Der Erfolg

Was ist Erfolg im Leben? Meistens denken wir bei Erfolg in die Richtung, dass ein besonderes Resultat erreicht wurde. Etwas, das sich in irgendeiner Form heraus hebt aus dem normalen Alltag. Ein Künstler ist erfolgreich, wenn er berühmt ist und seine Werke anerkannt werden. (Manchmal erfolgt (!) dies tragischerweise erst nach dem Tod.) Ein Sportler ist erfolgreich, wenn er einen wichtigen Wettbewerb gewinnt. Wir sehen einen Menschen als erfolgreich an, wenn er oder sie beruflich eine Position mit hohem Status erreicht.

Aber genau betrachtet ist Erfolg viel alltäglicher. Die Sprache verrät es uns: Erfolg ist eben das, was erfolgt. Etwas erfolgt, es findet statt, es ereignet sich. Und es folgt auf andere Ereignisse. Und wenn es unseren Plänen, Vornahmen, Absichten und Wünschen entspricht, dann nennen wir es Erfolg. Wenn es diesen nicht entspricht, nennen wir es Miss-Erfolg. Aber auch dort ist im Wort der Erfolg enthalten. Es ist nur ein Erfolg, den wir – zumindest vordergründig – nicht wollten. Manche Menschen schaffen es erfolgreich, ihre Zielerreichung immer wieder selber zu sabotieren.

Der Ursprung des Erfolges

Wo fängt der Erfolg im Leben an? Offensichtlich in dem Moment, wo eine Samenzelle auf eine Eizelle trifft und diese erfolgreich befruchtet. Hier entsteht neues Leben[1]. Später teilt sich die Zelle (erfolgreich!), diese teilen sich wieder und es entstehen ein Embryo und dann der Fötus. Die Zellen differenzieren sich erfolgreich in die verschiedenen Organe. Dann wird es irgendwann eng im Mutterleib. Wir bewältigen erfolgreich den schwierigen Kampf, durch den Geburtskanal auf die andere Seite zu gelangen. Wir kommen erfolgreich im Leben an, besonders dann, wenn wir auf der anderen Seite die Mutterbrust finden, die uns nährt und ein Gefühl von Wärme, Geborgenheit und Sicherheit vermittelt in dieser neuen, noch fremden Welt.

Als Kleinkind eignen wir uns erfolgreich diese fremde Welt an, wir lernen die Muttersprache und den aufrechten Gang. Beides höchst komplizierte Angelegenheiten, die wir aber spielend(!) erfolgreich bewältigen. Später schließen wir erfolgreich eine schulische Bildung ab, ergreifen erfolgreich einen Beruf der uns ernährt oder finden sonst wie erfolgreich eine Nische in der Gesellschaft, in der wir leben. Vielleicht haben wir später eigene Kinder, einer der wichtigsten Erfolge, die man im Leben haben kann. Dann haben wir erfolgreich das Leben selber weiter gegeben. Noch später altern wir erfolgreich, wir nehmen die Rollen und spezifischen Aufgaben eines älteren Menschen an, möglichst ohne Bedauern über die vergangene Jugend. Wir bereiten uns auf den Abschluss dieses Lebens vor, der sicher erfolgreich kommen wird. Irgendwann.

Aber auch wenn wir nicht nur auf die groben Stadien eines Menschenlebens schauen – die wie erwähnt alle eine Kette von Erfolgen sind, auch wenn sie nicht immer so empfunden werden – sehen wir hier bei genauer Betrachtung eine Kette von Erfolgen. Wir stehen des Morgens auf und putzen uns die Zähne. Ein Erfolg. Wir bereiten uns einen Kaffee zu: ein Erfolg! Wir erreichen erfolgreich wie geplant die S-Bahn, die uns erfolgreich zu unserer Arbeitsstelle gelangen lässt. Aus dieser Perspektive ist auch unser Alltag im Wesentlichen eine Kette von Erfolgen. Lauter Ereignisse und Handlungen, wo ich etwas bewirke, was ich mir vorher vorgestellt habe, wozu ich mich mit Absicht entschlossen habe.
Feiern wir diese Erfolge?

Die Eltern des Erfolges

Aber zurück zu der Frage, wo beginnt eigentlich der Erfolg im Leben? Er beginnt in besonders herausgehobener Form mit der Mutter. In ihrem Leib entwickeln wir uns vorgeburtlich. Und der erste und wichtigste nachgeburtliche Erfolg, das Erreichen der Mutterbrust, ist auch eng mit der Mutter verknüpft. Bert Hellinger hat es an einer Stelle in fast poetischen Worten so ausgedrückt: „Jeder Erfolg hat das Gesicht der Mutter![2]„.

Spielt der Vater hier nun gar keine Rolle? Ist er nicht wichtig? Oder zumindest nicht so wichtig? Hier haben wir es mit einem Paradox zu tun: Mutter und Vater sind für den Erfolg im Leben in gleichem Maße wichtig – und trotzdem hat die Mutter beim Erfolg eine herausgehobene, eine besondere Rolle. Das will gut verstanden sein.

Gehen wir noch einmal zurück an den Ursprung des Lebens. Das Leben entsteht, wenn eine Samenzelle und eine Eizelle sich treffen und vereinigen. Hier ist der Urknall, der Big Bang in jedem einzelnen Leben. Es entsteht etwas, sozusagen aus dem nichts, was vorher noch nicht da war. Und was vorher war, wiesen wir nicht. Beide Elternteile sind hierzu gleichermaßen nötig, kein Teil ist wichtiger oder weniger wichtig für diesen Ur-Knall.

Erfolg im Leben bedeutet, das Leben ganz zu nehmen. Im Ur-Sprung, im Ur-Knall der Vereinigung von Eizelle und Samenzelle bedeutet dies: Hier entsteht es, aus beiden Teilen. Und ein erfolgreiches Leben meint, beides zu gleichen Teilen zu nehmen, vorbehaltlos anzunehmen, so wie es war und ist. Dies ist mein Vater und dies ist meine Mutter. Mein Leben kommt in diesem Ursprung über beide gleichermaßen zu mir. Und zwar unter genau den Bedingungen, wie sie nun einmal waren. Ein anderes Leben gibt es für mich nicht. Und das Leben kann nur voll angenommen werden, wenn ich diese beiden Teile voll annehme – wie auch immer die Umstände im Einzelnen gewesen sein mögen. (An diesem Nachsatz knabbern wir oft ein Leben lang, ihn vollständig zu verstehen und in den Lebensvollzug einfließen zu lassen …).

In der weiteren Entwicklung von der ersten Zellteilung bis zumindest in das Kleinkindalter hinein stehen wir dann der Mutter näher. In ihr reifen wir heran, an ihrer Haut machen wir – in der Regel – die ersten Erfahrungen in der neuen Welt. Die Rolle des Vaters ist hier eher eine indirekte, vermittelt über die Mutter. Ein werdender Vater, der die werdende Mutter stützt und unterstützt auf jeder Ebene (materiell, emotional, seelisch und geistig), der sich mit der werdenden Mutter zusammen auf das Kind freut, stärkt die Mutter und über diese das Kind.

Der Erfolg im erwachsenen Leben

Später, in der Eigenständigkeit des Erwachsenenlebens, scheint der Erfolg unterschiedlich – auch hier aber wieder gleichwertig – mit der mütterlichen und der väterlichen Seite verbunden zu sein. Aus den Aufstellungen heraus ergibt sich für mich ein Bild, welches in vielen Fällen zutrifft:
Das ungeminderte Nehmen des Lebens vom Vater hat etwas damit zu tun, mich überhaupt auf den Weg zu machen und auch in der Ausrichtung der Ziele, wohin ich also will. Jede Handlung, jede Tat und jeder Entschluss haben ja auch damit zu tun, sich von etwas zu lösen. Ich kann keinen Ort erreiche, wenn ich nicht den Ort, wo ich jetzt bin, verlasse, meine derzeitigen Grenzen ausweite, meine Fühler in das Feld des Unbekannten ausstrecke.
Das Erreichen des Erfolges, das Ankommen am Ziel, trägt dagegen eher die mütterlichen Züge. Kann ich den Erfolg genießen? Macht der Erfolg mich satt, oder schmeckt er, einmal erreicht, sofort schal und leer? Kann ich einen Erfolg überhaupt als Erfolg erkennen und anerkennen? Kann ich mich freuen über den Erfolg? Hier spielt das Nehmen der Mutter die größere Rolle. In diesem Sinne scheint mir der Satz von Hellinger, „Erfolg hat immer das Gesicht der Mutter“ vollumfänglich gültig.

In Kurzform: Ohne das Nehmen des Vaters „kommen wir nicht in die Puschen“ oder können uns nicht gut auf den Erfolg ausrichten. Ohne das Nehmen der Mutter können wir den Erfolg nicht als Erfolg erleben.

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[1] So gesehen ist jeder Mensch, der existiert, ein Erfolg. Sogar ein sehr unwahrscheinlicher Erfolg, wenn man einmal überlegt, wie groß die Chance eines einzelnen Spermiums ist, sein eingebautes Ziel, eine Eizelle zu befruchten, zu erreichen.

[2] Bert Hellinger: Erfolge im Leben/Beruf. Hellinger Publicatons 2011, S. 15