Familienaufstellungen

Bei einer Familienaufstellung geht es darum, einer Person mit einem seelischem, psychischem oder auch körperlichem Problem eine Erleichterung oder gar Heilung zu verschaffen, in dem systemische Verstrickungen im Familiensystem in den Blick genommen werden.

Die Familienaufstellungen als Methode entwickeln sich aus der Erfahrung heraus, dass viele körperliche und seelische Erkrankungen, belastende Gefühle oder Einschränkungen in der persönlichen Lebensführung im Familiensystem tradiert werden. Und oft ist es dabei so, dass eine ursprüngliche Person mit ihrem Schicksal im Familiensystem ausgegrenzt, verschwiegen oder nicht geachtet wurde.
Im Rahmen von Familienaufstellungen können solche Probleme eine erhebliche Erleichterung oder gar vollständige Lösung erfahren, wenn diese ausgegrenzten Personen in der Familiengeschichte „in den Blick“ genommen werden, wenn ihr oft schweres Schicksal geachtet und gewürdigt wird. Und wenn diese Person und ihr Schicksal im eigenen Herzen angenommen wird.

Noch unmittelbarer zeigt sich in einer Familienaufstellung oft, dass Probleme im eigenen Lebensvollzug etwas damit zu tun haben, dass die eigenen Eltern nicht ganz angenommen werden als das, was sie fundamental sind: Die Quelle meines Lebens. Und es kommt zu einer unmittelbaren Erleichterung verschiedenster Probleme, wenn ein Mensch zu seinen Eltern und damit sein Leben innerlich vorbehaltlos nehmen und sagen kann: „Liebe Mama, Lieber Papa – euch verdanke ich mein Leben! Mit allem was dazu gehört, auch an Schwerem. Für mich seid ihr genau die Richtigen! Von euch nehme ich jetzt mein Leben ohne irgendwelche Abstriche – und ich mache etwas daraus. (Ein Bisschen auch euch zu Ehren …)!“

Systemische Verstrickungen

In den Familienaufstellungen zeigt sich, dass Familiensysteme dazu neigen, später geborene „in den Dienst“ zu nehmen für etwas, was früher geschehen ist. Es wirkt so, als ob es in Familiensystemen eine Kraft gibt, die über die späteren Familienmitglieder erinnern möchte: An schwere Schicksale und an Verschwiegenes.

Dazu ein Beispiel: Es kann z.B. sein, dass eine Frau bemerkt, dass sie eine ziemliche Wut auf ihren Mann hat, obwohl sie klar merkt, nichts am Verhalten ihres Mannes gibt dazu einen Anlass. In der Familienaufstellung stellt sich dann vielleicht heraus: Die Mutter der Frau hätte Grund gehabt, auf ihren Man wütend zu sein. Hier wäre das Gefühl angemessen gewesen. Die Mutter hat es sich aber nie erlaubt. Also hat jetzt – stellvertretend – die Tochter dieses Gefühl, und es überkommt sie, ohne dass sie etwas dagegen tun kann, ihrem Mann gegenüber[1].

Und die heilende Wirkung setzt ein, wenn die bislang verborgenen Personen oder Geschehnisse, die fremdübernommenen Gefühle erkannt, anerkannt und gewürdigt werden.

Aber hier ist eine Warnung angebracht: Die obige Formulierung klingt so einfach: Wenn es einmal erkannt ist, ist alles gelöst. Es kommt aber auf den „inneren Vollzug“ an. Ob es wirklich gelingt, dass was sich in einer Familienaufstellung zeigt, in das eigene Herz aufzunehmen. Und das ist mitunter nicht ganz so leicht und geschieht meist nicht über Nacht. Oft ist es (leider) einfacher, weiter zu leiden als die Lösung innerlich zu vollziehen.

Das Vorgehen bei Familienaufstellungen

Bei Familienaufstellungen wird zunächst von der Person, um die es geht, das Anliegen benannt. Worum geht es? Um welches Gefühl oder welche Schwierigkeiten im Lebensvollzug?

Dann werden aus einer Gruppe[2] Stellvertreter ausgewählt: Ein Stellvertreter für die Person mit dem Anliegen und Stellvertreter für die wesentlichen Mitglieder des Familiensystems. Diese Stellvertreter werden im Raum zueinander aufgestellt, die Person mit dem Anliegen schaut erst einmal nur zu. Und dann gibt man den Stellvertretern etwas Zeit, sich in die Rolle einzufühlen. Nach einiger Zeit ergeben sich Reaktionen bei den Stellvertretern. Das können körperliche Empfindungen sein („Mir wird ganz heiß und mein Magen krampft sich zusammen“) oder Tendenzen in der Orientierung („Ich muss immer zu ihr hin schauen“) oder Gefühle („Ich spüre eine Wut auf sie“) oder auch ein Impuls, sich bewegen zu wollen („ich würde gerne näher zu ihm gehen“).

Im Verlauf der Familienaufstellungen werden die Stellvertreter nach diesen Impulsen gefragt. Und es wird getestet, was sich verändert, für einen einzelnen Stellvertreter oder auch andere Stellvertreter, wenn die Positionen sich verändern oder ggf. auch neue Stellvertreter mit in die Aufstellung hinein genommen werden.

Während die Aufstellung sich entfaltet, wird an den Reaktionen der Stellvertreter zunehmend deutlich, was die zentrale seelische Dynamik im konkreten Einzelfall ist – und wo die Lösung liegt.
An einem bestimmten Punkt wird der Stellvertreter für die Person mit dem Anliegen ausgetauscht und die Person mit dem Anliegen nimmt ihren eigenen Platz ein.

Diese seelische Bewegung wird in der Aufstellung wird unterstützt dadurch, dass den Protagonisten in der Aufstellung bestimmte Sätze vorgeschlagen werden, die sie zu anderen Protagonisten sagen. Wobei die Stellvertreter immer prüfen, ob diese Sätze in dieser Form stimmig sind und sie gegebenenfalls abwandeln. In dem obigen Beispiel einer doppelten Verschiebung könnte so ein „lösender Satz“ sein, dass die Tochter zur Mutter sagt: „Mama: Bitte schau freundlich auf mich, wenn ich einen gute Ehe lebe, auch wenn du keine gute Ehe hattest.“

Die Familienaufstellung wird beendet, wenn deutlich geworden ist, was die wirkende seelische Dynamik ist und welche innere Haltung wem gegenüber im Familiensystem seitens der Person mit dem Anliegen gefordert ist, um die ursprüngliche Liebe wieder in Fluss zu bringen.

Das „wissende Feld“

Es ist immer wieder überraschend, wie punktgenau oft die Reaktionen und Empfindungen der Stellvertreter in Familienaufstellungen sind. Wir sprechen hier von der „stellvertretenden Wahrnehmung“ durch die Protagonisten in Familienaufstellungen.

Die Frage stellt sich: Woher wissen Stellvertreter, die weder die Person mit dem Anliegen noch deren Familiensystem näher kennen, etwas über die seelische Bewegungen in diesem Familiensystem?

Die Beschreibung hierzu – und mehr als ein Beschreibung ist es erst einmal nicht – wäre: Im Rahmen von Familienaufstellungen entsteht so etwas wie ein „wissendes Feld“. Man könnte es auch eine Form des kollektiven Unbewussten nennen. Die Stellvertreter erhalten ihre Empfindungen und Impulse in Familienaufstellungen aus diesem „wissenden Feld“ und sie stellen sich als Organ zur Verfügung, um diese Empfindungen und Impulse sichtbar zu machen.

Warum genau das so ist und funktioniert, ist nicht ganz klar – und manchmal mit dem Verstand schwer zu begreifen. Ich habe hier einige nähere Überlegungen und Beschreibungen zum wissenden Feld und zur stellvertretenden Wahrnehmung ausgeführt.
Für die Durchführung einer Familienaufstellung reicht es aber, zu wissen (und zu vertrauen), DASS es dieses wissende Feld gibt und sich ihm anzuvertrauen. Auch die Leitung von Familienaufstellungen muss sich dem wissenden Feld anvertrauen und aus einer Haltung des „Nicht-Wissens“ agieren, sonst wird alles schief. Dieser Verzicht auf Vorannahmen, Theorien oder scheinbares Wissen darüber, was in der Seele der Beteiligten und des Systems wirkt, ist die größte Herausforderung in Familienaufstellungen. Sowohl für die Protagonisten wie auch für die Leitung.

Wirkungen von Familienaufstellungen

Die Wirkungen von Familienaufstellungen liegen natürlich zunächst bei der Person, die mit einem Anliegen eine Familienaufstellung macht. Die Wirkungen im Einzelnen sind natürlich hoch spezifisch und in jedem Einzelfall anders. Aber allgemein kann man sagen, dass die Wirkung fast immer so ist, dass sich ein leichteres und freieres Lebensgefühl einstellt. Dass Gefühle von Liebe und Verbundenheit freier fließen können. Und dass die Person mehr in ihre Kraft kommt.
Manchmal verschwinden bestimmte Probleme oder Symptome einfach, manchmal verlieren sie die Qualität des Übermächtigen, es sind dann lediglich Aufgaben, die man klarer und gelassener bewältigen kann.

Oft ist es auch so, dass sich nach einer Familienaufstellung etwas im gesamten Familiensystem bewegt, auch bei Mitgliedern des Familiensystems, die von der Aufstellung gar nichts wussten. Es werden plötzlich Gespräche möglich, die vorher nicht möglich waren. Oder Mitglieder des Familiensystems, mit denen lange kein Kontakt bestand, melden sich mit einem mal wieder.
Obwohl solche indirekten Wirkungen im Familiensystem sich oft einstellen, darf man das nicht erwarten. Eher im Gegenteil: Wenn ich zu eindeutige Erwartungshaltungen habe, wie sich jetzt andere in meinem System verändern müssten, treten diese erwünschten Veränderungen eher nicht ein. Diese Wirkungsebene lebt eher vom Überraschenden und Unvorhergesehenen.

Und nicht zuletzt haben Familienaufstellungen auch Wirkungen bei den Stellvertretern oder Beobachtern einer Aufstellung. Weil jedes Thema in einer fremden Aufstellung auch etwas in mir in Resonanz bringt, wenn ich „nur“ als Stellvertreter oder Beobachter mitwirke.
Der Hintergrund ist hier, dass die Themen einer Familienaufstellung etwas mit den Archetypen, den Ur-Bildern in der Seele eines jeden Menschen zu tun haben. Und diese Archetypen oder Ur-Bilder in der Seele sind nicht individuell, sondern gehören zum Bestand des kollektiven Unbewussten. (Hier findet mehr zu den Wirkungen auf Stellvertreter und Beobachter.)

[1] Wir sprechen hier im Rahmen der Familienaufstellungen von einer „doppelten Verschiebung“ eines Gefühls. Das Gefühl ist verschoben im Subjekt wie im Objekt. Es wird von der Tochter als Subjekt empfunden, obwohl es nicht ihr Gefühl ist. Und es richtet sich an das falsch Objekt, nämlich ihren Mann, statt ihren Vater.

[2] Familienaufstellungen werden meist im Rahmen einer Gruppenveranstaltung durchgeführt. Es ist jedoch auch möglich, in leicht abgewandelter Form, eine Familienaufstellung in einer Einzelarbeit zu machen.