Orpheus – oder: Das große und das kleine Glück

 

Es gibt bei Bert Hellinger in unterschiedlichen Kontexten ein Thema, welches sich um das große und das kleine Glück dreht. Es gibt in Menschen das Streben nach dem „großen Glück“. Und es gibt das „kleine Glück“, das aus dem Naheliegenden erwächst. Und oft muss man sich entscheiden, wonach man strebt. Und vor die Wahl gestellt, würden wir natürlich sagen oder denken: Natürlich ist das große Glück erstrebenswerter als das kleine Glück. Aber die Frage ist: Stimmt das wirklich?

Bei Hellinger gab es in seinen Seminaren mitunter Bemerkungen von ihm dazu, welche sinngemäß lauten: Das große Glück währt meist nur kurz. Das kleine Glück aber kann lange dauern. Und es hat einen Vorteil: Es kann wachsen. (Gerade weil es zunächst erst einmal klein ist).
Man mag noch hinzufügen: Das große Glück trennt eher, insbesondere in Beziehung zu meinen Mitmenschen, während das kleine Glück, das Glück mit „menschlichem Maß“, mich verbindet. Es hebt mich nicht ab von anderen Menschen, es macht mich gleich und gemein mit meinem Umfeld.

Die Fabel vom großen und vom kleinen Orpheus

Es gibt zu diesem Thema eine Geschichte von Bert Hellinger, die an den antiken Mythos des Orpheus anknüpft, den Sänger, dessen Musik so machtvoll war, dass sie Götter betörte, die wilden Tiere friedliche werden ließ, Steine zum weinen brachte – und letztlich sogar die Herrscher der Welt der Toten beeindruckte.

Diese Geschichte über die zwei Orpheus-Gestalten, den großen und den kleinen Orpheus, soll hier zitiert werden. Unkommentiert zitiert, weil sie nur so ihre Wirkung in der Tiefe der Seele entfalten kann:

Zweierlei Glück

In alter Zeit, als die Götter noch sehr nahe schienen, lebten in einer kleinen Stadt zwei Sänger namens Orpheus.

Der eine von beiden war der Große. Er hatte die Kithara erfunden, eine Vorform der Gitarre, und wenn er in die Saiten griff und sang, war die Natur um ihn verzaubert. Wilde Tiere lagen zahm zu seinen Füßen, hohe Bäume bogen sich ihm zu: Nichts konnte seinen Liedern widerstehen. Weil er so groß war, warb er um die schönste Frau. Danach begann der Abstieg.

Während er noch Hochzeit hielt, starb die schöne Eurydike, und der volle Becher, noch während er ihn hob, zerbrach. Doch für den großen Orphues war der Tod noch nicht das Ende. Mit Hilfe seiner hohen Kunst fand er den Eingang in die Unterwelt, stieg hinab ins Reich der Schatten, setzte über den Strom des Vergessens, kam vorbei am Höllenhund, trat lebend vor den Thron des Totengottes und rührte ihn mit seinem Lied.

Der Tod gab Eurydike frei – doch unter einer Bedingung; und Orpheus war so glücklich, dass ihm die Häme hinter dieser Gunst entging.

Er machte sich auf den Weg zurück, und hörte hinter sich die Schritte seiner geliebten Frau. Sie kamen heil am Höllenhund vorbei, setzten über den Strom des Vergessens, begannen den Aufstieg zum Licht, sahen es von ferne. Da hörte Orpheus einen Schrei – Eurydike war gestolpert -, und erschrocken drehte er sich um, sah noch die Schatten fallen in die Nacht und war allein. Und fassungslos vor Schmerz sang er das Abschiedslied: „Ach, ich habe sie verloren, all mein Glück ist dahin!“

Er selber fand ans Licht zurück, doch das Leben war ihm bei den Toten fremd geworden. Als betrunkene Frauen ihn zum Fest des Weines führen wollten, weigerte er sich, und sie zerrissen ihn bei lebendigem Leibe.
So groß war sein Unglück, so vergeblich seine Kunst. Aber: Alle Welt kennt ihn!

Der andere Orpheus war der Kleine. Er war nur ein Bänkelsänger, trat bei kleinen Festen auf, spielte für die kleinen Leute, machte eine kleine Freude und hatte selber Spaß dabei. Da er von seiner Kunst nicht leben konnte, lernte er noch einen anderen, gewöhnlichen Beruf, heiratete eine gewöhnliche Frau, hatte gewöhnliche Kinder, sündigte gelegentlich, war ganz gewöhnlich glücklich und starb alt und lebenssatt.

Aber: Niemand kennt ihn – außer mir!

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Aus: Bert Hellinger: Die Mitte fühlt sich leicht an. Vorträge und Geschichten. Kösel Verlag 1998, S. 175-177.
Diese Geschichte ist auch der Titelgeber für das Buch „Zweierlei Glück: Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers“ von Gunthard Weber (Carl Auer Verlag 1996).