Der große Konflikt – und die Bindung an das Gewissen


Es gibt kleine Konflikte, etwa ein Streit zwischen Nachbarn oder ein Beziehungskonflikt, und es gibt große Konflikte zwischen größeren Gruppen von Menschen. Aktuell erleben wir aus einem aktuellen Anlass heraus – wieder einmal – einen Konflikt, bei dem es um vordergründig um Menschen verschiedener Hautfarben geht. Oder auch um einen politisch-ideologischen Konflikt zwischen Anti-Rassisten und Rassisten oder zumindest Menschen, die als solche bezeichnet werden.

Und die Sachlage scheint hier klar und einfach. Man ist einfach – zumindest als anständiger Mensch – kein Rassist! Wenn man also auf der Seite der Anti-Rassisten ist, gehört man zu den Guten. Wir haben ein gutes Gewissen, wenn wir gegen Rassismus protestieren und demonstrieren. Und ein solches gutes Gewissen – so weiß der Volksmund – ist „ein sanftes Ruhekissen“.

Was ist dieses „gute Gewissen“? Eine Entdeckung, die ganz am Anfang der Familienaufstellungen stand, war: Das „gute“ Gewissen hat oft nicht nur gute Wirkungen. Das gute Gewissen bewirkt vor allem Eines: Es versichert mich der Zugehörigkeit zu meiner primären Gruppe. Wenn ich so denke und fühle, wie es in meiner Gruppe üblich ist und geteilt wird, dann darf ich dazu gehören. Wenn ich anders denke und fühle, habe ich ein schlechtes Gewissen, ich spüre den drohenden Verlust des Rechts auf Zugehörigkeit. Das gute Gewissen sichert also den Zusammenhalt einer Gruppe und das ist seine positive Funktion.
Gleichzeitig grenzt das gute Gewissen aber auch alle Menschen aus, die anders denken und fühlen, weil sie (in aller Regel) eben ihrem guten Gewissen folgen und den Regeln ihrer Gruppen folgen. Im schlimmsten Fall geht diese Ausgrenzung mit einem Vernichtungswillen einher. Dieses Ausgegrenzte sollte es am besten gar nicht geben und am besten wäre es, wir könnten es „mit Stumpf und Stiel ausrotten“.

So werden oft die schlimmsten Taten mit gutem Gewissen begangen. Das gute Gewissen erweist sich mitunter als lebensfeindlich. In den großen Konflikten, in dem wir unter dem Einfluss gute Gewissen uns für besser halten als andere Menschen und uns daher im Recht fühlen, ihnen Schlimmes anzutun.
Aber auch in kleinerem Maßstab erweist sich das gute Gewissen mitunter als hinderlich dem vollen Lebensvollzug gegenüber. Wenn etwa ein Mensch beruflich erfolglos bleibt, sich den Erfolg im Leben versagt, um loyal gegenüber seinem erfolglosen Vater zu bleiben. Dieser Mensch fühlt sich dann auf einer seelischen Ebene gut, wenn er sein Leben nicht voll nimmt. Und er fühlt sich schlecht, mit schlechtem Gewissen, wenn er es täte.

Das sogenannte gute Gewissen ist als treibende Kraft in unserer Seele mitunter blind und dient nicht immer dem Leben und dem Lebendigen.

Die Verschiebung

Wenn wir ganz ehrlich in uns hinein spüren und uns prüfen, dann könnten wir oft etwas Merkwürdiges feststellen. Wenn wir jemanden aus irgendwelchen Gründen ablehnen und ausgrenzen, dann können wir das Abgelehnte mitunter in uns selbst erleben. Wenn ich andere wegen ihrer Aggressionen ablehne, kann ich mit einem Mal eine Aggression auf „solche Leute“ in mir selber entdecken. Oder andersherum: Wenn ich dieses Abgelehnte in mir selber verleugne, werde ich es umso stärker bei anderen bemerken. In der Psychologie spricht man dann von Projektion.

Was geschieht hier? Nun, offenbar gibt es eine seelische Bewegung, welche dem Abgelehnten in mir einen Raum und einen Platz geben möchte. Eine seelische Bewegung, welche den Ausschluss des Abgelehnten nicht dulden will.
In Familiensystemen machen wir oft die Beobachtung, dass im System ausgeschlossene Menschen später durch Nachkommen vertreten werden – wie, als wollte das System durch die Nachgeborenen an das Ausgeschlossene erinnern. Und auch im einzelnen Menschen gibt es offenbar solche Bewegungen. Jeder Mensch ist ja auch ein Bündel von unterschiedlichen Intentionen, Trieben und Bestrebungen. Und wenn ich in mir etwas bekämpfe, triumphiert dies Abgelehnte oft hinterrücks in mir. Und ich weiß dann gar nicht recht, wie mir geschieht.

Bertold Brecht hat in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ geschrieben:
„Dabei wissen wir doch: Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Auch wir
die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber freundlich nicht sein.

Die Lösung: Die Überschreitung der Grenzen des guten Gewissens

Die Überschreitung der oft schädlichen Grenzen des „guten“ Gewissens ist möglich durch eine Einsicht. Sie kostet aber einen Preis.

Um welche Einsicht handelt es sich hier? Nun zunächst die Einsicht darüber, dass ich als sogenannter Guter in der Gefahr bin, unter dem Druck des guten Gewissens Böses zu tun. Oder zumindest so zu handeln, wie es der Entfaltung des Lebens nicht dient.
Dann kann ich – langsam und schrittweise – dem Abgelehnten, insbesondere den abgelehnten anderen Menschen, einen Platz einräumen. Einen Platz in meinem Herzen.

Ein aktueller Test wäre: Können wir dem Polizisten, der George Floyd in Minneapolis gewaltsam zu Tode brachte, und der – so wird berichtet – eine lange List von exzessiven Gewaltanwendungen in seiner Diensausübung schon vor diesem Vorfall hatte, ein Existenzrecht einräumen? Als Mensch? Als Mensch mit einem fürchterlichen Fehlverhalten? Gehört auch der Täter mit seiner Täterenergie in meinem Inneren zum Mensch-Sein? Oder möchte ich ihn ausschließen?

Wenn dieses Raum und Platz geben gelingt, kehrt ein innerer Friede ein. Wir fühlen uns mit etwas Größerem im Einklang. Und ja: Dieses Größere umfasst, auf eine Weise, die wir nicht recht verstehen, sondern allenfalls empfinden können, auch das sogenannte Böse. Wenn ich mit diesem Größerem im Einklang bin, bin ich letztlich mit allem im Einklang, so wie es ist. Und dann bin ich niemandes Feind. Ich lasse also meine Feindbilder hinter mir.
Das bedeutet nicht, empfindungslos und gleichgültig zu werden. Es wandelt sich aber die Emotion, die Empfindung gegenüber den Bösen Taten und ihren schlimmen Folgen. Es geht von Wut und Empörung hin zu Trauer und der Empfindung einer Tragik. Wir können auch sagen: Es geht mehr in Richtung Primäremotion[1].

Welchen Preis kostet mich diese Haltung? Neben der Aufgabe meiner Feindbilder ist ein Preis, den ich zahle: Ich verzichte darauf, mit besser zu fühlen als des abgelehnte andere Mensch. Ich erkenne, da ist jemand auf seine eigene Weise verstrickt – so wie ich auf meine eigene Weise verstrickt bin.

Ein weiterer Preis ist zu zahlen: Der Verzicht auf das gute Gewissen, auf das wohlige Gefühl, zu den Guten, zu den Besseren gehören zu dürfen. Es kann sich sogar, zumindest vorübergehend, ein schlechtes Gewissen melden. Wenn ich darauf verzichte, den offenbar schlechten Menschen zu hassen – darf ich dann noch dazu gehören, bei den guten Menschen?

Die innere Haltung ist die der Parteilosigkeit. Das kann sich vorübergehend einsam anfühlen. Auch dies wäre ein Preis, der zu Zahlen ist. Aber wir werden dadurch freier. Die Bindung an das Gewissen macht uns unfrei. Wenn wir sie hinter uns lassen, können wir anders aufeinander zugehen. Und wir können in etwas Größerem zusammen finden – auch mit dem sogenannten Bösen.

[1] Zur Unterscheidung zwischen Primärgefühlen, Sekundärgefühlen und übernommenen Gefühlen gibt es hier einen Artikel.