Das wissende Feld – Teil 3

Im ersten Teil ging es um die stellvertretende Wahrnehmung im „wissenden Feld“, im zweiten Teil um den Teil „Feld“ im wissenden Feld. Im dritten und abschließenden Teil des Artikels wird es um das „Wissen“ im wissenden Feld gehen.

Das „Wissen“ im wissenden Feld

Nehmen wir also einmal an, es gäbe eine Art von Feld, das irgendwie – auf eine im Detail noch nicht geklärte Weise – Informationen über seelische Dynamiken bereit stellt. Welcher Art sind diese Informationen? Hier wäre zunächst zu unterscheiden zwischen den unmittelbaren Wahrnehmungen der Stellvertreter und dem, worauf diese Wahrnehmungen deuten und verweisen.

Die unmittelbaren und spontanen Wahrnehmungen der Stellvertreter sind meistens von einer der folgenden Qualitäten:

  • Eine Körperempfindung (z.B. „Mir ist ganz kalt an der rechten Schulter“)
  • Eine Empfindung über das Sein einer Person (z.B. „Ich fühle mich hier schwach und nicht wirklich im Leben“)
  • Eine Orientierung bezüglich der Wahrnehmung (z.B. „Meinen Blick zieht es zu dem Fenster hier und zu dem Baum dort draußen“ oder „Ich sehe nur Ihn“ mit Bezug auf einen anderen Stellvertreter im Feld)
  • Ein Handlungsimpuls (z.B. „Ich möchte auf Sie zugehen“ mit Bezug auf eine andere Stellvertreterin)
  • Die Wahrnehmung einer Emotion (z.B. „Ich fühle eine große Trauer“)

So unterschiedlich dies auch sein mag, am Anfang einer Aufstellung ist es oft unklar, was die einzelnen Wahrnehmung der Stellvertreter bedeuten mögen. Dies wird meist erst im Fortschreiten der Aufstellung offenbar.

So kann etwa in einer Aufstellung eine Stellvertreterin für eine Frau, als erstes auf die Frage „Wie geht es dir?“ sagen: „Ich möchte mich verhüllen. Ich möchte nicht gesehen werden. Besonders von Männern nicht gesehen werden“ und deutet dabei auf einen anderen Stellvertreter in der Aufstellung. Gleichzeitig schaut sie auf einen bestimmten anderen Punkt im Raum, wo niemand steht. Angeregt durch Informationen im Vorgespräch zur Aufstellung stellt die Aufstellungsleiterin die Großtante, zunächst einmal probeweise, in die Aufstellung an genau diese Stelle. Sofort verändert sich die ganze Atmosphäre in der Aufstellung. Die Großtante was als junge Frau von ihrer Familie gezwungen wurde, in ein Kloster einzutreten und sie blieb somit ohne Beziehung zu einem Mann und kinderlos. Und das zentrale Thema der Aufstellung verdichtete sich letztlich in dem Satz der Anliegengeberin zu ihrer Großtante, die unfreiwillig im Kloster war: „Im Andenken an dein Schicksal und dir zu Ehren bleibe ich auch unverheiratet und kinderlos“.

Hier führt also die anfängliche Empfindung „ich möchte mich verhüllen“, gegen männliche Blicke verhüllen, zu dem eigentlichen Thema hin, ohne dass es am Anfang direkt klar ist, was das Thema ist, um das es geht.

Die Inhalte im wissenden Feld starten also zunächst einmal mit Eindrücken oder Empfindungen der Stellvertreter. Und das dahinter liegende Thema, auf das diese stellvertretenden Wahrnehmungen verweisen und das sich oft als Bild erst zeigt, wenn man die einzelnen stellvertretenden Wahrnehmungen wie Steine in einem Mosaik auffasst, hat zumindest im Bereich der Familienaufstellungen meist mit einem der folgenden drei Gegebenheiten zu tun:

1. Ausschluss aus dem System
Menschen, die zum Familiensystem gehören, wurden ausgeschlossen, im System behandelt wie nicht existent[1]. Und die Systemdynamik in Familiensystem drängt darauf, die Ausgeschlossenen wieder sichtbar zu machen.

2. Gestörte Ordnung im System
Wenn kleine Kinder einem Elternteil gegenüber in eine Erwachsenenrolle geraten, z.B. als Partnerersatz oder wenn bei Erbfragen etwa Kinder aus einer früheren Familie gegenüber den Kindern einer späteren Familie benachteiligt werden, dann liegt eine Störung der Ordnung im System vor und das Familiensystem versucht mit allerlei Symptomatiken auf diese Störung aufmerksam zu machen.

3. Nicht erfolgter Austausch und Ausgleich im System
Wenn Teile eines Familiensystems z.B. etwas besonderes leisten für das System, ohne dass diese besondere Leistung geachtet würde, dafür gedankt würde oder mit kleinen „Privilegien“ im System belohnt würde, dann liegt eine Störung im Gleichgewicht von Geben und Nehmen vor.

Das Wissen im wissenden Feld verweist oft auf Tatbestände, die über die autonomen Handlungsfelder des einzelnen Individuums hinausgehen. Es nimmt oft Verstrickungen, Identifizierungen, unbewusste Nachfolge in den Blick – um so etwas im System, also z.B. dem System der Herkunftsfamilie, zu heilen. Gemeint sind hiermit Phänomene, dass Nachgeborene im Verhalten oder im Schicksal unbewusst früheren Mitgliedern der Familie nachfolgen, ohne um diese Vorfahren und ihr Leben überhaupt zu wissen. Wenn etwa ein Nachfahre suizidale Tendenzen aufweist, die aus der eigenen Biografie nicht recht erklärbar sind, und er hierin einem Vorfahren nachfolgt, der sich umgebracht hat, dieses Ereignis aber in der Familie nie erwähnt wurde.

Das Wissen im Feld verweist auf die Dinge, wo uns das Leben „in den Dienst“ nimmt (wie es Bert Hellinger oft genannt hat) für etwas, was weit über die eigene Individualität und über das eigene Bewusstsein hinaus geht.
Und das macht uns natürlich erst einmal scheu. Wollen wir das? Wollen wir uns als „in den Dienst genommen“ erleben? Und: Wo bleibt denn da die Freiheit? Es gibt einen guten Grund dafür, dass Menschen sich dem, was in Aufstellungen geschieht, oft nur vorsichtig nähern.

Aber: Es gibt hier auch eine gute Nachricht. Dies „in den Dienst genommen“ werden ist keine Fronarbeit. Genau genommen ist es meist gar keine Arbeit. Es muss oft gar nichts Besonderes getan werden. Meist reicht es, zu wissen: So ist es. Oder: So war es. Da kommt es her. Damit bin ich verbunden. In dieser Einflusssphäre stehe ich. Wenn dieses Wissen nicht als intellektueller Inhalt im Kopf bleibt, sondern „zu Herzen genommen“ wird, ist dies meist der lösende Schritt im inneren Vollzug. Wenn es mehr zu einem Lebensgefühl denn einem rationalen Argument der Welterklärung wird. Erkennen, was ist und Anerkennen, was ist. Und innerlich „Ja!“ sagen zu dem, was ist. Mehr will das wissende Feld meist nicht von uns – wenn man überhaupt so reden darf, dass das wissende Feld etwas wolle, so als sei es eine Person.

Was man immer wieder beobachten kann: Das Anerkennen dessen, was ist, fühlt sich leicht an. Die Bürde, die mit dem Leben auch verbunden sein mag, wird leichter, nicht schwerer. Und der Mensch ist in aller Regel mehr „in seiner Kraft“. Er gewinnt ein Mehr an Spielraum für eigenständiges Handeln, wenn das Vergangene gesehen und gewürdigt wird. Es braucht dann das Vergangene nicht mehr blind und unbewusst wiederholt zu werden. Dieses „Mehr“ an Freiheit ist zwar keine absolute Freiheit, wo gibt es die schon? Aber ist ist – immerhin – ein Zugewinn an Freiheit.

Die Grenzen des wissenden Feldes

Ist „das Feld“ allwissend? Das ist eigentlich eine sinnlose Frage. Es gibt aber manchmal – in der Anfangseuphorie – die Bestrebung, alles Mögliche aufzustellen. In der Hoffnung, hier etwas zu erfahren, was mit sonst so nicht zugänglich ist als Information. Und manchmal mit der heimlichen Hoffnung, das Feld möge mir mit seiner Antwort die Ver-Antwortung für eigenes Handeln und eigene Entscheidungen abnehmen. Und das wird eher nicht „funktionieren“. Um einmal akzentuierend einige absurde Anliegen für Aufstellungen zu skizzieren:

  • Kann ich die Lottozahlen für das nächste Wochenende aufstellen?
  • Wenn ich mich nicht entscheiden kann, wohin ich dieses Jahr in den Urlaub fahren will – kann ich das aufstellen?
  • Ich werde öfter bestohlen und habe jemand Bestimmten in Verdacht – kann ich das aufstellen, ob mein Verdacht wirklich stimmt?
  • Kann ich durch eine Aufstellung bewirken, dass beruflicher Erfolg (oder Geld, oder der „Traumpartner“ oder was auch immer) zu mir kommt?
  • Kann ich mein Verhältnis zu meinem Ex-Partner aufstellen, um zu zeigen, dass er Schuld ist an der Trennung und an meinen nachfolgenden Problemen?

Das ist es alles etwas überspitzt und bewusst absurd formuliert als Anliegen und wird natürlich nicht exakt so vorgetragen als Anliegen – wiewohl es manchmal in eine ähnliche Richtung geht. Aber ich möchte daran einige Aspekte des wissenden Feldes verdeutlichen.

Zum Lottogewinn: Erstens ist das Aufstellen im wissenden Feld kein Wahrsagen und keine Hellsichtigkeit. Aber wichtiger ist: Es geht bei den Informationen aus dem wissenden Feld (vermittelt über stellvertretende Wahrnehmung) um die Bewegungen der Seele. Der Seele der Person mit dem Anliegen. Und dabei darum, etwas zu sich zu nehmen, was zu mir gehört. Und somit „heiler“ im Sinne von vollständiger, „ganzer“ zu werden. Und der Lottogewinn gehört sicherlich nicht zu einer vollständigeren Seele. Eher im Gegenteil, er kann einen eher davon abhalten. Auf solche Fragen erhält man im Feld schlicht keine Antworten und man sollte das auch gar nicht erst versuchen.
Die Frage, die man sinnvoll an das Feld stellen könnte, wäre eher: Warum hakt es mit dem Erfolg – im weitesten Sinne – in meinem Leben? Das wäre eine zielführende Frage für eine Aufstellung.

Zur Urlaubsentscheidung: Der Versuch, eine Aufstellung für die „kleineren“ Anforderungen und Entscheidungssituationen im Leben zu instrumentalisieren, mit der Intention, die Entscheidung nicht selber treffen zu müssen, sie also an das Feld oder die Stellvertreter zu delegieren, ist aus meiner Sicht der versuchte Missbrauch der Methode. Auch hier wird sich das Feld – was immer das sein mag – verweigern. Anliegen für eine Aufstellung sollten schon ein gewisses „seelisches Gewicht“ haben, es sollte eine persönliche Dringlichkeit damit verbunden sein. Eine empfundene Not-Wendigkeit, also eine seelisch Not, die gewendet werden soll.
Sehr wohl aber könnte man hier z.B. die Frage aufstellen, warum habe ich generell Schwierigkeiten mit zu entscheiden? Wenn dies tatsächlich der Fall wäre. Und wenn dies eine bedeutsame Einschränkung der Lebensvollzüge der Person darstellen würde.[2]

Zur Diebstahlssituation mit Verdacht auf einen konkreten Täter: Ich denke grundsätzlich nicht, dass man mit Aufstellungen forensische Anliegen behandeln kann oder dies versuchen sollte. Dafür gibt es andere gesellschaftliche Instanzen, die dafür zuständig sind und die als solche auch gewürdigt gehören. Viel schlimmer ist aber aus meiner Sicht, dass dies der Versuch einer unzulässigen Einwirkung in das seelische Geschehen einer anderen Person (hier: des Verdächtigen) ist, aus einer egozentrischen Motivation heraus. Und: Es ist letztlich auch der Versuch, sich aus der unangenehmen Verantwortung zu stehlen, die verdächtigte Person mit dem Verdacht und den Hinweisen für den Verdacht (so es sie denn gibt) zu konfrontieren und bei noch deutlicherem Tatverdacht eben einfach Anzeige zu erstatten. Ich habe es noch nie erlebt, dass das Feld den Versuch unterstützten würde, sich aus der eigenen Verantwortung herauszustehlen. Eher im Gegenteil: Die Informationen aus dem Feld akzentuieren eher die Eigenverantwortung, stellen aber auch die entsprechende inneren Kraft zur Verfügung, diese Verantwortung zu tragen. Das ist der Entwicklungsweg, der andere Weg führt in die Irre.

Zum Anziehen von erwünschten Lebensumständen: Eine Aufstellung ist kein magisches Ritual, das mir erwünschte Lebensumstände heraufbeschwört. Gesetzt den Fall, so etwas ginge, wäre es eher ein Pakt mit dem Teufel, den man ja, wie wir seit Dr. Faust wissen, mit der Seele bezahlt. So zumindest erzählen es die mythologischen Geschichten.[3]
Auch hier wäre, wie schon im Beispiel mit dem Lottogewinn, die Frage zu transformieren. Und oft steht hinter solchen Anliegen die Frage: Kann ich mein Leben vollständig nehmen? So wie es ist, mit allem, was es mich und andere kostet und gekostet hat? Und wenn wir die Frage so stellen, landen wir meist direkt beim Kernthema der klassischen Familienaufstellung, dem Nehmen des Lebens von den Eltern, so wie sie waren. (Und nicht so, wie ich sie gerne gehabt hätte). In diesem Sinne gewendet: Ja, das wäre dann ein sinnvolles Thema für eine Aufstellung. Aber in der Ausgangsform? Eher nicht!

Zum schuldigen Ex-Partner: Generell ist höchste Vorsicht geboten, wenn ein Anliegen formuliert wird, bei dem eine bestimmte Sicht, ein Vor-Urteil der Person, bestätigt werden soll.
Tatsächlich wäre eine sinnvolle Frage für eine Aufstellung eher: Wie genau bin ich mit meinem Ex-Partner seelisch noch verbunden? Und was bin ich ihm oder er mir noch schuldig? Und nebenbei: Wenn ich meinem Ex-Partner innerlich noch etwas nachtrage, dann bin ich mit Sicherheit noch mit ihm seelisch verbunden. Und welche Rechnungen hier in der Seele noch offen sind und wie sie beglichen werden können, das kann tatsächlich durch eine Aufstellung geklärt werden. Aber: Die Bilanz kann sich als ganz anders gelagert herausstellen, als vermutet. Zu einem solchen Anliegen kann man als Aufstellungsleiter also nur sagen: Wir können uns das anschauen. Aber: Be prepared to be surprised! Ohne diese Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, sollte man eine Aufstellung nicht durchführen.

Ein Fazit?

Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir sagen: Wir wissen nicht wirklich, was genau das wissende Feld ist und warum es sich durch die stellvertretende Wahrnehmung mitteilen kann.

Wir können aber trotzdem damit arbeiten, weil wir inzwischen über einiges an Erfahrungswerten verfügen, welche Art von Anliegen hier sinnvoll gestellt werden können und welchen Rahmen es braucht, damit die stellvertretende Wahrnehmung im wissenden Feld wirken kann.

Und diese Wirkung ist das Kriterium. Bin ich nach einer Aufstellung vollständiger in meiner Seele? Bin ich mehr in meiner Kraft? Und das kann man – meist – unmittelbar wahrnehmen.

 

 

Fußnoten:

[1] In diesem Zusammenhang ist der Ausdruck „totschweigen“ sehr beredt, wenn man dem sprachlich einmal wirklich „nachschmeckt“.
[2] Nebenbei bemerkt: Wenn es darum geht, die eigene unbewusste Einstellung zu einer Entscheidung deutlich werden zu lassen im Vergleich zu dem, was mein Verstand darüber denkt, dann gibt es dafür andere und einfach Methoden wie z.B. den Muskeltest.
[3]Eine andere Variante dieses Themas findet sich in der Harry Potter Saga von J.K. Rowling. Tom Riddle, der spätere Lord Voldemort, spaltet hier insgesamt sieben mal einen Teil seiner Seele ab im Tauschgeschäft für einen Zugewinn an (schwarzmagischer) Macht. Wer die Saga kennt, weiß, wie attraktiv das resultierende Seelenleben des dunklen Lords sich dann gestaltete.

Das wissende Feld – Teil 2

Nachdem im ersten Teil dieses dreiteiligen Artikels zum „wissenden Feld“ die stellvertretende Wahrnehmung als Ausdruck des wissenden Feldes beleuchtet wurde, geht es hier jetzt um das Feld selber. Nämlich um den Feld-Teil in der Bezeichnung „wissendes Feld“. Im dritten und letzten Teil wird es dann um den Wissens-Teil in dem Begriff gehen.

Das „Feld“ im wissenden Feld

Damit die Wahrnehmung von seelischen Dynamiken durch Stellvertreter sich entfalten kann, werden die Stellvertreter „aufgestellt“ und somit in einer bestimmten Weise zueinander angeordnet, oft inmitten eines Kreises von beobachteten Zuschauern. Und dieses aufgestellt werden von Personen, die für etwas ihnen fremdes stehen, von dem sie nur wenig wissen, kreiert im Zusammenwirken mit der Aufstellungsleitung ein psycho-soziales Feld, das wir im Rahmen der Aufstellungsarbeit das „wissende Feld“ nennen. Hier beziehen die Stellvertreter ihre Informationen und Eindrücke und letztlich bezieht die Aufstellungsleitung hier ihre Fragen an die Stellvertreter oder ihre Vorschläge für „lösende Sätze“ an die Stellvertreter.
Was hat es nun mit dem Feld im Begriff des „wissenden Feldes“ auf sich? Der Ausdruck geht auf Dr. Albrecht Mahr zurück, der aber immer wieder betont hat, dass es sich hier nicht wirklich um einen wissenschaftlichen, sondern eher um einen poetischen Ausdruck handelt.

Wenn wir von einem „wissenden Feld“ reden, dann erinnert der Feld-Teil in der Bezeichnung an andere Felder. Magnetische Felder zum Beispiel sind in der Lage, Eisenspäne auf einem Blatt Papier in Richtung der magnetischen Feldlinien auszurichten. Daran erkennen wir überhaupt erst das magnetische Feld und die Richtung der Feldlinien, entlang derer dann messbare Kräfte wirken. Ohne das Medium von Eisenspänen auf Papier wäre das magnetische Feld für uns nicht sinnlich warhnehmbar. Ähnlich bewegen elektrische Felder geladene Teilchen entlang der Feldlinien. Gravitationsfelder beeinflussen Körper und ihre Bewegungen, sorgen also zum Beispiel für die gekrümmten Bahnen, auf denen Himmelskörper sich bewegen. Und in elektromagnetischen Feldern passiert es, dass geeignete Schwingkreise in Resonanz geraten – und es entsteht Sprache oder Musik in der Form eines empfangenen Radioprogramms.
Allgemein spricht man in der Schulphysik von Feldern als Trägern von Energie, die Wechselwirkungen zwischen Teilchen und Körpern übertragen und vermitteln ohne direkten Kontakt wie etwa Stoß oder Reibung.
Auch physikalischen Feldern ist es also eigentümlich, dass wir die Felder selber nicht sinnlich wahrnehmen können, sondern nur die Kräfte und Wirkungen, welche diese Felder ausüben auf etwas, was in dieses Feld gerät. Dann sagen wir: Da wirkt etwas als Kraft auf eine Materie – also muss es ein Feld geben, welches dieses Kraft bereit stellt und vermittelt.

All dies sind erst einmal nur Analogien. Die Analogien besagen: Es ist kein so ungewöhnliches Phänomen, dass eine Wirkung auf etwas von etwas anderem ausgewirkt wird, ohne dass ein direkter Kontakt besteht. Und das wäre die Annahme, die in der Redeweise vom wissenden Feld enthalten ist: Es gibt seelische Kräfte und Bewegungen in jedem von uns, die wirken, ohne dass wir etwas über ihre tatsächliche Struktur und innere Natur wissen müssen. Die Wirkungen dieser Kräfte, wie wir sie über die stellvertretende Wahrnehmung erfahren, zeigen etwas über das Feld, dass hier wirkt. Es wird etwas sichtbar, was sonst verborgen bliebe – weil wir keine unmittelbare sinnliche Wahrnehmung dafür haben. Wenn es aber einmal sichtbar ist, können wir die Information nutzen, so wie in der Seefahrt ein Kompass zu Navigation benutzt werden kann, auch wenn der nutzende Seefahrer wenig über die physikalischen Gesetze des Magnetismus oder die Eigenheiten des Erdmagentfeldes, das hier genutzt wird, weiß.
(Allerdings, dazu mahnt das zuletzt benutzte Bild eben auch: Sehr wohl muss der Seemann zur Navigation etwas über Ausmaß und Richtungen der Missweisung einer Kompassnadel wissen, die sich daraus ergibt, dass magnetischer und geografischer Nordpol nicht zusammenfallen, dieser Unterschied auch nicht stabil in der Zeit ist und je nach Position und Kurs höchst unterschiedlich bedeutsam sein kann. Und ebenso muss er sein Handwerk, die Seefahrt selber, das Manövrieren von Wasserfahrzeugen, die Einflüsse von Wetter und Strömungen, die Regeln der Navigation usw. beherrschen.)

Bleiben wir mit Albrecht Mahr dabei, dass es sich hier um eine poetische (bildhafte, assoziative) Beschreibung handelt, so kann die Redeweise vom wissenden Feld über die Analogien und Vergleiche zu anderen Feldern es für den Verstand leichter machen, anzuerkennen, dass Menschen fremde seelische Impulse empfinden und ausdrücken können, ohne viel über diese Menschen oder die tatsächlichen Geschehnisse z.B. in deren Herkunftsfamilie zu wissen.

Das wäre also das Wichtige an dem Feldbegriff im wissenden Feld: Es wird leichter vorstellbar, dass die stellvertretende Wahrnehmung, die „Besetzung“ durch fremde Impulse oder Emotionen, vielleicht ein wirklich natürlicher Vorgang sein könnte. Und das vielleicht daran wenig Spukhaftes oder „Magisches“ anhaftet. So wie wir es auch nicht als „magisch“ Empfinden, das die Klangproduktion eines ganzen Symphonieorchesters aus einem kleinen technischen Gerät heraus ertönt, obwohl kein Orchester am Ort zugegen ist und es sicherlich nicht in das Gerät hineinpassen würde.
Für einen Menschen aus einer anderen Zeit oder Kultur, der nie mit Radioempfang in Berührung kam, aber schon Musikorchester kennt, müsste es dagegen zwangsläufig als eine Form von Magie erscheinen.

Tatsächlich ist es meistens so, dass das Erleben als Stellvertreter im Feld sich normal, fast alltäglich, anfühlt. Es ist meist nichts Besonderes, geschweige denn Dramatisches dabei. Und im Erleben meist auch nicht viel „Geheimnisvolles“. Im Gegenteil: Viele Eindrücke als Stellvertreter sind eher beiläufig. Also: Während man als Stellvertreter agiert, gibt es keinen Anlass zum Wundern. Das Wundern – und auch das Zweifeln – passiert erst im Nachhinein, wenn ich anfange, darüber nachzudenken. Wenn ich mich frage: Wie kann das sein?

Und hier ist es dann wirklich ähnlich, wie beim Radioempfang: Die alltägliche Nutzung geschieht in der Regel beiläufig und mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit. Erst wenn ich anfange, mir das WIE genauer vorzustellen, all die vielen Transistoren und Schaltkreise, die Bewegungsformen von Elektronen in Leiterbahnen, die Transformation dieser Bewegungen von Elementarteilchen in für menschlicher Ohren wahrnehmbare Schallfrequenzen, die dann auch noch in Form von Sprache oder Musik Bedeutung tragen – DIES kann einen dann schon wieder zum Staunen und zu ein wenig Ehrfurcht vor den Leistungen des menschlichen Geistes und der Technik bringen. Aber wie gesagt: Solange ich nicht darüber nachdenke, ist hier kein Staunen, sondern größte Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit in der Nutzung.

Das wissende Feld – Teil 1

Stellvertretende Wahrnehmung im wissenden Feld

Projektive Fremdwahrnehmungen, höhere Weisheit, spukhafte Fernwirkungen – oder einfach Einbildungen naiv Gläubiger?

In einer Aufstellung, sei es in einer klassischen Familienaufstellung oder auch in anderen Varianten der Aufstellungsarbeit, nutzen wir die sogenannte „stellvertretende Wahrnehmung“. In einem einfachen Fall bedeutet dies z.B. : Eine Teilnehmerin in einer Gruppe wird im Raum an einen bestimmten Platz gestellt und ihr wird gesagt: „Du bist die Stellvertreterin für die Mutter von Jutta“. Jutta ist hier ein – frei erfundener – Name für eine andere Gruppenteilnehmerin, die ihre Herkunftsfamilie aufstellen möchte. Im Raum stehen vielleicht noch andere Stellvertreter, etwa eine Stellvertreterin für Jutta selber und für ihren Vater, vielleicht auch noch für ihre Geschwister. Und nach einer gewissen Zeit sagt die Stellvertreterin für Juttas Mutter: „Ich habe eine Stinkwut auf meinen Mann!“. Und man kann sehen, dass die Stellvertreterin diese Emotion tatsächlich erlebt, die Körperhaltung und die Gesichtszüge drückte Wut aus. Wir nehmen weiter an: Es hat vorher keinerlei Information darüber gegeben, ob und in welcher Weise Juttas Mutter guten Grund hätte, auf Juttas Vater wütend zu sein.

Ein solches Phänomen ist der Normalfall in Aufstellungen. Jemand steht stellvertretend für eine ihm fremde und völlig unbekannte Person – und nach eine kurzen Zeit stellt sich beim Stellvertreter ein Emotion oder eine körperliche Reaktion oder ein Bewegungsimpuls oder allgemeiner eine Empfindung ein. Und zwar ohne dass diese Erlebnisse beim Stellvertreter durch vorausgegangene Informationen erklärlich wären. Und oft tauchen im Nachhinein Informationen auf, welche die Reaktion der Stellvertreter einleuchtend erscheinen lassen.
Natürlich ist das nur der Ausgangspunkt einer Aufstellung – aber es liefert das Material, mit dem in der Aufstellung gearbeitet wird.

Die Frage, die sich hier stellt, ist natürlich: Wie ist das möglich? Wie kann eine Stellvertreterin in einer sehr lebendigen Form eine sehr real erlebte Empfindung haben, die zu einer ihr völlig fremden Person gehört, über die sie nichts weiß? Eine offensichtliche Erklärung wäre natürlich: Die Stellvertreterin in der Aufstellung möchte irgendwie „brav“ mitspielen und sie spürt den Erwartungsdruck der Gruppe und nicht zuletzt von Jutta, der Teilnehmerin mit dem Anliegen, etwas Eindrückliches zu produzieren. Also spekuliert ein innerer Teil der Stellvertreterin, welches Gefühl diese Ehefrau und Mutter haben könnte und wem gegenüber. Und Wut gegen den Ehemann ist eine nicht so fern liegende Spekulation. Danach produziert die Psyche der Stellvertreterin ein authentische Erleben von Wut (jeder von uns war schon einmal wütend und weiß daher, wie das geht) in einem Prozess einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Und dann werden im Nachhinein Fakten aus der realen Person und realen Familie gefunden (oder zur Not auch erfunden), welch zu dieser Emotion Wut passen.
Eine solche Erklärung wird jeder Skeptiker der Aufstellungsmethode gegenüber leicht finden können. Und diese Erklärung wäre im geschilderten Fall auch nicht ganz von der Hand zu weisen.

Drei Beispiele für stellvertretende Wahrnehmung

Wie gesagt: Die „Null-Hypothese“ von Aufstellungs-Skeptikern, die sogenannte „stellvertretende Wahrnehmung“ sei im Wesentlichen auf Prozesse der Selbstsuggestion bei den Stellvertretern zurückzuführen, soll hier erst einmal als durchaus mögliche Erklärung gültig bleiben. Das die Stellvertreter tatsächlich etwas empfinden und ausdrücken, was in den Erlebensbereich der vertretenen Person gehört, wäre dann die „Alternativhypothese“.

Bevor wir hier weiter fortschreiten in den Überlegungen zur stellvertretenden Wahrnehmung und dann zum eigentlichen Thema, dem Begriff des „wissenden Feldes“ kommen, seien drei Erlebnisse der Autors im Rahmen von Aufstellungen geschildert, um es etwas plastischer zu machen:

Der verlorene Arm

Vor etlichen Jahren nahm ich als Stellvertreter an einer Familienaufstellung teil. Ich stand für den Großvater der Frau, die ihre Herkunftsfamilie aufstellte. Und um es gleich zu sagen: Der Großvater spielte keine Rolle bei dem Geschehen, um das für die Frau mit dem Anliegen ging. Er war schlicht nicht wichtig für diese Aufstellung und hätte nicht Teil der Aufstellung sein müssen[1].

In der Aufstellung selber passiert auch bei mir als Stellvertreter nichts Bemerkenswertes. Mir ging es gut an meinem Platz. Ich hatte natürlich zu manchen Familienmitgliedern engeren Kontakt als zu anderen, manche schaute ich häufiger an als andere. Wenn ich befragt wurde von der Aufstellungsleiterin, wie es mir denn ginge, antwortete ich entsprechend. Und was auch immer ich sagte, spielte für die Aufstellung keine Rolle, das Drama spielte sich an anderen Stellen und in anderen Stellvertretern ab.

Aber gegen Ende der Aufstellung geschah etwas – zunächst nur unterschwellig, dann etwas stärker werdend: Ich bekam ein leicht taubes Gefühl in meinem rechten Arm. Ich spürte ihn nicht mehr – wie wenn ich ihn nicht hätte. Und dies Taubheit im rechten Arm hielt auch noch nach der Aufstellung an. In der anschließenden Besprechung der Aufstellung äußerte ich dies, worauf die Frau mit dem Anliegen sehr aufgeregt sagte: „Ach, das habe ich vorhin gar nicht erwähnt, mein Großvater war im 2. Weltkrieg an der Ostfront und hat dort seinen rechten Arm verloren“.

Zwischen uns ist Mord

In einer anderen Aufstellung war ich Stellvertreter und ich wusste nicht, für wen ich eigentlich stehe. Die Aufstellungsleiterin hatte es angekündigt als „verdeckte Aufstellung“, also ohne irgendwelche Information. Und sie stellt mich und einen weiteren Stellvertreter auf, wir standen uns im Raum im Abstand von ca. 3 m gegenüber. Wir wussten beide sonst nichts.
Relativ schnell passierte etwas: Wir starrten uns beide an mit einer großen Intensität. Und in mir entstand der Satz – es war wirklich mehr ein gesprochner Satz denn ein Gedanke – „zwischen uns ist Mord“. Und im Erleben war dies eine Bindung zwischen uns zwei Personen von einer enormen Intensität. Aber eben mit dem ganz klaren Gefühl: Das was uns verbindet, ist Mord. Ich wusste nicht, ob ich als Stellvertreter der Mörder oder der Ermordete war. Es war aber für mich in der Stellvertreterrolle auch völlig gleichgültig. Alles war bestimmt von dem überwältigendem Erleben, mit diesem Menschen für alle Zeiten auf das intensivste verbunden zu sein.
Nach Beendigung der Aufstellung wurde die Information gegeben: Die Person, für die ich stand, war ein Rechtsanwalt in der Frühphase des Nationalsozialismus, der versuchte, die in den GeStaPo-Kellern Verschwundenen rechtlich zu vertreten. Die andere Person war sein Vetter, ein frühes NSDAP-Mitglied und Mitglied der GeStaPo. Und in der Familie ging – obwohl nie offen ausgesprochen, aber immer mal wieder angedeutet – das Gerücht, dieser Vetter habe seinen Vetter (den Anwalt) anlässlich eines der Besuche bei der GeStaPo selbe in einem der Keller festgesetzt und dort ermordet. Gesichert war nur, dass der Anwalt eines Morgens wie schon häufiger zu einer Dienststelle der GeStaPo mit einer Aktentasche aufgebrochen war, um sich nach dem Verbleib eines Verschwundenen aus der Nachbarschaft zu erkundigen und nach Möglichkeit diesen anwaltlich zu vertreten. Er kehrte nie zurück und was seit diesem Tag verschwunden, sein Verbleib oder sein Schicksal wurden nie offiziell geklärt.

Atemnot

In einer anderen Aufstellung waren u.A. Stellvertreter für die Mutter, eine Tante und die Großmutter des Anliegengebers vertreten, die Anfang 1945 auf der Flucht aus Ostpreußen waren. Die Großmutter war in den Wirren der Flucht vom Rest der Familie getrennt worden und seit dem verschollen, vermutlich tot.
Die Stellvertreterin der Großmutter brach in der Aufstellung recht schnell zusammen und lag dann am Boden. Dort, am Boden liegend erlitt sie einen dramatischen Anfall von Atemnot – und der war nicht „gespielt“. Ich erinnere mich noch, dass ich dachte, sie hätten einen akuten und bedrohlichen Asthmaanfall.
Spätere Nachforschungen in der Familie durch den Anliegengeber ergaben, dass es Hinweise (wenn auch nicht exakte Sicherheit) gab, dass die Großmutter es vermutlich als eine der Letzten auf die „Wilhelm Gustloff“ geschafft hatte. Die Wilhelm Gustloff war ein von der Kriegsmarine eingesetztes ehemaliges Kreuzfahrtschiff, dass Ende Januar 1945 mit geschätzt 10.500 Menschen (Verwundete und Flüchtlinge) an Bord versenkt wurde, wobei nur 1.200 Menschen gerettet werden konnten. Dieser Aspekt, dass seine Großmutter vermutlich beim Untergang der Wilhelm Gustloff ertrunken ist, war dem Anliegengeber zum Zeitpunkt der Aufstellung nicht bekannt und war bis dahin in der Familie ihm gegenüber nie erwähnt worden.

Zur Normalität und Alltäglichkeit von stellvertretenden Wahrnehmungen

Die drei geschilderten Beispiele sind mehr oder weniger dramatisch. Die meisten stellvertretenden Wahrnehmungen im Feld sind es nicht. Oder besser: Sollten es nicht sein. Die typische stellvertretende Wahrnehmung ist eher subtil. Es sind leichte Empfindungen von z.B. „ich stehe hier etwas schwankend“ oder „wenn ich da hinschaue, empfinde ich etwas wie Wut“ oder „meinen Blick zieht es immer zum Fenster“. Solche stellvertretenden Wahrnehmungen werden oft recht unbeteiligt geäußert, ohne große innere emotionale Beteiligung. Es ist so, wie wenn man sagt: „Mir fällt gerade auf, dass du rote Schuhe an hast. Bislang habe ich das gar nicht (bewusst) bemerkt“. Was für sich genommen in den meisten Kontexten bedeutungslos ist.

Ich schrieb: Im Normalfall sollten stellvertretende Wahrnehmungen zumindest erst einmal diese eher beiläufige Qualität haben. Warum? Weil es in der Aufstellungsarbeit nicht darum geht, dass die Stellvertreter solche Empfindungen dramatisch ausleben. Das wäre Psychodrama, eine ganz andere Art psychologischer Intervention. Für die Aufstellungsarbeit reicht die Mitteilung. Hier gibt es etwas, und das ist so-und-so beschaffen. Kurz, sachlich, ohne Wertung, ohne Spekulation über die Hintergründe.

Von der inneren Haltung der Stellvertreter gleicht es eher dem, was man auch aus der Meditation kennt: Man kommt zur Ruhe – und beobachtet seine Gedanken. Und jetzt haben wir zwei Prozesse gleichzeitig: Einerseits die Gedanken, die aufsteigen („Ich muss aber ganz dringend noch Herrn Kellermann anrufen“ oder „Ich habe jetzt eigentlich gar keine Zeit dafür, ich muss unbedingt und ganz dringend die lange versäumte Steuerklärung abgeben“) – und gleichzeitig haben wir einen inneren Beobachter, der einfach nur feststellt: Aha, hier steigt jetzt dieser Gedanke oder jenes Gefühl auf, und es hat bestimmte Qualitäten, und nach einer Weile vergeht es auch wieder und wird durch andere Gedanken und Gefühle abgelöst. Und der innere Beobachter der Gedanken und Gefühle wahrt einen gewisse Distanz, ist nicht emotional involviert – sonst ist er kein innerer Beobachter, sondern ein ganz anderer innerer Teil von mir.

Zurück zur Aufstellungsarbeit: Viele stellvertretende Wahrnehmungen sind also für sich genommen nicht dramatisch, sondern eher beiläufig. Und wenn es zu sehr oder zu schnell dramatisch wird, ist es für die Aufstellungsleitung eher ein Hinweis, dass es sich nicht um stellvertretende Wahrnehmung handelt, sondern um das Ausagieren von Themen der Stellvertreter – in diesem Fall müsste man die Stellvertreter entweder bremsen oder austauschen.

Aber wie wirkt nun diese stellvertretende Wahrnehmung tatsächlich oder besser: Wie kann man es beschreiben? Nun: Wir könnten sagen, es handelt sich um eine milde Form der Besetzung. Vielleicht sogar: Eine milde Form der Besessenheit. Als Stellvertreter im Feld „befällt“ mich etwas von außen, etwas was erst einmal nicht zu mir gehört, und über das ich nichts weiß. Aber ich kann es spüren, habe eine sinnliche Wahrnehmung dazu und kann es als einfachen Aussagesatz ausdrücken.

Nun hört sich das Wort „Fremdbesetzung“ oder gar „Besessenheit“ erst einmal erschreckend an. Man könnte Gedanken an bizarre Exorzismusrituale bekommen oder an naive Geistergläubigkeit, die manchmal durchaus psychotische Züge annehmen kann. Und wem ist schon wirklich wohl bei der Vorstellung, von einer fremden geistigen Kraft befallen zu sein? Tatsächlich ist der Prozess aber viel alltäglicher und undramatischer.
Beschreibend könnten wir sagen: Als Stellvertreter in einer Aufstellung stehen wir im Feld und nach einer gewissen Zeit, vielleicht nach 30 Sekunden oder nach zwei Minuten (oder vielleicht auch schon praktisch unmittelbar, das variiert) überkommt uns etwas. Eine körperliche Empfindung, ein Gefühl, ein in der Wahrnehmung auf einen bestimmten Punkt ausgerichtet werden – was auch immer. Und dieses „etwas“ sitzt sozusagen locker auf mir drauf. Ich kann mich jederzeit wieder davon lösen, es abschütteln, wenn die Aufstellung zu ihrem Ende gelangt. Das ist zumindest der Regelfall.

Und der Prozess ist nicht anders, als wenn wir in ein Buch oder in einem Film vertieft sind. In dem Moment leben wir im Wortsinne in der Geschichte. Wir leiden mit den Protagonisten, erleben ihre Erfolge und Kämpfe als die unseren, teilen ihre Erwartungen und Enttäuschungen usw. Kurz: Wir gehen in Resonanz mit einer – erst einmal – fremden Geschichte. Wir sind von ihr „gefangen genommen“, sie hat uns gepackt. Aber: Wir können jederzeit aussteigen. Wenn das Telefon läutet, während wir ein im Wortsinne „fesselndes“ Buch lesen, können wir jederzeit die Lektüre unterbrechen, uns in unsere „normale“ Realität reorientieren, den Anruf entgegennehmen und mit unserem üblichen Ich agieren. Der Wechsel der Erlebensrealitäten erfordert nur wenige Sekunden uns ist Normalfall mühelos zu bewältigen.

Natürlich gibt es Fälle, wo die Re-Orientierung etwas länger dauert, bestimmte Stimmungen und Motive noch nachschwingen und wir „noch nicht so ganz“ wieder „da“ sind, während wir in den Alltagskontext wechseln. Aber das ist so, wie wenn ein Besucher einer Operettenaufführung auf dem Nachhauseweg ein prominentes musikalische Motiv dieser Operette vor sich hinpfeift. Und vielleicht pfeift er es auch am nächsten Morgen unter der Dusche. Auch hier schwingt etwas innerlich nach. Aber das ist ebenso unproblematisch wie letztlich banal. Es lässt nicht die Vorstellung aufkommen, hier wäre jetzt eine „Teufelsaustreibung“ oder ein Geisterbeschwörungsritual nötig.

So weit erst einmal zur stellvertretenden Wahrnehmung in der Aufstellungsarbeit. Die stellvertretende Wahrnehmung ist der gemeinsame Kern der Aufstellungsarbeit, egal welche unterschiedliche Methodik man innerhalb dessen haben mag und in welchen Kontexten und mit welchen Themen man diese Arbeit verwendet.Wir schließen hiermit den ersten Teil ab.
Es stellt sich natürlich die Frage: In welchem Rahmen tritt denn diese stellvertretende Wahrnehmung überhaupt auf? Offensichtlich normalerweise nicht im Rahmen unserer normalen Alltagsaktivitäten. Sondern dazu verwenden wir eben das Aufstellen von Stellvertretern, die allein durch das aufgestellt werden ein Feld kreieren, in dem dann die stellvertretende Wahrnehmung sich mitteilt. Im Rahmen der Aufstellungsarbeit hat sich eingebürgert, hier vom „wissenden Feld zu reden“. In beiden nächsten Teilen geht es um genau dieses „wissende Feld“.

  • In Teil 2 geht es um das Feld im wissenden Feld
  • In Teil 3 geht es um das Wissen im wissenden Feld

 

[1] Als Anmerkung: Die Aufstellung war eine – wie ich es heute nennen würde – „klassische“ Familienaufstellung in der Form, wie sie von Bert Hellinger im Rahmen der „Ordnungen der Liebe“ in Familiensystemen entwickelt wurde. Dabei stellt man immer alle zur Familie gehörenden Mitglieder mit Stellvertretern auf – unabhängig davon, ob sie wichtig für das zu klärende Anliegen waren oder nicht.

 

Blogartikel zu „Bewegungen der Seele“

Herzlich Willkommen!

Du bist auf der Übersichtseite des Blogs zur „Bewegungen der Seele“ angekommen. Im Blog werden – beginnend mit dem Juni 2017 – jeweils in der Mitte eines Monats Beiträge rund um das Thema Familienaufstellungen, Aufstellungsarbeit im Allgemeinen und Phänomen der Seele und ihrer Bewegung veröffentlicht.

Hier auf der Startseite des Blogs findest du die Übersicht über die bislang veröffentlichten Artikel.

Juni 2017

Das „wissende Feld“ und die stellvertretende Wahrnehmung im wissenden Feld

Das Blog beginnt mit einem Beitrag, der von zwei wesentliche Grundannahmen bei jeglicher Form von Aufstellungsarbeit handelt. Egal, ob es sich um eine klassische Familienaufstellung handelt, um Formen der systemischen Strukturaufstellung, eine Organisationsaufstellung oder auch um eher „Spezialformen“ wie Horoskopaufstellungen oder Organaufstellungen (wie z.B. Augenaufstellungen) – zumindest zwei Dinge haben alle Formen gemeinsam. Erstens nutzen wir die Wahrnehmung von unvoreingenommenen und auch unwissenden Stellvertretern. Und Zweitens befragen wir diese stellvertretenden Personen nicht einfach (nach dem Motto: Was meinst denn du dazu?), sondern wir bringen die relevanten Stellvertreter in eine Position zueinander, wir „stellen sie auf“. Und wir generieren damit ein Feld zwischen den Stellvertretern und nehmen an, dass die Eindrücke der Stellvertreter aus diesem Feld stammen, also nicht von den Stellvertretern selbst kommen. In der Aufstellungsarbeit hat sich eingebürgert, dies als das „wissende Feld“ zu bezeichnen.

Der erste Eintrag in diesem Blog geht diesen beiden Phänomen, dem wissenden Feld und der stellvertretenden Wahrnehmung nach. Aufgrund der Länge des Beitrages erscheint er in drei Teilen:

Juli 2017

„Einmal im Leben“ – oder: Wie oft aufstellen?

Der Juli-Beitrag geht der Frage nach, ob eine Aufstellung ein mehr oder weniger einmaliges Ereignis ist oder dies sein sollte und wann und unter welchen Bedingungen es sinnvoll ist, mehrere Aufstellungen zu dem gleichen oder auch unterschiedlichen Themen zu machen.

„Einmal im Leben“ – oder: Wie oft aufstellen?

August 2017

Neben-Wirkungen einer Aufstellung – Effekt bei Stellvertretern und Zuschauern

Familienaufstellungen und auch andere Formen von Aufstellungen werden in erster Linie für jemanden gemacht. Es gibt ein Anliegen bei einer Person, jemand möchte etwas klären – zunächst einmal für sich.
Die Erfahrung in der Aufstellungsarbeit zeigt allerdings, dass Aufstellungen auch oft überraschende Wirkungen auf Stellvertreter oder völlig unbeteiligte Zuschauer haben können. Diesen Neben-Wirkungen wird im Beitrag nachgegangen.

Neben-Wirkungen einer Aufstellung

September 2017

Bewegungen der Seele und das klassische Familienstellen

Die Aufstellungsarbeit hat mit dem – nennen wir es einmal – „klassischen“ Familienaufstellungen begonnen. Hier ging es um die „Ordnungen der Liebe“ und die „guten Lösungen“. Das bleibt auch weiterhin relevant und gültig und hat seinen Platz. Allerdings hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt, dass dieser Rahmen oft zu eng ist. Wesentlicher als Struktur und Ordnungen in Familiensystemen wie auch anderen Systemen, ist: Mit dem Aufstellen zeigen sich Bewegungen in der Seele. Und die folgen ihrer eigenen Logik. Daraus ergab sich eine Weiterentwicklung im Familienstellen und allgemeiner in der Aufstellungsarbeit. Dies hat weitreichende Auswirkungen in der Grundhaltung, mit der Aufstellungen durchgeführt werden. Diese werden in dem Blogbeitrag beschrieben.

Bewegungen der Seele und das klassische Familienstellen

Oktober 2017

Familienaufstellung – eine Form der Psychotherapie?

Der Blogeintrag vom Oktober 2017 beschäftigt sich mit der Frage, ob man das Familienstellen oder generell die Aufstellungsarbeit als Psychotherapie ansehen kann oder sollte. Es wird im Beitrag argumentiert, warum eine Familienaufstellung per se keine Therapie ist, aber oft profunde therapeutische Effekte hat. Paradoxerweise kann in der Aufstellungsarbeit eine zu starke Konzentration auf ein Symptom oder Leiden, das therapeutisch zu beheben wäre, den Blick auf die wirklich lösende seelische Bewegung verstellen.

Familienaufstellung – eine Form der Psychotherapie?

November 2017

Die innere Haltung – Wie begegne ich einer Aufstellung?

Im Nobember 2017 geht es in diesem Blog um hilfreiche und weniger hilfreiche Haltungen, Einstellung und Erwartungen, die ich an eine eigene Aufstellung herantragen mag.

Die innere Haltung – Wie begegne ich einer Aufstellung?

Dezember 2017

Im Dezember 2017 geht es in diesem Blog um ein „plutonisches“ Thema: Über die Folgen, die böse Taten oder schlimme Schicksale haben können. Und warum und wie diese Folgen nicht unbedingt die Charakteristika ihrer Entstehung („böse“, „schlimm“) erben müssen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um unsere innere Haltung und mit welcher Perspektive wir auf die Geschehnisse und Folgen schauen.

Über die (manchmal) guten Folgen des Schlimmen

Januar 2018

Hier geht es um Gefühle. Genauer gesagt um

  • Primärgefühle
  • Sekundärgefühle
  • Übernommene Fremdgefühle

und was sie kennzeichnet, woran man sie erkennt und unterscheidet. Und natürlich um ihre Rolle im Rahmen von Familienaufstellungen.

Über Gefühle, ihre Qualitäten und ihre Rolle in der Aufstellungsarbeit

Februar 2018

In der Aufstellungsarbeit arbeiten wir wesentlich mit den Wahrnehmungen und Eindrücken der Stellvertreter. Über ihre Reaktionen entwickelt sich die Aufstellung. Es stellt sich da natürlich die Frage: Kann man den Wahrnehmungen der Stellvertreter vertrauen? Dem geht der Blog-Artikel vom Februar 2018 nach.

Kann man den Wahrnehmungen der Stellvertreter vertrauen?

März 2018

(Familien)aufstellungen gelten als eine Form der lösungsorientierten psychologischen Intervention. Aber welche Wirkungen hat es, wenn in einer Aufstellung keine Lösung erreicht wird? Das ist das Thema im März 2018 in diesem Blog.

Aufstellungen ohne Lösungen – können Aufstellungen „scheitern“?

 April 2018

Bei Familienaufstellungen geht es oft darum, die ursprüngliche Liebe, die Liebe eines Kindes zu seinen Eltern, wieder ins Fließen zu bringen. Der April-2018-Beitrag in diesem Blog widmet sich diesem Thema über ein wenig Rap-Musik.

Die ursprüngliche Liebe … und etwas Rap-Musik

Mai 2018

Der Blog-Beitrag im Mai 2018 widmet sich dem Verhältnis zwischen dem Familenstellen einerseits und psychologischen Techniken und Methoden wie dem „Neurolinguistischen Programmieren (NLP)“ andererseits.

Familienaufstellungen und „Psycho-Techniken“

Juni 2018

Im Juni 2018 geht es im Blog-Beitrag um die Unterschiede zwischen der stellvertretenden Wahrnehmung im wissenden Feld und Rollenspiel.

Stellvertretung in einer Aufstellung und Rollenspiel

Juli 2018

Mütter und Väter sind in der Familie nicht gleich – und nicht gleichgewichtig. Die Mütter haben im Familiensystem – alleine über die tiefgehenden Erfahrungen von Schwangerschaft und Geburt – eine besondere Bedeutung und ein anderes „spezifisches Gewicht“ als Väter. Der Blog-Beitrag im Juli 2018 beleuchtet dieses Verhältnis.

Über das größere spezifische Gewicht von Müttern

August 2018

Mütter und Väter sind in der Familie nicht gleich – und nicht gleichgewichtig. Die Mütter haben im Familiensystem – alleine über die tiefgehenden Erfahrungen von Schwangerschaft und Geburt – eine besondere Bedeutung und ein anderes „spezifisches Gewicht“ als Väter. Der Blog-Beitrag im Juli 2018 beleuchtet dieses Verhältnis.

Der Kniefall in Warschau – oder: Vom Umgang mit kollektiver Schuld

September 2018

Insbesondere in Medien und anlässlich politischer und gesellschaftlicher Debatten ist häufig eine gewissen „Empörungskultur“ (manche sprechen gar von einer „Empörungsbewirtschaftung“) zu verzeichnen. Aber auch bei Familienaufstellungen geht es mitunter um Themen, die leicht zu einer moralischen Entrüstung einladen. Im Blogbeitrag für den September 2018 geht es um Empörung und Entrüstung im Zusammenhang mit Familienaufstellungen.

Über die Empörung und Entrüstung

Oktober 2018

In Familienaufstellungen geht es – das liegt in der Natur der Sache – oft um die Beziehung zu den eigenen Eltern. Sehr häufig steht dann in Form der Stellvertreter ein Kind seinen Eltern gegebnüber und die anstehende „Bewegung der Seele“ ist dann,  dass dies Kind auf seine Eltern zugeht. Häufig mit sehr gemischten Gefühlen. Der Blogbeitrag im Oktober 2018 geht der Frage nach, warum diese archetypische Bewegung vom Kind auf die Eltern zu sich vollzieht, und nicht andersherum.

Die Hinbewegung der Kinder zu den Eltern