Der sechste Archetyp: Die Vernunft

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Fünf Teilpersonen in unserem Inneren, in unserer Seele, haben wir im Rahmen dieser Serie zu den Archetypen bislang kennengelernt. "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" lässt Goethe seinen Protagonisten Faust klagen. Und hier haben wir schon fünf! Nun gut, nicht wirklich fünf Seelen, aber fünf Seelenanteile. Höchste Zeit also, dass eine innere Figur auftaucht auf der Bühne, welche mit der Aufgabe betraut ist, zwischen diesen verschiedenen Anteilen zu vermitteln. Und genau dies ist die Rollenbeschreibung des sechsten seelischen Archetypus. Dieser innere Anteil vermittelt: Zwischen meinen verschiedenen Intentionen und Teilpersönlichkeiten aber auch zwischen mir und meinen Impulsen und den Forderungen, welche die (Um)Welt an mich stellt. Und sie tut dies mit den Werkzeugen der Vernunft. Bei Vernunft denken wir natürlich sofort an die Ratio, an den Verstand. Ja, der Verstand mit seiner Rationalität hat auch damit zu tun, aber Vernunft ist mehr als nur Verstand. Bei der Vernunft geht es um Einsicht. Und zwar um die Einsicht in eine Ordnung, welche die Dinge und Verhältnisse fördert und gedeihen lässt.

Dieser Archetyp vermittelt also und in allererster Linie vermittelt er zwischen dem Weiblichen und dem Männliche in mir. Der vorherige, fünfte, Archetyp war als eindeutig männlich in der Qualität beschrieben worden während der vierte Archetyp ebenso eindeutig eine weibliche Qualität aufweist. Nun kommt der sechste Archetyp daher und soll zwischen den beiden vermitteln. Das kann er nur, wenn er selber neutral ist, geschlechtlich neutral. Wir kennen diese Bewegung auch schon von den ersten drei Archetypen: Der erste ist männlich, der zweite weiblich und der dritte geschlechtlich neutral. Tatsächlich haben der dritte und der hier beschriebene sechste Archetyp noch etwas gemeinsam: Astrologisch betrachtet ist ihnen der Planet Merkur zugeordnet. Man könnte sagen, der sechste Archetyp ist die gereifte Form des dritten Archetyps. Ging es beim dritten Archetyp um Wissen sozusagen als intellektueller Selbstzweck, so muss hier beim sechsten Archetyp das Wissen praktisch werden. Das Wissen wird zur Einsicht in Ordnungen und Regeln, welche dem Leben dienen. Das Wissen wird hier zum Ge-Wissen. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Wie gesagt: Diese innere Person ist geschlechtlich neutral, asexuell. Auch wenn wir uns diesen Archetyp als weibliche Person vorstellen würden – und in der Bebilderung zu diesem Beitrag ist es so – dann wäre es eine Frau, die ihre Geschlechtlichkeit nicht lebt. Weder ist sie erotisch-verführerisch noch mütterlich liebend und umsorgend. Für beides ist sie viel zu vernünftig. Diese innere Person ist pragmatisch, praktisch. "Quadratisch, praktisch, gut!" ist zwar ein Werbespruch, aber diese innere Person könnte daraus ein Lebensmotto machen.

Wie gewohnt nähern wir uns diesem seelischen Archetyp erst einmal über die Bilder. Das Titelbild für diesen Beitrag zeigt ertragreiche Landschaften, und zwar Kulturlandschaften, Gärten, Felder. Wir sehen rechts einen Mann mit einer Heckenschere. Hier wird der Wildwuchs gestutzt. Links sehen wir einen Streit um eine Grenze. In der Mitte dominiert eine zentrale Figur, eine junge Frau, sie schaut den Betrachter mit offenem, aber auch prüfendem Blick an, während sie in der Hand eine Kornähren hält, ein Symbol des Ertrags der Kultivierungsarbeit an der Natur. Oben in der Zentralachse des Bildes erwächst aus der Baumkrone ein Gesicht, das auf die Auseinandersetzung im linken Bildteil schaut, auch hier mit prüfendem, ja eigentlich schon wertendem Blick. Dieses Gesicht schwebt oberhalb der anderen Personen, es ist der Blick von oben, der Blick des Über-Ichs.

Der Archetyp „Die Vernunft“ als Personifizierung

Als zweite Veranschaulichung in Form einer symbolischen Bildersprache ziehen wir wieder die Symbolon-Karte zu diesem Archetyp heran. Sie trägt den Titel "Die Dienerin".



Karte "Die Dienerin" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Wir sehen hier eine Frau in schlichten weißen Gewändern, kniend vor einer Art Altar und umgeben von den Früchten der Ernte, im Hintergrund sehen wir die abgeernteten Felder. Die Figur ist demütig geneigt. Das Opferfeuer entlässt seinen Rauch nach oben, verbindet mit einer höheren Welt, in deren Dienst die Figur auf der Karte sich bescheiden stellt. Im Hintergrund des Bildes schwebt der Hermesstab mit den beiden sich um ihn windenden Schlangen, in der Medizin ein Symbol der Heilung.

Wie können wir diese Symbolik nun begreifen? Dieser Archetyp hat etwas sehr selbstloses, etwas zutiefst uneigennütziges in seinem Charakter. Er ist damit der Gegenentwurf zum vorherigen Archetyp, dem König, dem Ego. Es geht diesem Archetyp nicht darum, zu strahlen, es geht hier um praktisch nützliche Resultate.

Wir hatten gesagt, dieser Archetyp vermittelt zwischen anderen seelischen Anteilen, welche durchaus nicht immer so selbstlos sind. Das bedeutet: Dieser Archetyp ermutigt, wo ein innerer Anteil mutlos und verzagt geworden ist und er versetzt einen Dämpfer, wo andere innere Anteile mit ihren Bestrebungen überschießen. Die Kulturlandschaften der Gärten und Felder sind hierfür ein schönes Sinnbild. Auch hier muss zurückgeschnitten werden, was zu überwuchern droht. Und wo etwas zu wenig ist, wird dies ausgeglichen, etwa wenn Pflanzen zu verdorren drohen, dann werden sie gewässert.

Und was hat das alles mit Heilung zu tun? Nun, hier gibt es ja die Vorstellung aus dem Osten, dass Krankheit etwas damit zu tun hat, dass Energien unausgewogen geworden sind. Und Heilung bedeutet dann, dort zu stärken, wo etwas zu wenig präsent ist und zu dämpfen, wo etwas zu viel geworden ist. Man könnte diese innere Person auch den Regulator nennen. Im Resultat dieser Kultivierungsbemühungen kommt dann etwas wieder in die Ordnung, wo es aus der Ordnung herausgefallen ist. Auch das ist Heilung: Die Wiederherstellung einer gedeihlichen Ordnung.

Vielleicht kann man sich innere Person, um die es hier geht, folgendermaßen vorstellen: Denken wir uns vielleicht eine mittelalterlich anmutende Szenerie. Zwei Heere stehen sich vor einer Burg gegenüber vor dem Beginn einer Schlacht. Wir können uns jetzt noch eine Person vorstellen, sozusagen die verkörperte Vernunft, welche von der Burg herunter den Heerscharen zuruft, mahnt, sie mögen sich besinnen, sie mögen ablassen von dem verderblichen Tun, welches bevorsteht. Diese Person wird auf die Zerstörung hinweisen, welche die bevorstehende Schlacht nach sich ziehen wird. Sie wird argumentieren, dass es doch andere Möglichkeiten der Beilegung von Konflikten gibt. Sie wird mahnen, dass die bevorstehende Schlacht viele Tote und Verwundete fordern wird. Und gleichzeitig ahnt sie dabei, dass sie gegen den Wind redet mit ihren Warnungen, dass sie auf taube Ohren stoßen wird.
Das wird sie aber nicht davon abhalten, nach der Schlacht die Verwundeten in die Burg zu holen und zu pflegen und zu heilen, wo immer sie es vermag. Und zwar die Verwundeten beider Seiten! So müssen wir uns diese innere Person vorstellen.

Die Person selber würde sich nie dazu hinreißen lassen, an dem Kampf teilzunehmen. Dazu ist sie viel zu vernünftig. Aber: Mit ihrer Vernunft wendet sie sich auch den Unvernünftigen zu. Auch im Wissen um die Vergeblichkeit wird sie nicht aufhören, zu mahnen. Sie kann nicht anders. Und sie wird sich allen dienend zuwenden, die ihre gut gemeinten Ratschläge in den Wind geschlagen haben. Auch hier: Sie kann nicht anders.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Betrachten wir noch einmal die Charakteristika dieser inneren Person im Einzelnen:

Der Ausgleich zwischen widerstrebenden Tendenzen

Diese innere Person ist ein Moderator / eine Moderatorin und eine Mediatorin / ein Mediator. Ihr Bestreben ist es, zwischen verschiedenen inneren Teilen einen tragfähigen Kompromiss zu vermitteln. Was fällt dabei für diese innere Person selber ab? Sagen wir es deutlich: Nichts! Aber das kümmert diese innere Person nicht.

Der Ausgleich zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig

Diese innere Person nährt und hegt, was noch klein und schwach ist und sie zügelt, was zügellos "ins Kraut zu schießen" droht. Die innere Person selber ist der Inbegriff des Maß Haltens, der Mäßigung, des Wohl-Temperierten. Jegliche Ausschweifung ist ihr fremd und sie mag Ausschweifungen auch bei anderen nicht leiden. Wenn es nach ihr ginge, würde sie alles Ungewöhnliche, Überbordende, alles Exaltierte schlicht nicht zulassen. (Aber es geht halt nicht nach ihr, zumindest nicht nur.)
Sie ist kein Genussmensch. Sie tanzt nicht die Nacht durch in einer rauschenden Ballnacht. Aber sie beseitigt die Unordnung am frühen Morgen nach der Ballnacht. Wird ihr das gedankt? Auch hier wieder: Natürlich nicht! Es wird nicht einmal bemerkt.

Das (schlechte) Gewissen

Diese innere Person, die personifizierte Vernunft, weiß sehr genau, was ich alles eigentlich tun sollte. Dass ich weniger essen sollte, und vor allem gesünder essen sollte. Dass ich die unangenehmen Pflichten des Alltags nicht auf "die lange Bank" schieben sollte. Dass ich mehr auf meine Gesundheit achten sollte, gesünder leben sollte. Dass ich meinen Mitmenschen zuvorkommend und unterstützend begegnen sollte. Alles Konjunktiv, Möglichkeitsform. Diese innere Person verkörpert alles, was ich "eigentlich" besser weiß, mich aber nicht danach verhalte. (Mit Letzterem hat sie allerdings nichts zu tun.)
Kurz: Diese innere Person ist die Verkörperung meines Gewissens, meines schlechten Gewissens. Macht diese Person sich damit beliebt im Kreise der anderen inneren Teilpersonen? Natürlich nicht! Sie ist unbequem, sie ist lästig, ja sie ist eine Spaßbremse.

Die Quelle der Angst

Diese innere Person hat ein feines Gespür für alle nur denkbaren Gefahren im Leben. Ihr zweiter Vorname lautet Vorsicht. Und auch Rücksicht. Sie warnt dich zuverlässig. Sie ist damit auch die Quelle jeglicher Form von Angst. Und wenn dann das, was diese innere Person befürchtet hat, tatsächlich eingetreten ist, dann hat diese innere Person unendlich viele Ratschläge parat: Was du beim nächsten Mal besser machen kannst, wo du dich noch mehr vorsehen kannst usw.
Ja, sie sorgt im Kern für das Überleben. Ordnung und Sicherheit sind ihre Maxime. Wenn dabei ein nicht sehr lebendiges Leben dabei herauskommt, hat sie kein Problem damit.

Das Realitätsprinzip – Die Anforderungen des Alltags

Diese innere Person sorgt dafür, soweit das in ihrer Macht steht, dass du deinen Alltag "auf die Reihe bekommst". Sie ist vollständig unheroisch. Ihr geht es nicht um Heldengeschichten, sondern um die Banalitäten der täglichen Pflichten und Verpflichtungen. Ist das "sexy"? Natürlich nicht! Wird man mit dieser inneren Person berühmt – oder auch nur berüchtigt? Natürlich ebenfalls nicht! Diese innere Person ist unscheinbar und sie macht auch dich unscheinbar, wenn sie die Kontrolle übernimmt.

Die Liebe zum Detail

Dieser innere Seelenteil hat so gar nichts Grandioses an sich. Dafür aber einen Ausgeprägten Sinn für die Details, eine Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge im Leben. Sie weiß: Auch das großartigste Gebäude wird letzten Endes aus einzelnen Steinen erbaut.

Die Unschuld

Diese innere Person vermeidet nichts so sehr, wie schuldig zu werden oder schuldig zu sein. Sie ist in jeder Beziehung sauber und tugendhaft, sie macht sich nicht die Hände schmutzig in Form von moralisch fragwürdigen Handlungsweisen. Und wenn es doch zu einem Verhalten im moralischen Graubereich kommt, kann diese innere Person immer in voller Überzeugung und durchaus überzeugend sagen: "DAS war ICH nicht!". Und sie hat immer Recht damit. Ihr Werk besteht darin eine Mauer aufzubauen und zu erhalten, eine klare Trennung zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Rechten und dem Falschen. Dass diese Mauer manchmal auch das Leben aussperrt … nun ja, was will man dazu sagen?

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Dem Archetyp „Die Vernunft“ entspricht im Jahreszyklus der der Spätsommer bzw. der Frühherbst, konkret die Zeit zwischen ca. dem 20. August und ca. dem 20. September. Im späten Sommer sind die typischen Sommerqualitäten noch wahrnehmbar, aber in abgemilderter Form. Wenn die Sonne scheint, wärmt sie noch, aber sie "sticht" nicht mehr. Die Tage sind noch länger als die Nächte, aber die Nacht wird nicht zum Tage. Eben alles sehr moderat. Dieser Archetyp ist dem Element Erde verbunden, der Grundcharakter ist bodenständig.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 6. Haus, dem Tierkreiszeichen Jungfrau und dem Planeten Merkur.

Schattenseiten und Irrwege des Archetyps "Die Vernunft"

Zu einer Beschreibung dieses Archetyps gehört natürlich auch die Betrachtung von Eigenschaften, welche sich einstellen, wenn dieser innere Anteil überbetont gelebt wird.

Pedanterie

Diese innere Person ist sehr an den Details interessiert. Die Überbetonung nennen wir dann Pedanterie, Kleinlichkeit oder auch Perfektionismus, derbe ausgedrückt: Korinthenkakerei. In der Vielfalt der zu beachtenden Kleinigkeiten geht dann der Blick für die größeren Zusammenhänge verloren.

Die Heiligkeit der Regeln

Im Wesen dieses Archetyps liegt das Regulieren, man könnte den Archetyp auch "den Regulator" nennen. Wenn sich die Regeln jedoch verselbständigen, wird aus dem Regulator ein seelenloser Bürokrat. Hier fehlt dann jegliche Flexibilität – und auch jegliche Leichtigkeit.

Das "Gut-sein-Wollen"

Der Wesenskern dieser inneren Gestalt ist die Vernunft. In der Übersteigerung ist man aber nicht einfach nur vernünftig, nein man möchte moralisch untadelig sein. Die Ausstrahlung ist angestrengt und ein solcher Mensch ist dann auch anstrengend für seine Mitmenschen. Wer jeglichen Schmutz aus den eigenen vier Wänden verbannen will, kann gar nicht anders als den Schmutz anderen Leuten vor die Tür zu kehren.

Erst die Arbeit und dann …. doch kein Vergnügen

Zum Wesen des Archetyps gehört es, sich um die Pflichten des Alltags klaglos zu kümmern. Wenn dieser Archetyp sehr dominant ist, wird aber Alles zur Pflicht. Der Ausgleich im Genuss der Früchte der Arbeit findet schlicht nicht mehr statt. Es gibt ja immer etwas zu tun. Es leidet dabei die Lebensfreude und der Genuss. Wer nicht genießt, wird ungenießbar …

Der dritte Archetyp: Der Vermittler

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkennbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Der dritte Archetyp verwaltet in mir den Bereich der Aufnahme, Verarbeitung und Weitergabe von Wissen. Diese innere Gestalt ist zuständig für intellektuelle Interessen, für den Austausch über gedankliche Konzepte und entsprechende Diskussionen. Interesse für fast alles, eine ausgeprägte Neugier und eine spielerische Offenheit für neue Informationen und Ansichten zeichnet diesen Archetyp aus. Er ist hochgradig kontaktfreudig und in jeder Hinsicht beweglich und anpassungsfähig, vor allem natürlich geistig beweglich. Überhaupt scheint diese innere Person, wenn sie im Drama meines Lebens eine tragende Rolle spielt, nie wirklich zur Ruhe zu kommen, sie ist immer unterwegs und stets auf der Suche nach neuen Informationen. Diesem Archetyp ist eine gewisse Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu Eigen, man ist hier abgesehen von einem intellektuellen Interesse unbeteiligt, ja geradezu beliebig.

Es geht hier also um Wissen und Information und den Austausch derselben. Damit im Zusammenhang steht auch – neben der reinen Kommunikation auf der Sachebene – noch ein weiterer Zuständigkeitsbereich: Dieser Archetyp ist auch ein Botschafter, ein Vermittler zwischen verschiedenen Parteien, der aber selber keine Aktien in dem Spiel hat. Der Überbringer der Botschaften der jeweils anderen Partei ist selber parteilos. (Das es trotzdem in der menschlichen Geschichte nie unüblich war, diesen Botschafter einen Kopf kürzer zu machen, wenn die Botschaft unangenehm ist, ist nicht seine Schuld.)

In der Lebendigkeit und Offenheit für jede Information und für jeden Standpunkt hat dieser Archetyp etwas sehr junges an sich, er wirkt jugendlich, manchmal vielleicht sogar fast kindlich mit seiner unschuldigen Wissbegier. Es kann natürlich auch einmal vorkommen, dass die zu überbringende Information ein wenig ausgeschmückt wird. Es soll ja schließlich eine interessante Geschichte sein, die man zu erzählen hat. Wenn sich dies mit einer gehörigen Portion Phantasie paart, können die erzählten Geschichten auch recht phantastisch ausfallen.
Da dieser Archetyp im Medium der Information, des Verstandes und des Intellekts lebt, wirkt er sehr ätherisch und seltsam körperlos. Es geht von ihm eine feenhafte Aura aus.

Das Titelbild dieses Beitrages bildet diese Charakteristika dieses Archetyps ab. Die Welt dieses Archetyps ist bunt, vielfältig, phantasievoll bis fantastisch und vor allem leicht und luftig. Wenn wir uns diese seelische Gestalt in uns als Person, als Personifizierung vorstellen, dann kann man zu einem Bild wie dem unten stehenden gelangen. Wir sehen hier Hermes, den Götterboten in der griechischen Mythologie. Bei den antiken Römern war dieselbe Gestalt als Merkur bekannt. Die Gestalt ist unterwegs, hat die Stadt hinter sich gelassen. Sie hat eine Botschaft zu überbringen, die sie gesiegelt (versiegelt?) in der Hand hält. Der Götterbote ist mit Flügeln an den Füßen und an der Kopfbedeckung aufgerüstet, sie ist im Wortsinne "leichtfüßig". Man kann sich vorstellen, dass dieser Bote der Götter schnell unterwegs ist, aber er wirkt nicht angestrengt, alles ich spielerisch und er scheint auch eher zu schweben als zu laufen.

Der Archetyp „Der Vermittler“ als Personifizierung

Wie gesagt: Wir müssen uns dies Person als recht jung und auch als unbeschwert und optimistisch vorstellen. Diese Gestalt macht sich keine Sorgen. Es kümmert sie auch nicht, welche Folgen die überbrachte Botschaft vielleicht auslösen wird, das ist alles nicht seine Sache.

Die Personifizierung als "Der Vermittler"

Wir hatten schon darauf hingewiesen, dass dieser Archetyp kaum Körperlichkeit ausstrahlt.


Karte "Der Vermittler" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Das bedeutet auch: Während die beiden ersten Archetypen jeweils eine zutiefst männliche (1. Archetyp – Der Krieger) bzw. eine zutiefst weibliche (2. Archetyp – Die Sinnliche) Qualität aufwiesen, ist diese innere Gestalt geschlechtlich neutral.

Überhaupt ist diese Gestalt, da sie ja vorwiegend im Verstand lebt, nicht wirklich geerdet, nicht wirklich verbunden. Sie ist zwar dabei, aber eben neutral, was auch bedeutet: Nie wirklich zugehörig.

Zugehörigkeit oder auch nur ein ausgeprägter eigener Standpunkt oder auch nur ein guter Kontakt zur eigenen Körperlichkeit, all dies würde Bindung bedeuten. Und mit der Bindung kommt die Schwere. Und genau dies muss diese innere Gestalt um jeden Preis vermeiden.
Diese innere Person braucht die Leichtigkeit, um mit allem und jedem Kontakt aufnehmen zu können, um jeden auch nur denkbaren Standpunkt zumindest gedanklich nachvollziehen zu können. Eine wirkliche Bindung an etwas oder an jemanden passt nicht zur ihrer Funktion, ihrer Rollenbeschreibung.

Die Regung der Seele, die hier ihre Verkörperung findet, möchte in Kontakt mit jedem, ja wirklich jedem, anderen Menschen treten können. Eigentlich möchte sie auch allen gefallen, aber das gesteht sie sich nicht ein. Aber ein wenig leidet sie schon darunter, dass letztlich alle immer nur an der Botschaft interessiert sind, nicht an dem Botschafter, hier liegt eine grundsätzliche Kränkung dieser inneren Gestalt.

Überhaupt wird diese innere Person von den Personen in der Außenwelt oft nicht so wirklich gewürdigt. Ja, es ist diese innere Gestalt, die Überhaupt die Kontakte knüpft mit anderen Menschen, die Menschen einander vorstellt. Allein: Das leichtfüßig-schwebende im Charakter wird oft als Oberflächlichkeit von den Menschen in der Außenwelt kritisiert. Die Neutralität wird oft als "Wurstigkeit" ausgelegt und das Verlangen nach Vielfalt und Abwechslung trägt dieser inneren Person den Ruf ein, keine Tiefe aufzuweisen. Eine schillernde Seifenblase, die kurz schwebt und dabei hübsch anzuschauen ist, aber sehr schnell platzt und dann einfach ein Nichts hinterlässt – so ist oft die Außenwahrnehmung.

"Mittendrin statt nur dabei" hieß es einmal in einer Werbebotschaft. Die Tragik dieses Archetypen ist: Er ist "irgendwie" überall mittendrin, aber nirgend wirklich dabei. Er ist unbeteiligt. Und er wird oft übersehen.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Wenden wir uns nun den Prinzipien und Energien zu, welche mit diesem Archetyp verbunden sind.

Wissen / Information

Wissen und Information sind das Medium, in welchem dieser Archetyp lebt, so wie der Fisch nur im Wasser leben kann. Wissen wird rasch und leicht aufgenommen und an passender Stelle wieder abgegeben. Botschaften werden von einer beteiligten Partei an eine andere beteiligte Partei übermittelt.
Dieser innere Anteil in mir kann sich für vieles interessieren, er ist wissensdurstig. Aber fragt man "wozu?", dann kommt dieser Archetyp in Erklärungsnot. "Ja, einfach um es zu wissen" könnte er sagen. Tatsächlich wird er eher sagen: "Ich finde es einfach interessant". Das Wissen ist keinem Zweck untergeordnet. Das Wissen ist Selbstzweck.

Neutralität

Die Aufgabe dieses Archetypen in mir ist es, verschiedene Informationen, Theorien und gedanklichen Konzepte aufzunehmen. Dieser Teil in mir kann dann auch verschiedene Theorien und Konzepte vergleichen, er kann darüber referieren, was die Wesenszüge der jeweiligen Theorien sind, worin sie sich ähneln und wo sie sich unterscheiden. Er kann sogar eine Theorie über diese anderen Theorien und Konzepte entwickeln. Nur eines kann er nicht: Er kann sich nicht für eine bestimmte Theorie entscheiden, einen Standpunkt einnehmen. Er ist kein Anhänger einer bestimmten Schule, die er fanatisch vertritt und verteidigt. (Dafür ist ein anderer Archetyp zuständig, nämlich der 8., auf den zu seiner Zeit einzugehen sein wird.)
Die Neutralität bedeutet eben auch: Keine (wirkliche) innere Beteiligung. Das kann durchaus als Identitätsproblem angesehen werden, welches diesem Archetyp eigen ist. Die identitätsstiftende Zugehörigkeit zu einer bestimmten Denkrichtung oder Theorieschule ist diesem Archetyp versagt. Positiv gewendet: Dieser Archetyp ist eines sicherlich nicht: Ein Dogmatiker.

Der Austausch

Dieser Archetyp kann sich über Wissen, Informationen und Standpunkte lebhaft austauschen. (Er spricht dann mit genau diesem Archetyp im Inneren seines Gegenübers.) Oder er kann Botschaften übermitteln zwischen zwei interessierten Parteien. Er kann bei Streit und Auseinandersetzungen zwischen zwei Parteien (nennen wir sie einmal A und B) vermitteln, in dem er B den Standpunkt von A erläutert und A den Standpunkt von B. Er kann als Makler den Austausch zweier Vertragsparteien befördern, er kann Käufer und Verkäufer zusammen führen und das Geschäft befördern, so dass es für beide Seiten einen Gewinn darstellt. Überhaupt vermittelt er Kontakte, bringt Menschen miteinander in Verbindung, trägt Botschaften von einem Mund zu einem anderen Ohr und andersherum.
Der Götterbote Hermes etwa war in der griechischen Mythologie dafür zuständig, den Menschen den Willen der Götter zu verkünden. Und bei den Göttern die Nöte und Sorgen der Menschen zu vertreten. Ebenso trug er Botschaften von einem Gott zu einem anderen Gott, wenn die Götter untereinander zerstritten waren und nicht mehr miteinander reden wollten, war in der Vorstellungswelt der antiken Griechen recht häufig der Fall war. Aber er war eben auch der Schutzpatron des Handels und der Kaufleute, jeder Handel ist ja auch ein Austausch. Allerdings war er nicht nur der Schutzpatron der Kaufleute, sondern auch der Diebe. Ja, auch der Diebstahl ist ein Austausch, etwas geht von der einen Hand in eine andere Hand über. Und wir merken wieder: Der Götterbote ist hier neutral, er wertet nicht.

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Auch bei diesem Archetyp finden wir eine Entsprechung zu einem bestimmten Punkt im Zyklus der Jahreszeiten. Diesem Archetyp entspricht die Zeit von ca. 20. Mai bis ca. 20. Juni, also dem späten Frühling mit dem Übergang in den Sommer. Es ist die luftig-leichte Energie des frühen Sommers bzw. späten Frühlings, die diesem Archetyp besonders entspricht. Die Tage sind lang und hell und bieten viele Möglichkeiten für Aktivitäten und Gespräche, war der kontaktfreudigen Natur dieses Archetyps entgegen kommt.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 3. Haus, dem Tierkreiszeichen Zwilling und dem Planeten Merkur.

Fehlentwicklungen und reife Entwicklungsformen des Archetyps

Die Energie dieses Archetyps ist auf den Themen Kommunikation, Kontakte, flüssige Rede über Sachverhalte, lebendiger Austausch und schwunghafter Handel akzentuiert. Hier hat er seine Aufgabe, seine Rolle, seine Funktion.

Fehlentwicklungen der Energien dieses Archetyps

Bei einer Hemmung dieser archetypischen Energien wird alles angezweifelt. Ich vertraue dann nicht meinem eigenem Wissen oder zumindest nicht meiner Fähigkeiten, dieses Wissen effektiv in Worte zu kleiden. Aber ich vertraue diesbezüglich auch anderen nicht, dass sie echte Erkenntnisse oder wertvolle Informationen haben könnten. Im Extrem kann dies auch bedeuten, dass ich Angst habe, einen Gedanken zu Ende zu führen, was zu einer Konzentrationsschwäche und einer Zerfahrenheit im Denken und im Ausdruck führt.

Andere Formen der Fehlentwicklung dieser Energien kann sich etwa als gesteigerte Kritiksucht äußern oder auch als Geschwätzigkeit oder Rechthaberei. Ebenso wäre hier das Prahlen mit einem Wissen zu nennen, über das ich eigentlich nicht oder nicht in genügendem Maße verfüge. Auch eine bestimmte Form der Lüge wäre hier zu nennen, die sich eben aus der Unsicherheit über mein Wissen speist und die deshalb lieber irgendetwas erfindet, als sagen zu müssen "das weiß ich nicht".

Die reife Entwicklung der Energien dieses Archetyps

Die reife Form, man könnte vielleicht sogar sagen die "erlöste" Form der Energien dieses Archetyps lässt sich durch zwei Worte kennzeichnen: Wahrheit und Klarheit. Wahrheit – oder Wahrhaftigkeit – und Klarheit sowohl in meinem Denken wie auch in meinem Ausdruck.
Was die Entwicklung der Wahrhaftigkeit im Denken und Sprechen angeht, scheint mir der erste und wichtigste Schritt, gleichzeitig aber auch der schwierigste Schritt zu sein, der Versuchung zu widerstehen, sich selber etwas vorzumachen. Meine Vermutung ist, dass Unaufrichtigkeit mir selbst und anderen gegenüber auf die Dauer zu einer Verminderung der Lebenskräfte führt. Wenn an dem Gedanken etwas Wahres ist, könnte man die empfundene Lebensenergie als Indikator nehmen. Wenn ich mich also ab und zu frage, ob bestimmte Gedanken oder Äußerungen mich schwächen oder mich kraftvoller machen, könnte dies ein Wegweiser zu mehr Wahrhaftigkeit sein.
Bezüglich der Entwicklung von Klarheit im Denken und Sprechen mag die Vorstellung hilfreich sein, dass ich mich mit meinen Informationen oder meinem Wissen an einen halbwegs aufgeweckten Achtjährigen wende. Mein Denken und mein Sprechen sollten (idealerweise) also so gestaltet sein, dass es von diesem Achtjährigen ohne Mühe verstanden werden kann.