Gefühle und Emotionen – wo ist der Unterschied?

Im letzten Blogbeitrag hatte ich Gefühle und Emotionen thematisiert hinsichtlich der Frage, welche Form von Gefühlen und Emotionen einen seelischen Gehalt haben. In diesem Zusammenhang hatte ich als Randbemerkung erwähnt, dass es sinnvoll sein mag, zwischen Gefühlen und Emotionen zu unterscheiden, ohne dies näher auszuführen. Für die Erwägungen im letzten Beitrag wurden dagegen Gefühle und Emotionen als austauschbare Begriffe verwendet, wie wir es ja im Alltagssprachgebrauch auch tatsächlich meistens tun.

In diesem Beitrag soll auf die Unterscheidung von Gefühl und Emotion näher eingegangen werden. Ganz trennscharf ist die Unterscheidung nicht, es geht mehr um eine unterschiedliche Akzentsetzung in der Betrachtung. Hier spielen zwei Überlegungen eine Rolle:

  1. Die Unterscheidung zwischen Gefühl als eher körpernahem Aspekt, also dem Spüren bestimmter körperlicher Regungen, die oft recht autonom sind, einerseits und der inhaltlichen Erlebnisqualität dieser körperlichen Regungen, die ich als Freude, Ärger, Wut, Überraschung, Liebe, Angst usw. erlebe.
  2. Die Kontrollierbarkeit der Regung, was die Umsetzung in Handlungen angeht, wobei ein Gefühl eher für die kontrollierte Form und Emotion für die durch mich nicht mehr kontrollierbare Form steht.

Körpersensationen und ihre Interpretationen

In der Psychologie gibt es ein klassisches sozialpsychologisches Experiment aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts[1]. Dabei wurden Probanden angeblich ein Vitaminpräparat verabreicht, tatsächlich aber Adrenalin gespritzt, was natürlich einen Reihe von körperlichen Reaktionen wie beschleunigte Herzrate, verstärkte Durchblutung und Hautschweiß, veränderter Muskeltonus usw. auslöste. Verschiedene Teilgruppen der Probanden wurden dabei in unterschiedliche soziale Situationen gebracht, in denen durch verdeckte Versuchsleiter die Situationen entweder in Richtung Ärger oder in Richtung freudige Erregung beeinflusst wurden. Es zeigte sich, dass tatsächlich dieselbe physiologische Veränderung je nach Kontext entweder als Ärger oder als positive Emotion (in der Beschreibung ist von Euphorie die Rede) interpretiert und erlebt wurden.

Dies lässt sich nun so auffassen, dass offenbar einer erlebten Emotion zunächst einmal nur ein – inhaltlich zunächst unspezifisches – Erregungsmuster im Körper zugrunde liegt. Dieses Erregungsmuster wird, bewusst oder unbewusst, bemerkt und dann in einem zweiten Schritt mit Hinweisen aus dem situativen Kontext abgeglichen. Auf Basis dieser Informationen entscheiden wir uns dann sozusagen, ob diese körperliche Erregung nun eine freudiges Ereignis oder ein Ärgernis ist. Die Physiologie dahinter ist aber dieselbe.

Für den Unterschied zwischen Gefühl und Emotion bedeutet dies, das Gefühl wäre jetzt wirklich das wahrnehmbare Körpergefühl, dass ich in Form einer Selbstbeobachtung an mir wahrnehmen kann. Ich kann hier, ein wenig wie ein distanzierter Beobachter, feststellen: „Aha, mein Herz fängt gerade an, schneller zu schlagen“ oder „Interessant, ich merke eine vibrierende Anspannung in der Muskulatur meiner Hände“ oder dergleichen. Erst in dem Moment, wo ich diese Körpersensationen als etwa Angst oder Zorn oder dergleichen interpretiere, erhält das unspezifische Erregungsmuster seine inhaltliche Qualität im Erleben.

In diesem Sinne wäre die Unterscheidung zwischen Gefühl und Emotion wichtig, weil es oft sinnvoll sein könnte, beim Herannahen einer unerwünschten Emotion den Aufmerksamkeitsfokus weg von der Emotion und hin zum Körpergefühl zu verlagern. Ich bleibe dann im Gefühl, wirklich im engeren Sinne im Körpergefühl, aufmerksam und beobachtend, werde aber nicht von der Emotion überschwemmt.

Gefühl und Emotion als Grad der Kontrolle

In einer ähnlichen, aber etwas anders gelagerten Form könnte man den Unterschied zwischen Gefühl und Emotion auch als Grad der Kontrolle beschreiben. Nehmen wir einmal als Beispiel das Gefühl der Trauer, weil vielleicht ein geliebter Mensch verstorben ist Die Funktion der Trauer ist ja eine Anpassung an einen Verlust.

Ich kann hier das Gefühl der Trauer empfinden und gleichzeitig, zumindest bis zu einem bestimmten Grad, noch handlungsfähig bleiben. Es kann sein, ich organisiere die Dinge, die mit dem Begräbnis zu tun haben. Und während ich dies tue, bin ich im Gefühl der Trauer, empfinde Trauer. Wenn ich jedoch am offenen Grab stehe und es mich übermannt, in diesem Moment fange ich vielleicht an, hemmungslos zu Schluchzen, ich lasse hier alle Hemmungen fahren, lasse mich von der Emotion vollständig ergreifen. Dies kann ein sehr heilsamer Prozess sein.

Was ist der Unterschied? Im ersten Fall wird das Gefühl der Trauer zwar auch gefühlt, aber im Ausdruck gibt es eine gewisse Hemmung. Wenn mich das Gefühl als Emotion ergreift, fällt dagegen jegliche Hemmung weg. Es gibt hier nichts mehr zu kontrollieren und im Beispiel am offenen Grab ist es auch völlig unnötig, etwas kontrollieren zu wollen. Hier passt es in den sozialen Kontext, sich dem Gefühl ohne jeglichen Kontrollanspruch zu überlassen. Die Emotion geht wie eine Welle durch mich hindurch und aus mir heraus[2], ungehindert, und verebbt nach einer gewissen Zeit auch wieder. Und für eine gewisse Zeit und im passenden Kontext lasse ich mich von der Emotion mitreißen. Ohne Vorsicht und ohne Rücksicht.

Genau diese Vorsichts- und Rücksichtslosigkeit von starken Emotionen ist natürlich auch der Grund, warum starke Emotionen uns manchmal Angst machen. Wir fürchten verloren zu gehen in der Emotion oder im Rausch der Emotionen einen Schaden anzurichten, den wir später bereuen. Im Vergleich dazu erscheint das Gefühl sicherer, gerade weil es eben auch noch der Kontrolle und bis zu eine Gewissen Grad der Hemmung unterliegt. Das Gefühl ist noch der Abwägung zugänglich, ob und in welcher Form sein Ausdruck passend zu Situation und Anlass ist. Dies wäre der wesentliche Punkt dieses Aspekts der Unterscheidung: Beim Gefühl bin noch zu einer Moderation des Gefühlsausdrucks in der Lage, bei der ungehinderten Emotion bin ich es nicht mehr.

Die weit verbreitete Angst vor dem Gefühl oder eigentlich die Angst vor der Emotion wäre in diesem Sinne vor allem die Angst vor Kontrollverlust.

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[1] Das Experiment von S. Schachter und J.E. Singer aus dem Jahr 1962 begründete in der Sozialpsychologie die sog. Zwei-Faktoren-Theorie der Emotionen.

[2] Emotion ist im lateinischen Ursprung des Wortes eine Zusammensetzung der Vorsilbe „e“ (aus oder heraus) und des Verbs „movere“ (bewegen), bedeutet wörtlich also „herausbewegen“.