Der zehnte Archetyp: Der Prüfer

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Mit dem zehnten Archetyp begegnen wir einer inneren Gestalt, die in aller Regel erst einmal als unangenehm erlebt wird. Manchmal wird sie nicht nur als unangenehm, sondern auch als ausgesprochen unfreundlich um nicht zu sagen feindselig mir gegenüber empfunden. Diese innere Gestalt in jeder Seele prüft mich, wie man so sagt, auf Herz und Nieren. Und diese Prüfung ist hart, unbestechlich und mitleidlos. Genüge ich der Prüfung nicht, werde ich zurückgewiesen ohne jede Beschönigung. Nur wenn ich der Prüfung genüge, wenn ich reif genug bin, werde ich durchgelassen.

Aber wohin überhaupt werde ich durchgelassen im Erfolgsfall? Welche Tür wird hier bewacht, welche Schwelle gehütet? Mit dem Themen- und Zuständigkeitsbereich dieses Archetypen betreten wir auch eine ganz neue Welt, einen ganz anderen Bereich des Seins. Es ist ein Bereich, wo unser subjektives Wollen, unsere Bestrebungen und Gefühle keine große Rolle mehr spielen. Wir betreten mit diesem Archetyp und auch mit den zwei noch folgenden den Bereich des Schicksals – oder wie man in früheren, antiken Kulturen gesagt hätte, wir betreten hier den Bereich der Götter.
Und das ist die Schwelle, die hier gehütet wird: Wenn wir reif genug sind, dann werden wir durchgelassen in einen Bereich, in dem wir die überpersönlichen Kräfte zumindest schauen können.

Das Ende der Subjektivität

Eigentlich kann man – als Mensch – kaum etwas über den Zuständigkeitsbereich dieses Archetyps sagen, was nicht unzureichend wäre, weil es eben aus einer menschlichen Perspektive heraus gesagt werden muss. Und obwohl es nicht wirklich zureichend gesagt werden kann, muss es doch versucht werden, es zu sagen. Jetzt ist schon zwei Mal von „muss“ die Rede gewesen. Diese Modalität des „Müssens“, etwas dem wir nicht entkommen, ob wir wollen oder nicht, ist kennzeichnend für den Themenbereich, der hier verwaltet wird. Es geht um das Schicksal, dem wir nicht entkommen. Konkret geht es dabei um mein besonderes Schicksal. Spürst du, liebe Leserin und lieber Leser, in dem „muss“ eine gewisse Härte und auch eine gewisse Kälte, einen gewissen Zwang? Ich fürchte, dies spürst du zu Recht.

Es ist jedem der zwölf Archetypen eigen, dass sie etwas berühren in uns, was größer ist als jeder einzelne Mensch. Die Qualitäten, die in den Archetypen verkörpert werden, sind generell kollektiv, also überindividuell. Aber die ersten neuen Archetypen thematisieren kollektive Themen, die aber eben immer noch menschliche Themen sind. Ab diesem zehnten Archetypen haben wir es mit dem Bereich des Schicksals zu tun und damit mit dem Bereich des im Wortsinne Übermenschlichen. Das ist nicht leicht zu verstehen …

Die Verantwortung

Gehen wir noch einmal zurück zum Anfang. Es geht hier um eine Prüfung. Aber was wird hier geprüft? Geprüft wird hier meine Verantwortung. Kann ich die Verantwortung übernehmen für meine Handlungen und meine Entscheidungen in der Vergangenheit? Und kann ich auch die Verantwortung übernehmen für das, was mit zustößt im Leben ohne Resultat meiner Entscheidungen oder Handlungen gewesen zu sein?

Bei einer Prüfung geht es ja darum: Bin ich reif für Aufgaben oder auch Tätigkeiten, die eine gewisse Verantwortung beinhalten. Bei der Führerscheinprüfung geht es darum, ob ich ein Fahrzeug verantwortlich führen kann im Straßenverkehr. Bei einer Abschlussprüfung im Rahmen einer Ausbildung geht es darum, ob ich diesen Beruf verantwortlich ausfüllen kann.

Ich unterziehe mich dieser Prüfung, um für etwas zugelassen zu werden, um eine bestimmte Schwelle überschreiten zu dürfen. Auf diese Prüfung muss ich mich ernsthaft vorbereiten. Diese Zeit der Prüfungsvorbereitung verlangt von mir eine Konzentration auf diesen einen, wesentlichen Punkt. Alles andere muss ich eine Zeit lang bei Seite lassen. Dies ist eine karge Zeit, oft auch eine sehr beschwerliche Zeit.

Und am Ende zählt nur, ob ich genügend Verantwortung tragen kann. Der Prüfer, dem wir in Gestalt dieses Archetyps gegenüber stehen, ist unbestechlich. Wir wissen, wir können ihm nicht mit Ausreden kommen, warum wir uns leider nicht genügend vorbereiten konnten auf die Prüfung. Wenn wir in den Augen des Prüfers nicht bestehen, könnten wir ihn auch nicht mit Tränen umstimmen. Der Prüfer handelt nur nach dem Gesetz: Hart, unbeeinflussbar und manchmal – so scheint es uns – auch unbarmherzig.

Nein, mit dieser inneren Gestalt können wir uns wirklich nicht leicht anfreunden.


Der Archetyp „Der Prüfer“ in der bildlichen Darstellung

Betrachten wir auch hier wieder, wie sich das Wesen dieses Archetyps in einem künstlerischen Ausdruck gestalten kann.

Hier haben wir zunächst das Beitragsbild. Das Zentrum des Bildes ist in grau gestaltet, also farblos, nicht gerade der Inbegriff der Lebensfreude. Wir sehen hier eine steile Felslandschaft, nur karger Stein und ein steiler, aber schmaler Pfad. Diesen Gipfel zu erklimmen, erfordert Ausdauer und die Bereitschaft für eine entbehrungsreiche Zeit. Wir müssen dazu die Qualitäten des Steinbocks in uns finden, der in dieser Landschaft gut zu Recht kommt. Im Titelbild sehen wir in der Mitte unten jemanden, der seinen Rucksack geschnürt hat und im Begriff steht, die Bürde dieses Weges auf sich zu nehmen. Er blickt auf den vor ihm liegenden Weg durchaus mit Respekt – und vielleicht auch mit etwas Bammel vor diesem steinigen Weg? Oben, am Ende des Weges wartet eine Gestalt, die ebenfalls in grau gehalten ist. Sie ist alt mit einem langen Bart. Man kann hier die Assoziation einer grauen Eminenz haben, jemand, der unauffällig aber wirksam die Dinge im Hintergrund steuert und die Fäden in der Hand hält.

Was lockt dann aber überhaupt, diesen grauen Gipfel über seinen steinigen und entbehrungsreichen Weg erklimmen zu wollen? Im Zentrum des Bildes ist angedeutet, dass erst von diesem Gipfel aus, der Regenbogen zu sehen ist, mit dem wieder Farbe in das Leben kommt. Vom Gipfel aus sehen wir aber nicht nur den Regenbogen, wir sehen auch einen Menschen, einen Krieger, der über die Brücke des Regenbogens einen Bereich jenseits der Wolken betritt, während ihm aus den Wolken heraus eine Gestalt aus diesem jenseitigen Bereich hilfreich den Arm reicht.

Im linken Bereich des Bildes sind ebenfalls die Härten des Lebens symbolisch angedeutet. Da ist die alltägliche Arbeit mit ihrer mitunter freudlosen Pflichterfüllung, wir sehen hier das gestrenge Gesetz und die noch gestrengere Anwendung des Gesetzes, wie sehen die langen Leitern mit denen graue Berge zu erklimmen sind.

Im rechten Bereich wird die Symbolik von grauen und steinigen Wegen noch angereichert durch verschiedene Symboliken des Todes. Und der Tod ist natürlich auch eine Schwelle, ein Übergang. Und oft sind mit diesem Übergang Vorstellungen verbunden, das hier noch einmal im Rückblick geprüft wird: Wie verantwortungsvoll habe ich gelebt und wie gut habe ich meine Gaben genutzt?



Karte "Der Meister" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Die Symbolonkarte „Der Meister“ zeigt uns eine ähnlich gelagerte bildliche Verkörperung dieses Archetyps. Wir sehen hier einen alten, gelehrten, weisen Mann vor dem Hintergrund einer kargen Gebirgslandschaft. Der alte Mann selber ist auch karg um nicht zu sagen verknöchert. Er zeigt etwas auf mit seinem mahnenden Zeigefinger, der Finger der anderen Hand verweist auf etwas, was man in alten Büchern geschrieben steht. Zu seinen Füßen finden wir hier die Sanduhr als Symbol für die Zeit und den Totenkopf, auch hier ein Verweis auf die Endlichkeit des Lebens.

Und erst hinter dieser kargen Landschaft mit ihren alten Gesetzten und Regeln erscheint, aber transparent und irgendwie unwirklich, ein lichtvoller und auch farbiger Bereich, aus diesem steigt die Krone der Meisterschaft auf. Wir können also von dieser kargen Landschaft aus und über die Gipfel hinweg ein Blick werfen in einen Wirklichkeitsbereich, der aber jenseits unserer Lebenswirklichkeit liegt. Wir können von hier aus allerdings sehen, dass es diesen jenseitigen Bereich gibt, auch wenn wir ihn nicht ergreifen können.


Der Archetyp „Der Prüfer“ als Personifizierung

Wenn wir uns diesen Archetyp als Person, als reale Verkörperung vorstellen, dann müssen wir unbedingt an einen alten Menschen denken. Es kann dies ein alter Mann oder eine alte Frau sein, in dem Bereich, der mit diesem Archetyp betreten wird, spielt das Geschlecht keine Rolle mehr.

Aber diesen alten Menschen müssen wir uns vorstellen als Jemanden, der im Alter von einem Leben in Askese gezeichnet ist und nicht von einem Leben in Fülle und Ausschweifung. Wir müssen uns hier einen alten Menschen vorstellen, der schon sehr früh sein Leben in den Dienst einer höheren Ordnung gestellt hat. Die Aufgabe dieser Gestalt ist es, uns an die Gesetzmäßigkeiten dieser höheren Ordnung zu gemahnen und darauf aufmerksam zu machen, wenn wir davon abgewichen sind. Diese höhere Ordnung können wir nicht wirklich verstehen, aber diese innere Gestalt in uns kann das, wir können diese Ordnung nur als Schicksal benennen. Und das einzige, was dieses innere Gestalt von uns will, ist dass wir anerkennen, dass es so etwas wie Schicksal gibt und das wir „JA“ dazu sagen, wie immer es für uns ausfallen mag, insbesondere, dass wir zu den schweren Aspekten unseres Schicksals „JA“ sagen.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Fassen wir also noch einmal zusammen, mit welchen Qualitäten wir es zu tun bekommen, wenn dieser Archetyp in uns sich regt.

Der Prüfer – Der Hüter der Schwelle

Diese innere Gestalt prüft immer wieder einmal unseren Reifegrad und unsere Fähigkeit, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Nur wenn wir die Prüfung bestehen, werden wir über die Schwelle gelassen – in einen nächsten Lebensabschnitt.

Die Verbindung mit dem Schicksal

Dieser Archetyp in unserer Seele verbindet uns auch mit unserem Schicksal und erinnert uns an das Wirken schicksalshafter Kräfte. Wenn diese Gestalt danach fragt, wie es um unsere Verantwortung bestellt ist, geht es nicht nur um die Verantwortung für unsere Handlungen oder auch unsere Unterlassungen. Es geht auch um die Frage: Kannst du verantworten – im Sinne von: Kannst du antworten auf – die Dinge, welche dir schicksalhaft zustoßen, welche sich ereignen in deinem Leben auch außerhalb deines Einflussbereiches. Und dabei geht es nicht um irgendein Schicksal, sondern es geht um dein jeweils besonderes Schicksal. Dieser Archetyp stellt dabei an uns die Frage: Kannst du dein Schicksal annehmen und bejahen, in allen Aspekten, auch und gerade in den schweren Aspekten.

Die Verbindung mit den Ahnen

Ein wesentlicher Teil meines Schicksals ist natürlich die Zeit, in welche ich hineingeboren werde und vielleicht noch wesentlicher, die Herkunftsfamilie, in welche ich hineingeboren werde. Diese innere Gestalt erinnert an diejenigen, die mir vorausgegangen sind und die meine Existenz überhaupt erst ermöglichten. Und hier stellt diese Gestalt die Frage: Kannst du die Ahnen ehren und würdigen? Kannst du aus dem, was du von Ihnen bekommen hast, etwas machen?

Die (höhere) Ordnung

Diese Instanz in uns erinnert uns daran, dass es eine höhere Ordnung gibt, welcher wir unterliegen. Aus dieser Ordnung ergeben sich Gesetze oder sagen wir besser Gesetzmäßigkeiten. Die Gesetze, über welche diese innere Person wacht, sind anders als menschengemachte Gesetze, welche per Übereinkunft geändert werden können. Sie sind eher wie die physikalischen Naturgesetze. Diese innere Person möchte, dass wir im Einklang mit der höheren Ordnung leben. Und sie meldet sich mahnend, wenn wir gegen die höhere Ordnung verstoßen. Mögen wir sie dafür? Natürlich nicht!

Mein Gesetz

Aus den bislang angedeuteten Gegebenheiten von Schicksal und (höherer) Ordnung ergibt sich etwas, sozusagen als Ausfluss, was sehr individuell und persönlich ist. Es geht hier auch um eine Art Gesetz, aber nicht um die Art Gesetz wie sie etwa im Strafrecht oder im bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt sind. Hier geht es um mein Gesetz und auch um mein Schicksal, um den Kern meines Wesens, um die nur mir eigene Kombination von Neigungen und Talenten. Goethe nennt dies „das Gesetz, nach dem du angetreten“ bist und er fährt fort: "So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen"1.
Wir werden in der Gestalt dieses Archetyps mit der Frage konfrontiert: Lebst du dein Gesetz? „Wucherst du mit deinen Talenten?“ ist die Form derselben Frage, welche in der Bibel im Neuen Testament im Gleichnis von den anvertrauten Talenten2 gestellt wird.

Die Reduktion auf das Wesentliche

Ein Wesenszug dieser inneren Gestalt ist das Karge, um nicht zu sagen Asketische. Es geht hier um eine Beschränkung auf das Wesentliche, um das beiseitelassen aller Ausschmückungen und aller Nebensächlichkeiten. Den beschwerlichen und steinigen Weg im Hochgebirge beschreitet man nicht im Ballkleid und nicht mit tänzerischen Bewegungen. Hier wirkt das Prinzip der Konzentration, nicht das Prinzip der Expansion.

Die Bewahrung der Tradition

Wenn dieser Archetyp über eine überzeitliche Ordnung wacht, dann wacht er damit gleichzeitig über die Bewahrung der nützlichen Traditionen, derjenigen Traditionen, welche den „Test der Zeiten“ überstanden und sich bewährt haben und welche daher nicht leichtsinnig über Bord geworfen werden sollten.

Das Tragen der eigenen Last

Diese innere Gestalt hat zutiefst damit zu tun, wie wir den Beschwerlichkeiten des Lebens begegnen, wie wir die Bürde tragen, die uns aufgegeben ist. Die zentrale Frage ist hier: Tragen wir diese Bürde mit Würde?

Die Krisenbewältigung

Uns erscheint diese innere Person immer besonders deutlich, wenn wir von Schicksalsschlägen betroffen sind und wenn wir uns in einer persönlichen Krise befinden. Wenn wir die Krise bewältigen, wie schwer sie auch sein mag, machen wir einen Entwicklungsschritt. Wir werden weiser. (Und ja: Auch älter.)

Die Begegnung mit dem Tod

Diese Teilperson in unserer Seele erinnert uns auch beständig an die Endlichkeit unseres Lebens und damit erinnert sie an den Tod, der als einziges sicher ist im Leben. Und diese Person möchte, dass wir uns schon zu Lebzeiten mit dem Tod vertraut machen als einem lebenslangen Begleiter – und im besten Fall als Freund.

Die Zustimmung zum Schicksal

Letztlich lassen sich alle diese Punkte vielleicht verdichten zu der Frage: Kann ich meinem Schicksal zustimmen, so wie es ist? Kann ich gerade auch die schweren Aspekte dabei bejahen und annehmen? Und vielleicht als letzte Konsequenz: Kann ich mich vor dem Schicksal und seinem Wirken einfach in Demut verneigen?

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Jahreszeitlich entspricht diesem Archetyp die Zeit zwischen ca. 20. Dezember und ca. 20. Januar. Die Jahreszeit dieses Archetyps startet mit der größtmöglichen Verdichtung und Beschränkung des Lichts. Es ist der Beginn des Winters, die Landschaften sind karg und kalt, der nächste Frühling erscheint weit weg. Es ist eine Zeit der Einschränkungen auch im Angebot der Nahrung. Und hier erweist sich, wie verantwortungsvoll die Vorbereitung auf diese karge Zeit in den vorangegangenen Jahreszeiten war.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 10. Haus, dem Tierkreiszeichen Steinbock und dem Planeten Saturn.

Die Schattenseite dieses Archetyps

Die unerlöste Seite dieses Archetyps zeigt sich immer dann, wenn das Prinzip der Beschränkung in die Erstarrung führt, wenn die Lebendigkeit sozusagen einfriert. Die Prinzipien, welcher dieser Archetyp in uns verkörpert, erscheinen uns dann als lebensfeindlich, als gegen das Leben gerichtet.

Natürlich ist dies ein Missverständnis. Dieser Archetyp möchte nicht, dass wir verknöchern oder versteinern. Er möchte lediglich, dass wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung und Lebensfreude schließen sich nicht gegenseitig aus. Es ist nur so: Für Lebensfreude ist dieser Archetyp eben nicht zuständig, dafür haben andere Archetypen ihren Zuständigkeitsbereich.

  1. Zu finden in den fünf Strophen mit dem Titel "Urworte.Orphisch". Die erste Strophe lautet:
    Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen
    ,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
    Geprägte Form, die lebend sich entwickelt
    .
    (https://www.deutschelyrik.de/urworte-orphisch.356.html ) ↩︎
  2. Die Bezeichnung "Talent" verweist neben der heutigen Bedeutung i.S.v. Begabung auch auf eine Währungseinheit in der Antike, eine bestimmte Menge an Silber. ↩︎

Der neunte Archetyp: Der Seelsorger

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Die neunte innere Gestalt in jedem von uns kümmert sich um die Belange der Sinnfindung, Sinnstiftung und um das Seelenheil, was in gewisser Weise dasselbe ist, weil die Seele heil wir, soweit sie Sinn findet. Wenn diese innere Teilperson sich zurückzieht oder – aus welchen Gründen auch immer – sich nicht mehr bemerkbar machen kann, dann erfahren wir etwas, was als die „dunkle Nacht der Seele“ bezeichnet wird.

Wir könnten diese innere Person auch als den inneren Priester oder den inneren Psychotherapeuten bezeichnen oder auch als den inneren Philosophen. In früheren Zeiten haben sich Menschen mit den fundamentalen Fragen und Problemen der Existenz an Priester (Seelsorger) gewandt, in neuerer Zeit haben eher Psychotherapeuten diese Funktion übernommen. Auch gute Ärzte hatten und haben mitunter diese Funktion in dem klaren Verständnis darüber, dass eine wirkliche Heilung von körperlichen Gebrechen ohne eine Heilung der Seele selten möglich ist.

Das Wesen des Geistes

Diese Gestalt in uns gehört zutiefst in den Bereich des Geistigen, sie ist der Endpunkt und die Vervollkommnung des Geistigen. In dieser Person verbinden sich Mythos und Logos. Sie verbindet die Vernunft mit der tiefen Weisheit der Legenden. Und sie verbindet uns mit dem Höheren, mit wirksamen Kräften die wir eher erahnen als wirklich verstehen können. Diese innere Gestalt widmet sich also in uns der „religo“ im ursprünglichen Wortsinne, nämlich der Rückverbindung des Menschen mit etwas Höherem, was über ihn selbst hinausweist.    
In seinem Verständnis für die Bedeutung des Mythos schlägt dieser Aspekt in uns die Brück zur Welt der Götter. Tatsächlich wird diese geistige Gestalt oft etwas göttlichem in Verbindung gebracht. Aber dann nicht mit irgendeinem Gott, sondern mit dem Göttervater, mit Zeus oder Jupiter oder Thor.

Die Art, wie diese Gestalt sich dem Geistigen widmet, ist aber völlig anders als beim zuletzt beschriebenen achten Archetypen, dem inneren Ideologen. Während der achte Archetyp mich bindet an eine Idee oder ein geistiges Konzept und mich daher geistig fokussiert und verengt, geht es beim neunten Archetyp um die geistige Weite. Der neunte Archetyp ist immer auf der Suche nach neuen Ideen und Aspekten in der Welt des Geistigen. Er bindet sich nicht – und bindet uns damit nicht – an eine bestimmte Idee. Dieser Archetyp präsentiert uns Standpunkte und Sichtweisen, ohne an einen bestimmten Standpunkt verhaftet zu sein. Er steht damit immer ein wenig neben diesen Standpunkten und Betrachtungsweisen, er nimmt sie nicht zu ernst. Das verschafft diesem Archetyp auch eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den geistigen Inhalten, welche dem achten Archetyp völlig fehlt.

Obwohl dieser Archetyp der Welt des Geistigen angehört und eigentlich die Vollendung des Geistigen verkörpert, ist er der Welt des Materiellen mit seinen Freuden und Genüssen überhaupt nicht abgeneigt gegenüber. Dieser Archetyp verkörpert eben auch die Daseinsfreude mit allem, was dazu gehört. Diese innere Gestalt ist optimistisch, zuversichtlich und durchaus empfänglich für Humor. Sie ist flexibel, lebensbejahend mit einer Neigung zum Visionären. Sie ist großzügig, weil sie sowieso nur in den großen Linien denkt. Sie ist tolerant, weil sie verschiedenste Weltsichten nebeneinander stellen und gleichermaßen gelten lassen kann.

Die Sinnfrage

Dieser Archetyp ist immer auf der Suche nach Sinn, nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit und daher auch immer auf der Suche nach dem Neuen, nach dem Unbekannten, dem noch nicht Erfahrenen. Auch hier ist ein fundamentaler Unterschied zum achten Archetyp. Der achte Archetyp bindet uns an ein Konzept weil er uns vermittelt, mit diesem gedanklichen Konzept ist alles erklärt, ist alles abgeschlossen – mehr gibt es nicht zu wissen und zu verstehen. Der neunte Archetyp weiß bei jeder Einsicht, dass diese vorläufig ist. Er weiß, dass es noch viel mehr zu verstehen und entdecken gibt und er hat eine innere Freude daran, Dinge in einem anderen und neuen Licht zu sehen.

Daher ist dieser Archetyp auch sehr daran interessiert, fremde Kulturen, fremde Länder und fremde Weltanschauungen kennen zu lernen und diese zu verstehen. Ihn interessiert weniger das Bekannte, sondern das Unbekannte. Wir hatten schon gesagt, hier geht es um geistige Weite, nicht Verengung. Wir könnten auch sagen: Die geistige Horizonterweiterung ist das eigentliche Lebenselixier dieses Archetypen.

Er kann alles verstehen und damit auch sehr nachsichtig mit den menschlichen Schwächen sein. Der Archetyp ist durchaus begeisterungsfähig, die visionäre Begeisterung kann durchaus enthusiastisch oder ekstatisch sein.

Wenn dieser Archetyp uns für etwas, für bestimmte Einsichten und Weisheiten begeistert, dann erzeugt er in uns auch die Neigung, diese Einsichten verkünden zu wollen. Erfasst von einer neuen Perspektive, wollen wir diese enthusiastisch allen anderen Menschen mitteilen. Im Englischen gibt es dafür den Ausdruck „to shout it from the rooftops“, was eine anschauliche Beschreibung des inneren Zustandes ist, wenn wir von einer für uns neuen und bedeutsamen Erkenntnis erfasst werden. Natürlich können wir das nicht für uns behalten, jeder muss davon erfahren! Und in diesem Zustand können wir gar nicht anders, als auch anzunehmen, ein jeder will es auch erfahren.

Dieser Archetyp verbindet in uns die Höhen und die Tiefen der menschlichen Existenz und versöhnt uns mit Beidem.


Der Archetyp „Der Seelsorger“ in der bildlichen Darstellung

Betrachten wir auch hier wieder, wie sich das Wesen dieses Archetyps in einem künstlerischen Ausdruck gestalten kann.

Hier haben wir zunächst das Beitragsbild. Im Zentrum des Bildes steht eine mythologische Figur, der Zentaur Chiron. Diese legendäre Gestalt, körperlich halb Mensch und halb Pferd, galt bei den antiken Griechen als Lehrer von Achilles, Äskulap, Herkules, Orpheus und einigen anderen mehr. Er war kultiviert, weise, gebildet, ein Lehrmeister der Heilkunde und selber der größte Heiler1. Er erfand Pfeil und Bogen und beherrschte sie meisterlich, das bedeutet, er traf immer. Die körperliche Erscheinung verweist darauf, dass er nicht nur geistiger Größe erlangt hatte, sondern immer noch im Körperlichen verbunden und verankert war und hier sogar mit einer besonderen Kraft, mit der Kraft des Pferdes, welche die menschliche Kraft bei weitem übersteigt.

Die Mittelachse des Bildes, dessen Zentrum der Zentaur Chiron darstellt, verbindet das Oben mit dem Unten. Es verbindet die Wurzeln in der Erde, die vom Wasser genährt werden, mit den Göttern im Himmel, hier mit Göttervater Zeus, der Blitze in die Welt schleudert. Blitze sind ein besonders hochenergetisches Phänomen.

Im linken Teil finden wir die Verkündung einer Botschaft und die Begeisterung bis hin zur Ekstase, von der Menschen durch die Botschaft erfasst werden können. Auf der rechten Seite des Bildes finden wir die Phänomene der Vision wie auch der meditativen Erleuchtung, die Verbindung mit etwas Heiligem, bei welchem aber auch das Scheinheilige nie weit entfernt ist. Ein letzter Aspekt in dem Bild sei hier erwähnt: Es ist eine Orgel als Musikinstrument abgebildet. Und tatsächlich verkörpert im Bereich der Musikinstrumente keines die hier beschriebenen Prinzipien so sehr wie die Orgel. Hier geht es um die Weite und die weiten geistigen Räume. Und kein Instrument kann große und weite Räume, ganze Kathedralen so sehr mit Klang füllen wie eine Orgel. Und dieses Instrument finden wir fast nur in Kirchen, kaum ein Instrument sonst hat so eine enge Verbindung zum geistigen (geistlichen).



Karte "Der Verkünder" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

In der Symbolonkarte zu diesem Archetyp finden wir einen Priester in einer segnenden Pose. Wenn wir auf die Symbole in seinem Umfeld schauen, sehen wir aber, dass es sich hier nicht um den Vertreter einer bestimmten Religion handelt, wir finden hier Symboliken aus verschiedensten religiösen und spirituellen Traditionen. Ich hatte die Pose eben als segnend beschrieben, aber wir können genauso gut sagen, es ist eine Verkünder-Pose.

Seine Kleidung trägt die Insignien seines Amtes und sein Amt ist es, ein Pontifex, ein Brückenbauer zu sein. Er verkörpert die Brücke zwischen dem menschlichen und dem Göttlichen. Die Grundfarbe der Amtskleidung ist lila, hier mischen sich rot und blau, die Farben des Feuers und des Wassers.

Der Gesichtsausdruck der Person könnte als verklärt interpretiert werden. Wir können aber auch, wenn wir es so sehen wollen, Überheblichkeit und Anmaßung in den Gestus hinein interpretierten. Und das ist es auch, was sicherlich geschieht, wenn der Pontifex in der Amtsausübung vom eigenen EGO ergriffen wird.


Der Archetyp „Der Seelsorger“ als Personifizierung

Wenn wir uns diesen Archetyp als Person, als reale Verkörperung vorstellen, dann müssen wir unbedingt an einen nicht mehr ganz jungen Menschen denken, an eine Person … sagen wir einmal, jenseits der Fünfzig2. Und diese Person darf durchaus etwas fülliger sein, jedenfalls kein magerer Asket, diese Person ist dem sinnlichen Genuss von gutem Essen durchaus nicht abgeneigt. Und wir dürfen uns diese Person auch mit kleinen Lachfältchen um die Augen vorstellen, auch für einen guten Witz ist diese Person immer zu haben, der Witz darf sogar auf die Kosten dieser Person gehen, er muss nur gut, also inspirierend sein.

Diese Person ist in ihrem Charakter offen und vielseitig interessiert und vor Allem ist sie offen für jeden neuen Gesichtspunkt und für jede originelle Ansicht. Die Person müssen wir uns tolerant und verständnisvoll vorstellen, in jedem Fall aber abgeneigt gegenüber jeglicher Kleinlichkeit. Ihr Interesse gilt den großen Zusammenhängen. Sie weiß, dass sie Vieles (noch) nicht weiß und das treibt sie an. Der Ausspruch „Ich weiß, dass ich Nichts weiß“ könnte ihr Lebensmotto sein. Diese Person lebt vom Austausch von Gedanken, aber nicht vom Streit.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Fassen wir also noch einmal zusammen, mit welchen Qualitäten wir es zu tun bekommen, wenn dieser Archetyp in uns sich regt.

Die geistige Weite

Dieser inneren Person geht es darum, alle Facetten des Geistigen kennen zu lernen und nach Möglichkeit zu verstehen. Jegliche Begrenzung auf ein gedankliches System ist ihr fremd und eigentlich auch zuwider. Die geistige Bewegung ist eine der Expansion, sie möchte am liebsten Alles in sich aufnehmen.

Die Verbindung zum Höheren

Diese innere Person verbindet unseren Alltag mit höheren um nicht zu sagen höchsten Prinzipien, mit den Grundsätzen der Schöpfung. Wenn dies gelingt, wird es als befriedigend und sinnstiftend empfunden.

Das Wahre, Schöne und Gute

Diese innere Person ist dem Wahren, Schönen und Gutem verpflichtet und ist bestrebt, es überall zu entdecken.

Glaube und Hoffnung

Diese innere Person ist im Kern optimistisch. Sie glaubt nicht, weil es irgendjemand so befohlen hat, sondern aus innerer Überzeugung. Der Satz „am Ende wird alles gut“ oder auch „wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“ könnte von dieser inneren Person erfunden worden sein.

Die Toleranz

Die Grundessenz dieser inneren Gestalt ist es, möglichst viele Standpunkte und Ansichten kennen und verstehen zu lernen. Und wer vieles versteht und verstehen möchte, wird sich nicht selber an einen bestimmten Standpunkt oder eine bestimmte Sichtweise binden. Dieser Archetyp kann verschiedene – auch gegensätzliche – Ansichten nebeneinander stehen und gelten lassen.

Wer bin ich?

Diese innere Gestalt ist für die Fragen zuständig „Wer bin ich?“ oder auch „Wo komme ich her?“, „Wo geht ich hin?“ und letztlich die Frage „Was soll das Ganze überhaupt?“. Wichtig ist: Dieser innere Anteil trägt dafür Sorge, die Frage selber lebendig zu halten. Ja, natürlich sucht sie auch Antworten auf die Fragen. Aber sie weiß, jede Antwort ist vorläufig. Die Frage selber ist wichtiger als die Antwort, die Frage hält die Suche aufrecht.

Die Berufung

Sehr eng verbunden mit dem Punkt „Wer bin ich?“ ist natürlich auch die Frage nach der Bestimmung oder auch der Berufung in meinem Leben.

Die Sinnstiftung

Im Kern geht es für diese innere Person darum, Sinn zu finden und Sinn zu stiften. Man könnte sagen, hier haben wir die zusammenfassende Formulierung für alle vorgenannten Punkte. Aber eigentlich geht es noch weiter: Die Suche nach dem Sinn ist es, was alle oben genannten einzelnen Aspekte verbindet. Die Suche nach Sinn ist das Wesensmerkmal dieser seelischen Gestalt.

Wenn dieser Archetyp sich zurückzieht

Am deutlichsten bemerken wir diesen inneren Anteil, wenn er fehlt oder besser gesagt: Sich zurückgezogen hat. Dann erleben wir die „dunkle Nacht der Seele“, nichts ist mehr sinnvoll, wir fallen in ein schreiendes Nichts.

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Jahreszeitlich entspricht diesem Archetyp die Zeit zwischen ca. 20. November und ca. 20. Dezember. Es ist die letzte Zeit vor der Wintersonnenwende. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Aber noch viel mehr wissen wir auch: Jedes Ende ist ein Neubeginn. Nach der Wintersonnenwende werden die Tage wieder länger. Das neue Jahr steht vor der Tür, das Neue verleitet zu Plänen und Visionen, wie die neue Zeit nach der Wende sinnstiftend genutzt werden kann. Der Zentaur Chiron in uns zielt mit seinem Pfeil auf das Neue, es entstehen Ziele vor unserem geistigen Auge, welche die erahnte neue Zeit sinnvoll gestalten sollen.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 9. Haus, dem Tierkreiszeichen Schütze und dem Planeten Jupiter.

Die Schattenseite dieses Archetyps

Die Schattenseite dieses Archetyps lässt sich auf einen Punkt bringen: In der fehlentwickelten Form haben wir es hier mit einem unerträglichen Besserwisser zu tun. Ja, er ist vielleicht vielseitig interessiert und hat sich mit vielem schon befasst – aber hier meint er nicht nur einiges zu wissen, er vermeint alles zu wissen und vor allem alles besser zu wissen als jeder andere.

Besonders schädlich wird dies, wenn das, was dieser Archetyp in uns zu wissen vermeint, nicht wirklich selbst durchlebte Erkenntnis ist, sondern nur angelesenes Zeug, fremdgeborgte Inspiration, nur halbverstandene Weisheit.

Allerdings: Mein Verdacht ist, wenn uns dieser Archetyp in seiner Fehlentwicklung begegnet, sei es bei uns selber oder bei anderen Personen, in diesen Fällen hat er in seinem Rucksack noch einen ganz anderen Archetyp, der ihn von hinten steuert, nämlich den fünften Archetyp, das EGO.

  1. Dass Chiron in der antiken griechischen Mythologie nicht nur ein Heiler ist, sondern selber eine große Wunde in sich trägt, ist ein anderer Aspekt dieses Mythos, der aber im Zusammenhang mit dem neunten Archetyp nicht zentral ist. Chiron ist der verwundete Heiler, der Alles und Jeden heilen kann, nur sich selber nicht. ↩︎
  2. Wenn diese innere Gestalt in einem sehr jungen Menschen deutlich vernehmbar und im Vordergrund agiert, ist sich doch immer jenseits der Fünfzig, auch wenn sie z.B. in einem Jugendlichen sich regen sollte. ↩︎

Der fünfte Archetyp: Der König

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Im Ensemble der inneren (Teil)Personen haben wir es hier mit der Hauptrolle schlechthin zu tun. Es geht hier um die beherrschende Figur, die im Zentrum der Aufmerksamkeit des gesamten Stückes steht, welches hier aufgeführt wird und das ich mein Leben nenne. Hier ist das Zentrum des Dramas, sozusagen das Auge des Orkans. Und doch kann es gut sein, dass man diese innere Person gar nicht als solche erkennt, als eine der handelnden Teilsubjekte in meinem Inneren neben anderen. Das Motto dieser inneren Person lautet nämlich: "Ich bin!" Und so könnten wir meinen, diese Person, das bin doch ich! Das ist doch nicht ein Teil von mir, das ist doch das Ganze! Aber weit gefehlt: Auch dies ist nur ein Teil, wenn auch der zentrale Teil. Sein Name lautet auch: Das EGO. (Dies muss immer in Großbuchstaben geschrieben werden.) Und EGO ist natürlich die lateinische Bezeichnung für "Ich", daher die Verwechslung dieses Teils mit dem Ganzen. Wie gesagt: Wir haben hier die Hauptrolle des Stückes. Und diese Hauptrolle ist männlich.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum wir vielleicht denken, wir hätten diese Teilperson, den inneren König, gar nicht. Das EGO hat in manchen intellektuellen oder spirituellen Kreisen einen schlechten Leumund. EGO, da klingt doch sehr mit, man sei egoistisch. Und das wollen wir keinesfalls sein. Wir wollen doch nicht herrschen, andere beherrschen. Wir doch nicht. Und doch: Niemand kommt ohne das EGO aus. Der Wahn, ich habe mein EGO überwunden, ist der cleverste Trick des EGOs. Sagen wir es deutlich: Ohne EGO geht es nicht – für niemanden. Irgendjemand im Ensemble meiner Teilpersonen muss die Richtlinienkompetenz haben, so wie sie der Bundeskanzler / die Bundeskanzlerin gegenüber den Kabinettministern innehat und ausübt. Bei dieser Macht, dieser Herrschaft, geht es in erster Linie um die Herrschaft den anderen inneren Bestrebungen gegenüber.

Aber lassen wir auch hier wieder zunächst die Bilder sprechen. Im Titelbild zu diesem Beitrag finden wir in der Mitte, im Zentrum des Bildes einige Symbolisierungen für diesen Archetyp in seiner wohlgestalteten Form. Von unten nach oben sehen wir König Artus im Zentrum seiner Ritter der Tafelrunde. Er ist hier "primus inter pares", Erster unter Gleichen. Es sind alles edle Leute (Edelleute), aber die Person in der Mitte ist mit einer besonderen Würde behaftet, es ist eine Ehrenposition. Als weiteres Symbol finden wir in der Mitte des Bildes den Löwen, den König der Tiere aus der Welt der Fabeln und der Sagen, mit seiner Krone. Er strahlt eine gelassene Kraft aus. Und darüber finden wir den Göttervater aus der antiken Götterwelt, auch hier wieder ein Erster unter Gleichen, der herausgehobene Gott unter den anderen Göttern.
Auf der rechten und der linken Seite des Titelbildes finde sich verschiedene Fehlgestaltung dieser Urkraft des Herrschers. Der König kann ein Märchenkönig sein, ein Traumtänzer mit seinem Märchenschloss (Neuschwanstein) im Wolkenkuckusheim. Hier ist er den realen Gegebenheiten der Untertanen, die er regierend eigentlich gestalten sollte, komplett entrückt. Auf der Gegenseite finden wir den Herrscher als Tyrannen und rücksichtslosen Ausbeuter. Damit ist das Spektrum, in welchem sich diese innere Figur des Königs verwirklichen kann – im Guten wie im Bösen – andeutungsweise umrissen. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Der Archetyp „Der König“ als Personifizierung

Aber wir versuchen hier ja immer uns diesen archetypischen, urwüchsigen Kräften und Bestrebungen in uns zu nähern, in dem wir sie uns wie Personen vorstellen, eben als Ensemble von Teilpersonen in unserer Seele. Und das Bild ist hier für diese Hauptrolle natürlich der Herrscher als König.



Karte "Das EGO" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Die nebenstehende Symbolon-Karte zeigt uns den König auf seinem Thron und mit allen Insignien seiner Würde.

Er ist erhöht gegenüber dem Getriebe der Stadt und des Lagers unter ihm. Seinen Thron ziert auf jeder Seite eine Löwenfigur. Er hält das Zepter als Zeichen seiner weltlichen Macht und seiner Hoheitsbefugnisse in der rechten Hand. In der Linken trägt er den Reichsapfel, die Weltkugel mit dem aufgesetzten Kreuz. Die Weltkugel deutet den universellen Herrschaftsanspruch an. Diese innere Person in mir beherrscht die Welt, nämlich meine Welt. (Eine andere gibt es für mich nicht.) Das Kreuz auf dem Reichsapfel deutet die religiöse Verbindung an, die Religio (Rückverbindung) der Herrschaft an das Göttliche. Hier folgt die Gestaltungsmacht der Herrschaft einer höheren Ordnung. Der purpurne Umhang und die Krone auf dem Kopf sind weitere Zeichen der Würde und der Erhöhung. Ja, die Krone macht ein wenig größer. Und hinter dem König erstrahlt eine riesenhafte Sonne als Quelle seiner Kraft. Die Sonnenenergie ist natürlich auch die Fülle der Lebensenergie schlechthin.

Da sitzt er nun, der unumschränkte Souverän in seiner vollen Würde im sicheren Gefühl, niemand könne an ihn heranreichen und es mit ihm aufnehmen.
Sein Motto lautet: "Es ist den Untertanen jederzeit erlaubt, das zu tun, was ich möchte."

Im günstigsten Fall stellen wir uns diesen Herrscher als weise und gütig vor. Dann können wir uns ihm anvertrauen, so wie wir uns als Kind gerne einem liebevollen und wohlwollenden Vater anvertrauen.

Wir reden ja hier immer über innere Anteile und Bestrebungen oder eben als Bild von einem inneren Team von Teilpersonen. Und in diesem Kontext mag die Vorstellung von Macht und Herrschaft ihren Schrecken ein wenig verlieren, geht es doch bei dieser Macht um die Selbstermächtigung. Irgendjemand muss das innere Team ja führen, im günstigen Fall weise und zum Wohle des Ganzen, also zu meinem Wohle.

Aber natürlich gehört es auch zur Königswürde, die Herrschaft nicht nur nach innen auszuüben, sondern auch nach außen zur Geltung zu bringen. Ja, dies ist auch eine wesentliche Funktion dieser inneren Gestalt. Sie soll meine verschiedenen Bestrebungen und Impulse nicht nur effektiv bündeln, sie soll die Herrschaftsansprüche auch nach außen geltend machen.
Und hier beginnt das eigentliche Drama. Hier gerät diese innere Person, mein EGO, in Konflikt mit den inneren Königen oder EGOs der anderen Menschen. Und hier zeigt es sich dann, wie es um meinen inneren König wirklich bestellt ist, wie es mit meiner Selbstbestimmung, meinem Selbstwert, meiner Integrität und meiner Würde wirklich aussieht.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" heißt es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Was aber, wenn nun doch jemand meine Würde anzutasten versucht? Hier ist dieser Archetypus mit seiner speziellen Energie dafür zuständig, meine Würde und meine Grenzen wirksam zu sichern.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Betrachten wir noch einmal die Charakteristika dieser inneren Person, meines Königs und Herrschers, im Einzelnen:

Die Energie der Sonne

Die Energie, die in dieser inneren Person wirkt, ist die Sonnenenergie. Letztlich geht alle irdische Energie auf das Feuer des Zentralgestirns in unserem Sonnensystem zurück. Und diese Energie, die Lebensenergie selber, das vitale Prinzip wirkt in dieser inneren Gestalt. Jeder innere König ist ein Sonnenkönig. Und diese Energie strahlt nach außen, wenn dieser Archetyp kraftvoll in Aktion tritt. In der menschlichen Sphäre nennen wir dies Charisma.

Der Gestaltungswille

Wir hatten gesagt, der Archetyp des inneren Königs verkörpert das Prinzip des "Ich Bin!". Das stimmt natürlich. Aber wenn das "Ich Bin" sich auf etwas richtet, eine Intention entsteht, dann wird aus dem "Ich Bin" ein "Ich Will". Aber was wird denn da gewollt? Es ist der Wille zur Gestaltung, zur Beeinflussung der eigenen Lebensverhältnisse. Dieser Wille kann den Naturkräften etwas entgegen setzen, vielleicht in Form einer Behausung, die uns vor den Einflüssen von Wind und Wetter schützt. Der Gestaltungswille ermöglicht es auch, der Natur Nahrung und andere nützliche Dinge abzugewinnen. Aber natürlich steht dieser Gestaltungswille mitunter auch in Konkurrenz zu einem entgegengesetzten Gestaltungswillen anderer Menschen. Hier wird aus dem Gestaltungswillen dann ein Durchsetzungswille.

Noch etwas ist wichtig bei der Betrachtung des Willens. Auch der erste Archetetyp, der Krieger, hat den Willen als wichtige Eigenschaft. Aber der Wille des Kriegers ist anders, er ist impulsiv, er ist initiativ, er führt dazu, dass etwas begonnen wird. Der Krieger interessiert sich in seiner Impulsivität aber nicht für die Folgen. Der Wille des Königs richtet sich aber genau auf diese Folgen. Was soll erreicht werden? Der Wille des Kriegers bringt uns z.B. dazu, ein gewisses Projekt überhaupt "in Angriff zu nehmen" (sic!). Der Wille des Königs lässt uns dabei durchhalten. Der Krieger kann Neuland gewinnen, aber nur der König kann das neu gewonnene Land auch gestalten, ordnen, fruchtbar machen.

Die Befruchtung – Das männliche Prinzip I

Ich erwähnte eingangs schon, diese innere Person ist in ihrem Wesen zutiefst männlich, so wie der vorige (vierte) Archetyp der Mutter bzw. des Kleinkindes zutiefst im Wesen weiblich ist. Wir finden in diesem Archetyp die notwendige Ergänzung zum ebenfalls männlichen Archetyp des Kriegers. Sehr deutlich wird dies im Bereich der Sexualität / Fortpflanzung. Für den Krieger geht es dabei um das Eindringen – und vielleicht noch darum, seinen Samen einfach "abzuladen". Was daraus wird, ist dem Krieger egal. Für den König geht es aber genau darum, was daraus wird, ihm geht es um die Befruchtung. Es soll etwas daraus entstehen, und zwar neues Leben. Und in diesem neuen Leben ist mein Ich (mein EGO) enthalten. Ich will mich fortpflanzen. Hier wirkt in der Tiefe der Seele eine Art magischer Unsterblichkeitszauber. In meinem Nachwuchs lebe ich weiter. In der Sexualität ist für diesen Archetyp eben sehr wohl – im Unterschied zum ersten Archetyp – wichtig, dass etwas daraus entsteht, dass es zur Befruchtung kommt.
Man könnte sagen, der erste Archetyp ist beschädigt und gekränkt, wenn es zu Erektionsstörungen kommt. Der hier behandelte Archetyp des Königs ist dagegen in der Sexualität beschädigt und gekränkt, wenn sich sein Samen als unfruchtbar erweist.

Der Drang nach oben – Das männliche Prinzip II

Mit dem Archetyp des Königs ist noch etwas anderes Ur-Männliches verbunden, der Drang in die Höhe, der Drang nach oben. Der König steht an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie, hier ist der Platz an der Sonne. Und da möchte das Männliche hin. Dafür strengt man sich an, dafür kämpft man und konkurriert man. Es geht immer um den Vergleich: Ich bin aber besser (höher) als du. Das Männliche muss irgendwie nach oben, selbst wenn man nicht genau weiß, wozu eigentlich. Oben ist einfach besser als unten. Je weiter oben, desto näher der Sonne. Und wenn es denn so ist, dass an der obersten Spitze des höchsten Berges nur einer stehen kann, ich dort also alleine bin, dann ist das eben so. Hauptsache, der Sonne so nahe wie möglich. Auch wenn ich sie nie wirklich erreichen werde.
Wir hatten beim letzten, zutiefst weiblichen Archetyp der Mutter darauf hingewiesen, dass dieser Archetetyp eng mit dem Element Wasser verbunden ist. Und das Wasser zieht uns in die Tiefe. Das Männliche ist mit dem Land, der Erde verbunden und es zieht einen dort auf den höchsten Berg. Nach oben, das will er hin, der König-Archetyp in mir. Und wenn er da noch nicht ist, ist es zumindest wichtig, dahin unterwegs zu sein, im Aufstieg begriffen zu sein. Kann man dabei fallen? Ja, natürlich. Könige fallen oder werden gestürzt – und doch muss und will er nach oben.

Das Besondere – Das Eigene

Der König hat eine besondere, eine herausgehobene Position. Es kann nur einen geben. So lautete auch ein Filmtitel: "Highlander – Es kann nur einen geben". Und tatsächlich gilt ja für jeden Menschen: Niemand ist wie du. Du bist einzigartig. So jemanden, mit genau der Kombination von Eigenschaften, Fähigkeiten und Temperament hat es vor dir noch nie gegeben und wird es nach dir auch nie wieder geben.
Und wenn wir diese Besonderheiten in der Welt zur Geltung bringen, dann spricht man landläufig auch von Persönlichkeit. Und dieser Archetyp des Königs ist die treibende Kraft der Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung der ganz besonderen Talente und Neigungen, die uns einmalig machen. Immer wenn wir die nur uns eigene Farbschattierung als Licht leuchten lassen, wenn wir den nur für uns eigenen Ton singen oder summen, dann ist dieser Archetetyp am Werke.

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps

Dem Archetyp „Der König“ entspricht im Jahreszyklus der Hochsommer und die Zeit zwischen ca. dem 20. Juli und ca. dem 20. August. Die Zeit ist warm und von der Sonne geprägt. Und an ihrem Ende findet sich oft schon die Vorahnung des Herbstes und damit der Ernte als Ausweis der Fruchtbarkeit.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 5. Haus, dem Tierkreiszeichen Löwe und der Sonne.

Fehlentwicklungen und Irrwege des Archetyps "Der König"

Im Titelbild zu diesem Beitrag sind auf der linken und der rechten Seite des Bildes zwei verschiedene Fehlentwicklungen angedeutet, welche dieser Archetyp annehmen kann.

Der Märchenkönig im Luftschloss

Dem Königsprinzip einwohnend ist ja der Gestaltungswille. Und dazu benötigt man natürlich eine gewisse Vorstellungsgabe. "Die Welt als Wille und Vorstellung" lautet ein Buchtitel des Philosophen Arthur Schopenhauer, es könnte auch das Credo dieser inneren Urgestalt sein.
Wenn allerdings der Teil der Vorstellung, der Phantasie, überschießt und sich löst von der Erde und der Materie, dann lebt der König in einer Märchenwelt und baut Luftschlösser. Er ist dann nicht mehr geerdet. Seine Kraft wirkt dann nicht in der diesseitigen Welt, sondern in einer jenseitigen Sphäre, der König kann dann seine Ordnungs- und Gestaltungsfunktion nicht wirklich ausfüllen.
Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein König in seinem Reich die Künste und die schönen Dinge fördert. Eine überschießende Pracht- und Prunkentfaltung kann allerdings, so lehrt die Historie, zum Sturz des Königs führen. Manchmal wir er dann auch durch die Untertanen einen Kopf kürzer gemacht.

Herrschsucht

Eine gut entwickelte Sonnenenergie, Löwenkraft und Königswürde bewirkt fruchtbare Landschaften und allgemeinen Wohlstand. Die Macht wird gestaltend eingesetzt zum Wohle des Ganzen.
Wenn der Machtaspekt überschießend ausgeprägt ist, wird die Macht zum Selbstzweck und die Herrschaft zur Herrschsucht. Das Eigeninteresse dominiert und das Wohlergehen des Gesamtsystems wird aus dem Auge verloren. Die Herrschaft gründet dann im Wesentlichen auf Gewalt. Der Wohlstand konzentriert sich auf sehr Wenige bei arger Armut der Vielen. Solche Verhältnisse werden im Bereich der Ökonomie als Ausbeutung beschrieben. Hier wird zwar nicht der Pol der Materie bzw. des Materiellen vernachlässigt, im Gegenteil haben wir hier eine ungesunde Fixierung auf das Materielle, allerdings immer nur in Bezug auf individuelle (egoistische) Einzelinteressen.

Bild: "Wider von Mabel Amver (Pixabay Inhaltslizenz)

Der erste Archetyp: Der Krieger / Das Neugeborene

Vorbemerkung: Dieser Text ist Teil einer 12-teiligen Serie über bestimmte Gestalten am Urgrund einer jeden menschlichen Seele, die wir in der Psychologie mit der Bezeichnung „Archetyp“ belegen. In jedem der 12 Teile wird jeweils einer der 12 wesentlichen Archetypen vorgestellt. Diese Gestalten gibt es bei jedem Menschen als innere Personen. Allerdings spielt nicht jede einzelne Gestalt in jedem Leben eine bedeutende Rolle. In Schauspiel meines Lebens gibt es natürlich Hauptrollen, aber eben auch Nebenrollen und Komparsen. Manche dieser kollektiven Urgestalten in mir kenne ich bis zu einem gewissen Grade. Andere sind mir völlig unbekannt und wenn sie dann doch einmal kurz in einer Szene auftauchen, bin ich überrascht.   

Manchmal erweist es sich in Familienaufstellungen als sinnvoll oder sogar notwendig, einen der Archetypen über Stellvertreter aufzustellen. Entweder, weil das Thema eng mit diesem Archetypus verbunden ist oder weil bei der Person, um die es geht, dieser Archetypus erkannbar dominant im Vordergrund steht. 
Die Beschreibungen des jeweiligen Archetyps sollen dich, liebe Leserin / lieber Leser, anregen, diese Gestalt in dir zu entdecken und vielleicht auch, mit ihr Kontakt aufzunehmen und in einen Austausch zu treten.

Einen Artikel darüber, was Archetypen allgemein sind und wie sie in unserer Seele wirken, findest du hier. Das dort gesagte gilt übergreifend für
alle Archetypen.

Widmung:

Diese Artikelserie ist meinem großen Lehrer Peter Orban gewidmet, der im Oktober des vergangenen Jahres verstorben ist. Lieber Peter, alles was ich über Archetypen meine verstanden zu haben, habe ich von dir. Wenn ich jetzt mein Verständnis der Archetypen beschreibe, möge dies ein Indiz dafür sein, dass deine Saat aufgegangen ist. Ein wenig lebst du weiter in denen, die von dir lernen durften.

Den Archetypen kann man sich unterschiedlich nähern in der Beschreibung. Ich mache es hier in dieser Artikelserie über mehrere Wege. Einerseits haben wir die Bilder, welche den Archetyp in eine gestaltete und erkennbare Form bringen. Die Bilder werden in der Tiefe von der Seele sofort verstanden. Mehr auf den Verstand zielen die Texte. Hier werde ich einerseits beschreiben, wie wir uns die Verkörperung des Archetyps als Person vorstellen könnten. Was für eine Art Mensch wäre dies, was ist das Anliegen dieser Person, was treibt sie an? Zum anderen werde ich textliche auf einige Wesenszüge und Qualitäten des Archetyps eingehen, besonders dort, wo sie leicht missverstanden werden könnten. Und Abschließend wird der Archetyp in den Zyklus der Jahreszeiten eingeordnet verbunden mit einigen Hinweisen auf Heilungswege, welche mit diesem Archetyp verbunden sind.

Der Archetyp „Der Krieger / Das Neugeborene“ als Personifizierung

Die Artikelserie zu den 12 wesentlichen Archetypen startet – wie sollte es anders sein – als Erstes mit einem „Ur-Typus“, der genau diese Qualität des Beginns, des Neuen, der Initiative und des Anfangs beinhaltet. In der Betitelung habe ich diese Deutungsebene – wir stellen uns den Typus als Person vor, damit wir eine lebendige Vorstellung bekommen – doppelt benannt, nämlich als Krieger und als das Neugeborene. Hier könnte eine doppelte Irritation beim Lesen auftreten. Einerseits mag man sich fragen, wie die Gestalten des Kriegers und des Neugeborenen zusammen passen. Und zum zweiten mag eben die Gestalt des Kriegers für viele eine sein, die durchaus sehr ambivalente Gefühle auslöst. Dies gilt es also zu erklären.

Die Personifizierung als Krieger

Der Krieger steht für den Mut, zu kämpfen. Sei es, dass um die Wahrung der Grenzen und den Schutz der Meinigen gekämpft wird, sei es, dass es um die Gewinnung und Aneignung von Neuland gekämpft wird.

Karte "Der Krieger" gezeichnet von Thea Weller
Aus: Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller: Symbolon. Das Spiel der Erinnerungen. [Kartenset und Erläuterungsbuch]. Kailash-Verlag 20063

Die Grundeigenschaften sind Entschiedenheit und Entschlossenheit, der rückhaltlose Einsatz aller Kräfte. Wenn dieser Archetyp in uns auftaucht, ist alles Zögern, alles Bedenken aber auch alle Furcht hinter uns gelassen. Das Wesen des Kriegers ist die Tat, damit auch die Tatkräftigkeit. Hier bin ich ganz. Und ich bin ganz in der Tat aufgehend. Es gibt nichts anderes als die Tat. Hier bin ich ganz in meiner Kraft, in meiner vollen Größe und im Vollbesitz meiner Fähigkeiten. Hier wird alles gewagt, alles eingesetzt, worüber ich verfügen kann. Das Ergebnis ist unsicher. Hier geht es um buchstäblich Alles. Es geht um Leben oder Tod, um Bestehen oder Untergehen. Man könnte auch sagen: Es geht um das reine Sein. Hier muss ich mich beweisen, wer ich wirklich bin. Der Krieger atmet die Tat, er ist ein Täter durch und durch. (Auch hier achte man auf die emotionale Assoziation, die mit dem Wort „Täter“ verbunden ist.)

Nun liegt ja im Wortfeld des Kriegers auch der Krieg. Hier könnte eine Irritation liegen, warum man sich vielleicht mit diesem Archetypus nicht so recht anfreunden mag. Wir verbinden – in Deutschland ganz besonders – mit Krieg natürlich auch Leid und Zerstörung. Der Krieger wäre demnach der Bringer von Leid und Zerstörung.

Hier ist aber etwas ganz wichtig zu verstehen, sonst erfassen wir das Wesen dieser inneren Gestalt nicht. Der Krieger ist nicht der Soldat. Der Soldat ist ein Mensch, der freiwillig oder gezwungen in einer Armee als Organisation das „Kriegshandwerk“ ausübt. Diese Armeen dienen bestimmten, meist politischen, Zwecksetzungen. Der Soldat dient diesen Zwecken und Interessengruppen, manchmal halbherzig, manchmal fanatisch und verblendet, manchmal auch verroht.

Der Krieger dient keinen fremden Zwecken. Der Krieger kämpft nur für das Seine. Der Krieger kämpft auch nicht, weil er den Kampf liebt. Er kämpft nur, wenn er muss, dann aber vollständig. Er ist nicht geleitet durch Hass auf das, wogegen er kämpft, ihn leitet die Notwendigkeit. Eine Not muss gewendet werden. Die Bücher von Carlos Castaneda erzählen von den Unterweisungen durch den Schamanen Don Juan, mit dem Ziel den (inneren) Krieger in Carlos Castaneda zu entwickeln – nicht um Kriege zu führen, sondern um „den Weg des Herzens“ gehen zu können. Die Kämpfe, die hier geführt werden, sind im Wesentlichen die Kämpfe mit den inneren Widersachern. Es geht um den Kampf mit allem, was mich davon abhält, das Leben vollständig anzunehmen, mit allen Geheimnissen und Gefahren. An einer Stelle lässt Castaneda seinen Schamanen-Lehrer sagen: Der Krieger sei sich der ihm unergründlichen Geheimnisse bewusst und sich auch seiner Pflicht bewusst, wenigstens zu versuchen, diese zu enträtseln. So könne er seinen rechtmäßigen Platz unter diesen Geheimnissen einnehmen und sich selbst als ein solches betrachten. Eine ähnliche Konnotation des Kriegers finden wir auch in vielen Schulen der Kampfkunst und so wäre die Personifikation des Kriegers zu verstehen, wenn wir uns dem Wirken dieses Archetyps in uns nähern wollen.

Die Personifizierung als das Neugeborene

Warum habe ich aber als zweite Personifizierung hier noch das neugeborene Baby genannt? Wie passt dies in das Bild. Das Neugeborene verkörpert im wortwörtlichen Sinne den Wesenszug der Unmittelbarkeit. Das Neugeborene erlebt sich als Körper und mit allem, was ihm widerfährt, vollständig. Wenn das Baby Hunger verspürt, dann ist es in dem Moment dieser Hunger – und nichts anderes. Das Baby erlebt sich auch noch nicht getrennt von der (Um)Welt, die es umgibt, es ist noch eins mit der Welt, mit seiner Welt. Es gibt noch kein „Du“, weil noch gar kein „Ich“ entwickelt ist. Das Baby ist reine körperliche Existenz. Alles ist, wie es ist – und das Baby reagiert unmittelbar darauf. Es gibt hier noch keine Gedanken, keine Bewertungen, keine Pläne. Es gibt nur das Sein, in Einheit mit allem, was mich umgibt. Hier ist noch kein Ego.

Diese Unmittelbarkeit und dieses Eins-Sein als reines Sein und eben auch vor allem das Sein als rein körperliche Existenz, als Verkörperung, das ist etwas, was das Neugeborene noch nicht verloren hat, es ist das Ursprüngliche. Das Baby wird im Laufe seiner Entwicklung diese Einheit verlieren müssen, es geht nicht anders. Die Aufgabe des Kriegers ist es dann, ab einem bestimmten Punkt der Entwicklung, wieder zu dieser Einheit zurückzufinden. Das ist der Kampf, den der Krieger führt. Diesen Weg gibt es nicht, er muss im Beschreiten des Weges erst geschaffen werden. Über den Weg wissen wir nur eines: Er führt nach Hause.

Die mit dem Archetyp verbundenen Wesenszüge und Energien

Um uns dieser Wesenheit in uns noch weiter zu nähern, seien noch wichtige Qualitäten dieses Archetyps beschrieben.

Die Furchtlosigkeit / Das Wagnis

Man könnte versucht sein, eine Qualität des Kriegers als Mut zu beschreiben. Mit schein allerdings, Mut trifft es nicht ganz. Mut benötige ich, wenn es gilt, eine Angst oder eine Furcht zu überwinden. Der Krieger erwacht aber genau betrachtet erst, wenn der Mut seine Arbeit geleistet hat. Hier habe ich die Furcht hinter mir gelassen, hier gibt es nur noch die Tat, die körperliche Betätigung, das Anspannen aller Kräfte. In der Tat gibt es keinen Platz für einen Gedanken, also auch keinen Gedanken an die negativen Folgen der Tat. Ebenso wenig gibt es einen Gedanken an das, was es im Kampf oder in der Tat zu gewinnen gibt. Das mag vor der Tat eine Rolle spielen und auch nach der Tat wieder auftauchen. (Aber da wirkt dann nicht mehr die innere Gestalt des Kriegers, da hat dann ein anderer Archetyp das Ruder übernommen.)

Die Absichtslosigkeit / Die Gleichgültigkeit

Ganz ähnlich wie beim Wagnis ist es so: Wenn der innere Krieger am Werke ist, gibt es keine Absicht. Das erscheint vielleicht erst einmal kaum glaubhaft. Möchte der Krieger den nicht den Kampf gewinnen? Ist das keine Absicht? Natürlich ist das eine Absicht. Aber: Die Absicht wirkt nur, solange es gilt, den Krieger auf den Plan zu rufen. Hat der Kampf einmal begonnen, gibt es nur noch den Kampf und das Bestehen in ihm. Die Absicht verschwindet hier, sie würde nur vom gegenwärtigen Moment und der gerade nötigen Bewegung ablenken. Es ist wie bei der Zen-Übung des Bogenschießens: Wer im Moment, wo der Pfeil von der Spannung des Bogens entlassen wird, an das Ziel denkt, wird das Ziel verfehlen. (Zumindest das Ziel der Zen-Übung – selbst wenn der Pfeil treffen sollte.) Und in diesem Sinn ist der Krieger auch Gleichgültig. Mit Gleichgültigkeit ist hier nicht „Wurschtigkeit“ gemeint. Sondern: Im Kampf denke ich nicht an den Ausgang, nicht an den möglichen Gewinn und den möglichen Verlust. Auch dies würde nur Ablenken von dem, was zu tun ist. Es ist Gleichgültigkeit im wortwörtlichen Sinne: Jeder Ausgang des Kampfes ist gleichermaßen gültig.

Die Rücksichtslosigkeit

Auch hier mag die erste Assoziation negativ belegt sein. Es ist aber im reinen Wortsinne gemeint. Der Krieger schaut nicht zurück. Er schaut nur nach vorne, was vor ihm liegt. Was mich überhaupt hier hin gebracht hat, dass ich jetzt kämpfe oder dass sich jetzt hier ein Gegner zeigt, ist bedeutungslos. Es gibt nur das große JETZT. Es gibt hier kein Bedauern von vergangenen Niederlagen oder Verfehlungen und auch keine Erinnerung an vergangenen Schmerzen. Wenn es sie gibt, bin ich nicht im Modus des Kriegers.

Allerdings, so viel muss gesagt werden: Natürlich verweist unsere negative Assoziation mit dem Begriff „Rücksichtslosigkeit“ auch auf die Schattenseite des Wirkens des Archetyp Kriegers in uns. Der Krieger hat tatsächlich keinen Blick für die Opfer, die seinen Weg säumen. Es gibt hier kein Bedauern und keine Reue und keine Entschuldigung. Ja, wir werten das negativ, aber das ist die Position des Zuschauers von der Seite oder die Position der Analyse im Nachhinein, die Situation des Re-Flektierens. Dem Krieger ist dies fremd, in seiner Welt gibt es das alles nicht. Es gibt nur ihn, den Gegner und den Kampf. Und im Kampf geht alles auf.

Die Selbstlosigkeit

Wenn im Kampf alles aufgeht, verschwindet auch das Selbst. Nebenbei gesagt: Auch der Gegner verschwindet. Es gibt ihn nicht mehr als Gegner, es gibt ihn nur als zu meisternde Situation. Und so verschmelze ich auch mit dem Gegner, wenn ich in der Herausforderung aufgehe. Der Gegner ist nicht mehr „das Anderer“, er ist Teil von mir, er ist Teil meiner Herausforderung. Aber – und hier wird es paradox – auch dieses Ich gibt es in dem Moment nicht mehr. Es gibt nur noch die Tat, die Betätigung. Auch dies ist Teil der so widergewonnen Einheit mit den Umständen, das Selbst ist nicht mehr spürbar, nicht mehr erkennbar. Ja, auch dies kann eine Schattenseite des Archetyps Krieger sein.

Das ewig Neue

Für den Krieger ist alles, was er tut, neu und frisch und noch nie dagewesen. Ja, natürlich hat er sich vorbereitet, hat geübt oder trainiert und hat Erfahrungen in vergangenen Kämpfen gesammelt. In der jetzigen Situation aber muss er das alles vergessen. Keine Herausforderung, kein Kampf ist genau gleich. Es ist jedes Mal (auch) anders und so immer neu und so wird es auch erlebt: Immer wieder neu und einzigartig. Der Krieger kann sich hier auf nichts verlassen, auf keine eigefleischten Routinen, auf nichts Gelerntes und auf erworbenen Meriten. Nur im Feld des Unbekannten kann das Neuland gewonnen werden. Auf dieses Unbekannte muss der Krieger sich einlassen und er muss alles scheinbar Bekannte als Unbekanntes ansehen. Jede Routine ist hier trügerisch und mit der Gefahr des Verderbens verbunden.

Wir könnten auch sagen: Allem wohnt die Energie des Anfangs inne, die Qualität des Beginnens oder eben auch Neu-Beginnens. Im Augenblick des Beginnens ist noch alles möglich. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ lautet eine Gedichtzeile von Hermann Hesse. Der Krieger ist der Zauberer des Beginnens. Er ist der Gegenpol nicht nur zum Zögern und Zaudern, sondern auch der Gegenpol der langweiligen Routine.

Das Männliche

Der Archetyp des Kriegers ist zutiefst männlich. Hier sind die Auseinandersetzung und das Kräftemessen positiv besetzt. Hier finden wir die Entschlusskraft, die Tatkraft, die Initiative, ja die Kraft überhaupt. Hier soll und muss etwas bewegt und überwunden werden. Hier wird auch etwas erobert und gewonnen, wie eben auch der Mann seine Frau erst einmal für sich gewinnen muss, eben tatkräftig, wie sprechen hier auch vom Erobern. Hier finden wir die Qualität des Eindringens, die Überwindung von Hindernissen. Ebenso zeigen sich hier die Qualitäten von Kraft und Härte.

Wir finden diese Prinzipien in der Sexualität recht schön anschaulich vor. Der männliche (eregierte) Penis dringt in die Frau ein. Dazu werden Hindernisse, möglicherweise auch Hemmungen, überwunden. Ja, in einer spezifischen Ausprägungsform bedeutet dies Vergewaltigung. Auch dies liegt im Möglichkeitsraum der männlichen Sexualität.     
Oder auch wenn wir an die Prinzipien Kraft und Härte denken: Das Hartwerden ist es, was den Penis vom Phallus unterscheidet. Der Volksmund spricht im Deutschen hier auch von der Manneskraft.        
Und auch die männliche Seite der Fruchtbarkeit ist eben mit dem hart werden des Penis und dem Eindringen in die Frau verbunden.

Wenn dieser Archetypus deutlich männliche Züge trägt, bedeutet dies natürlich nicht, nur Männer hätten diesen Archetyp in sich, als Teilpersönlichkeit sozusagen. Auch bei jeder Frau gibt es im Lebensfilm diese Position auf der Besetzungsliste der inneren Personen. Es kann allerdings sein, dass man sich als Frau etwas schwerer tut, sich mit dieser inneren Gestalt anzufreunden.

Der Jahreszeitliche Bezug dieses Archetyps – Heilwege

Dem Archetyp „Krieger / Neugeborenes“ entspricht im Jahreszyklus der Frühlingsbeginn. Hier beginnt der Kreislauf des Lebens neu. Hier bricht sich die Vegetation neu durch in die Sichtbarkeit, die Pflanzen sprießen aus dem Boden, die neuen Blätter der Bäume brechen aus dem bisher kahlen Geäst hervor. Aus Sicht der Zyklik im Jahresverlauf beginnt hier das Jahr und nicht am 1. Januar. In einem Kinderlied heißt es: „Im Märzen der Bauer / die Rößlein anspannt.“ Im landwirtschaftlichen Bereich beginnt also hier das wieder tätig werden, das Tatprinzip. Mit dem (astronomischen) Frühlingsanfang, dem Punkt der Tag- und Nachtgleiche, beginnt die Zeit, in welcher das aktive Prinzip (Tag) gegenüber dem passiven oder ruhenden Prinzip (Nacht) das Übergewicht besitzt. Die Natur steht hier im Zeichen der Erneuerung.

Astrologische Entsprechung:

In der Astrologie entspricht dieser Archetypus dem 1. Haus, dem Tierkreiszeichen Widder und dem Planeten (und Kriegsgott) Mars.

Entsprechung in den „12 Toren der Heilung“

In dem Buch „Die zwölf Tore der Heilung“ von Regina Sonnenschmidt und Harald Knauss1 werden die 12 Archetypen und ihre Jahreszeiten mit 12 Heilungswegen in Beziehung gesetzt. Ich gebe hier einige von den Autoren genannte Aspekte wieder, die zu dieser Jahreszeit, diesem Archetyp und eben diesem „Tor der Heilung“ gehören.

Bei diesem Archetyp und der zugehörigen Jahreszeit von ca. 20. März bis ca. 20 April geht es um Tatkraft, Lebenswillen und Selbständigkeit. Im gesundheitlichen Bereich ist als Organ hier die Galle besonders angesprochen. Beeinträchtigt wird die Tatkraft durch ständige Erschöpfung und Nervosität. Als Mittel ist hier das Schüßlersalz Kalium Phosphoricum (Nr. 5) besonders wirksam.

Für den mit diesem Archetypus verbundenen Heilungsweg ist regelmäßiger Aufenthalt an der frischen Luft günstig.

Als Affirmationen passen zu dieser Zeitqualität schlagen die Autoren von "Die zwölf Tore der Heilung die folgenden Sätze:

  • Ich nehme mein Leben in seiner ganzen Fülle an
  • Ich sage Ja zum Leben
  • Ich bin begeistert vom Leben, von mir und meinen Fähigkeiten
  • Mein Streben richtet sich auf eine positive Zukunft
  • Ich finde den Rhythmus meines Lebens

Die Autoren empfehlen dazu auch zwei passende Energieübungen vor. Empfohlen wird, diese Übungen im Freien auszuführen.

1. Das staunende „A“

  • Stehen Sie fest auf der Erde. Atmen Sie gleichmäßig ein und aus.
  • Spüren Sie die Kraft, die aus der Erde aufsteigt. Ist dieses Gefühl stark genug, machen Sie mit dem linken Fuß einen Schritt nach vorne.
  • Heben Sie dabei die Arme an und führen Sie die Handflächen auf Brusthöhe nach vorne, als wollten Sie etwas wegschieben.
  • Der linke Arm ist dabei etwas höher als der rechte. Während dieser Armbewegung lassen Sie ein „FA“ mit einem langgezogenen „A“ ertönen.
  • Beim Einatmen senken Sie die Arme wieder, atmen dann aus und wieder ein und beginnen erneut mit der Lautgebung von „FA“.
  • Dabei heben sich die Arme und schieben mit den Handflächen (links höher als rechts) die Energie nach vorne.
  • Wiederholen Sie die Übung sieben Mal. Sie werden eine gute Erdung spüren.

2. Die Ka-Rune

  • Stehen Sie bequem, die Arme locker hängen lassen.
  • Bringen Sie mit einem Schwung die Hände nach oben, wobei beide Arme die Form des Y nachvollziehen. Der Blick geht dabei nach oben, dem Himmel entgegen. Am besten gelingt die Übung, wenn Sie sie direkt als Begrüßung der Sonne durchführen.
  • Gleichzeitig mit den Armen bewegen Sie den rechten Fuß nach vorne und seitwärts hoch.
  • Dann dieselbe Bewegung nochmals mit dem linken Fuß.
  • Jedes Mal, wenn Sie die Arme hoch werfen, können Sie den freudigen, lebensfrohen Laut „Ka“ ausstoßen, oder noch besser ein „Juchhu“ oder „Jippie“.
  1. Sonnenschmidt, R. & Knauss, H. (2005): Die zwölf Tore der Heilung. Das Spiel der Kräfte im Jahresverlauf. Berlin: Verlag Homöopathie und Symbol. ↩︎