Über die Empörung und Entrüstung

Vieles in politischen oder gesellschaftlichen Debatten und in ihrer Darstellung in den Medien zielt darauf, dass das Publikum empört oder entrüstet reagiert. Ganz aktuell zum Beispiel anlässlich der Vorstellung der Studie zu sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirchen in den vergangen Jahrzehnten. Aber auch viele Beiträge in den sozialen Medien, etwa zu „#metoo“ oder zur Flüchtlingssituation, leben von dem aufmerksamkeitserheischenden Effekten einer solchen Empörungskultur. Manche, wie der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, sprechen sogar von einer „Empörungsbewirtschaftung“[1] und der Begriff verweist noch stärker auf ein wirtschaftliches Kalkül dahinter.

In diesem Beitrag soll es darum gehen, was Empörung und Entrüstung bewirkt. Was sie nutzt und was sie verhindert.

Empörung der Guten gegen die Bösen

Zunächst einmal dient die Empörung einer moralischen Bewertung. Es empören sich die „Guten“ gegen die „Bösen“. Es ist eine Parteinahme der Unbeteiligten für die Opfer und gegen die Täter, so scheint es. Und der Impuls geht in Richtung Verurteilung und Ausgrenzung der Täter.

Die Frage stellt sich: Nützt diese Empörung den Opfern? Und auch: Trägt sie zum inneren und Äußeren Frieden bei? Kommt durch die Empörung etwas Hilfreiches in den Seelen den Beteiligten zustande? Wird dadurch etwas geheilt?
Diese Art der Fragestellung deutet schon eine gehörige Portion Skepsis an, ob Empörung – so verständlich und nachvollziehbar sie ist und als Durchgangsphase vielleicht sogar notwendig sein mag – wirklich dazu beiträgt, in der Seele in Einklang zu kommen. In Einklang mit dem Geschehen und seine Folgen.

Bert Hellinger und die Empörung über die Verweigerung der Empörung

In einem Seminar zur Supervision für Therapeutinnen und Therapeuten berichtet eine Therapeutin über eine ihrer Klientinnen. Die 37-jährige Frau ist jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Mit Wissen und implizitem Einverständnis der Mutter, die nichts dagegen unternommen hat. Nach dieser Falldarlegung sagt Bert Hellinger, sie, die Therapeutin, könne der Klientin da gar nicht helfen. Und an die Therapeutin gewandt:
“Weißt du auch, warum?“
Therapeutin: „Nein“.
Hellinger: „Weil du entrüstet bist. Spürst du das?“
Teilnehmerin: „Ja.“

Und in einem ähnlich gelagerten Fall sagt Hellinger nach der Fallschilderung zur Gruppe:
“Wer hat einen Platz in meinem Herzen? Und wer hat keinen Platz in ihrem Herzen?“
Therapeutin (seufzt tief): „Wahrscheinlich der Vater“
Hellinger: „Helfen kannst du nur, wenn er einen Platz bekommt in deinem Herzen. Und wer ist ausgeklammert? Wer wird nicht erwähnt?“
Therapeutin: „Die Mutter.“
Hellinger: „Genau.“

Solche Interventionen in Aufstellungen bzw. noch vor der eigentlichen Aufstellungen haben Bert Hellinger viel Kritik eingetragen. Es könnte so wirken, als ginge es um Entlastung und Entschuldigung der Täter. Insbesondere manche Frauen waren empört: Wie kann man so etwas sagen? Und noch dazu als Mann!

Hier gab es also noch eine Empörung. Diesmal als Empörung über die mangelnde Empörung bezüglich der Täter. Aber die Frage bleibt: Ist mit der Verdammung der Täter ein Frieden in der Seele der Opfer erreichbar? Die Erfahrungen mit Aufstellungen bei solchen Themen legen nahe, dass es nicht so ist.

Natürlich bleibt ein Täter ein Täter. Und er hat die Folgen seines Tuns, auch die Schuld, zu tragen. Und die Opfer müssen angeschaut werden, gerade auch von den Tätern. Und natürlich müssen Opfer, insbesondere Kinder und Jugendliche, auch vor den Tätern geschützt werden. Aber, wenn eine Lösung in der Seele der Opfer erreicht werden sollen, nützen die Instrumente der moralischen Verdammung alleine herzlich wenig. Man ist dann zwar auf der moralisch „richtigen“ Seite – aber nicht im Einklang mit dem tatsächlichen Geschehen und den seelischen Wirkungen.

Die Leistung von Therapeuten und Aufstellungsleitern

Im Nachhinein, nach geschehener Tat (sei es nun Missbrauch oder auch Mord oder andere Tötungsdelikte in einer Familie) erweist sich die Empörung und die Ausgrenzung der Täter als nicht wirklich nützlich für die Heilung der seelischen Wunden, die durch die Tat entstanden sind und fortwirken.

Therapeuten und Aufstellungsleitern wird hier etwas anderes abverlangt. Nämlich: Auf das System insgesamt zu schauen, mit Allen und Allem, was dazu gehört. Und die Täter, ihre Taten und ihre Schuld, auch ihre Verstrickungen, gehören eben dazu. Und dem muss man – zunächst einmal – innerlich zustimmen. Zustimmen in dem, wie es war. Nicht als Zustimmung zur Tat, sondern als Zustimmung zu den seelischen Kräften, die in der Tat und den Folgen wirken.
Und dieses auch den Tätern „einen Platz im eigenen Herzen“ zu geben, wie Hellinger es formuliert hat, gehört oft zu dem Schwersten, was hier von Therapeuten oder Aufstellungsleitern zu leisten ist.

Die bloße moralische Empörung erweist sich hier als zu klein und wird der Wucht des Geschehens nicht gerecht.

Eine Anregung zur Selbsterfahrung

Wenn du, liebe Leserin und lieber Leser, dir ein Geschehen vergegenwärtigst, welches dich in die Empörung führt oder führen könnte: Überprüfe einmal, die beiden nachfolgenden inneren Bewegungen:

1. Du schaust auf die Täter mit dem Blick der moralischen Verurteilung, vielleicht auch mit der Überlegung, welche Strafe hier angemessen wäre

2. Du schaust mit weichem Blick auf das gesamte Geschehen, die Taten der Täter mit ihrer Schuld und Verstrickung, das Schicksal der Opfer mit seinem ganzen Gewicht – und die größere Seele, die durch alle Beteiligten hindurch wirkt

In der ersten inneren Bewegung:
Wie schaust du auf die Täter? Wie schaust du auf die Opfer? Welche Würde haben Täter und Opfer in deinem Blick? Was empfindest du, den Opfern gegenüber? Bewegt dich ihr Schicksal? Ergreift dich da etwas?

In der zweiten inneren Bewegung:
Wie schaust du auf die Täter? Wie schaust du auf die Opfer? Welche Würde haben Täter und Opfer in deinem Blick? Was empfindest du, den Opfern gegenüber? Bewegt dich ihr Schicksal? Ergreift dich da etwas?

 

[1] https://www.heise.de/tp/features/Luegenpresse-Wieso-Luegenpresse-3278810.html?seite=all

Der Kniefall in Warschau – oder: Vom Umgang mit kollektiver Schuld

Am 7. Dezember 1970 kommt es in Warschau zu einem historischen Vorfall. Einem Vorfall, der ein ikonisches Bild erzeugt.

(Bildquelle: Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau#/media/File:Willy_Brandt_Square_02.jpg  – Urheber: Szczebrzeszynski – Lizenz: Gemeinfrei)

Was ist passiert?

Im Rahmen des Staatsbesuches des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland in Polen sieht das Protokoll eine Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Toten des jüdischen Ghettos in Warschau vor. Eine solche Kranzniederlegung folgt einer bestimmten Choreographie. Obwohl der Staatsbesuch selber alles andere als „gewöhnlich“ war in der historischen Situation des Jahres 1970, ist eine Kranzniederlegung trotzdem etwas, das einer bestimmten Routine folgt. Und so war es auch hier.
Schweigend und gemessenen Schrittes treten der Bundeskanzler und seine Begleiter auf das Mahnmahl zu. Der Kranz wir von zwei Männern aus dem Begleittross zum Mahnmal getragen und dort niedergelegt. Der Bundeskanzler tritt auf das Mahnmal zu, er beugt sich zum Kranz und richtet die Schlaufen mit den Farben der Bundesrepublik Deutschland noch einmal aus. Dann tritt er einige Schritte zurück. Er faltet die Hände, er senkt den Kopf. „In stillem Gedenken“, möchte man sagen.

Und dann geschieht das Unerwartete, das Ungeplante. Statt, wie üblich, stehend zu verharren, sinkt der Bundeskanzler auf die Knie und verbleibt so für etwa eine halbe Minute. Dann steht er auf, dreht sich um – und ist sichtlich ergriffen. Schweigend geht er auf den Begleittross, den Außenminister, seine Berater, die Pressevertreter zu, die ebenso ergriffen und schweigend dastehen. Der damalige Außenminister Walter Scheel, beschreibt die Wirkung auf die Umstehenden später so: „In dem Moment, als wir ausstiegen und vor das Mahnmal traten, war die Stimmungslage sehr überwältigend. Plötzlich sank Willy Brandt auf die Knie und jeder Mensch, der anwesend war, hätte es ihm gleichtun wollen …“ (zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau  Hervorhebung von mir)

Noch einmal: Was ist hier passiert?

Der enge Vertraute von Willy Brandt, Egon Bahr, schildert es in einem späteren Interview so:

Er selber hat die Szene gar nicht mitbekommen, er stand hinter einer Gruupe von Journalisten und hat das Bild erst später in Zeitungen gesehen. Aber er spürt: Etwas ist passiert! „Plötzlich wurde es ganz still“ sagt Bahr. Er fragt: „Was ist denn los?“ und jemand dreht sich um und sagt: „Er kniet“.
Am selben Abend kommt es zu einem Gespräch zwischen Brand und Bahr. Bahr ist „befangen“. Er braucht einen Whiskey, um sich Mut anzutrinken, ehe er den Vorfall ansprechen kann. Brandt sagt ihm: „Ich hatte plötzlich das Gefühl: Kranz niederlegen reicht nicht“.

Das ist passiert:

Brandt wird erfasst von einer inneren Regung. Die kommt plötzlich, unerwartet über ihn. Und in der Regung ist eine Botschaft. Die Routine des Protokolls ist nicht genug. Sie ist dem Geschehen nicht angemessen. Und er überlässt sich dieser inneren Bewegung, die in einem Kniefall ihren Ausdruck findet.

Passiert ist eine Bewegung der Seele. Er, Brandt, wird von etwas erfasst. Und er vertraut sich dieser Bewegung an, nicht wissend, wohin sie führen wird. Und diese Bewegung der Seele erfasst auch alle Umstehenden sowie letztlich, über massenmediale Vermittlung, große Teile der Öffentlichkeit in vielen Ländern.

Knapp 20 Jahre später sagt er in einem Interview: „Ich konnte dann letztlich nichts anderes tun, als ein Zeichen zu setzen: ‚Ich bitte … für mein Volk um Verzeihung. Bete auch darum, dass man uns verzeihen möge.’ “

https://www.youtube.com/watch?v=hguYEbpwVZU

Diese Bewegung der Seele erfasst jemanden, der nicht Täter war. Auch nicht Mit-Täter oder Mitläufer. Den keine persönliche Schuld trifft. Der aber über sein Amt und in Vertretung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bürger in einer Tradition, in einer historischen Linie, in einer Nachfolge steht. Und diese Linie beinhaltet Schuld von Deutschen unter anderem gegenüber Juden und Polen. Dies ist eine Schuld, die ein Kollektiv betrifft, unabhängig von persönlicher Schuld oder Verstrickung des Einzelnen. Und dieser Schuld setzt sich Willy Brandt in diesem Moment ganz aus. Mit aller Wucht der Schicksale von Gewalt und gewaltsamen Tod, die das beinhaltet. Diese Wucht lässt ihn in die Knie gehen und damit ehrt er die von diesen Schicksalen Betroffenen mehr, als eine protokollarisch routinierte Kranzniederlegung es getan hätte.

Neben vielem anderen ist das eine demütige Haltung. Sie erkennt – und anerkennt – das Größere, das in diesen Schicksalen liegt. Und er tut dies schweigend. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ (Willy Brandt, zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau  Hervorhebung von mir)

In diesen seelischen Bewegungen versagt die Sprache in der Tat in aller Regel. Wir betreten hier außersprachliches Gebiet. Mit der Sprache versagt aber hier auch alle Anklage (oder Selbstanklage) und alles Aufrechnen von Schuld auf den verschiedenen Seiten. Dies alles ist der wahren Größe und Wucht des Geschehens nicht angemessen. Sprache wäre hier nur ein Versuch, das Größere wieder „in den Griff bekommen“ zu wollen. Es lässt sich aber so nicht kontrollieren.

Der Friede der Toten – und der Friede in unseren Seelen

In Familienaufstellungen erleben wir diese seelische Bewegung auch häufig. Insbesondere, wenn es um gewaltsame Tode geht. Die Toten kommen dann zur Ruhe in den Seelen der Überlebenden und der Nachgeborenen, wenn sie gesehen werden. Und gesehen werden heißt hier: Wenn sie angemessen betrauert werden. Wenn ihr Schicksal geachtet wird.

Dann kommen die Toten zur Ruhe, dann entsteht Frieden. Aber nur, wenn die Überlebenden und die Nachgeborenen so, mit dieser inneren Haltung, auf die Toten schauen, sie betrauern und ihr Schicksal würdigen. Das bedeutet aber auch: Die Überlebenden und Nachgeborenen müssen sich „anfassen“ lassen, erfassen lassen durch das, was durch den Tod hindurch in der Seele wirkt.

Und noch etwas anderes zeigt sich immer wieder bei Familienaufstellungen: Es dient auch der Ruhe der Toten und dem Frieden, wenn die toten Täter sich zu den toten Opfern legen. Und wenn die Überlebenden und die Nachgeborenen auf die Toten schauen: Sowohl auf die toten Opfer wie auch die toten Täter.
Das ist schwer zu verstehen. Aber so zeigt es sich in den Aufstellungen immer wieder. Es ist so, als ob die Gemeinsamkeit des Todes hier etwas ausgleichen, etwas versöhnen würde. (Und wenn wir über die Ruhe und den Frieden der Toten reden, meinen wir natürlich auch immer die Ruhe und den Frieden der Toten in unserer Seele.)

Gestört wird diese seelische Bewegung, welche dem Frieden dient, durch Anklagen oder durch Einforderung einer persönlichen Schuld, wo es um die kollektive Schuld geht.

Heißt das etwa, dass persönliche Schuld keine Rolle spielt? Oder das man auf die Strafverfolgung bei persönlicher Schuld verzichten sollte?
Das heißt es nicht. Die Strafverfolgung und auch die juristische Verurteilung von konkreter individueller Schuld sind notwendig und dienen auch dem Frieden und dem Ausgleich[1].

Es dient aber nicht dem Frieden und der Versöhnung, wenn diese beiden Ebenen verwechselt werden. Wenn also ein Nachgeborener eines Opfers von einem Nachgeborenen eines Täters etwas einfordert, als handele es sich um eine persönliche Schuld des einen Nachgeborenen gegenüber dem anderen Nachgeborenen.

Diese Forderung, der Nachgeborene möge eine persönliche Schuld bekennen und anerkennen und büßen, dient nicht dem Frieden – und sie dient auch nicht den Toten. Der so fordernde Nachgeborene, der das Schicksal der Vorfahren rächen möchte an den Nachfahren der Täter, achtet das Schicksal der Opfer nicht. Er stellt sich über die eigenen Vorfahren. Es ist eine anmaßende Haltung, weil sie die Opfer nachträglich klein macht. Die Haltung sagt: „Ihr wahrt damals nicht fähig – aber ich bin es jetzt.“ Damit macht er sich zu groß und die Opfer zu klein. Aus dieser Haltung erwächst nichts Gutes.

Vor allem: Es macht eine seelische Bewegung, wie sie an jenem nebligen und nasskalten Dezembertag 1970 in Warschau stattgefunden hat, unmöglich. Ein abverlangtes persönliches Schuldanerkenntnis, ein Verlangen nach persönlicher Buße oder einer Büßergeste, wo es keine persönliche Schuld gibt, sondern ein „in der Tradition kollektiver Schuld Stehen“, macht die Seele stumm. Da ist ein erfasst werden von der Größe und der Wucht von Schicksalen nicht mehr möglich. Es geht in einem solchen Kontext schlicht nicht. Und so werden die Toten wieder nicht gewürdigt in ihrem Schicksal: Weder von den nachgeborenen „Anklägern“ noch von den nachgeborenen „Angeklagten“.

Die Geschichte der Menschheit ist voller kollektiver Schuld, die über die Nachgeborenen seelisch nachwirkt, sowohl auf der Opfer- wie auf der Täterseite. Europäer stehen einer historischen Linie der gewaltsamen Eroberung und Unterwerfung ganzer Kontinente. Weiße US-Amerikaner stehen in der Nachfolge der Verschleppung und Versklavung von Afrikanern. Heute lebende Türken stehen in der Nachfolge des Völkermords an Armeniern in den Jahren 1915/16. Um nur einige Beispiele zu nennen. Es geht aber nicht nur um Nationen oder Völker. So steht z.B. die katholische Kirche in diesem Sinne „im Erbe“ der Hexenverbrennung und Ketzerverfolgung. Und auch im Verhältnis von Männern und Frauen gibt es solche Momente.

Der Friede unter den Nachgeborenen, sowohl im Äußeren wie im Inneren der Seele, bedarf einer seelischen Bewegung, wie sie sich in Warschau am 7. Dezember 1970 gezeigt hat.
Eine tagespolitisch motivierte Agitation und Propaganda der Schuldzuweisung dient dem Frieden und dem Seelenfrieden in aller Regel nicht. Weder bei den Opfern noch bei den Nachgeborenen. Sie ist zu „billig“ – und wird dem Leiden und den Schicksalen nicht gerecht.

[1] Für die Täter ist das Erkennen und Anerkennen der eigenen persönlichen Schuld auch der Weg, wieder in ihre Würde zu kommen.

Über das größere spezifische Gewicht von Müttern

Jedes Kind, das auf die Welt kommt, wird in diese Welt gebracht durch einen Vater und eine Mutter. Aber es ist offensichtlich, dass die Anteile von Vater und Mutter an diesem „in die Welt bringen“ nicht gleich sind.

Während der Schwangerschaft wächst das Kind im Körper der Mutter heran. Das ist eine ganz einzigartige körperliche Symbiose. Und jeder noch so subtiler körperlicher Prozess wird vom heranwachsenden Embryo unmittelbar geteilt. Kind und Mutter sind in Vielem weitgehend ein Organismus. Und in dieser Phase werden Grundlagen des Nervensystems und der gesamten Erlebens- und Empfindungsfähigkeit ausgebildet, in dieser Einheit mit der Mutter.
Und auch nach der Geburt bleibt zunächst die Bindung des Neugeborenen an die Mutter eine andere, eine intensivere. Am augenfälligsten wird dies im Prozess des Stillens. Das Stillen ist mehr als nur reine Ernährung des Babys. Es ist auch Ernährung, aber darüber hinaus steht es auch für Bindung, Sicherheit und Geborgenheit. Auch hier „dockt“ der Körper noch einmal an den Körper der Mutter an, hört den vertrauten Herzschlag und erfährt Wärme und Zuwendung in einer sehr direkten und körperlichen Art.

Aber auch im späteren Entwicklungsprozess des Kindes steht in den meisten Fällen die Mutter stärker im Mittelpunkt für das Kind als der Vater.

Dies gibt den Müttern in einer Familie ein besonderes, ein stärkeres Gewicht. Dieses stärkere Gewicht entspringt der anderen Beziehung, die Mütter im Vergleich zu Vätern durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen zu den Kindern haben. Und es führt in den meisten Fällen dazu, dass Mütter bezüglich des Innenlebens in der Familie eher „das Sagen“ haben als Väter. Die Mutter steht stärker im Zentrum der Familie und sie bestimmt stärker das Wesentliche im Familienleben. So wird es zumindest in den meisten Familien gelebt. Man könnte also von einem Matriarchat sprechen, dass wir bezüglich des Innenlebens der Familie vorfinden.

Und wenn Eltern sich trennen, sind wir (sozusagen instinktiv) geneigt, die Kinder stärker als der Mutter zugehörig zu empfinden und im Streitfall auch den Müttern zuzusprechen. Ein Empfinden, dass auch in der Praxis der Familengerichtsentscheidungen ihren Niederschlag findet.

Wie gesagt: Dies ist der Regelfall, der gilt, wenn nicht besondere Umstände dagegen sprechen.

Dies bedeutet nun nicht, dass Väter völlig unwichtig sind für die Entwicklung und das Gedeihen der Kinder[1]. Aber es bedeutet: Die Rolle der Väter ist – im Wortsinne – nicht so zentral, nicht so im Mittelpunkt wie die der Mütter. Der Vater steht sozusagen etwas mehr „am Rande“. Er ist etwas mehr ein Unterstützer der Mutter in ihrer Rolle und in ihrem Gewicht im Familiensystem.
Aus dieser beobachtbaren Tatsache rührt der Satz von Bert Hellinger her: „Das Männliche dient dem Weiblichen“.

Korrespondierend damit erleben wir häufig, dass speziell Mütter als Person zentrierter sind, als dies Männer bzw. Väter sind. Eine Frau, die Mutter ist, bedarf weniger der Rückversicherung als Frau. Der Mann bedarf – unabhängig von der Vaterschaft – dieser Rückversicherung seiner Identität als Mann stärker. Und er sucht sie meist in der Gemeinschaft mit anderen Männern.

Noch einmal: Die nicht so zentrale Position der Väter in der Familie bedeutet nicht, dass der Vater unwichtig wäre. Söhne benötigen den Vater als Rollenmodell dafür, was es bedeutet, ein Mann zu sein.
Das ist völlig unbeschadet davon, wie „erfolgreich“ – was immer das auch heißen mag – der Vater in seinem „Mann sein“ ist. Auch ein Vater, der in seinem „Mann sein“ scheitert, zeigt dem Sohn etwas auf einer seelischen Ebene über die besonderen Herausforderungen des „Mann seins“ – wenn er anwesend ist.

Auch Töchter benötigen den Vater, wenn auch anders. Sie benötigen den „väterlichen Blick“, den Blick des andersgeschlechtlichen Elternteils, sozusagen als Spiegel. In dem sie sich als Mädchen und als (spätere) Frau erkennen können – und der bei Abwesenheit der Väter in der Seele schmerzlich vermisst wird[2].

Studien zeigen, dass Kinder, die vaterlos aufwachsen z.B. ein höheres Risiko haben, Schulversager zu werden, eine stärkere Gefährdung zu Drogensucht, Delinquenz, psychischen Störungen oder auch Suizid aufweisen. Aber das sind natürlich nur statistische Tendenzen für ein Kollektiv, die im Einzelfall nicht zutreffen müssen.

All dies ändert aber nichts daran, dass die Mütter ein sozusagen „natürliches“ stärkeres Gewicht im Familiensystem haben, besonders den Kindern gegenüber. Das hat natürlich auch so seine Schattenseiten. Viele an sich unnötigen Einschränkungen und Beschränkungen, die sich Erwachsene in ihrem Lebensvollzug auferlegen, haben etwas mit „inneren Stimmen“ zu tun, die sagen: „Das darfst du nicht“ oder „das tut man nicht“ in den unterschiedlichsten Variationen. Und wenn man dann einmal fragt: Wer spricht da? Dann ist es fast immer die Mutter. Seltener der Vater.

Und mitunter ziehen Frauen aus diesem empfundenen Übergewicht auch den Schluss, dass der Vater eigentlich entbehrlich, ja sogar störend ist. Manchmal verachten sie die Väter. Oder sie verachten das Männliche generell. Und haben dann eine Tendenz, die Väter aus der Familie zu drängen, zu „entsorgen“. Und komplementär dazu: Ein Vater, der in der Familie nicht in seiner Rolle als Vater geachtet und gewürdigt wird, den zieht es oft innerlich und seelisch aus der Familie heraus.

Was wäre hier die Lösung?

Zunächst einmal, dass sich die Mütter ihres besonderen Gewichts in der Familie bewusst sind und es annehmen. Ohne dabei in die Verachtung gegenüber den Vätern zu gehen. Die Mutter spürt in diesem Fall ihre besondere Bedeutung insbesondere in Bezug auf die Kinder. Aber sie muss sich dann nicht „besser“ fühlen gegenüber dem Vater und Mann[3]. Es reicht, wenn sie beim Wissen um ihre besondere Bedeutung (durch Schwangerschaft und Geburt) bleibt und diese besondere Bedeutung ausfüllt. Der Mann hat diese besonderen und tiefgehenden Erfahrungen nicht. In diesem Sinn sind Mütter und Väter nicht nur nicht gleich, sondern auch nicht gleichgewichtig. Das muss anerkannt werden.

In Familienaufstellungen erlebt man häufig, dass der Satz von einer Mutter zum Vater der gemeinsamen Kinder gesagt: „Ich achte dich als Vater unserer Kinder“ oder noch stärker „Dir verdanke ich das Wichtigste in meinem Leben – unserer gemeinsamen Kinder“ eine enorm erleichternde auf das gesamte Familiensystem hat. Wenn er beim Sprechen wirklich innerlich vollzogen wird.
Dasselbe gilt natürlich auch für Väter, die den Müttern sagen: „In dir achte und ehre ich auch die Mutter unserer gemeinsamen Kinder“.

Für diese Wirkung dieser Sätze ist es völlig unerheblich, ob die Eltern zusammen leben oder bereits getrennt sind.

[1] Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hat in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Buch darüber geschrieben mit dem Titel „Die vaterlose Gesellschaft“. Und das war vor dem Hintergrund der vielen Väter, die entweder nicht aus dem Krieg zurückkehrten oder – wenn sie zurückkehrten – seelisch nicht mehr anwesend waren.

[2] Es gibt Hinweise darauf, dass Mädchen, welche dieses väterlichen Blicks entbehren mussten aufgrund der Abwesenheit der Väter, sich mitunter später deutlich narzisstisch entwickeln. Sie sind obsessiv mit dem Spiegel und der Selbstbespiegelung beschäftigt. Sie suchen dort den väterlichen Blick – und können ihn dort nicht finden.
Und wenn sie später als erwachsene Frauen Beziehungen zu Männern eingehen, suchen sie auch hier den „väterlichen Blick“. Auch dies ist zum Scheitern verurteilt, diese Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt – wiewohl sie lange anhalten können.

[3] Man könnte auch sagen: Wenn eine Frau sich „besser“ und überlegen fühlt dem Mann gegenüber, ist dies eine verzerrte Form des Wissens um diese besondere Bedeutung.

Familienaufstellungen und „Psycho-Techniken“

Es gibt seit einiger Zeit einen vielfältigen Markt an „Psycho-Techniken“ zur Überwindung von belastenden Gefühlen wie auch zur Veränderung von einschränkenden Gewohnheiten oder Überzeugungen (Glaubenssystemen). Diese Techniken und Methoden haben sich teilweise aus dem psychotherapeutischen Bereich und teilweise etwas abseits davon entwickelt. Angeboten werden diese Techniken als (psychologische) Beratung, Coaching oder allgemein Lebenshilfe. Die Grenzen zur Psychotherapie im engeren Sinne sind oft fließend.

Als Beispiel ließe sich hier das „Neurolinguistische Programmieren“ (NLP) nennen. Oder auch die sog. Klopfakkupressur („emotional freedom technique“ – EFT), verschiedenste Meditations- und Entspannungstechniken, „Erfolgstrainings“ und weitere Methoden und Techniken, die man im weitesten Sinn als „Mentaltechniken“ bezeichnen könnte. Allen gemeinsam ist, dass sie auf das Erreichen einer vom Klienten erwünschten positiven psychologischen Zustandsveränderung zielen. Es geht um Zustandsveränderung im individuellen Bereich.

Viele dieser Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie solche Zustandsveränderungen hochwirksam in relativ kurzer Zeit versprechen und – wenn sachgerecht angewandt – oft auch erreichen. Situationsspezifische Ängste werden abgebaut, Motivation und Fokussierung gestärkt, dass Stresslevel gesenkt, einschränkende Glaubenssätze und Überzeugungen werden überwunden, und durch hilfreichere Annahmen über mich und die Welt ersetzt. Das Leben wird erfolgreicher und weniger durch innere und äußere Konflikte geprägt.

Mitunter werde ich gefragt, wie sich im Vergleich zu solchen Methoden Familienaufstellungen verstehen lassen. Oder: Wie sind die Unterschiede in dem, worauf abgezielt wird, zu sehen?

Unterschiede zwischen dem Familienstellen und psychologischen Techniken zur Zustandsveränderung

Es gibt hier verschiedene Aspekte, anhand derer man die Unterschiede akzentuieren kann.

Ein Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken im Kern auf die Ebene des individuellen Erlebens und Verhaltens zielen, es geht also um die einzelne Person, das Individuum. Bei Familienaufstellungen werden dagegen soziale Systeme, die Herkunftsfamilie oder auch die Gegenwartsfamilie, in den Blick genommen. Metaphorisch gesprochen: Der Blick geht z.B. nicht so sehr auf die einzelnen Pflanze, sondern auf die Beschaffenheit des Bodens und der Standortverhältnisse (Licht, Bewässerung usw.), des Lebensraumes und der ökologischen Nische im Zusammenspiel mit anderen Lebewesen, auf deren Grundlage sie wächst, genährt wird und sich entfaltet – oder eben auch verkümmert und welkt.

Ein anderer Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken einen gewissen „handwerklichen“ Aspekt haben. Sie werden seitens des Anwenders gelernt, gekonnt und beherrscht. Und in dem Ausmaß, in dem sie vom Anwender beherrscht werden, erlauben sie auch ein gewisses Ausmaß an Vorhersehbarkeit der erreichbaren Resultate. Beim Familienstellen vertraut sich dagegen die Aufstellungsleiterin / der Aufstellungsleiter zusammen mit den Stellvertretern ganz dem „wissenden Feld“ an. Und es ist nicht vorhersehbar, was sich im Einzelnen dabei zeigt und in welche Richtung die Lösung zeigen wird. (Mehr zum „wissenden Feld“ hier und hier und hier.)

Der wesentliche Unterschied ist aber: Wenn eine Störung oder eine erlebten Einschränkung im Lebensvollzug einen systemischen Hintergrund hat, etwa bei systemischen Verstrickungen aus der Herkunftsfamilie, bei unbewussten Identifikationen mit jemandem aus dem Herkunftssystem, dann werden auch die ansonsten hochwirksamen Psychotechniken, die auf das rein Individuelle zielen, scheitern. Das Scheitern kann verschiedene Formen annahmen.

  • Es kann sein, dass etwas erst einmal wirkt – aber nur kurze Zeit. Danach stellt sich der alte Zustand mehr oder weniger unverändert wieder ein.
  • Es kann sein, dass sich eine Symptomverschiebung einstellt, etwa eine Suchtstruktur die sich von einer Alkoholabhängigkeit zu einer Internetsucht wandelt.
  • Es kann sich ein Ebenenwechsel derselben Thematik einstellen etwa von der körperlichen zur seelischen Ebene oder umgekehrt (eine Neigung zu übertriebener Gereiztheit im Kommunikationsverhalten wird erfolgreich überwunden und in der Folge stellt sich eine Allergie ein) oder von der Ebene des Äußeren zur Ebene des Inneren oder umgekehrt (eine Neigung zu autoaggressiver Selbstsabotage wird überwunden und es stellt sich eine Neigung zu aggressiven Handlung oder aggressivem Kommunikationsstil im Äußeren ein). In diesen Fällen wäre das zugrundeliegende Thema nicht gelöst oder „erlöst“, sondern nur in einen anderen Kontext und eine andere Ausdrucksform verlagert.

Wenn also ein systemischer Hintergrund bei Beschwerden oder Einschränkungen besteht – und dies ist vermutlich häufiger der Fall, als es das nicht ist – erweisen sich auch an sich hochwirksame und schnelle Interventionen auf der psychoregulativen Ebene als beschränkt.

Als bildliche Metapher: Es ist dann manchmal so, wie wenn man bei einem Auto sichtbare Roststellen einfach mit Lackspray übersprüht werden. Man sieht es dann nicht so, es fällt erst einmal nicht mehr auf – aber darunter arbeitet der Rost weiter und irgendwann platzt der Lack auf und die unschönen „Rostausblühungen“ werden umso sichtbarer.

Die Relativierung der Unterschiede

Allerdings ist die Trennung der Methoden – die sich als Arbeit an der Oberflächenstruktur vs. Arbeit an der Tiefenstruktur beschreiben ließe – in der Praxis nicht so deutlich gegeben. Es gibt hier vielfältige Übergänge und Verschleifungen, welche die beschriebenen Gegensätze aufweichen. So gibt es z.B. im Bereich des NLP eine Standardformat, das sog. „Reimprinting“, dass von Anfang an die Tradierung und Prägung von psychischen Themen in der Kindheit im Familiensystem und auch die Heilung im System in den Blick nimmt. In dem zentral nicht gefragt wird „welche Ressourcen hättest du gebraucht in dieser Situation“ sondern: „Welche Ressourcen hätten deine Eltern gebraucht in dieser Situation, um liebevoller und unterstützender sein zu können?“

Oder im Bereich des EFT (der Klopfakkupressur) wird zunehmen bei einem unerwünschten Gefühl nicht nur gefragt, welches Gefühlt dies genau ist, sondern auch: „Wer in deinem Familiensystem hatte das auch?“ Und dann wird stellvertretend für diese Person, unabhängig davon, ob noch lebend oder schon verstorben, „mitgeklopft“.

In dieser Form werden also auch in den psychoregulativ akzentuieren Mentaltechniken die systemischen Untergründe mit adressiert und damit einerseits der Wirkungsbereich ausgeweitet und die Unterschiede zwischen rein auf das Individuum zentrierten Ansätzen und systemischen Ansätzen stark relativiert. Auf diese Weise stehen sich verschiedene Interventionsansätze weniger konkurrierend gegenüber, sondern befruchten sich gegenseitig und ergänzen sich komplementär.

In der Orientierung der Berater, Coaches und Therapeuten bleibt es aber ein wichtiger Unterschied, auf welcher Ebene ich eine Symptomatik begreife und meine Interventionen setzte.

Etwas Ähnliches ergibt sich auch, wenn man etwa an die Grundorientierungen von schamanischen Heilungsansätzen denkt. Wenn ein Klient z.B. unter mangelndem Erfolg und eingeschränktem Lebensvollzug leidet, könnte man in der Nachfolge von schamanischen Heiltraditionen geneigt sein, an einen Verlust von Seelenanteilen zu denken. Und sich nachfolgend mit entsprechenden schamanischen Techniken auf die Suche nach diesen verlorenen Seelenanteilen mit dem Ziel ihrer Rückholung machen.
Und man würde erwarten, dass erst nach einer solchen Rückholung von Seelenanteilen und deren Reintegration dann Techniken und Interventionen wirken können, wie sie von „Erfolgstrainern“ oder „Erfolgscoaches“ angewandt werden. Nach dem Motto: „Nur was wirklich HIER ist, kann geheilt werden.“ (Vielleicht werden die letzteren Methoden dann aber auch gar nicht mehr gebraucht).

Um im den Bild vom Rost am Auto zu bleiben: Manchmal muss man schon eine gewisse Abarbeitungsreihenfolge einhalten, um nachhaltig etwas zu bewirken. Man benötigt erst eine sachgerechte Grundierung, bevor die Arbeit des Lackierens beginnt.

Die ursprüngliche Liebe … und etwas Rap-Musik

Ich habe mit Rap-Musik nie viel anfangen können. Und schon gar nicht wäre ich auf die Assoziation im Titel gekommen. Vielmehr erschien mir die Grundtonart des Rap eine des Ärgers zu sein. Ein Ausdruck eines unterschwelligen Grummelns, welches von der Unterschwelligkeit in die Oberschwelligkeit gehoben wird.

Und doch hat mich ein Stück Rap-Musik kürzlich bewegt. Dieses hier:

Es geht um einen abwesenden Vater – und was es mit dem Kind, in diesem Fall dem Sohn, macht. Und natürlich thematisiert es die abwesenden Väter allgemein, nicht nur den Einzelfall.

Besonders eine kurze Passage (im Video ab 2:25 Minuten) hat mich im Wortsinne aufhorchen lassen:

„Der Fluch eines Kindes ist:
es liebt seine Eltern
egal, ob sie arm sind
egal, ob sie Geld haben“

Das Kind liebt seine Eltern – egal wie die Umstände im Einzelnen auch immer sein mögen. Und die Sache mit dem Geld, die in hier im Songtext angeführt wird, ist dabei noch ein ziemlich oberflächlicher Aspekt von „Umständen“. Die Betonung der Aussage liegt auf dem „egal, ob xxx“ – und für xxx kann hier Beliebiges an Umständen eingesetzt werden. Die Liebe des Kindes zu den Eltern und damit zu allem, was zu Ihnen gehört, das ist die ursprüngliche Liebe.

Aber mir scheint, wie können einen solchen Satz nur dann verstehen, wenn wir uns bei dem Wort Liebe ein wenig von dem gedanklichen Konzept der romantischen Liebe lösen. Die ursprüngliche und grundlegende Liebe, um die es hier geht, hat eine ganz andere existenzielle Wucht. Und vielleicht – ich bin mir da wirklich nicht sicher – hilft es, wenn wir statt Liebe von Bindung sprechen. Also: Die ursprüngliche Bindung. Und gleichzeitig die tiefste existenzielle Bindung. Das ist im Wortsinne gemeint: Ohne unsere Eltern wären wir nicht. Wir würden schlicht nicht existieren. DAS verdanken wir Ihnen, wie auch immer alle anderen Umstände gewesen mögen.

Und vor diesem Hintergrund erscheinen manche Einwände, die wir gegen unsere Eltern haben mögen in dem Sinne, sie hätten doch besser anders sein und sich anders verhalten sollen, klein. Und manchmal auch kleinlich.

Eine der Grundbewegungen im Familienstellen setzt genau hier an: Diese ursprüngliche Liebe zu den eigenen Eltern und allem, was sie an seelischem Gepäck und Verstrickungen aus ihren Herkunftsfamilien mitbringen, wieder Fluss zu bringen. Und wenn dies gelingt, ist es eine sehr beglückende Erfahrung.

Aber zurück zum Songtext: Da heißt es, es sei der Fluch eines Kindes, dass es seine Eltern liebt. Und gemeint ist ja in diesem Kontext des abwesenden Vaters: Es ist der Fluch, dass ich als Kind dazu verdammt bin, diesen abwesenden Vater zu lieben, in der Seele an ihn gebunden zu sein. Und diese Bindung an den Abwesenden erzeugt ein Loch im Innern. Ein Sehnen, dass nicht gestillt werden kann. Und das erscheint dann als besondere Bürde für dieses Kind, gerade im Vergleich mit anderen Kindern, die nicht diese innere „Leerstelle“ aufweisen.

Nun zeigt es sich in den Familienaufstellungen immer wieder, welche seelischen Auswirkungen abwesende Elternteile haben. Diese Abwesenheit kann unterschiedliche Formen annehmen. Manchmal sind Elternteile tatsächlich physisch nicht anwesend. Manchmal sind sie aber auch zwar körperlich anwesend, aber seelisch nicht verfügbar. Auch das ist eine Form von Abwesenheit, bei der dieser Elternteil für das Kind nicht erreichbar ist. Und speziell bei den abwesenden Vätern gibt es auch nicht nur die Väter, welche ihre Kinder verlassen. Es gibt auch Väter, die aus der Beziehung zu ihren Kindern ausgegrenzt werden, meist durch die Mutter.

Die Wirkungen sind nicht immer gleich. So macht es in der Seele des Kindes schon einen Unterschied, ob ein Elternteil gegangen und das Kind verlassen hat durch eigene Entscheidung. Oder ob die Abwesenheit ein Resultat von schicksalhaften Umständen wie Krieg, Unfall oder frühe schwere Krankheit und Tod ist. Das einzige gemeinsame ist die bereits erwähnte „Leerstelle“.

Und was ist die Lösung? In den meisten Fällen ist die Lösung, dass das Kind – und es kann dabei schon lange erwachsen sein, das spielt keine Rolle – zum abwesenden Elternteil sinngemäß sagt: „Und auch wenn du als Vater oder Mutter nicht wirklich zur Verfügung standest und dies schwer für mich war: Ich nehme dich jetzt ganz als meinen Vater (oder: als meine Mutter). Und ich mache etwas aus dem Geschenk, dass ich von dir bekommen habe: meinem Leben“.
Die konkrete Formulierung mag dabei variieren. Entscheidend ist der innere Vollzug des Sinns in den genannten zwei Sätzen.

Das ist einfach in der Beschreibung und oft gar nicht einfach im Vollzug. Und wenn man das so liest, könnte man meinen: Das ist eine harte Aufforderung an das Kind. Vielleicht sogar eine hartherzige Aufforderung an das Kind.

Aber die Frage steht: Was will oder was soll das Kind denn sonst machen? (Und wir reden hier meist von dem inneren Kind, das in einem Erwachsenen wohnt). Soll es sagen: „Du bist für mich nicht der richtige Vater (oder: die richtige Mutter)“? Welche Wirkungen hätte das?

Die Wirkung wäre, dass das Kind dazu verdammt wäre, in der Ablehnung von Vater oder Mutter sich zur Hälfte selbst abzulehnen. Weil das Kind in einem ganz fundamentalen Sinn Vater und Muter ist. Biologisch, weil in jeder Zelle von jedem von uns zu je 50% die Gene von Vater und Mutter wirken. Und psychologisch und seelisch, weil unser Leben ein Strom ist, der sich aus dem väterlichen und dem mütterlichen Zufluss speist. Den einen Zustrom abzuschneiden, weil wir ihn für „verschmutzt“ halten, geht in aller Regel nur um den Preis, das der Strom des Lebens geschmälert wird. Es geht auf Kosten der eigenen Lebendigkeit.

Diesen Zustrom an Lebendigkeit von beiden Seiten aufrechtzuerhalten, auch wenn auf einer Seite der Elternteil nicht oder nicht wirklich präsent und verfügbar war, ist gewiss nicht leicht. Daran kann man leicht scheitern. Aber wenn es gelingt, ist es eine besondere Leistung der Seele.

Aufstellungen ohne Lösungen – können Aufstellungen „scheitern“?

Wenn ein Mensch eine Aufstellung macht, erhofft (oder erwartet gar) dieser Mensch von der Aufstellung eine Lösung oder zumindest eine Erleichterung für ein drängendes Lebensproblem. Und tatsächlich ist es meist so: Wenn eine bislang verborgene seelische Dynamik über eine Aufstellung „ans Licht gebracht“ wurde, ergibt sich eine norme Erleichterung und eine Klarheit über die nächsten Schritte, die anstehen. Dies ist aber nicht so sehr Resultat etwa eines Ratschlages[1], der eine neue Erkenntnis brächte. Es ist vielmehr eine veränderte innere Haltung, eine buchstäblich andere Sichtweise auf die subjektive Welt und das bisherige Problem, welche dann die nächsten Schritte offensichtlich und im Einklang mit der Seele und damit leicht und einfach macht.

Manchmal aber kommt es in einer Aufstellung nicht zu einer solchen Lösung. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Wenn wir über das „Scheitern[2]“ einer Aufstellung reden, müssen zwei Sachverhalten unterschieden werden:

1. Die Person, um die es geht, steht innerlich-seelisch sozusagen „im Bann“ etwa eines Ereignisses in der Herkunftsfamilie – nur, worum es sich bei dem Ereignis handelt, ist völlig unklar.

2. In der Aufstellung zeigt sich sehr deutlich ein Weg zur Auflösung einer belastenden seelischen Dynamik. Aber die Person, um die es geht, kann diesen Lösungsweg nicht beschreiten.

Als Beispiel für den ersten Fall mag ein Erlebnis dienen, dass ich in einer meiner allerersten Begegnungen mit Familienaufstellungen hatte. In dem Fall wurde – damals noch in der „klassischen Form der Familienaufstellungen als „Ordnungen der Liebe“ – die Herkunftsfamilie aufgestellt und die Stellvertreter starrten alle unmittelbar auf eine bestimmte leere Stelle im Raum und konnten ihren Blick kaum davon lösen. Es war offensichtlich, dass diese leere Stelle, das was hier fehlte, der Schlüssel war. Es gab aber keinerlei Information, um was es sich handeln könnte. Die Leiterin der Aufstellung brach damals an dieser Stelle ab mit den Worten: „Hier können wir nicht weiter machen. Es fehlen uns Informationen.“ Und an den Klienten gewannt: „Vielleicht forschst du noch einmal in deiner Familiengeschichte, welches Tabu oder welche ausgeschlossene Person hier fehlt. Dann könnten wir da weiter machen.“

Als Beispiel für den zweiten Fall nenne ich hier eine Aufstellung, bei der es um die Aussöhnung mit der eigenen Mutter ging. Die Frau, für welche die Aufstellung durchgeführt wurde, machte ihrer Mutter schwere Vorwürfe bezüglich ihrer Kindheit und beschrieb ihr Anliegen so, dass sie ihrer Mutter gerne verzeihen möchte, um innerlich mehr Frieden zu finden.
Im Rahmen der Aufstellung wurde durch die Stellvertreter einerseits deutlich, wie sehr die Mutter durch schicksalshafte Ereignisse in ihrer Herkunftsfamilie geprägt war. Und zum anderen wurde deutlich, dass der Weg zur Lösung für die Klientin darin bestand, als Kind auf ihre Mutter zuzugehen und sie als ihre Mutter vollständig anzunehmen – mit allem, so wie sie war. Wir sprechen hier von einer „unterbrochenen Hinbewegung“ des Kindes zur Mutter, die nachträglich geheilt werden kann, um das Leben ganz auch von der Mutter nehmen zu können. Die Stellvertreterin der Klientin hatte in der Aufstellung diesen Weg sozusagen „gebahnt“ und es war sehr deutlich, dass hier die Lösung lag. Aber die Klientin konnte, nachdem die Stellvertreterin aus der Rolle entlassen war und sie selber in der Aufstellung stand, diesen Weg nicht gehen. Sie ging den Weg einige Schritte, blieb dann aber ca. 2 Meter vor der Stellvertreterin der Mutter stehen. Und sagte: „Ich kann da nicht hingehen“. Und es war völlig eindeutig, das es an dieser Stelle nicht weitergeht.

Welche Wirkungen haben nun diese beiden Formen von „Scheitern“?

Zur ersten Form und dem ersten Beispiel – den fehlenden Informationen – wäre zunächst zu sagen, dass dies in der Weiterentwicklung der Familienaufstellungen von den „Ordnungen der Liebe“ zu den „Bewegungen der Seele“ kaum noch vorkommt. (Mehr zur  Unterscheidung dieser beiden Formen von Familienaufstellungen hier.)  Dies unter anderem deshalb, weil man bei den „Bewegungen der Seele“ die Einzelheiten, was genau vorgefallen ist oder um wen es genau geht, nicht immer wissen muss. Es ist auch möglich, in so einem Fall einen Stellvertreter für „das Unbekannte“ oder „das Geheimnis“ aufzustellen. Die Stellvertreter können meist sehr gut sagen, in welche Richtung das Thema geht. Ob es sich z.B. um ein abgetriebenes oder verheimlichtes Kind handelt, eine ausgegrenzte Person, die vielleicht Selbstmord begangen hat oder in der Psychiatrie gelandet ist oder was auch immer. Und es geht nur um das Grundthema – nicht um die Details. Und dann kann im Rahmen einer Aufstellung dieses Grundthema, z.B. eine ausgeschlossene Person im Familiensystem, in das eigene Herz aufgenommen werden – auch wenn man nicht weiß, um wen genau es sich handelt. Wir könnten auch sagen: Wir verlassen uns darauf, dass die Seele es schon wissen wird.
In beiden Fällen, ob nun in der klassischen Form der Aufstellungen oder mit eher abstrakten Rollen für Stellvertreter, ergibt sich oft recht kurz nach Aufstellung, dass den Klienten oder die Klientin genau die Information erreicht, die gefehlt hat. Da kommt dann ganz zufällig beim Kaffeetrinken anlässlich Tante Herthas Geburtstag das Gespräch auf den Großonkel Paul der …. – was vorher noch nie Thema war. Die Berichte von solchen im Wortsinne merkwürdigen Zufällen oder Fügungen sind zahlreich.

Bei der zweiten Form, in der durch die Aufstellung die Lösung zwar sichtbar ist, aber nicht „genommen“ werden kann, liegt die Wirkung anders. Zunächst einmal ist auch das „nicht Nehmen“ einer möglichen Lösung anzuerkennen. Es kann sein, dass die Person, die eine mögliche Lösung nicht annimmt, damit im Einklang mit einer größeren Bewegung in ihrer Seele steht. Da darf man dann nicht weiter intervenieren, wenn man dieser Peson nicht etwas von ihrer Würde nehmen will. Lösung ist ja das Gegenteil von Bindung. Und vielleicht liegt manchmal in der Aufrechterhaltung einer inneren Bindung die größere Liebe und mehr persönliche Größe, auch wenn sie Leid bedeutet. Dies von außen beurteilen zu wollen, wäre eine Anmaßung.
Es kann aber auch sein und kommt gar nicht so selten vor, dass es einfach nur noch nicht die rechte Zeit war für diese Ent-Wicklung. Manchmal geht eine solche Bewegung am nächsten Tag, wo sie am vorherigen Tag noch nicht möglich war. Oder im nächsten Monat oder im nächsten Jahr. Die Seele hat ihre eigenen Rhythmen und ihre eigene Zeit – da darf man nichts über Gebühr forcieren[3].

In jedem Fall wäre die Aufstellung nicht nutzlos gewesen. Es ist ein Impuls gesetzt, der in der Seele weiterarbeitet. Bert Hellinger hat mitunter zum Abschluss einer solchen „gescheiterten“ Aufstellung den – wie ich finde – schönen Satz gesagt: „Ich vertraue alles Weitere deiner guten Seele an“.
Das ist eine demütige Haltung, bei der sich der Aufstellungsleiter nicht über den Klienten oder die Klientin und ihre seelischen Bewegungen stellt.

 

Fußnoten:

[1] In der systemischen Beratung gibt es einen Satz, der lautet: „Ratschläge sind auch Schläge“.

[2] Das „Scheitern“ steht hier immer in Anführungszeichen. Es wird im Verlaufe des Textes deutlich werden, warum.

[3] Ein Aufstellungskollege wirbt für seine Aufstellungsveranstaltungen mit der Garantie, jede der durch ihn geleiteten Aufstellungen würde eine Lösung ergeben. Es gruselt mich immer ein wenig, wenn ich so etwas lese. Wie frei ist er mit diesem Versprechen noch, den seelischen Bewegungen in ihrem Eigensinn wirklich nachzugehen?

Kann man den Wahrnehmungen der Stellvertreter vertrauen?

Manchmal stellt sich in einer Aufstellung die Frage: Kann ich dem, was ein Stellvertreter oder eine Stellvertreterin an Eindrücken oder Impulsen äußert, vertrauen? Insbesondere für die Person, für welche die Aufstellung gemacht wird, hat manchmal diese Frage. Besonders, wenn das, was Stellvertreter äußern, im Gegensatz zu dem steht, was diese Person bislang geglaubt hat und wovon sie überzeugt war.

Dazu ein Beispiel: Vor einigen Jahren stand ich in einer Aufstellung als Stellvertreter für den Vater einer Frau. Diese Frau, die ihre Herkunftsfamilie aufstellte, sagte: Ihre Eltern hätten sich getrennt, als sie noch ein Kleinkind war. Und ihre Eltern hätten sich wohl nie wirklich geliebt und nicht zueinander gepasst. Außerdem seien auch beide Familien, sowohl väterlicherseits wie mütterlicherseits, von Anfang an gegen diese Verbindung gewesen und hätten aktiv gegen diese Verbindung gearbeitet, was dann auch zur Trennung beigetragen habe.

Als ich als Vater und eine andere Stellvertreterin als Mutter aufgestellt wurde, stellte sich schlagartig ein großes Gefühl von Liebe zu dieser Frau ein. Und es war völlig klar: Ihr geht es ebenso. Und das trotz der großen räumlichen Distanz, mit der wir zueinander aufgestellt wurden. Dieses Gefühl der Liebe und Verbundenheit war von einer Unmittelbarkeit, Klarheit und Reinheit, wie ich es davor und auch danach nicht erlebt habe als Stellvertreter in einer Aufstellung.

Die Stellvertreter für Vater und Mutter zeigten hier in der Aufstellung also ein Bild, dass konträr zu allem war, was die aufstellende Person bislang geglaubt hatte –und was man ihr vielleicht auch erzählt hatte. Nun ist das ja eigentlich eine sehr schöne Sache. Bedeutet es doch für die aufstellende Person: Auch ich bin ein Kind der Liebe. Auch wenn ich das bislang nicht wusste.
Die Frau, die ihre Herkunftsfamilie aufstellte, hatte aber sichtlich Schwierigkeiten mit diesem Bild. Und sie zweifelte, ob es der Realität entsprach. Ich als Stellvertreter für den Vater und auch die Stellvertreterin für die Mutter hatten das keine Zweifel, dass dies der seelischen Realität zwischen ihren Eltern entsprach – auch wenn die äußeren Umstände vielleicht die Liebe nicht lebbar gemacht haben mögen.

Im Normalfall ist man Leiter einer Aufstellung geneigt, den stellvertretenden Wahrnehmungen der Stellvertreter zu vertrauen. Als die Wahrheit über das, was in der seelischen Dynamik die Wirklichkeit ist. Auch wenn die verstandesmäßige Ausdeutung der realen Personen und ihre Geschichten darüber, wie es war, anders sind.

Die Formulierung „im Normalfall“ deutet aber auch schon an: Es gibt Ausnahmen. Manchmal ist es nicht so klar, was ist jetzt bei den Stellvertretern wirklich etwas, dass aus dem „wissenden Feld“ kommt? Und was davon ist vielleicht eher ein eigenes Thema des Stellvertreters, welches irgendwie durch die Aufstellung „angetriggert“ und dann ausagiert wird?

Ich hatte in dem Blogbeitrag zum „wissenden Feld“ (Teil 1) den Vorgang der stellvertretenden Wahrnehmung im Feld als eine milde Form der Besetzung oder Besessenheit beschrieben. Die Stellvertreterin oder der Stellvertreter wird von einer fremden seelischen Bewegung erfasst für die Zeit der Aufstellung. Danach fällt diese „Besetzung“ wieder ab. Allerdings erfolgt diese „Besetzung“ meistens nicht unmittelbar und sofort[1]. Es bedarf des Einfühlens in die Position, in der man steht. Und das kann eine gewisse Zeit, manchmal 20 Sekunden oder auch ein oder zwei Minuten dauern. In dieser Zeit spürt und lauscht man als Stellvertreter, ob sich irgendwelche Eindrücke, Gefühle und Impulse einstellen – ohne zu wissen, was dies sein mag und worauf man genau zu achten hätte. In dieser Zeit des Einfühlens bin ich aber als Stellvertreter auch noch mit meiner Person und meinem Verstand, meinen Vorannahmen und Überzeugungen vorhanden. Und stelle mir als diese eigene Person vielleicht – mehr oder weniger randbewusst – die Frage: Was wird jetzt von mir erwartet? Welche Rolle soll ich hier spielen? Und wie soll ich die Rolle anlegen. Dann ist das Bewusstsein auf der Suche, wie es aus den meist wenigen Informationen eine Handlungsanleitung erhalten kann. Und das ist alles nicht das, worum es in der stellvertretenden Wahrnehmung geht.

Im Normalfall geschieht aber nach einiger Zeit der Wechsel. Es steigt im Stellvertreter etwas auf und nimmt für eine Zeit partiell Besitz vom Stellvertreter. Manchmal aber gelingt die Ablösung von meiner realen Person nicht oder nicht genügend. Und dann agiere ich als Stellvertreter vielleicht eher mein Eigenes aus, statt im „wissenden Feld“ mitzuschwingen.

Wie erkennt man die Unterschiede zwischen einer „echten“ Wahrnehmung aus dem Feld und dem Ausagieren eigener Anteile des Stellvertreter?

In den meisten Fällen gibt es darauf eine recht einfache Antwort: Man spürt es. Und nicht nur die Aufstellungsleitung spürt es, alle spüren es. Die anderen Stellvertreter, die Beobachter, einfach alle. Das ist ein wenig ähnlich wie bei der Tatsache, dass wir meistens sehr genau spüren, ob jemand z.B. wirklich Trauer empfindet oder sich „Krokodilstränen“ abringt, um einen bestimmten Eindruck bei anderen Menschen zu erzeugen.

Es gibt aber auch einige konkretere Angaben, die man machen kann:

  • Wahrnehmungen aus dem Feld werden in aller Regel unaufgeregt mitgeteilt. Die Stellvertreterperson ist gesammelt und gefasst. Im Gegensatz wirkt eine Stellvertreteräußerung, die nicht aus dem Feld stammt, dramatisiert. Sie ist auf einen Effekt angelegt.
  • Die Wahrnehmungen aus dem Feld werden in einfachen und kurzen Aussagesätzen berichtet. „Mir geht es hier gut“ oder „Meine Knie zittern“ oder „Mein Blich zieht es dorthin“ oder dergleichen. Ohne weitere „Erklärungen“ oder Ausschmückungen. Es ist einfach so. Äußerungen, die nicht aus dem Feld kommen, sind dagegen oft weitschweifig, voller zusätzlicher Ausführung über eine „weil“ oder „aber“ oder über Gründe und Motive.
  • Immer dann, wenn Stellvertreter in einer Aufstellung in eine Diskussion geraten, in eine argumentative Auseinandersetzung, dann weiß man: Sie sind nicht im Feld.

Letztlich ist dies genau der Unterschied zwischen Aufstellungen und anderen Formen psychologischer Ansätze im Bereich Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Therapie wie Rollenspiel und Psychodrama. Bei diesen Ansätzen geht es um ein ausagieren, bei der Aufstellungsarbeit geht es um das „Anerkennen, was ist[2]“. Und das, was ist, braucht keine Dramatisierung. Es ist einfach. Und es ist einfach.

[1] Das obige Beispiel war in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme

[2] So ein Buchtitel von Bert Hellinger.

Über Gefühle, ihre Qualitäten und ihre Rolle in der Aufstellungsarbeit

Vorbemerkung:
Was in diesem Blogeintrag passiert, ist ein paradoxes Unterfangen. Wenn wir im Alltag über Gefühle reden, ist es meist genau das: Gerede. Und nicht Gefühle. Gefühle wollen ihrem Ursprung nach gefühlt und nicht beredet werden. (Womit nicht gesagt sein soll, dass ein Reden über Gefühle nicht sinnvoll, hilfreich, entlastend oder gar befreiend sein kann. Es soll lediglich gesagt werden: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Gefühl und einem Reden über ein Gefühl. So wie es einen Unterschied zwischen einer Speisekarte und dem Gericht gibt. Nur das zweite kann man essen.)
Reden wir also über Gefühle. Genauer gesagt: Ich schreibe über Gefühle, aber das ist ja auch nur eine Form von Reden, nämlich das Reden eines Schreiberlings an ein lesendes Publikum hin.

Wenn wir über Gefühle sprechen, kann man leicht einen Umfangreichen Zoo mehr oder minder possierlicher Tierchen und Gattungen sprachlich errichten. Es gibt Freude, Wut, Liebe, Ärger, Angst, Überraschung, Ekel, Langeweile, Anspannung, Begeisterung, Verwunderung, Irritation, Attraktion, Kummer, Enttäuschung, Stolz, Hilflosigkeit usw. usf. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Und sie handelte immer vom Inhalt der Gefühle. Hier geht es um Qualitäten von Gefühlen.

Und die Qualität eines Gefühlszustandes kann man in drei Qualitäten oder „Geschmacksrichtungen“ einteilen:

Primäre Gefühle

Ein Primärgefühl ist unmittelbar und ergreift den fühlenden Menschen praktisch unwillkürlich und vollständig. Ein Beispiel ist die Trauer, wenn ein Mensch einen anderen geliebten Menschen verloren hat und die Tränen ungehindert (und – das ist wichtig – mit offenen Augen!) fließen. Oder ein Moment reiner Freude. Oder wenn eine Gruppe von Menschen oder manchmal auch nur ein Einzelner anhand einer plötzlichen Einsicht in die Absurdität einer Situation in schallendes und unkontrollierbarer Gelächter ausbricht, dass mit einem verschämten Kichern so viel gemein hat wie der Monde mit schweizer Käse.

Woran erkennt man ein Primärgefühl? Nun, zunächst einmal daran, dass es rein und unverfälscht, unmittelbar und impulsiv und unkontrollierbar ist. Und: Es ist meist von kurzer Dauer. Als Zeuge eines solchen Gefühls erkennt man es daran, dass es auch den Beobachter erfasst. Ebenso rein und unverfälscht. Es ist für jeden Außenstehenden sofort nachvollziehbar – und es bedarf keiner besonderen Handlung seitens der Außenstehen. Man versteht es einfach, schwingt mit, empfindet es als angemessen und als folgerichtige Reaktion auf einen Umstand oder eine Situation.

Sekundäre Gefühle

Sekundäre Gefühle sind dagegen sozusagen stellvertretende Gefühlsregungen. Sie sind primäre Gefühle, die durch einen Filter gegangen sind und der Filterprozess hat gesagt: Das ist hier so nicht zulässig oder angemessen. Also wird das primäre Gefühl durch ein sekundäres Gefühl ersetzt, welches tolerabler erscheint. Man nennt sie deshalb auch mitunter „Deckgefühle“. Das Gefühl von Ärger z.B. ist fast immer ein sekundäres Gefühl, welches ein anderes Primärgefühl wie vielleicht Wut oder Angst überdeckt und stellvertretend statt des Primärgefühls „präsentiert“ wird.

Woran erkennt man ein Sekundärgefühl? In erster Linie daran, dass man bei genauer Beobachtung einen kurzen Moment der Überlegung, der gedanklichen Auswahl beim Fühlenden erkennt. Ein kurzes Zögern, bei dem die Aufmerksamkeit nach innen geht. Noch untrüglicher ist aber, was ein Sekundärgefühl mit einem Zeugen macht, besonders in einer Gruppensituation: Wenn sich ein Gefühl von Irritation oder Verwirrung, von Langeweile oder Verdruss einstellt oder der Impuls irgendetwas dringen für jemand anderen ändern zu wollen – all das sind ziemlich sichere Indizien. Also auch hier wird der Beobachter oder Zeuge vom Sekundärgefühl in gewisser Weise erfasst, aber von seinem Aspekt der „Doppelbödigkeit“, was auch den Beobachter in einen milden inneren Aufruhr versetzt. Bei Primärgefühlen gibt es dagegen keinen Grund für Unruhe beim Zeugen/Beobachter, man bleibt gefasst und gesammelt.

Fremdgefühle oder übernommene Gefühle

Eine dritte Qualität sind Gefühle, die wir stellvertretend für jemand Anderen, in aller Regel jemand anderen aus dem Familiensystem, übernehmen. Familienaufstellungen sind in besonderem Maße geeignet, solche übernommenen Fremdgefühle sichtbar zu machen und sie an den Ort zurückzugeben, wo sie ihren ursprünglichen Platz haben.
Da wäre etwa eine Frau, welche immer wieder eine für sie selbst unerklärliche Wut auf ihren Mann empfindet, obwohl sie nach eigenem Empfinden ihm gar nichts vorzuwerfen hat. In einer Familienaufstellung stellt sich heraus, dass sie stellvertretend die Wut ihrer Mutter auf deren Mann, also den Vater der Frau, empfindet, der mehrfach fremdgegangen ist und die Mutter hat es schweigend ertragen und ihre eigentlich angemessene Wut nie geäußert[1].

Woran erkennt man übernommene Fremdgefühle? Sowohl für die Person, welche das Fremdgefühl hat wie auch für Außenstehende haben sie etwas Lähmendes, man empfindet Ratlosigkeit und Hilflosigkeit. Das ist eine ganz andere Wirkung als die eher irritierenden und enervierenden Wirkungen von Sekundärgefühlen. Und: Bei übernommenen Fremdgefühlen lässt sich das Gefühl nicht recht aus einer Situation plausibel machen. Sie wirken in Bezug auf die Situation wie ein Fremdkörper.

Familienaufstellungen und die drei Gefühlsqualitäten

Familienaufstellungen haben bezüglich der drei genannten Gefühlsqualitäten vor allem zwei Wirkungen:

1. Auflösung von Fremdgefühlen
Im Rahmen von Familienaufstellungen zeigt es sich in aller Regel sehr schnell über die Reaktionen der Stellvertreter, ob ein Gefühl ein übernommenes Fremdgefühl ist. Manchmal nicht ganz so schnell ist auffindbar, zu wem im Familiensystem das Gefühl ursprünglich gehörte und wo es seinen guten Platz hat. Aber auch diese Zuordnung gelingt fast immer.
Und die Lösung ist dann, der Person im Familiensystem, zu der das ursprüngliche Gefühl gehörte, in Liebe zu sagen: „Dies habe ich gerne für dich übernommen“. Und dann könnte vielleicht in dem oben skizzierten Beispiel die Tochter die Mutter bitten: „Schau freundlich auf mich, wenn ich meinen Mann jetzt nehme als meinen Mann“. Ich habe es noch nie in einer Aufstellung erlebt, dass dieser Teil der Familienseele es wirklich will, dass jemand Anderes das Eigene trägt. Aber: Wichtig ist trotzdem, es als Bitte und nicht als Forderung vorzutragen.

2. Überführung von Sekundärgefühlen in Primärgefühle
Hier kann es sich etwa um Wut oder Vorhaltungen handeln, die ein Kind gegenüber seinen Eltern hat. Und im Laufe der Aufstellung bricht sich die ursprüngliche Liebe des Kindes zu seinen Eltern, ohne die es nicht wäre, Bahn. Dann kommt etwas in Fluss im Inneren und wird als Primärgefühl erlebt – nicht nur trotz sondern oft wegen und in voller Anerkenntnis des Schweren und Leidvollen, das auch damit verbunden gewesen sein mag.
Anmerkung: Man muss sich dabei nur vor einem „verrosamundetem“ oder „verpilchertem“ Verständnis des Wortes Liebe hüten. Die ursprüngliche Liebe als Lebenskraft und Lebensenergie, die hier gemeint ist, hat wenig bis nichts mit dem zu tun, was wir oft „romantische“ Liebe nennen. Aber das nur am Rande.

[1] Bert Hellinger spricht hier von einer „doppelten Verschiebung“ des Fremdgefühls. Nicht nur ist das Gefühl im Subjekt verschoben, in dem die Tochter stellvertretend das Gefühl hat, was zur Mutter gehört bei dieser aber sich nie offen ausdrücken konnte. Die zweite Verschiebung findet im Objekt des Gefühls statt, in dem die Frau auf ihren Mann statt auf den Vater, also den Mann der Mutter, wütend ist.

Über die (manchmal) guten Folgen des Schlimmen

Ich hatte vor einiger Zeit eine Aufstellung, da ist die Großmutter der Frau, um die es ging, von Rotarmisten am Ende des zweiten Weltkrieges vergewaltigt worden. Sie wurde schwanger und gebar die Mutter der Frau.

Und wie das manchmal so ist, setzt sich die Geschichte fort: Die Mutter hat eine (vielleicht auch nicht so ganz freiwillige – das ist unklar) sexuelle Begegnung mit einem Fremden. Den sah sie danach nicht wieder. Die Mutter wurde schwanger und es entstand aus dieser Verbindung die Frau, von deren Aufstellung ich hier schreibe.

Beide, diese Frau wie auch schon ihre Mutter, lebten sehr „reduziert“. Das grundlegende Lebensgefühl war: „Mich dürfte es eigentlich nicht geben“. Und beide versuchten, möglichst unauffällig und wenig sichtbar zu leben.

Man könnte dies jetzt als ein Beispiel nehmen, wie schwere Schicksale und grundlegende Einstellungen dem Leben gegenüber über Generationen tradiert werden. Und das ist es natürlich auch. Aber ich möchte hier auf etwas anderes hinaus.

Die Aufstellung erinnerte mich an eine andere Frau mit einer ähnlichen Familiengeschichte. Und diese Frau berichtete, dass sie irgendwann einmal gesprächsweise auf die Erlebnisse der Großmutter kamen, und die Großmutter da sinngemäß geäußert hat: „Wenn ich deine Mutter als Kind habe spielen sehen, dann habe ich manchmal gedacht: Wenn ich das (die Vergewaltigung) heute noch einmal erleben würde, dann würde ich ihr zustimmen, so schlimm es auch war“.

Und in diesem Satz liegt Größe.

Man muss das wirklich einmal wirken lassen. Wenn ein Mensch fähig ist, mit Blick auf die Folgen, das neu entstandene Leben, innerlich zu sagen: Mit Blick auf die Folgen stimme ich dem Schweren – in diesem Fall einer Vergewaltigung – zu.

Kann es überhaupt etwas Größeres geben, als diese Haltung zum Leben zu gewinnen? In diesem Fall: Zu dem Leben, das aus einer Vergewaltigung entstanden ist?

Über die Größe – und das Kleinliche einer Haltung des Einwandes und der Empörung

Ich bitte an dieser Stelle den Leser und insbesondere die Leserin, einmal kurz inne zu halten. Gibt es innerlich da einen Einwand? Oder eine Empörung? Etwa in der Art: „Aber heißt das nicht, eine Vergewaltigung zu verharmlosen?“ Oder: „Wie kann man so etwas Entsetzliches wie eine Vergewaltigung auch noch gut heißen?“

Solche Reaktionen sind verständlich. Insbesondere, wenn wir auf die Tat und das Opfer, die vergewaltigte Frau schauen.

Es gibt aber noch eine andere Perspektive. Schauen wir einmal auf das Kind, das aus der Tat entstanden ist. Welche Folgen hat es für das Kind, wenn eine Mutter auf das Kind schaut und innerlich sagt: „Du bist das Resultat einer Vergewaltigung – und eine Vergewaltigung sollte es eigentlich nicht geben dürfen.“ Oder wenn sie dabei innerlich sagt: „Wenn ich auf dich schaue als Ergebnis der Vergewaltigung, dann stimme ich der Tat nachträglich zu. Weil ich DIR zustimme“.

In welcher der beiden inneren Haltungen liegt mehr Würde? In welcher liegt mehr Kraft? Und vor allem: Unter welcher der beiden inneren Haltungen kann das Kind besser gedeihen? Mit welcher Haltung kann das Kind sein Leben vollständig nehmen – und „JA“ zu seinem Leben sagen[1], wie immer die Begleitumstände der Entstehung gewesen sein mögen? Mit welcher der beiden Haltungen, auf das Kind zu schauen, hat das Kind bessere Chancen, zu gedeihen?

Oder noch zugespitzter: Wenn wir in so einem Fall in erster Linie auf die Tat (oder auch den Täter) schauen – können wir dann überhaupt noch auf das Kind schauen? Können wir es sehen?

Nun wirken die obigen Sätze, zwar alle mit einem Fragezeichen am Ende, vielleicht wie rhetorische Fragen. Also als Fragen, die eigentlich keine Fragen sind, sondern verkleidete Aussagen oder Behauptungen. Also Fragen, die nicht offen in den möglichen Antworten sind, sondern eine bestimmte Antwort suggerieren.

Aber: Wir können das überprüfen. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin können für sich selbst so tun, als seien es offene Fragen. Welche Antworten entstehen dann? Es würde mich freuen, in den Kommentaren darüber zu lesen.

Ein kleines (mentales) Experiment

Um das noch etwas auszuführen, möchte ich zu einem kleinen gedanklichen Experiment einladen:

Wenn du magst, nimm dir einen Moment Zeit und nimm eine entspannte Körperhaltung mit ruhiger Atmung ein.

  • Lass dann vor deinem inneren Auge ein Bild von der vergewaltigten Frau entstehen.
  • Wenn du dieses Bild hast, lass ein Bild von dem Rotarmisten vor deinem inneren Auge entstehen.
  • Wenn du dies hast, lass ein Bild des Kindes vor deinem inneren Auge entstehen, und es spiel keine Rolle, ob dieses Bild das Kind als Säugling, als 3-Jährige, als 6-Jährige, als 12-Jährige oder auch als erwachsene Person zeigt.
  • Wenn du diese drei Bilder hast: Dann schau einmal innerlich auf das Kind im Licht der Tat, also im Licht der Vergewaltigung.
  • Und dann schau einmal auf das Kind und seine Eltern – unter Absehung von den Begleitumständen der Zeugung.

Was ist der Unterschied? Gibt es einen Unterschied?

Und um noch weiter zuzuspitzen:

  • Schau einmal auf das Kind und seine Eltern, während du den Vater und seine Tag beurteilst.
  • Und dann schau noch einmal auf das Kind und seine Eltern, während du den Vater inklusive der Tat in dein Herz mit hinein nimmst. (Wenn du das kannst).

Was ist der Unterschied? Gibt es einen Unterschied? Es würde mich sehr interessieren, in den Kommentaren mehr darüber zu erfahren.

[1] „… und trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist ein Buchtitel von Viktor Frankl, mit dem Untertitel: „Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Der Haupttitel ist ein Zitat aus der Lagerhymne „Das Buchenwaldlied“.

Die innere Haltung – Wie begegne ich einer Aufstellung?

Hoffnung, Furcht oder Heilserwartung?

Mit welcher inneren Haltung sollte man sich einer Aufstellung, insbesondere einer Aufstellung mit einem eigenen Anliegen, nähern? Vielleicht mit der Erwartung oder Hoffnung auf ein „kleines Wunder“, dass ein zentrales Lebensproblem eine Heilung oder zumindest Linderung erfahren möge? Oder mit dem Wunsch, eine Einsicht zu gewinnen, die bislang so nicht zugänglich war? Oder vielleicht mit Befürchtungen, welche Untiefen im einen inneren hier zutage treten mögen?
Relativ normal ist in jedem Fall, das ein Mensch, der ein eigenes Anliegen in einer Aufstellung bearbeiten und im günstigsten Fall einer Lösung zuführen möchte, eine gewisse Aufgeregtheit verspürt, wenn er oder sie „dran“ ist.

Bert Hellinger hat in einer eher frühen Phase der Familienaufstellungen einmal angemerkt, einer Aufstellung nähere man sich mit „Zittern und Zagen[1]“. Und gemeint ist damit eine gewisse Ehrfurcht – und ja, in dem Begriff steckt auch Furcht – als angemessene innere Haltung. Weil wir in Aufstellungen Kräften in unserer Seele begegnen, die größer sind, als das eigene Ich oder auch: Als das eigene Ego. Wir begegnen hier einer seelischen Dynamik, die uns eher „in Dienst“ nimmt[2], als das wir sie beherrschen.

Wir könnten also in einer ersten Annäherung auch sagen: Es braucht eine innere Haltung der Demut, auch der Hingabe. Ein „sich anvertrauen“ denjenigen seelischen Bewegungen gegenüber, die ich nicht in der Hand habe. Und das kann schon etwas ängstigen, schließlich ist damit ja auch ein wenig Aufgabe von Kontrolle angesprochen. Und eigentlich wollen wir doch unser Leben unter Kontrolle bekommen oder halten, die Dinge „in den Griff“ bekommen.

Nun sollte man dies aber auch nicht allzu dramatisch betrachten. Ein wenig Aufregung, ein wenig Nervosität und Ungewissheit gehört zu jeder Veränderung oder jeder Übergangsphase im Leben. Ob das eine wichtige Prüfung ist oder der Beginn einer Therapie oder auch nur der Wechsel einer Arbeitsstelle oder eines Wohnortes.

Die „dos and don’ts“ – Eine Empfehlung

Bezogen auf Aufstellungen lassen sich aber schon einige innere Haltungen angeben, die förderlich für den Prozess sind und auch einige hinderliche Einstellungen.

Förderlich für den Verlauf einer Aufstellung ist, wenn

  • ich offen und so weit wie möglich absichtslos bezüglich des konkreten Verlaufes und des Ergebnisses der Aufstellung bin
  • ich mich zumindest bis zu einem gewissen Grad frei machen kann von vorgefassten Meinungen, Ansichten oder gar Schuldzuweisungen
  • ich in der Lage bin, erst einmal nur zu schauen, was ist und was sich zeigt und dabei dem Drang, es bewerten zu wollen widerstehe

Eher ungünstig für eine Aufstellung wäre:

  • Eine feste Vorstellung davon zu haben, was sich in der Aufstellung zeigen muss und welches Ergebnis sie haben soll.
  • Eine Heils- oder Erweckungserwartung bezüglich einer Aufstellung zu hegen. Aufstellungen zeigen den nächsten, den naheliegenden Schritt, der in einer Entwicklung zu vollziehen ist. Und sie helfen, in die eigene Kraft zu kommen, um diesen Schritt zu vollziehen. Aufstellungen machen nicht „erleuchtet“ – was immer das auch sein mag.
  • Eine Haltung, die sich als distanzierte Neugier beschreiben ließe, etwa in der Art: „Ich schau mal, und dann kann ich mich immer noch entscheiden, was davon mir in den Kram passt und was nicht.“ Dazu sind dann Aufstellungen doch wieder eine zu ernste Angelegenheit. In gewisser Weise geht es immer existenziell „ums Ganze“.

Vom Schweren und der Leichtigkeit der Lösung

Wenn diese Beschreibung nach viel Schwere klingt, ist das einerseits in so fern richtig, dass Aufstellungen oft mit den schweren Seiten des Leben zu tun haben. Mit dem ganzen Gewicht von schicksalhaftem Geschehen.
Auf der anderen Seite ist die Lösung meist leicht. Das wäre fast ein Erkennungszeichen einer „guten“ Lösung in einer Aufstellung: Wenn ich gesammelt bin und in meiner inneren Mitte, in Anerkennung als dessen, was ist – dann ist der Vollzug des nächstliegenden Schritts leicht. Und erst von da aus machen wir den dann nächsten Schritt. Die Orientierung geht immer auf das Nahe-Liegende.

Es kann natürlich auch sein, dass ein Mensch in einer Aufstellung eine wirkende seelische Dynamik erfährt und auch eine Lösung naheliegend ist – aber die Person kann den Schritt trotzdem nicht gehen.
Dann ist auch diese Entscheidung, nicht in die Lösung zu gehen, zu achten und zu würdigen. Es kann im Falle einer Verstrickung mit Schicksalen aus der Herkunftsfamilie sein, dass in dieser Entscheidung, nicht in die Lösung zu gehen, eine große Liebe, Treue und Verbundenheit zu diesen Vorfahren zum Tragen kommt. Und es wäre dann anmaßend, von außen beurteilen zu wollen, ob in einem konkreten Einzelfall es die größere seelische Leistung ist, an dieser Verbundenheit festzuhalten oder sich in Anerkennung und Würdigung der Vorfahren davon zu lösen.

[1] Und als ehemaliger Priester spielt er mit dieser Formulierung natürlich auf die Apostelgeschichte 9 an, in der die Legende von der Wandlung des Saulus zum Paulus erzählt wird.

[2] Wieder mit Bert Hellinger gesprochen.