Das Vergeben

Jemandem zu vergeben, der uns etwas angetan hat oder der uns in irgendeiner Weise gekränkt hat, ist ein befreiender Akt. Der Vergebende befreit sich selbst dabei vom Schmerz, Groll, Zorn oder dem Wunsch nach Vergeltung. Ich befreie mich selbst von emotionalem Stress aus der Vergangenheit, wenn es mit gelingt, zu vergeben. Der Akt des Vergebens ist auch immer – zumindest als Chance – die Gelegenheit für einen Neuanfang in der Beziehung zwischen zwei Menschen. Wie kann ich offen und liebevoll mit einem Menschen umgehen, wenn ich ihm nicht vergeben habe, was immer er mir vermeintlich oder tatsächlich angetan hat? Das scheint schwer möglich.

Vergeben ist also in erster Linie etwas, was ich für mich tue, nicht für den Anderen. Ich selber möchte mich von einem Gift in meinem Innenleben befreien, das mein Leben vergiftet, nicht das Leben des Anderen.
Doch Vergebung kostet auch. Zunächst kostet es eine Überwindung. Es ist etwas loszulassen, etwas aufzugeben: Mein Groll, mein Vergeltungsbedürfnis, mein Recht-haben-wollen und vielleicht auch eine bestimmte Form von Gerechtigkeitsempfinden. Was auch aufzugeben ist: Das wohlige Gefühl, dass ich ja der Unschuldige und Gute bin und der Andere der Böse.

Vergeben und vergessen?

Vergeben ist nicht einfach. Und oft geschieht es nur an der Oberfläche. Dann sagen wir, uns und anderen, dies oder jenes habe ich Person x vergeben. Und doch merken wir: Wenn ein bestimmtes Stichwort fällt, werden unsere emotionalen Knöpfe wieder gedrückt. Dann haben wir tatsächlich nicht vergeben, sondern „untern den Teppich gekehrt“.

Es gibt einen ultimativen Test, ob wir wirklich vergeben haben. Und der ist: Wenn wir uns nicht einmal erinnern, wenn wir mit dieser Person zu tun haben, sei es real oder gedanklich, dass es einmal etwas zu vergeben gab. Wenn es in der Begegnung mit der fraglichen Person so ist, als hätte es den zu vergebenden Vorfall nie gegeben, wenn der Vorfall keine Rolle mehr spielt, weder gedanklich noch emotional, wenn wir dieser Person begegnen oder an sie denken. Du bist dann in der Begegnung mit diesem Menschen im Wortsinne frei von dem Vorfall oder den Vorfällen in der Vergangenheit. Es regen sich innerlich keine unangenehmen Gefühle mehr.

Bei diesem Test fallen die meisten Vergebungsprozesse durch.

Die Überhebung – die dunkle Seite der Vergebung

Es gibt noch eine andere Art der scheinbaren Vergebung, bei welcher die Befreiung nicht wirklich erreicht wird: Wenn wir uns über die Person stellen, der wir vergeben wollen. Manchmal reden wir genau so, wenn wir denken: „Da stehe ich doch drüber“. Wir sagen damit: Das berührt mich nicht (mehr), weil ich eine ganz andere Größe habe, als die Person, die mir etwas angetan hat. Etwa nach dem Motto: „Was kümmert es die Eiche, wenn ein Schwein sich an ihr kratzt.“ Die vermeintliche Vergebung hat hier vordergründig etwas Gönnerhaftes. Tatsächlich trennen wir uns aber von der Person und der Erfahrung des Vorfalls genau so, wie das Nachtragen und das Aufrechterhalten von Groll und Ressentiment uns trennen.

In Familienaufstellungen ist dies besonders oft im Verhältnis der Kinder zu den Eltern zu beobachten. In jeder Kindheit gibt es seelische Wunden, die aus der Verletzung elementarer Bedürfnisse des Kindes nach Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und vollständiger Annahme resultieren. Das Ausmaß dieser Verletzungen variiert natürlich beträchtlich. In jedem Fall aber bleibt ein verletztes inneres Kind zurück, das im Erwachsenen weiter lebt.

Und dann sind wir versucht, diesen inneren Konflikt so zu lösen, dass wir uns innerlich sagen: Ja, mein Vater (zum Beispiel) war eben ein schlechter Mensch, ich aber bin ein guter Mensch – also habe ich jetzt die Größe, ihm das zu verzeihen.
Das funktioniert als Gedanke. Aber es funktioniert nicht als wirkliche Vergebung und damit Befreiung von der Vergangenheit.

Besonders im Verhältnis zu den Eltern funktioniert diese Überhebung nicht, weil wir in der Seele wissen, dass wir von unseren Eltern das Leben bekommen haben. Und das ist kostbarer als alle einschränkenden Umstände.
Man kann das überprüfen mit einer einfachen Überlegung: Was ist besser? Dieses Leben, mit all der Erfahrung von Lieblosigkeit oder gar Misshandlung als Kind oder gar nicht zu existieren?

Die Lösung ist in diesen Fällen immer eine innere Haltung, welche die Verletzungen und das verletzte innere Kind anerkennt und sagt: „Ja, so war es.“ Und gleichzeitig sagt: „Für dieses Leben sind meine Eltern genau die Richtigen! Genau so, wie sie sind oder waren.“ Einfach, weil es keine anderen gibt in meinem Leben. Und. „Ich nehme jetzt das Leben, genau so, wie ich es bekommen habe, ohne Abstriche vollständig an. Um alles andere – einschließlich der Heilung des inneren Kindes – kümmere ich mich als Erwachsene selber.“ Das ist nicht einfach, diese Haltung zu gewinnen, aber wenn sie gewonnen wird, entsteht hier eine besondere Kraft.
Wenn diese Haltung gewonnen wird, stellt sich die Frage der Vergebung schlicht nicht mehr.

Die Selbstvergebung

Noch etwas Anderes ist zu sagen zur Vergebung: Der Akt des Vergebens ist immer und in erster Linie Selbstvergebung. Das ist letztlich der Kern der befreienden Wirkung.

Nun könnte man einwenden: Wieso soll ich mir selbst vergeben, wenn ich doch das Opfer bin? Wenn wir aber genau und ehrlich hinspüren, werden wir entdecken, dass die Vorwürfe, die wir anderen machen, meist Selbstvorwürfe sind. Manchmal drängt diese Erkenntnis an die Oberfläche, wenn wir uns beispielsweise fragen: „Wie konnte ich nur so blöd sein, xy zu vertrauen?“
Hier sind wir dann beim Kern der Angelegenheit. Es ist kaum vorstellbar, dass andere Menschen uns etwas antun, ohne das wir in irgendeiner Weise daran mitwirken. In dem wir klare und deutlich Hinweise ignorieren. Indem wir unsere Grenzen nicht wahren. In dem wir unsere Wünsche und Bedürfnisse auf Andere projizieren, obwohl jeder Außenstehen sofort sieht, dass diese Person die falsche Adresse für diese Wünsche und Bedürfnisse ist.

Und dann können wir uns selbst vergeben dafür, dass wir verführbar waren oder einer Illusion aufgesessen sind. Ich würde immer empfehlen, das Vergeben um eine Selbstvergebung zu ergänzen.

Wie kann man das tun? Eine Möglichkeit ist: Wir stellen uns vor einen Spiegel. Dann denken wir an die Situation, wo uns jemand verletzt oder gekränkt hat. Wir stellen uns diese Person vor und sagen laut: „Ich liebe dich, ich vergebe dir. Ich lasse dich frei. Ich segne dich.“ Und dann schauen wir in unser Spiegelbild und sagen: „Ich liebe dich, ich vergebe dir. Ich lasse dich frei. Ich segne dich.“ Dabei spüren wir uns hinein, ob diese Sätze, zumindest teilweise, stimmen. Dies wiederholen wir dreimal.
Wenn wir nicht spüren können, dass die Sätze stimmen, machen wir es am nächsten Tag noch einmal genau so. So lange, bis sich eine innere Resonanz zu den Sätzen einstellt.