Eine Familienaufstellung im Geiste

Ich möchte mit diesem Beitrag dir, liebe Leserin, lieber Leser, eine Anregung für eine Phantasiereise vorschlagen. Wir könnten es auch eine Art Meditation oder leichte Trance nennen, der Name ist nicht wichtig. In der Phantasiereise, die ich dir vorschlagen möchte, besuchst du deinen Eltern, deinen Vater und deine Mutter. Diese Phantasiereise kann in manchem Aspekt wirken wie eine Familienaufstellung, nur dass wir sie eben im Geiste machen.

Für diese Phantasiereise solltest du dafür sorgen, dass du für vielleicht eine halbe Stunde ungestört bist. Du setzt dich dazu bequem und entspannt hin oder du liegst entspannt, das spielt keine Rolle. Du kannst dabei auch im Hintergrund eine entspannende Musik haben.
Dann nimmst du einige ruhige und bewusste Atemzüge und richtest dein Bewusstsein auf deine Atmung und darauf, wie dein Körper durch den Stuhl auf dem du sitzt oder die Unterlage, auf der du liegst, getragen und gehalten wird. Wenn du spürst, wie du getragen und gehalten wirst und dass du dazu nichts tun musst, kannst du dich in deiner Vorstellung an einen für dich angenehmen und sicheren Ort begeben. Vielleicht ist es ein Strand, vielleicht ein anderer Platz in der Natur, an dem du dich wohl fühlst.

Dein Vater als Kind

Wenn du an deinem Wohlfühlort innerlich angekommen bist, dann lass in deiner Vorstellung deinen Vater als Kind an diesem Ort erscheinen. Sag dir innerlich, dein Vater soll in einem Alter als Kind erscheinen, in dem er besonders geprägt wurde für sein späteres Leben. Und dann nimm das erste Bild von deinem Vater, das vor deinem inneren Auge erscheint. Es spielt keine Rolle, ob er 4 Jahre alt ist oder 7 Jahre alt oder irgendein anderes Alter. Es spiel auch keine Rolle, ob du innere Bilder über deinen Vater als Kind – vielleicht von Fotos – hast oder nicht. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob du deinen Vater überhaupt je kennen gelernt hast. Du gehst einfach immer mit dem ersten inneren Bild, welches dir in deiner Phantasiereise kommt.

Du stehst jetzt in deiner Vorstellung deinem Vater als Kind gegenüber. Schau ihn an. Schau ihm in die Augen. Und dann heiße ihn willkommen und sag zu ihm, dass du aus der Zukunft kommst. Du bist die Tochter oder der Sohn, welche er später einmal haben wird. Und du bist gekommen, um ihn kennen zu lernen. Du bist gekommen, weil du wissen möchtest, wie es ihm geht.

Und dann lass dir von deinem Vater in diesem bestimmten Alter erzählen, wie es für ihn war, ein Kind zu sein. Ein Kind in diesem Alter, ein Kind dieser Eltern und in genau diesen Umständen. Was erlebt er? Was bedrückt ihn vielleicht? Was erhofft er sich? Was vermisst er?

Und wenn er dir dies alles erzählt hat – du hörst dabei nur aufmerksam zu – dann kannst du nach weiteren wichtigen Zeiten in seinem Leben als Kind oder als Jugendlicher fragen. Und immer wenn dein Vater berichtet über etwas, was er erlebt und empfunden hat und wie alt er damals war, stellst du ihn dir in diesem Alter vor.

Und so begleitest du ihn durch seine Kindheit, seine Jugend und Pubertät bis in die Zeit des jungen Erwachsenenalters.

Dann kannst du dir von ihm auch noch zeigen lassen, wie es für ihn war, als er deine Mutter kennen gelernt hat. Was hat er da empfunden, wie ist es ihm da ergangen? Und als deine Mutter mit dir schwanger war, wie ist es ihm da ergangen? Was waren seine Hoffnungen aber vielleicht auch sein Befürchtungen in Bezug auf diese Schwangerschaft? Und wie hat er deine Zeit als Säugling und später als Kleinkind erlebt? Und noch später das Heranwachsen zum Kind, zum Jugendlichen, zum jungen Erwachsenen?

Und wenn du bis hierhin aufmerksam zugehört hast, kannst du deinem Vater sagen, wie du es erlebt hast, sein Sohn oder seine Tochter zu sein. Was hat dich glücklich gemacht? Was hast du vermisst? Vielleicht gibt es bestimmte Begebenheiten, die du ihm erzählen möchtest, wie du dich damals gefühlt hast.
Wichtig ist dabei, dass du es nicht als Anklage oder Vorwurf vorbringst. Du erzählst ihm einfach „Als das und das vorgefallen ist und du so und so reagiert hast, ist das für mich so und so gewesen.“ Noch einmal: Es ist ein Bericht von deiner Seite, keine Anklage.
Und du stellst dir dabei vor, dein Vater hört aufmerksam zu. Ohne etwas zu erwidern. Er ist nur interessiert daran, von dir zu erfahren, wie es für dich damals war. Ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung – nur zuhören.

Und wenn du damit durch bist, nimmst du noch mal den Blick auf deinen Vater in dem Alter, in dem du ihn zu erst in dieser Phantasiereise begegnet bist. Du schaust ihm noch einmal in die Augen. Und dann lässt du deinen Blick weich werden und du schaust über deinen Vater hinaus. Und schaust auf seine Eltern, deine Großeltern väterlicherseits. Und du schaust, wie Sie waren, wie sie und auch ihre Lebensumstände deinen Vater geprägt und beeinflusst haben, im Guten wie im nicht so Guten. Und dann schaust du über die Großeltern hinaus auf deren Eltern, und wie sie und ihre Zeit deinen Großeltern geprägt haben.
Und zum Abschluss schaust du dann noch ganz weit in die Tiefe der Zeit. Auf die Eltern der Urgroßeltern, deren Eltern usw.

Und dann verabschiedest du dich von deinem Vater. Vielleicht magst du ihm noch einmal sagen, dass du aus seiner Zukunft kommst. Und das alles gut weitergegangen ist.

Deine Mutter als Kind

Danach lässt du vor deinem inneren Auge deine Mutter als Kind erscheinen, in einem Alter, in dem dieses Kind in irgendeiner Weise besonders geprägt wurde. Auch hier nimmst du Kontakt auf mit deiner Mutter als Kind, heißt sie willkommen und erklärst ihr, dass du als Sohn oder Tochter aus ihrer Zukunft kommst.

Auch hier lässt du dir von deiner Mutter als Kind berichten, wie sie diese Zeit erlebt hat. Was sie hier geprägt hat. Und vielleicht auch, welche grundlegenden Überzeugungen sich in dieser Situation bei ihr herausgebildet haben.

Und auch bei deiner Mutter lässt du dich durch weiterer wichtige Stationen ihrer Kindheit und Jugend führen und lässt dir erzählen, wie sie, deine Mutter, diese Stationen in ihrem Leben erlebt hat. Du hörst wieder nur zu, aufmerksam und interessiert.

Auch deine Mutter begleitest du so auf dem Weg in ihr erwachsen Werden. Und du kannst dir auch von deiner Mutter berichten lassen, wie es für sie war, deinen Vater kennen zu lernen. Wie sie die Schwangerschaft mit dir erlebt hat, welche Hoffnungen oder vielleicht auch Befürchtungen sie gehegt hat.

Dann lässt du dir berichten, wie sie es erlebt hat, die Zeit in der du Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener warst.

Und wenn du dies alles vernommen hast, dann erzähle auch deiner Mutter, wie es für dich war, ihr Sohn oder ihre Tochter gewesen zu sein. Auch hier: Deine Mutter hört nur zu, offen und interessiert an deiner Wahrnehmung. Und du berichtest, ohne Beschuldigung, nur wie es für dich war. Du berichtest bestimmte Erlebnisse und die Reaktionen deiner Mutter auf diese Ereignisse und wie es für dich war, wie du es erlebt hast.

Und auch hier nimmst du, wenn du damit fertig bist, deine Mutter noch einmal in dem Alter in den Blick, in dem du ihr in dieser Phantasiereise zuerst begegnet bist. Du schaust ihr noch einmal in ihre Kinderaugen und dann nimmst du ihren Hintergrund in den Blick. Du schaust auf ihre Eltern und wie sie und ihre Zeit und die Umstände deine Mutter geprägt haben. Dann schaust du auf die Eltern der Großeltern, auf deren Eltern und deren Eltern – bist in die Tiefe der Zeit. Und du siehst, wie jede dieser Personen auch beeinflusst wurde über ihre Zeit und die Umstände.

Und wenn du damit fertig bist, verabschiedest du dich von deiner Mutter. Vielleicht möchtest du ihr noch etwas sagen, vielleicht möchtest du ihr danken, dass sie dich ausgetragen und auf die Welt gebracht, dich großgezogen hat.

 

Nach dem du dich von deiner Mutter als Kind verabschiedet hast kehrst du dann langsam und in dem für richtigen Tempo mit der Aufmerksamkeit wieder zurück in die Jetzt-Zeit. Vielleicht spürst du wieder, wie der Stuhl oder die Unterlage dich hält und trägt, vielleicht wirst du auf deinen Atem aufmerksam. Wie auch immer dies im Einzelnen sich vollzieht, in dem für dich richtigen Moment öffnest du wieder die Augen und bist ganz wach und präsent im gegenwärtigen Augenblick.