Familienaufstellungen und „Psycho-Techniken“

Es gibt seit einiger Zeit einen vielfältigen Markt an „Psycho-Techniken“ zur Überwindung von belastenden Gefühlen wie auch zur Veränderung von einschränkenden Gewohnheiten oder Überzeugungen (Glaubenssystemen). Diese Techniken und Methoden haben sich teilweise aus dem psychotherapeutischen Bereich und teilweise etwas abseits davon entwickelt. Angeboten werden diese Techniken als (psychologische) Beratung, Coaching oder allgemein Lebenshilfe. Die Grenzen zur Psychotherapie im engeren Sinne sind oft fließend.

Als Beispiel ließe sich hier das „Neurolinguistische Programmieren“ (NLP) nennen. Oder auch die sog. Klopfakkupressur („emotional freedom technique“ – EFT), verschiedenste Meditations- und Entspannungstechniken, „Erfolgstrainings“ und weitere Methoden und Techniken, die man im weitesten Sinn als „Mentaltechniken“ bezeichnen könnte. Allen gemeinsam ist, dass sie auf das Erreichen einer vom Klienten erwünschten positiven psychologischen Zustandsveränderung zielen. Es geht um Zustandsveränderung im individuellen Bereich.

Viele dieser Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie solche Zustandsveränderungen hochwirksam in relativ kurzer Zeit versprechen und – wenn sachgerecht angewandt – oft auch erreichen. Situationsspezifische Ängste werden abgebaut, Motivation und Fokussierung gestärkt, dass Stresslevel gesenkt, einschränkende Glaubenssätze und Überzeugungen werden überwunden, und durch hilfreichere Annahmen über mich und die Welt ersetzt. Das Leben wird erfolgreicher und weniger durch innere und äußere Konflikte geprägt.

Mitunter werde ich gefragt, wie sich im Vergleich zu solchen Methoden Familienaufstellungen verstehen lassen. Oder: Wie sind die Unterschiede in dem, worauf abgezielt wird, zu sehen?

Unterschiede zwischen dem Familienstellen und psychologischen Techniken zur Zustandsveränderung

Es gibt hier verschiedene Aspekte, anhand derer man die Unterschiede akzentuieren kann.

Ein Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken im Kern auf die Ebene des individuellen Erlebens und Verhaltens zielen, es geht also um die einzelne Person, das Individuum. Bei Familienaufstellungen werden dagegen soziale Systeme, die Herkunftsfamilie oder auch die Gegenwartsfamilie, in den Blick genommen. Metaphorisch gesprochen: Der Blick geht z.B. nicht so sehr auf die einzelnen Pflanze, sondern auf die Beschaffenheit des Bodens und der Standortverhältnisse (Licht, Bewässerung usw.), des Lebensraumes und der ökologischen Nische im Zusammenspiel mit anderen Lebewesen, auf deren Grundlage sie wächst, genährt wird und sich entfaltet – oder eben auch verkümmert und welkt.

Ein anderer Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken einen gewissen „handwerklichen“ Aspekt haben. Sie werden seitens des Anwenders gelernt, gekonnt und beherrscht. Und in dem Ausmaß, in dem sie vom Anwender beherrscht werden, erlauben sie auch ein gewisses Ausmaß an Vorhersehbarkeit der erreichbaren Resultate. Beim Familienstellen vertraut sich dagegen die Aufstellungsleiterin / der Aufstellungsleiter zusammen mit den Stellvertretern ganz dem „wissenden Feld“ an. Und es ist nicht vorhersehbar, was sich im Einzelnen dabei zeigt und in welche Richtung die Lösung zeigen wird. (Mehr zum „wissenden Feld“ hier und hier und hier.)

Der wesentliche Unterschied ist aber: Wenn eine Störung oder eine erlebten Einschränkung im Lebensvollzug einen systemischen Hintergrund hat, etwa bei systemischen Verstrickungen aus der Herkunftsfamilie, bei unbewussten Identifikationen mit jemandem aus dem Herkunftssystem, dann werden auch die ansonsten hochwirksamen Psychotechniken, die auf das rein Individuelle zielen, scheitern. Das Scheitern kann verschiedene Formen annahmen.

  • Es kann sein, dass etwas erst einmal wirkt – aber nur kurze Zeit. Danach stellt sich der alte Zustand mehr oder weniger unverändert wieder ein.
  • Es kann sein, dass sich eine Symptomverschiebung einstellt, etwa eine Suchtstruktur die sich von einer Alkoholabhängigkeit zu einer Internetsucht wandelt.
  • Es kann sich ein Ebenenwechsel derselben Thematik einstellen etwa von der körperlichen zur seelischen Ebene oder umgekehrt (eine Neigung zu übertriebener Gereiztheit im Kommunikationsverhalten wird erfolgreich überwunden und in der Folge stellt sich eine Allergie ein) oder von der Ebene des Äußeren zur Ebene des Inneren oder umgekehrt (eine Neigung zu autoaggressiver Selbstsabotage wird überwunden und es stellt sich eine Neigung zu aggressiven Handlung oder aggressivem Kommunikationsstil im Äußeren ein). In diesen Fällen wäre das zugrundeliegende Thema nicht gelöst oder „erlöst“, sondern nur in einen anderen Kontext und eine andere Ausdrucksform verlagert.

Wenn also ein systemischer Hintergrund bei Beschwerden oder Einschränkungen besteht – und dies ist vermutlich häufiger der Fall, als es das nicht ist – erweisen sich auch an sich hochwirksame und schnelle Interventionen auf der psychoregulativen Ebene als beschränkt.

Als bildliche Metapher: Es ist dann manchmal so, wie wenn man bei einem Auto sichtbare Roststellen einfach mit Lackspray übersprüht werden. Man sieht es dann nicht so, es fällt erst einmal nicht mehr auf – aber darunter arbeitet der Rost weiter und irgendwann platzt der Lack auf und die unschönen „Rostausblühungen“ werden umso sichtbarer.

Die Relativierung der Unterschiede

Allerdings ist die Trennung der Methoden – die sich als Arbeit an der Oberflächenstruktur vs. Arbeit an der Tiefenstruktur beschreiben ließe – in der Praxis nicht so deutlich gegeben. Es gibt hier vielfältige Übergänge und Verschleifungen, welche die beschriebenen Gegensätze aufweichen. So gibt es z.B. im Bereich des NLP eine Standardformat, das sog. „Reimprinting“, dass von Anfang an die Tradierung und Prägung von psychischen Themen in der Kindheit im Familiensystem und auch die Heilung im System in den Blick nimmt. In dem zentral nicht gefragt wird „welche Ressourcen hättest du gebraucht in dieser Situation“ sondern: „Welche Ressourcen hätten deine Eltern gebraucht in dieser Situation, um liebevoller und unterstützender sein zu können?“

Oder im Bereich des EFT (der Klopfakkupressur) wird zunehmen bei einem unerwünschten Gefühl nicht nur gefragt, welches Gefühlt dies genau ist, sondern auch: „Wer in deinem Familiensystem hatte das auch?“ Und dann wird stellvertretend für diese Person, unabhängig davon, ob noch lebend oder schon verstorben, „mitgeklopft“.

In dieser Form werden also auch in den psychoregulativ akzentuieren Mentaltechniken die systemischen Untergründe mit adressiert und damit einerseits der Wirkungsbereich ausgeweitet und die Unterschiede zwischen rein auf das Individuum zentrierten Ansätzen und systemischen Ansätzen stark relativiert. Auf diese Weise stehen sich verschiedene Interventionsansätze weniger konkurrierend gegenüber, sondern befruchten sich gegenseitig und ergänzen sich komplementär.

In der Orientierung der Berater, Coaches und Therapeuten bleibt es aber ein wichtiger Unterschied, auf welcher Ebene ich eine Symptomatik begreife und meine Interventionen setzte.

Etwas Ähnliches ergibt sich auch, wenn man etwa an die Grundorientierungen von schamanischen Heilungsansätzen denkt. Wenn ein Klient z.B. unter mangelndem Erfolg und eingeschränktem Lebensvollzug leidet, könnte man in der Nachfolge von schamanischen Heiltraditionen geneigt sein, an einen Verlust von Seelenanteilen zu denken. Und sich nachfolgend mit entsprechenden schamanischen Techniken auf die Suche nach diesen verlorenen Seelenanteilen mit dem Ziel ihrer Rückholung machen.
Und man würde erwarten, dass erst nach einer solchen Rückholung von Seelenanteilen und deren Reintegration dann Techniken und Interventionen wirken können, wie sie von „Erfolgstrainern“ oder „Erfolgscoaches“ angewandt werden. Nach dem Motto: „Nur was wirklich HIER ist, kann geheilt werden.“ (Vielleicht werden die letzteren Methoden dann aber auch gar nicht mehr gebraucht).

Um im den Bild vom Rost am Auto zu bleiben: Manchmal muss man schon eine gewisse Abarbeitungsreihenfolge einhalten, um nachhaltig etwas zu bewirken. Man benötigt erst eine sachgerechte Grundierung, bevor die Arbeit des Lackierens beginnt.