Der zehnte Archetyp: Der Prüfer

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Mit dem zehnten Archetyp begegnen wir einer inneren Gestalt, die in aller Regel erst einmal als unangenehm erlebt wird. Manchmal wird sie nicht nur als unangenehm, sondern auch als ausgesprochen unfreundlich um nicht zu sagen feindselig mir gegenüber empfunden. Diese innere Gestalt in jeder Seele prüft mich, wie man so sagt, auf Herz und Nieren. Und diese Prüfung ist hart, unbestechlich und mitleidlos. Genüge ich der Prüfung nicht, werde ich zurückgewiesen ohne jede Beschönigung. Nur wenn ich der Prüfung genüge, wenn ich reif genug bin, werde ich durchgelassen.

Aber wohin überhaupt werde ich durchgelassen im Erfolgsfall? Welche Tür wird hier bewacht, welche Schwelle gehütet? Mit dem Themen- und Zuständigkeitsbereich dieses Archetypen betreten wir auch eine ganz neue Welt, einen ganz anderen Bereich des Seins. Es ist ein Bereich, wo unser subjektives Wollen, unsere Bestrebungen und Gefühle keine große Rolle mehr spielen. Wir betreten mit diesem Archetyp und auch mit den zwei noch folgenden den Bereich des Schicksals – oder wie man in früheren, antiken Kulturen gesagt hätte, wir betreten hier den Bereich der Götter.
Und das ist die Schwelle, die hier gehütet wird: Wenn wir reif genug sind, dann werden wir durchgelassen in einen Bereich, in dem wir die überpersönlichen Kräfte zumindest schauen können.

Das Ende der Subjektivität

Eigentlich kann man – als Mensch – kaum etwas über den Zuständigkeitsbereich dieses Archetyps sagen, was nicht unzureichend wäre, weil es eben aus einer menschlichen Perspektive heraus gesagt werden muss. Und obwohl es nicht wirklich zureichend gesagt werden kann, muss es doch versucht werden, es zu sagen. Jetzt ist schon zwei Mal von „muss“ die Rede gewesen. Diese Modalität des „Müssens“, etwas dem wir nicht entkommen, ob wir wollen oder nicht, ist kennzeichnend für den Themenbereich, der hier verwaltet wird. Es geht um das Schicksal, dem wir nicht entkommen. Konkret geht es dabei um mein besonderes Schicksal. Spürst du, liebe Leserin und lieber Leser, in dem „muss“ eine gewisse Härte und auch eine gewisse Kälte, einen gewissen Zwang? Ich fürchte, dies spürst du zu Recht.

Es ist jedem der zwölf Archetypen eigen, dass sie etwas berühren in uns, was größer ist als jeder einzelne Mensch. Die Qualitäten, die in den Archetypen verkörpert werden, sind generell kollektiv, also überindividuell. Aber die ersten neuen Archetypen thematisieren kollektive Themen, die aber eben immer noch menschliche Themen sind. Ab diesem zehnten Archetypen haben wir es mit dem Bereich des Schicksals zu tun und damit mit dem Bereich des im Wortsinne Übermenschlichen. Das ist nicht leicht zu verstehen …

Die Verantwortung

Gehen wir noch einmal zurück zum Anfang. Es geht hier um eine Prüfung. Aber was wird hier geprüft? Geprüft wird hier meine Verantwortung. Kann ich die Verantwortung übernehmen für meine Handlungen und meine Entscheidungen in der Vergangenheit? Und kann ich auch die Verantwortung übernehmen für das, was mit zustößt im Leben ohne Resultat meiner Entscheidungen oder Handlungen gewesen zu sein?

Bei einer Prüfung geht es ja darum: Bin ich reif für Aufgaben oder auch Tätigkeiten, die eine gewisse Verantwortung beinhalten. Bei der Führerscheinprüfung geht es darum, ob ich ein Fahrzeug verantwortlich führen kann im Straßenverkehr. Bei einer Abschlussprüfung im Rahmen einer Ausbildung geht es darum, ob ich diesen Beruf verantwortlich ausfüllen kann.

Ich unterziehe mich dieser Prüfung, um für etwas zugelassen zu werden, um eine bestimmte Schwelle überschreiten zu dürfen. Auf diese Prüfung muss ich mich ernsthaft vorbereiten. Diese Zeit der Prüfungsvorbereitung verlangt von mir eine Konzentration auf diesen einen, wesentlichen Punkt. Alles andere muss ich eine Zeit lang bei Seite lassen. Dies ist eine karge Zeit, oft auch eine sehr beschwerliche Zeit.

Und am Ende zählt nur, ob ich genügend Verantwortung tragen kann. Der Prüfer, dem wir in Gestalt dieses Archetyps gegenüber stehen, ist unbestechlich. Wir wissen, wir können ihm nicht mit Ausreden kommen, warum wir uns leider nicht genügend vorbereiten konnten auf die Prüfung. Wenn wir in den Augen des Prüfers nicht bestehen, könnten wir ihn auch nicht mit Tränen umstimmen. Der Prüfer handelt nur nach dem Gesetz: Hart, unbeeinflussbar und manchmal – so scheint es uns – auch unbarmherzig.

Nein, mit dieser inneren Gestalt können wir uns wirklich nicht leicht anfreunden.


Der Archetyp „Der Prüfer“ in der bildlichen Darstellung

Betrachten wir auch hier wieder, wie sich das Wesen dieses Archetyps in einem künstlerischen Ausdruck gestalten kann.

Hier haben wir zunächst das Beitragsbild. Das Zentrum des Bildes ist in grau gestaltet, also farblos, nicht gerade der Inbegriff der Lebensfreude. Wir sehen hier eine steile Felslandschaft, nur karger Stein und ein steiler, aber schmaler Pfad. Diesen Gipfel zu erklimmen, erfordert Ausdauer und die Bereitschaft für eine entbehrungsreiche Zeit. Wir müssen dazu die Qualitäten des Steinbocks in uns finden, der in dieser Landschaft gut zu Recht kommt. Im Titelbild sehen wir in der Mitte unten jemanden, der seinen Rucksack geschnürt hat und im Begriff steht, die Bürde dieses Weges auf sich zu nehmen. Er blickt auf den vor ihm liegenden Weg durchaus mit Respekt – und vielleicht auch mit etwas Bammel vor diesem steinigen Weg? Oben, am Ende des Weges wartet eine Gestalt, die ebenfalls in grau gehalten ist. Sie ist alt mit einem langen Bart. Man kann hier die Assoziation einer grauen Eminenz haben, jemand, der unauffällig aber wirksam die Dinge im Hintergrund steuert und die Fäden in der Hand hält.

Was lockt dann aber überhaupt, diesen grauen Gipfel über seinen steinigen und entbehrungsreichen Weg erklimmen zu wollen? Im Zentrum des Bildes ist angedeutet, dass erst von diesem Gipfel aus, der Regenbogen zu sehen ist, mit dem wieder Farbe in das Leben kommt. Vom Gipfel aus sehen wir aber nicht nur den Regenbogen, wir sehen auch einen Menschen, einen Krieger, der über die Brücke des Regenbogens einen Bereich jenseits der Wolken betritt, während ihm aus den Wolken heraus eine Gestalt aus diesem jenseitigen Bereich hilfreich den Arm reicht.

Im linken Bereich des Bildes sind ebenfalls die Härten des Lebens symbolisch angedeutet. Da ist die alltägliche Arbeit mit ihrer mitunter freudlosen Pflichterfüllung, wir sehen hier das gestrenge Gesetz und die noch gestrengere Anwendung des Gesetzes, wie sehen die langen Leitern mit denen graue Berge zu erklimmen sind.

Im rechten Bereich wird die Symbolik von grauen und steinigen Wegen noch angereichert durch verschiedene Symboliken des Todes. Und der Tod ist natürlich auch eine Schwelle, ein Übergang. Und oft sind mit diesem Übergang Vorstellungen verbunden, das hier noch einmal im Rückblick geprüft wird: Wie verantwortungsvoll habe ich gelebt und wie gut habe ich meine Gaben genutzt?



Karte "Der Meister" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Die Symbolonkarte „Der Meister“ zeigt uns eine ähnlich gelagerte bildliche Verkörperung dieses Archetyps. Wir sehen hier einen alten, gelehrten, weisen Mann vor dem Hintergrund einer kargen Gebirgslandschaft. Der alte Mann selber ist auch karg um nicht zu sagen verknöchert. Er zeigt etwas auf mit seinem mahnenden Zeigefinger, der Finger der anderen Hand verweist auf etwas, was man in alten Büchern geschrieben steht. Zu seinen Füßen finden wir hier die Sanduhr als Symbol für die Zeit und den Totenkopf, auch hier ein Verweis auf die Endlichkeit des Lebens.

Und erst hinter dieser kargen Landschaft mit ihren alten Gesetzten und Regeln erscheint, aber transparent und irgendwie unwirklich, ein lichtvoller und auch farbiger Bereich, aus diesem steigt die Krone der Meisterschaft auf. Wir können also von dieser kargen Landschaft aus und über die Gipfel hinweg ein Blick werfen in einen Wirklichkeitsbereich, der aber jenseits unserer Lebenswirklichkeit liegt. Wir können von hier aus allerdings sehen, dass es diesen jenseitigen Bereich gibt, auch wenn wir ihn nicht ergreifen können.


Der Archetyp „Der Prüfer“ als Personifizierung

Wenn wir uns diesen Archetyp als Person, als reale Verkörperung vorstellen, dann müssen wir unbedingt an einen alten Menschen denken. Es kann dies ein alter Mann oder eine alte Frau sein, in dem Bereich, der mit diesem Archetyp betreten wird, spielt das Geschlecht keine Rolle mehr.

Aber diesen alten Menschen müssen wir uns vorstellen als Jemanden, der im Alter von einem Leben in Askese gezeichnet ist und nicht von einem Leben in Fülle und Ausschweifung. Wir müssen uns hier einen alten Menschen vorstellen, der schon sehr früh sein Leben in den Dienst einer höheren Ordnung gestellt hat. Die Aufgabe dieser Gestalt ist es, uns an die Gesetzmäßigkeiten dieser höheren Ordnung zu gemahnen und darauf aufmerksam zu machen, wenn wir davon abgewichen sind. Diese höhere Ordnung können wir nicht wirklich verstehen, aber diese innere Gestalt in uns kann das, wir können diese Ordnung nur als Schicksal benennen. Und das einzige, was dieses innere Gestalt von uns will, ist dass wir anerkennen, dass es so etwas wie Schicksal gibt und das wir „JA“ dazu sagen, wie immer es für uns ausfallen mag, insbesondere, dass wir zu den schweren Aspekten unseres Schicksals „JA“ sagen.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Fassen wir also noch einmal zusammen, mit welchen Qualitäten wir es zu tun bekommen, wenn dieser Archetyp in uns sich regt.

Der Prüfer – Der Hüter der Schwelle

Diese innere Gestalt prüft immer wieder einmal unseren Reifegrad und unsere Fähigkeit, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Nur wenn wir die Prüfung bestehen, werden wir über die Schwelle gelassen – in einen nächsten Lebensabschnitt.

Die Verbindung mit dem Schicksal

Dieser Archetyp in unserer Seele verbindet uns auch mit unserem Schicksal und erinnert uns an das Wirken schicksalshafter Kräfte. Wenn diese Gestalt danach fragt, wie es um unsere Verantwortung bestellt ist, geht es nicht nur um die Verantwortung für unsere Handlungen oder auch unsere Unterlassungen. Es geht auch um die Frage: Kannst du verantworten – im Sinne von: Kannst du antworten auf – die Dinge, welche dir schicksalhaft zustoßen, welche sich ereignen in deinem Leben auch außerhalb deines Einflussbereiches. Und dabei geht es nicht um irgendein Schicksal, sondern es geht um dein jeweils besonderes Schicksal. Dieser Archetyp stellt dabei an uns die Frage: Kannst du dein Schicksal annehmen und bejahen, in allen Aspekten, auch und gerade in den schweren Aspekten.

Die Verbindung mit den Ahnen

Ein wesentlicher Teil meines Schicksals ist natürlich die Zeit, in welche ich hineingeboren werde und vielleicht noch wesentlicher, die Herkunftsfamilie, in welche ich hineingeboren werde. Diese innere Gestalt erinnert an diejenigen, die mir vorausgegangen sind und die meine Existenz überhaupt erst ermöglichten. Und hier stellt diese Gestalt die Frage: Kannst du die Ahnen ehren und würdigen? Kannst du aus dem, was du von Ihnen bekommen hast, etwas machen?

Die (höhere) Ordnung

Diese Instanz in uns erinnert uns daran, dass es eine höhere Ordnung gibt, welcher wir unterliegen. Aus dieser Ordnung ergeben sich Gesetze oder sagen wir besser Gesetzmäßigkeiten. Die Gesetze, über welche diese innere Person wacht, sind anders als menschengemachte Gesetze, welche per Übereinkunft geändert werden können. Sie sind eher wie die physikalischen Naturgesetze. Diese innere Person möchte, dass wir im Einklang mit der höheren Ordnung leben. Und sie meldet sich mahnend, wenn wir gegen die höhere Ordnung verstoßen. Mögen wir sie dafür? Natürlich nicht!

Mein Gesetz

Aus den bislang angedeuteten Gegebenheiten von Schicksal und (höherer) Ordnung ergibt sich etwas, sozusagen als Ausfluss, was sehr individuell und persönlich ist. Es geht hier auch um eine Art Gesetz, aber nicht um die Art Gesetz wie sie etwa im Strafrecht oder im bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt sind. Hier geht es um mein Gesetz und auch um mein Schicksal, um den Kern meines Wesens, um die nur mir eigene Kombination von Neigungen und Talenten. Goethe nennt dies „das Gesetz, nach dem du angetreten“ bist und er fährt fort: "So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen"1.
Wir werden in der Gestalt dieses Archetyps mit der Frage konfrontiert: Lebst du dein Gesetz? „Wucherst du mit deinen Talenten?“ ist die Form derselben Frage, welche in der Bibel im Neuen Testament im Gleichnis von den anvertrauten Talenten2 gestellt wird.

Die Reduktion auf das Wesentliche

Ein Wesenszug dieser inneren Gestalt ist das Karge, um nicht zu sagen Asketische. Es geht hier um eine Beschränkung auf das Wesentliche, um das beiseitelassen aller Ausschmückungen und aller Nebensächlichkeiten. Den beschwerlichen und steinigen Weg im Hochgebirge beschreitet man nicht im Ballkleid und nicht mit tänzerischen Bewegungen. Hier wirkt das Prinzip der Konzentration, nicht das Prinzip der Expansion.

Die Bewahrung der Tradition

Wenn dieser Archetyp über eine überzeitliche Ordnung wacht, dann wacht er damit gleichzeitig über die Bewahrung der nützlichen Traditionen, derjenigen Traditionen, welche den „Test der Zeiten“ überstanden und sich bewährt haben und welche daher nicht leichtsinnig über Bord geworfen werden sollten.

Das Tragen der eigenen Last

Diese innere Gestalt hat zutiefst damit zu tun, wie wir den Beschwerlichkeiten des Lebens begegnen, wie wir die Bürde tragen, die uns aufgegeben ist. Die zentrale Frage ist hier: Tragen wir diese Bürde mit Würde?

Die Krisenbewältigung

Uns erscheint diese innere Person immer besonders deutlich, wenn wir von Schicksalsschlägen betroffen sind und wenn wir uns in einer persönlichen Krise befinden. Wenn wir die Krise bewältigen, wie schwer sie auch sein mag, machen wir einen Entwicklungsschritt. Wir werden weiser. (Und ja: Auch älter.)

Die Begegnung mit dem Tod

Diese Teilperson in unserer Seele erinnert uns auch beständig an die Endlichkeit unseres Lebens und damit erinnert sie an den Tod, der als einziges sicher ist im Leben. Und diese Person möchte, dass wir uns schon zu Lebzeiten mit dem Tod vertraut machen als einem lebenslangen Begleiter – und im besten Fall als Freund.

Die Zustimmung zum Schicksal

Letztlich lassen sich alle diese Punkte vielleicht verdichten zu der Frage: Kann ich meinem Schicksal zustimmen, so wie es ist? Kann ich gerade auch die schweren Aspekte dabei bejahen und annehmen? Und vielleicht als letzte Konsequenz: Kann ich mich vor dem Schicksal und seinem Wirken einfach in Demut verneigen?

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Jahreszeitlich entspricht diesem Archetyp die Zeit zwischen ca. 20. Dezember und ca. 20. Januar. Die Jahreszeit dieses Archetyps startet mit der größtmöglichen Verdichtung und Beschränkung des Lichts. Es ist der Beginn des Winters, die Landschaften sind karg und kalt, der nächste Frühling erscheint weit weg. Es ist eine Zeit der Einschränkungen auch im Angebot der Nahrung. Und hier erweist sich, wie verantwortungsvoll die Vorbereitung auf diese karge Zeit in den vorangegangenen Jahreszeiten war.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 10. Haus, dem Tierkreiszeichen Steinbock und dem Planeten Saturn.

Die Schattenseite dieses Archetyps

Die unerlöste Seite dieses Archetyps zeigt sich immer dann, wenn das Prinzip der Beschränkung in die Erstarrung führt, wenn die Lebendigkeit sozusagen einfriert. Die Prinzipien, welcher dieser Archetyp in uns verkörpert, erscheinen uns dann als lebensfeindlich, als gegen das Leben gerichtet.

Natürlich ist dies ein Missverständnis. Dieser Archetyp möchte nicht, dass wir verknöchern oder versteinern. Er möchte lediglich, dass wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung und Lebensfreude schließen sich nicht gegenseitig aus. Es ist nur so: Für Lebensfreude ist dieser Archetyp eben nicht zuständig, dafür haben andere Archetypen ihren Zuständigkeitsbereich.

  1. Zu finden in den fünf Strophen mit dem Titel "Urworte.Orphisch". Die erste Strophe lautet:
    Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen
    ,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
    Geprägte Form, die lebend sich entwickelt
    .
    (https://www.deutschelyrik.de/urworte-orphisch.356.html ) ↩︎
  2. Die Bezeichnung "Talent" verweist neben der heutigen Bedeutung i.S.v. Begabung auch auf eine Währungseinheit in der Antike, eine bestimmte Menge an Silber. ↩︎

Unpersönliche Gestalten in einer Aufstellung: Häuser, Wohnungen, Betriebe und Ähnliches

In diesem Beitrag soll es noch einmal darum gehen, dass manchmal in einer Aufstellung Positionen aufgestellt werden, die nicht Personen, konkrete Menschen sind. Nach dem es im vorletzten Beitrag um Länder oder Gebiete als Heimat ging und im letzten Beitrag um Krankheiten und Symptome, soll es hier um einige Weitere Gegebenheiten gehen, die man manchmal mit aufstellen muss, weil sie in engem Bezug stehen zu dem seelischem Geschen, welches als Anliegen eines Menschen das Thema der Aufstellung ist.

Häuser oder Wohnungen

Manchmal spielen Häuser oder Wohnungen so in ein Anliegen hinein, dass man sie als eigene Position aufstellen sollte. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Haus oder die Wohnung schon länger, über mehrere Generationen hinweg, im Besitz der Familie ist. Die Bedeutung ist mitunter auch noch einmal stärker, wenn für das Thema wichtige Vorfahren oder gar man selber in diesem Haus geboren wurde.

Es mag auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen, wenn man z.B. ein Haus nicht nur aufstellt und dann die Person, um die es geht, fragt, wie es ihr mit dem Haus geht, sondern auch das Haus danach fragt, wie es ihm mit der Protagonistin oder dem Protagonisten geht. Hier stellt sich vielleicht die Frage, hat ein Haus überhaupt eine Stimme, ein Wollen, hat ein Haus etwas Seelisches?  
Ob ein Haus eine Seele hat, weiß ich nicht wirklich zu sagen. Aber es gibt etwas – da bin ich mir inzwischen durch Beobachtung in Aufstellungen recht sicher – was man am besten so beschreiben kann: Manchmal ist sozusagen in dem Gemäuer ein Geist eingewoben, zum Beispiel eben der Geist einer Familie über mehrere Generationen, der Geist der Ahnen. Und was dann über das Haus in der Aufstellung spricht, ist vielleicht der Geist der Vorfahren, die sich hier melden.

Grundsätzlich ist es meist so in den Aufstellungen, wenn man ein Haus wie eine Person sprechen lässt, dass ein Haus gerne einen guten Raum oder guten Rahmen bietet, für die Menschen, die es bewohnen. Das Haus ist zufrieden, wenn es belebt ist, wenn es den Bewohnern gut geht und insbesondere auch, wenn in dem Haus neues Leben einen Ort zum Aufwachsen findet, Häuser freuen sich oft über Kinder.

Es gibt aber noch etwas Anderes was hier eine Rolle spielen kann. Wenn den Bewohnern eines Hauses schweres Unrecht angetan wurde mit Bezug zu diesem Haus oder zu Wohnungen in diesem Haus, dann haftet auch dies im Gemäuer und wirkt auf spätere Bewohner, wenn auch mitunter sehr unterschwellig. Im Nationalsozialismus wurden Juden deportiert und ermordet und natürlich waren manche dieser Juden auch Immobilienbesitzer. Die entsprechenden Häuser oder Wohnungen wurden dann „arisiert“, gingen dann an sogenannte „Volksdeutsche“, oft zu einem Preis weit unter Wert. Und dann schwebt in dem Haus eben der geistige Abdruck dieses Geschehens: Das Unrecht aber auch, dass die neuen Bewohner einen Vorteil aus dem Unrecht an den alten Bewohnern gezogen haben.

In so einem Fall ist es zentral, dass das Unrecht und das schwere Schicksal der früheren jüdischen Bewohner anerkannt und gewürdigt wird.

Ähnlich gelagert dürfte der Fall sein, wenn neue Bewohner in Häuser einziehen, deren frühere Bewohner vertrieben wurden, meist unter Zurücklassung des gesamten Inventars wie Möbel und persönliche Gegenstände. Dies ist etwa im Rahmen der „Westverschiebung“ Polens nach dem zweiten Weltkrieg in vielen Fällen passiert. Und die neuen polnischen Bewohner von Häusern und Wohnungen, in denen ehemals Deutsche lebten, waren oft selber Vertriebene aus dem früheren östlichen Teil Polens, der dann zum Staatsgebiet der UdSSR gehörte. Man kann sich leicht vorstellen, dass durch die Übernahme von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen der früheren Bewohner der Geist dieser ehemaligen Bewohner noch einmal deutlicher präsent ist.

Ich stand auch einmal als Stellvertreter für ein Haus in einer Aufstellung und in diesem Haus war ein Mord an dem Besitzer begangen worden, um sich danach das Haus anzueignen. Der Mord war nie polizeilich ermittelt oder gesühnt worden. Und die Empfindung in der Stellvertretung war eine starke Empörung. Das Haus fühlte sich empört über das Schicksal des früheren Besitzers, über die Tat und insbesondere über die Vertuschung der Tat. Es fühlte sich so an, als ob das Haus böse sei auf die jetzigen Bewohner, welche aber schon die nächste Generation nach dem Täter war. Tatsächlich lag wohl – wie man manchmal sagt – kein Segen auf diesem Immobilieneigentum für die nachfolgenden Bewohner. Es kam zu allerlei in der Häufung schwer erklärbaren Schäden, welche auf die Dauer die Finanzmittel der Nachgeborenen des Täters arg belasteten und es soll eine als „unheimlich“ beschriebene Atmosphäre in dem Haus geherrscht haben.

Firmen und Betriebe

Auch Firmen und Betriebe können eine seelische Auswirkung auf Menschen haben und sind deshalb manchmal in Aufstellungen vertreten. Dies gilt natürlich insbesondere, wenn es um Familienbetriebe handelt.

Wenn der Betrieb oder das Geschäft von der Person, für welche die Aufstellung gemacht wird, selbst gegründet wurde ist ein Zusammenhang mit einem wichtigen seelischem Thema oft unmittelbar evident. Die Gründung eines Unternehmens oder eines Betriebes entfaltet mitunter eine Eigendynamik, das Unternehmen verlangt für sein Gedeihen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Energie. Die Wirkung eines selbst gegründeten Unternehmens ist in mancher Hinsicht auf der seelischen Ebene vergleichbar mit einem eigenen Kind.

Aber auch für Nachfahren der Gründer können solche Familienbetriebe eine seelische Relevanz haben. Über das Unternehmen wirkt auf die Nachfahren der Geist der Ahnen. Die Entscheidung, seinen beruflichen Weg in diesem Familienunternehmen zu gestalten oder eben nicht, ist dann nicht mehr dasselbe wie wenn ich mich im Rahmen von Bewerbungen für den einen oder anderen Arbeitgeber entscheide, mit dem ich aber ansonsten nicht weiter verbunden bin. Die Entscheidung gegen eine Position in einem Familienunternehmen kann sich wie eine Entscheidung gegen die Vorfahren anfühlen. Und in manchen Fällen stellt es sich in einer Aufstellung so dar, dass für den beruflichen Erfolg außerhalb des Familienunternehmens nicht nur das Einverständnis und der Segen der Eltern nötig ist, sonder also ob auch der ausdrückliche Segen des Unternehmens erforderlich ist, um wirklich frei zu sein für eine Tätigkeit außerhalb des Familienbetriebes.

Mir scheint auch, dass ein solcher Einfluss besonders bei landwirtschaftlichen Betrieben besonders stark ist. Ich erinnere mich an eine Aufstellung, die für den Sohn eines Landwirtes durchgeführt wurde. Dieser hatte den väterlichen Hof, der seit Generationen im Familienbesitz bewirtschaftet wurde, nicht übernehmen wollen. Er war zum Studieren in eine Großstadt gezogen, hatte das Studium sehr erfolgreich absolviert, hatte aber große Schwierigkeiten in dem entsprechenden Berufsfeld Fuß zu fassen. In dieser Aufstellung haben wir auch den Hof aufgestellt und es war deutlich, dass es der Hof war, viel mehr als der Vater des Klienten, dem es wichtig war, dass der Hof in der Familientradition weiter geführt wurde. Es fiel dem Hof sehr schwer, sich mit der Vorstellung anzufreunden, dass er in naher Zukunft verkauft und in neue Hände übergehen würde. Und es sah so aus, also ob diese seelisch-geistige Wirkung des Hofes einen beruflichen Erfolg des Klienten in dem fremden Berufsfeld abseits der Landwirtschaft behindern würde. Er hat dann im Rahmen der Aufstellung den Hof gebeten, ihn frei zu geben für eine andere berufliche Tätigkeit. Dies kostete den Hof – in der Empfindung des Stellvertreters – einige Überwindung. Aber als der Hof sich dazu durchrungen hatte, dem Klienten den Segen zu geben für den beruflichen Erfolg abseits der Landwirtschaft, hatte dies eine entscheidende Stärkung und Erleichterung bei dem Klienten zur Folge.

Der Wechsel des beruflichen Tätigkeitsfeldes

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch etwas erwähnen, was ich in Aufstellung immer wieder einmal sehen konnte und bei dem man es auch mit Gestalten in der Aufstellung zu tun hat, die nicht wirklich menschliche Personen sind.

Wenn ein Mensch nach längerer Zeit in einem bestimmten beruflichen Feld sich dazu entschließt, einen Neuanfang in einem ganz anderen beruflichem Tätigkeitsgebiet zu betreiben, dann ist auch hier in vielen Fällen für das Gelingen der Segen des alten Berufes wichtig. Natürlich wechselt man ein berufliches Feld nur dann, wenn man mit der bisherigen beruflichen Tätigkeit nicht mehr zufrieden ist oder nicht mehr gut zu Recht kommt. Bei einer solchen Entscheidung wird ein Mensch daher natürlich meist keine besonders guten Gefühle für die bisherige Tätigkeit hegen. Es ist ja das, wovon ich weg möchte. Vielleicht, weil es mich nicht mehr erfüllt. Vielleicht weil mir die Sinnerfüllung in dieser Tätigkeit abhanden gekommen ist.

Es ist also nicht gerade naheliegend, sich positiv auf diese Tätigkeit und dieses Berufsfeld zu beziehen. Aber gerade dann erweist sich (meist) als notwendig, sich noch einmal in Dankbarkeit dem Beruf, den ich zu verlassen gedenke, zuzuwenden. Es geht um die Dankbarkeit dafür, was mir der alte Beruf gegeben hat und war mir ermöglicht hat, gerade wenn ich länger in ihm tätig war. Im Kern geht es darum, dem alten Beruf, vertreten durch eine Stellvertreterperson, noch einmal in die Augen zu schauen und zu sagen: „Danke, dass du mich all die Zeit ernährt hast, mir ermöglicht hast, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten!“ Das ist ja nicht gerade unwichtig. Und manchmal ist vielleicht auch ein Dank angebracht für das, was man in diesem Beruf lernen konnte und durfte.

Auch hier wirkt es sich günstig aus, wenn der alte Beruf mir den Segen erteilt für den Erfolg im neuen Beruf. In der Tat ist es oft so, dass der Stellvertreter für den neuen Beruf in der Aufstellung erst dann eine gute Beziehung zum Klienten aufbaut, wenn dieser sich in Dankbarkeit vom alten Beruf verabschiedet und dessen Segen erhalten hat.