säugling von seiner Mutter auf dem Arm gehalten wird, voller Lieben und voller Wärme. Du kannst dich hier vollständig anvertrauen, du musst nichts tun und nichts erreichen, du wird einfach gehalten und mit dem Wesentlichen versorgt. Und dann stell dir vor, wie die große Mutter, Mutter Erde, auf dich schaut. Wie sie auf dich schaut, als wollte sie sagen: „Willkommen, mein Kind, in dieser Welt. Wie schön, dass du da bist!“ Wie fühlt sich dies an für dich?

Vielleicht können wir über diesen Weg auch ein wenig etwas von den ungestillten Bedürfnissen unseres inneren Kindes befriedigen. Das, was wir von unserer Mutter, der „kleinen“ Mutter in diesem Bild, nicht erhalten haben und was wir schmerzlich vermisst haben, lebt ja noch in unserem inneren Kind. Unsere Mutter konnte uns vielleicht nicht oder nicht immer die bedingungslose Liebe geben, deren wir als Kind bedurft hätten. Das liegt auch daran, dass Mütter Menschen sind und somit Grenzen haben, fehlbar sind. Vielleicht können wir einen Teil unseres Bedürfnisses nach bedingungsloser Annahme ja auch an die große Mutter richten?

Es könnte unsere Beziehung zur „kleinen“ Mutter entlasten und entspannen.