Über den Segen und das Segnen

Es gab früher mitunter eine Redeweise, da hat man gesagt, wenn ein bestimmtes Vorhaben durch die Umstände begünstigt wurde: „Da liegt ein Segen drauf“. Oder eben, wenn ein Vorhaben nicht gedieh und nicht vorankam: „Da liegt kein Segen drauf“. In manchen Familien gab es auch den Brauch, vor dem gemeinsamen Essen die Mahlzeit zu segnen. Im christlichen Gottesdienst werden zum Abschluss des Gottesdienstes die Gemeindemitglieder gesegnet. Im modernen Alltag hat sich diese Praxis des Segnens eher verloren.

Was hat es mit dem Segen bzw. mit dem Segnen auf sich? Auf Wikipedia findet sich die Angabe, ein Segen „bezeichnet in vielen Religionen ein Gebet oder einen Ritus, wodurch Personen oder Sachen Anteil an göttlicher Kraft oder Gnade bekommen sollen. Durch einen Segen erhält also eine Person oder auch ein Geschehen einen Zuwachs an Kraft. Und dieser Kraftzuwachs wird aber nicht erfahren aus dem begrenzten Ich heraus, sondern er wird bewirkt durch etwas Überpersönliches, in gewissem Sinne durch „höhere Mächte“, so die Vorstellung.

Bert Hellinger hat in die Welt der Familienaufstellungen einige sehr altertümliche Formulierungen eingeführt, die auf den ersten Blick sehr altbacken wirken, aber tatsächlich oft eine besondere Kraft entfalten. Es gibt einige Formen von Verstrickungen mit schweren Schicksalen in Familiensystemen, welche sich so auswirken, dass eine nachgeborene Person sich etwas versagt, was dieser Person eigentlich möglich wäre. Und die Verstrickung besteht darin, dass ich mir etwas versage in unbewusster Solidarität mit einem früheren Familienmitglied, welches dies eben auch nicht haben konnte, oft aus schicksalhaften Gründen. Dies kann eine Frau sein, die keine glückliche Beziehung zu einem Mann führen kann aus – natürlich völlig unbewusster – Verstrickung mit vielleicht einer Tante, welcher dies ebenfalls verwehrt war. Oder ein Mann, der trotz bester Ausbildung und Fähigkeiten beruflich nicht erfolgreich ist, weil er unbewusst treu zu seinem Vater steht, der ebenfalls beruflich nicht erfolgreich war.     
In solchen Fällen hat Hellinger dann mitunter jemandem in einer Aufstellung vorgeschlagen, er oder sie solle die Person, mit der man verstrickt ist, sagen: „Bitte, segne mich, wenn ich mit einem Mann glücklich werde“ oder „Bitte, segne mich, wenn ich beruflich erfolgreich bin“.

Wie gesagt, das wirkt alles etwas altertümlich, aber ich selber habe auch schon häufiger ähnliche Sätze bei ähnlichen Verstrickungen vorgeschlagen und den Eindruck gewonnen, dass gerade in diesem „gesegnet werden“ oft eine besondere Kraft liegt. Ein solcher erbetener und dann vom jeweiligen Gegenüber in der Aufstellung ausgesprochener Segen scheint den „Bann“ der unbewussten Verstrickung besonders effektiv lösen zu können, vorausgesetzt, der Segen wird ernsthaft und gesammelt erbeten und dann innerlich vollständig angenommen.

Eine etwas weichere Formulierung, die ebenfalls auf Bert Hellinger zurückgeht, wäre: „Bitte schau freundlich auf mich, wenn ….“. Auch dies wirkt oft und vermeidet die religiöse Assoziation, die im Segen liegt. Mein Eindruck ist allerdings, dass in der Variante der Segnung noch mehr Kraft liegt. Vielleicht gerade deshalb, weil das Segnen für uns im Alltag so unüblich geworden ist.

Es gibt bei der Segnung auch mitunter recht überraschende Konstellationen, etwa bei der Frage, von wem der Segen erlangt werden sollte. Ich erinnere mich an eine Aufstellung im Rahmen meiner Ausbildung, da hatte eine Frau das Anliegen, dass sie es immer wieder nicht schaffte, eine dauerhafte und tragfähige Beziehung zu einem Mann einzugehen. In der Aufstellung stellte sich schnell als zentral für dieses Anliegen die Großmutter mütterlicherseits heraus. Diese hatte eine ganze Reihe von Ehemännern gehabt, ich meine es wären sieben gewesen. Und alle sind nach kurzer Ehezeit, mitunter nur von wenigen Monaten, unter meist merkwürdigen Umständen verstorben. Und es gab den Verdacht – der allerdings nie bewiesen wurde – diese Großmutter habe alle ihre Ehemänner vergiftet. Jedenfalls war der Schlüssel in der Aufstellung, dass die Frau, für welche die Aufstellung gemacht wurde, vor ihrer Großmutter stand und sagte: „Bitte segne mich, wenn bei mir ein Mann bleiben kann!“

Das ist natürlich mit dem Verstand schwer zu verstehen. Die Vorstellung, den Segen zu einer gelingenden Partnerschaft ausgerechnet von einer (mutmaßlich) mehrfachen Gattenmörderin zu erhalten, kann befremdlich wirken, wenn man das so berichtet. Und doch war es zumindest in diesem Fall so. Die Seele geht manchmal seltsame Wege.

Ich möchte schließen mit einer Anregung: Wie wäre es, liebe Leserin und lieber Leser, wenn du das Segnen einmal ausprobieren würdest in deinem Alltag, völlig unabhängig von der Welt der Familienaufstellungen. Wenn du vielleicht vor jeder Mahlzeit dein Essen segnen würdest, dass es möglichst bekömmlich und nahrhaft für dich sein möge. Oder wenn du morgens nach dem Erwachen den beginnenden Tag segnen würdest, damit er angenehm und erfolgreich verlaufe. Oder wenn du deine Vorhaben und Projekte segnen würdest, damit sich hier möglichst förderliche Fügungen einstellen mögen. Du könntest dann beobachten, ob und welche Wirkungen des Segens du feststellen kannst.