Über das Seelische (V) – Der Atem

In der biblischen Schöpfungsgeschichte gibt es ein Bild – und wie bei den meisten dieser Geschichten ist es ein seelisches Bild, es regt etwa in der Seele an  – nach dem der erste Mensch erschaffen wurde aus dem Material der Erde und dass er zum Leben erweckt wurde, in dem ihm der Atem (Odem) eingehaucht wurde. Bis zu diesem Moment war er nur ein Stück gestaltetes Material. Mit dem Atem beginnt er das Leben und seinen seelische Existenz.
Ebenso gibt es die Beobachtung bei Sterbenden, dass sie unmittelbar vor dem Ableben noch einmal einen ganz betonten Atemzug tun, insbesondere ein letztes mal betont ausatmen. Und es hat den Anschein, dass mit diesem letzten Ausatmen das Leben und die Seele aus diesem nun abgelegten Körper entweicht.

Wir haben hier also sowohl am Beginn wie am Ende eine besondere Verbindung von Atem und Seele. Eine Besonderheit des Atems ist es, dass der Vorgang des Atems im Normalfall völlig unbewusst vonstatten geht, ähnlich wie für uns völlig unbewusst unsere Haare oder Fingernägel wachsen oder unser Magen sich rhythmisch zusammen zieht und wieder entspannt. Im Gegensatz zu anderen autonomen körperlichen Prozessen ist der Atem aber deutlich bewusstseinsfähig und auch über Bewusstheit beeinflussbar.

Wenn man auf den Atem achtet, kann man bemerken, wie genau man atmet, ob eher in die Brust oder in den Bauchraum, ob schnell oder langsam, ob hektisch oder in Ruhe usw. Und wir können es nicht nur bemerken, sondern wir können es mit dem Bemerken auch beeinflussen, wir können unseren Atemfluss bewusst moderieren. Und dies hat sehr schnelle und tiefgreifende Effekte sowohl auf unsere Psyche wie auch auf unsere seelische Gestimmtheit. Der Atem befindet sich also an der Schnittstelle von Bewusstem und Unbewusstem, auch dies ist etwas, was er mit dem Seelischen teilt. Der Atem steht unmittelbar für das Lebendige in uns ebenso wie die seelischen Funktionen uns lebendig machen. Ohne Nahrung können wir eine ganze Weile überleben, ohne Wasser einige Tage aber ohne Atem nur wenige Minuten.

Der Gedanke liegt daher nahe, dass der Atem ein Weg sein kann, etwas über die eigene Seele zu erfahren. (Wenn man denn etwas darüber wissen wollen würde. Es scheint so, als ob viele Menschen nur in Phasen großer innerer Not oder Verzweifelung in diesem Punkt wissbegierig seien.)

Über Sinn und Unsinn von Atemtechniken

Die Verbindung von Atem und Seele ist in den östlichen spirituellen Überlieferungen historisch länger verwurzelt als im Westen. Aus den östlichen Traditionen gibt es nicht nur die Praktiken, einen Zeit lang sein Bewusstsein ausschließlich auf den Atem in seinem spontanen Kommen und Gehen auszurichten wie etwas im Zen-Buddhismus, sondern auch etwa im Kontext von Yoga wie auch anderen spirituellen Praktiken bestimmte Atemübungen, bei denen der Adept dieser Richtungen zu einer bestimmten Atemweise angehalten wird. Hier wird dann, anders als im Zen, der Atem nicht nur beobachtet in seiner spontanen Entfaltung ohne Eingreifen, sondern es wird bewusst eine ganz bestimmte Art zu Atmen angestrebt. Manchmal geht es darum, genau eine bestimmte Anzahl von Sekunden einzuatmen, auszuatmen und dazwischen inne zu halten im Atemstrom. Manchmal geht es um einen bestimmten Wechsel der Atmung zwischen dem linken und dem rechten Nasenloch oder einen Wechsel der Atmung zwischen Mund und Nase. Oder es geht um eine bestimmte Region im Körper, in die hinein bewusst geatmet werden soll. In wieder anderen Techniken geht es um die Atemgeschwindigkeit, manchmal als beschleunigter, manchmal als verlangsamter Rhythmus.

Nun haben alle diese Techniken sicherlich ihren Sinn in einem bestimmten Kontext und sie können zu nützlichen Erfahrungen führen. Allerdings besteht hier die Gefahr – und diese mag eher für einen westlichen Menschen bestehen, der östliche Praktiken mit einem westlichen Verständnis auffasst – über die Atemtechniken dem Atmen eine Art militärischen Drill aufzuherrschen. Das wird gelingen, weil der Atem ja durchaus bewusst steuerbar ist, allerdings wird er dann sozusagen maschinell, verliert gerade die Lebendigkeit, um die es hier ja geht. Es besteht also die sehr reale Gefahr, mit bestimmten Atemübungen das Ziel dahinter umso mehr zu verfehlen, je erfolgreicher die Selbstdressur gelingt. Das Seelische im Atmen verabschiedet sich dann einfach und schaut der Sache mehr oder weniger gelangweilt zu.

Natürlich hat die bewusste und gezielte Beeinflussung des Atems sinnvolle und hilfreiche Wirkungen, dass soll hier nicht in Abrede gestellt werden. Auch ganz ohne östliche Weisheitslehren gibt es ja mitunter den Ratschlag an sehr erregte Personen, sie mögen doch erst einmal zehn tiefe Atemzüge nehmen (was automatisch zu einer Verlangsamung der Atmung führt, nicht nur zu einer Vertiefung) und dann erst reagieren. Man kann ein ungünstiges Erregungsniveau auf diese Art erfolgreich regulieren. Wenn, ja wenn, man sich in dem Moment, wo man diese Ratschläge besonders nötig hätte, sich an sie erinnern könnte.

Noch einmal: Natürlich kann man sich über bestimmte Atemtechniken, besonders über gezieltes und länger andauerndes Hyperventilieren etwa im holotropen Atmen oder noch früher im Rebirthing mit bestimmten Tiefendimensionen der Seele verbinden und hier wertvolles „seelisches Material“ zu Tage fördern. Aber: So wie die Seele sich nicht erfolgreich in etwas zwingen lässt, gehen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit fehl, wenn wir über den Atem etwas Bestimmtes im seelischen Bereich erzwingen wollen.

Trotzdem kann man den Atem wegen der engen Verbindung mit dem seelischen Bereich nutzen, um etwas über die eigenen seelischen Bewegungen und Bestrebungen zu erfahren.

Sich über den Atem mit der Seele verbinden

Wie kann denn nun der Atem für seelische Erkenntnisprozesse genutzt werden?

Nun, mir scheint für den Anfang das Wichtigste, den Atem in seiner spontanen Entfaltung zunächst einmal nur zu beobachten, ohne ihn in eine bestimmte Richtung beeinflussen zu wollen. Dieser Schritt sollte vor jedem Beeinflussungsversuch stehen. Wir hatten eingangs auf den Doppelcharakter des Atems verwiesen, dass er im Normalfall vollständig unbewusst erfolgt, aber sehr einfach und direkt bewusstseinsfähig ist. Der unbewusste Prozess der Atembewegung wird durch die Aufmerksamkeit auf den Atem ins Bewusstsein gebracht. Und mit ihm manches an Seelischem, dass ebenso im Normalfall unbewusst ist. „Bewusstheit und Atem haben eine direkte Korrelation. Wer nie seinem Atem gelauscht hat, hat nie seiner Seele gelauscht“ schreibt Peter Orban in seinem Buch „Seele. Geheimnis des Lebendigen.[1]

Es geht also zunächst einmal darum, den Atem – und über ihn die Seele – erfahrbar zu machen. Wichtig ist dabei, den Atem nicht so sehr physiologisch zu betrachten. Sicher, auf der rein organischen Ebene ist der Atem einfach ein Gasaustausch, der im Organ Lunge stattfindet. In die Lunge hinein atmen wir ein, aus der Lunge heraus atmen wir ab, was der Körper an Gasen ausscheidet. Aber es gibt noch eine andere Ebene, die erlebt werden kann. Auf dieser nicht organischen Ebene erfasst der Atem den ganzen Leib. Das kann so gespürt werden. Der Atem in diesem Sinne kann also in die Beine gehen, in den Unterleib, in den Kopf, kurz überall hin in den Körper. Und um diese Ebene der Beobachtung geht es. Es geht um den seelischen Atem und den seelischen Leib, nicht nur um das Organ Lunge.

Was erfahren wir, wenn wir auf diese Weise unseren Atem beobachtend erfahren? Nun, zunächst erleben wir im Fluss des Atems eine Polarität, den Wechsel von Einatmen und Ausatmen. Mit dem Einatmen nehme ich etwas in mich hinein, ich nehme etwas in Besitz, ich binde mich an etwas, ich möchte damit auch Energie für meinen Willen und meine willentlichen Handlungen verfügbar machen. Mit dem Ausatmen betrete ich den Gegenpol, hier lasse ich los, hier löse ich mich von etwas. Wie ahnen schon: Die beiden Pole entsprechen dem archetypisch Männlichem und dem archetypisch Weiblichem, die wir auch in unserer Seele vorfinden.

In den vorherigen drei Beiträgen war die seelische Landschaft beleuchtet worden unter dem Aspekt des weiblichen, des männlichen und des neutralen vermittelnden Prinzips. Wo finden wir nun den dritten Aspekt im Atem? Es sind die Atempausen, die Umkehrpunkte zwischen Einatmen und Ausatmen, die selten beachtet werden. Wenn wir aber genau hinspüren, dann offenbaren sie sich deutlicher. Zwischen den Ein- und Ausatembewegungen liegt eine – meist kleine – Lücke. Durch die Achtsamkeit auf den Atem kann sie deutlicher werden. Hier haben wir das dritte Element des Seelischen, gespiegelt im Atem und im Atem erfahrbar.

Die Übung

Die Übung wäre also: Wir beobachten für einige Momente bis hin zu einigen Minuten unseren Atem ohne Absicht, ohne Intention hier etwas verändern zu wollen.

Dabei achten wir darauf: Wo genau im Körper können wir die Zirkulation des Atems spüren. In welchen Körperteilen deutlicher, wo weniger deutlich? Ist eine der beiden Atembewegungen (Einatmen und Ausatmen) deutlich betonter oder länger als die andere? Können wir die Pausen zwischen dem Atem bemerken und wie fühlen sie sich an? Gibt es irgendwo in den Atemzügen eine Stockung oder fließt der Atem frei und widerstandslos? Wie tief berührt der Atem mich im Inneren? Oder bleibt er an der Oberfläche? Ist er hektisch oder ruhig?
Und dann beobachten wir, wie der Atem den Leib, den Seelenleib, durchströmt. Wir achten jetzt bewusst auf jede Region im Körper. Gibt es hier Stellen, wo der Atemfluss nicht so gut oder gar nicht spürbar ist? Gibt es hier Unterschiede zwischen der linken und der rechten Köperseite? Wir erstellen uns ein inneres Bild wie einen „Scan“ des Körpers. Da gibt es hellere Stellen und dunklere Stellen, die wir bemerken können, die wir uns merken können.

Das Ziel dieser Atemübung ist ja, sich über den Atem mit der Seele zu verbinden. Hier sind insbesondere die dunklen Stellen im Körper in der oben erstellten Landkarte informationsträchtig. Wenn es Stellen im Leib gibt, die vom Atem nicht oder nicht gut erreicht werden, dann sitzt hier eine blockierte Energie, unbewusste Seelenanteile, die irgendwann in den Untergrund verbannt wurden. Und dort im Untergrund warten sie darauf, dass wir uns wieder mit ihnen verbinden.

Es kann sein, dass bei dir, wenn du diese Übung machst, bei der Beachtung dieser Stellen im Köper innere Bilder auftauchen oder Gefühle und Emotionen sich einstellen. Das ist ein gutes Zeichen, die Übung erfüllt ihren Zweck!
Was machen wir mit den inneren Bildern und Gefühlen? Wir wenden uns ihnen zu. Wir lassen sie ungehindert sich entfalten und durch uns hindurch fließen. Statt der Abwehr und Verdrängung dürfen sie jetzt in Fluss kommen, aus der Versteinerung in die Lebendigkeit gelangen.
Du kannst beim Auftauchen eines solchen inneren Bildes oder Gefühls, wenn es unangenehm ist – und das wird es sein, sonst wäre es nicht in den seelischen Untergrund verbannt worden – dieses Bild oder Gefühl ansprechen. Sag ihm: „Vielen Dank dafür, dass du dich zeigst. Ich habe dich viel zu lange nicht beachtet. Ich bin jetzt bereit, dich zu fühlen. Ich stimme dir zu, dass es dich gibt, ich spüre jetzt hin.“ Und lass das Gefühl sich entfalten und durch dich hindurchfließen, wie eine Welle, die ansteigt und nach einer bestimmten Zeit wieder abebbt.

Je weniger Widerstand wir diesem Gefühl entgegensetzten, je mehr wir es bejahend fühlen und anerkennen können, dass es sich jetzt zeigen darf, desto weniger schmerzhaft wird das Gefühl in seiner Freisetzung sein, desto weniger Leiden wird es verursachen, desto mehr wird die Freisetzung als Befreiung erlebt.

(Hinweis: Wenn du über den Atem in deiner seelischen Unterwelt etwas entdeckst, was dich zu überwältigen droht, dann mache die Übung nicht alleine. Du kannst sie stattdessen mit einer eng vertrauten Person als Unterstützung machen oder mit professioneller Hilfe.)

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[1] Peter Orban: Seele. Geheimnis des Lebendigen. Hugendubel: 1991. S. 118