Familienaufstellungen in der Einzelarbeit

 

Familienaufstellungen werden normalerweise als Gruppenveranstaltungen durchgeführt. Die Teilnehmer in der Gruppe stehen als Stellvertreter für Familienmitglieder oder andere wichtige Personen für die Aufstellung zur Verfügung. Ihre stellvertretende Wahrnehmung ist das Material, anhand dessen sich die Aufstellung entwickelt und die Einsichten in die seelischen Bewegungen gewonnen werden.

Neben dieser „klassischen“ Form der Aufstellungsarbeit hat sich dann etwas später auch die Familienaufstellung in der Einzelarbeit entwickelt, also ein Berater oder Therapeut arbeitet mit einer einzelnen Person an deren Anliegen.

Man könnte sich jetzt fragen: Eine Familienaufstellung ohne Stellvertreter – wie soll das überhaupt gehen? Zumindest ich hatte mir diese Frage gestellt, als ich zum ersten Mal davon hörte.

Das Vorgehen

Es gibt unterschiedliche Formen, eine Familienaufstellung in der Einzelarbeit durchzuführen. Manche arbeiten mit Figuren auf einem Tisch oder einem Brett, ich selber arbeite mit sog. Bodenankern. Das bedeutet: Es gibt Zettel mit den Namen der Protagonisten und einer Markierung für die Blickrichtung, die entsprechend dem inneren Bild der Person mit dem Anliegen auf dem Boden im Raum ausgelegt werden. Das ist dann das Anfangsbild.

Dann stellt sich die Person, um die es geht, zunächst auf die Position mit dem eigenen Namen, geht also in die eigene Rolle und lässt von hier aus die Konstellation mit allen Eindrücken, Gefühlen usw. auf sich wirken. Anschließend geht die Person nacheinander auf die anderen Positionen und spürt dem nach, was hier empfunden werden kann. Wie in einer Familienaufstellung in der Gruppe werden bestimmt Sätze gesagt zu den anderen Protagonisten, die in dem Fall nur in der Vorstellung auf ihren Zetteln stehen. Ebenso werden genau wie in der Gruppe die Positionen schrittweise verändert bis hin zum Lösungsbild.

Aufstellung ohne Stellvertreter?

Genau genommen gibt es zwar keine fremden Personen als Stellvertreter, aber es gibt Stellvertretung. Die Person mit dem Anliegen geht selber Zug um Zug in die Stellvertretung und erlebt aus diesen Perspektiven. Genau wie in einer Gruppenveranstaltung entfaltet sich so das wissende Feld und die Einsichten treten zu Tage. Auch hier kann über das „im Feld stehen“ eine verborgene seelische Dynamik erfahrbar werden, wenn man sich dem Feld anvertraut[*]. Auch wenn die jeweils anderen Personen nicht durch einen realen Menschen, sondern durch ein Blatt Papier auf dem Boden repräsentiert sind.

Wie erwähnt, war ich erst einmal skeptisch, als ich zum ersten Mal davon hörte – bis ich es ausprobierte. Die Erfahrung lehrte mich, dass Aufstellungen im Einzelsetting dieselbe seelische Intensität entfalten und ähnlich Wirkungen zeitigen wie bei einer Aufstellung in der Gruppe.

Zwei Voraussetzungen

Der Erfolg einer Einzelaufstellung hat eigentlich nur zwei Voraussetzungen:

1. Die Person mit dem Anliegen muss über ein gewisses Vorstellungsvermögen verfügen, muss also vor ihrem geistigen Auge wirklich Personen auf den Zetteln stehend sehen können.

2. In der Stellvertretung der anderen Personen muss sich die Person dem Feld und seiner Führung anvertrauen können, also eine Zeit lang sich von den eigenen Absichten lösen

Zur ersten Bedingung ist zu sagen, dass dies in der Praxis leichter geht, als man vielleicht gemeinhin glauben mag. Dies deshalb, weil die Vorstellung von Etwas vor dem geistigen Auge sowieso ständig von unserer Psyche verwendet wird. Jedes Ziel können wir nur deshalb im Handeln verfolgen, weil wir den angestrebten Zielzustand vor dem geistigen Auge sehen, obwohl der angestrebt Zustand real (noch) nicht besteht. Als kleiner Test: Könntest du, während du diesen Text liest, dir deine Wohnungstür von außen vorstellen? Könntest du jemandem beschreiben, welche Farbe sie hat, welche Struktur, welches Material? Wenn du das kannst, dann kannst du dir auch vorstellen, dass eine Person auf einem Zettel steht.

Die zweite Bedingung, die Stellvertretung fremder Personen und das Loslassen eigener Absichten, gilt natürlich für reale Stellvertreter in einer Aufstellungsgruppe ganz genau so. Auch sie müssen von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen absehen und sich ganz auf die Position, auf der sie gerade stehen, einlassen. In den allermeisten Fällen stellt sich dieser Zustand ziemlich spontan ein. Nur in seltenen Fällen hat man in Gruppenaufstellungen einmal Stellvertreter, wo man den Eindruck hat, sie bringen jetzt in erster Linie Eigenes in die Aufstellung. In einer Gruppenaufstellung muss man als Leiter solche Stellvertreter dann auswechseln. Solche Personen wären dann auch in einer Einzelaufstellung nicht als Protagonisten geeignet.

 


[*] Zum Thema des „wissenden Feldes“ siehe auch die folgenden Beiträge:

* Stellvertretende Wahrnehmung im wissenden Feld – Das wissende Feld Teil 1

* Das FELD im wissenden Feld – Das wissende Feld Teil 2

* Das WISSEN im wissenden Feld – Das wissende Feld Teil 3