Über das Seelische (VI): Gefühle und Emotionen

Im Rahmen unser Umkreisung und Einkreisung des mysteriösen Themas des Seelischen, dass trotz aller Klärungsversuche natürlich ein großes Mysterium bleibt, soll in diesem Beitrag auf etwas eingegangen werden, was man vielleicht zuallererst mit dem Bereich des Seelischen verknüpft: Die Welt der Gefühle und Emotionen.

Die Möglichkeit der Empfindung und der emotionalen Bewegtheit ist das, was uns veranlasst, ein Wesen als „beseelt“ zu bezeichnen, die Momente der emotionalen Bewegtheit sind die „beseelten“ Momente in unserem Leben, besonders bei intensiven positiven Emotionen sagen wir, wir seien „selig“.

Die emotionale Bewegtheit steht hier im Gegensatz zu einer nüchternen, kalten Rationalität. Das Emotionale erweist sich als das Lebendige, die reine Rationalität erscheint dagegen mechanisch, roboterhaft.

Dazu passt, dass wir im ersten Teil dieser Serie gesagt hatten, das Wesen des Seelischen sei, dass es uns Lebendigkeit verleiht, alles Seelenlose dagegen tot, wenn nicht gar „untot“, also zombiehaft sei. Ebenso passt dazu, dass wir im zweiten Teil der Serie das Feld des Seelischen als genuin weiblich und dem Element des Wassers zugehörig identifiziert hatten. Auch hier ist bei beidem die Assoziation zum Emotionalen sofort gegenwärtig, sowohl das Weibliche wie das Wasser tragen diese Insignien.

Ist also jedes Gefühl auch ein seelisches Phänomen? So einfach ist es nun wieder auch nicht. Zunächst einmal gibt es große Anteile des Fühlens im engeren Sinne, also die körperlichen Empfindungen, die nicht seelisch, sondern eben rein physiologisch sind. Wenn ich mir eine Zehe an einem Tischbein schmerzhaft anstoße, empfinde ich zwar einen – möglicherweise heftigen – Schmerz. Aber offensichtlich fehlt hier die seelische Dimension. Es ist ein kleineres Missgeschick. Ebenso gibt es Emotionen, die zwar eindeutig psychologisch sind, bei denen wir aber doch davor zurückschrecken, sie in den Bereich des Seelischen einzuordnen. Wenn der Fußballfan auf der Tribüne mit langem Gesicht und Tränen in den Augen zu sehen ist, nachdem seine Mannschaft verloren hat, ist dies eindeutig eine psychische Reaktion. Aber interessiert sich die Seele wirklich dafür, welche Mannschaft ein Spiel gewinnt oder verliert?[1] (Wenn überhaupt, geht es ihr um das Spiel an sich.)

Was also verleiht einem Gefühl oder einer Emotion[2] seine seelische Eigenschaft? Ist es die Intensität? Ist es die Tiefe? Ist es die Qualität?

Dimensionen der Gefühle und Emotionen

Die Intensität alleine kann es kaum sein. Wenn wir wieder an körperliche Schmerzen denken, wird sofort deutlich, dass diese intensiv sein können, ohne dadurch an sich schon seelisch zu sein. Die Frage, wie ich mit solchen körperlichen Schmerzen umgehe, ob ich sie stoisch ertrage, ob ich sie ungehemmt herausschreie, ob ich jammere, all dies wären schon eher seelische Phänomene dabei. Oder, um ein anderes Phänomen als den Schmerz anzuführen: Ein Erschrecken kann sehr intensiv sein, ist aber nur von sehr kurzer Dauer und kaum als seelisch zu bezeichnen. Ebenso ist eine Panik sicherlich eine intensive Emotion, die auch eindeutig psychologisch ist. Aber ist sie seelisch? Allein die Tatsache, dass wir im Panikmodus sozusagen auf Autopilot geschalten sind, spricht schon dagegen. Hinzu kommt, dass viele Gefühle, die einer seelischen Bewegung entspringen, eben gerade nicht besonders aufdringlich daher kommen, nicht als betont intensiv erlebt werden, sondern sich eher beiläufig einstellen, weshalb sie auch gerne übersehen werden.

Die Frage nach der Tiefe eines Gefühls kommt dem eigentlichen Punkt schon näher. Aber was macht die Tiefe aus? Eine tiefe Emotion erfasst uns in unserem gesamten Selbst vollständig, etwa wenn wir von der Schönheit eines Musikstückes, der Anmut einer Bewegung, der Präsenz eines Augenblickes erfasst und getragen werden. Aber im Gegensatz zur schon erwähnten Panik ist der davon erfasste Mensch nicht im Wortsinne „außer sich“, sondern im Gegenteil zutiefst bei sich. In solchen Momenten geht der Mensch zwar in dem, was das Gefühl im Außen ausgelöst hat, auf – aber sie oder er verliert sich dabei nicht. Im Gegenteil: Nie ist man mehr bei sich, nie ist man mehr „Selbst“ als in solchen Momenten.

Ein anderer Aspekt der Tiefe eines Gefühls ist die Frage, ob das Gefühl an die wirklichen Grundlagen meines Seins rührt. Hier ist natürlich in erster Linie zu denken an die Gefühle / Emotionen die mit unseren Eltern und im weiteren Sinne mit der Sippe, der Herkunftsfamilie zu tun haben ebenso wie die Beziehungen zu unseren Kindern. Ebenso an die Grundlagen des Selbst und der Existenz gehen Gefühle und Emotionen, welche auf unseren Lebenssinn verweisen. Und wir hatten schon gesagt, dass die tiefsten Gefühle, die existenziellsten Gefühle, nicht notwendig immer als besonders intensiv erlebt werden, sondern mitunter eher leise daher kommen.
Eher ego-bezogene Gefühle, die sich etwa um die Insignien von Erfolg und Misserfolg oder um meinen Status in einer sozialen Hierarchie drehen, sind in aller Regel lauter und in diesem Sinne deutlicher wahrnehmbar, sie haben aber nicht die existenzielle Tiefe und oft überhaupt keine seelische Qualität. Die Seele kümmert sich weniger um Erfolg oder Misserfolg, sondern eher um Erfüllung. Wir erkennen die tieferen emotionalen Regungen daher meist nur, wenn wir uns mental etwas abseits von einer alltäglichen Geschäftigkeit aufhalten, etwa in Momenten der Kontemplation oder Meditation.

Wie ist es nun mit der Qualität der Gefühle? Wenn wir mit Qualität eine inhaltliche Bestimmung eines Gefühls meinen, ist damit noch wenig darüber gesagt, ob es sich hier wirklich um eine seelische Bewegung handelt. Wir können Gefühle inhaltlich erleben als Liebe, Zorn, Angst oder Furcht, Freude, Erschrecken, Ekel, Wohlbefinden, Trauer, Stolz, Hoffnungslosigkeit usw. Das alleine sagt noch wenig über die seelische Qualität.

Bezüglich der seelischen Qualität geht es eher um die „Reinheit“ und Unmittelbarkeit der Emotion. Die Frage ist, ob die Emotion und ihr Ausdruck für sich selber stehen oder ob, insbesondere mit dem Ausdruck der Emotion, noch andere Ziele, wenn auch mitunter höchst unbewusst, verfolgt werden. In diesem Sinne wären Gefühlsäußerungen, welche – wie bewusst oder unbewusst auch immer – zumindest auch dem Ziel der Manipulation von Anderen dienen, nicht „rein“. Sie gehören definitiv in den Bereich der Psyche, in dem Fall als psychologische „Spiele“, die sehr ernst gemeint sein können, aber sie gehören nicht in den Bereich der seelischen Bewegungen. Die Seele ist nicht an Manipulation interessiert.

Die beste Annäherung ist hier vermutlich die Unterscheidung zwischen Primärgefühlen, Sekundärgefühlen und übernommen Fremdgefühlen. Genauer wird auf diese Unterscheidung hier eingegangen. In diesem Zusammenhang nur so viel: Primärgefühle sind unmittelbar, werden als passend zur Situation erlebt und sind meist nur von kurzer Dauer, auch wenn sie heftig sein können. Sie entsprechen damit der „Reinheit“, die schon angesprochen wurde. Sekundärgefühle sind dagegen Stellvertreter, sie sind „Deckgefühle“ für ein anderes Gefühl, dessen Ausdruck unterdrückt wird. Übernommene Fremdgefühle haben zwar die Unmittelbarkeit des Erlebens mit den Primärgefühlen gemein, passen aber nicht zu Kontext oder Anlass. Sie werden stellvertretend für andere Mitglieder im Familiensystem erlebt, zu denen sie eigentlich gehören.

Bezüglich der seelischen Qualität lässt sich sagen, dass Primärgefühle praktisch immer seelische Bewegungen sind und somit in den seelischen Bereich gehören. Sekundärgefühl sind dagegen psychologische Konstruktionen, meist Behelfskonstruktionen. Sie sind selber nicht seelischer Natur, obwohl das dadurch verdeckte eigentliche Gefühl seelische Qualität haben kann. Übernommene Fremdgefühle sind auch seelischer Natur, nur sozusagen in der falschen Person. Im Gegensatz zu den eigenen Primärgefühlen lösen sie nichts, sondern binden auf eine meist ungute Weise. Sie dienen auch nicht der Lebendigkeit, sondern schränken den lebendigen Lebensvollzug ein.

Es ist also hier wie mit den Schwänen, die zwar alle weiß sind, aber nicht alles, was weiß ist, ist auch ein Schwan. Seelische Bewegungen sind zwar ohne Gefühle kaum denkbar, aber nicht jedes Gefühl oder jede Emotion hat auch einen seelischen Bezug.

—————————

[1] Die Frage berührt natürlich den Unterschied zwischen Psyche und Seele. Rein vom Wortstamm und der altgriechischen Herkunft wäre sie zwar identisch, im modernen Sprachgebrauch sind sie es aber nicht mehr. Dies wäre ein eigenständiges Thema, dass hier nur gestreift werden soll.

[2] Auch dieser Unterschied wäre ein eigens Thema und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Wir gehen hier mit dem Alltagssprachgebrauch, in welchem beides weitgehend synonym verwendet wird.