Die Kraft, die aus der Zustimmung kommt

In Familienaufstellungen ist es ein immer wiederkehrendes Grundthema, dem eigenen Leben mit allem, was dazu gehört, zuzustimmen. Sehr häufig geht es dabei um die eigenen Eltern. Die Zustimmung zu den eigenen Eltern, genau so, wie sie sind oder waren, ohne irgendwelche Abstriche: Darin liegt fast immer eine besondere Kraft. Umgekehrt liegt in jedem Einwand, in jedem Beklagen, dass die eigenen Eltern leider nicht gut genug waren für mich (nicht liebevoll genug, nicht aufmerksam genug, nicht … was auch immer genug), eine Schwächung.

Dasselbe gilt auch für Besonderheiten des eigenen Schicksals. Wenn ich etwa mit einer Behinderung geboren bin oder sie durch einen Unfall erleide. Gleiches gilt für die soziale Schicht, in die man hinein geboren ist. Oder jegliche Ausprägungen meiner Körperform (meine schiefe Nase) oder meines Charakters und Temperaments (meine Neigung zu cholerischen Verhalten oder zur Unpünktlichkeit).

Aber bleiben wir noch einmal kurz bei den Eltern. Die Begründung für das Einverstanden-Sein mit den eigenen Eltern, so wie sie sind oder waren und ohne Abstriche lautet ja: Ohne sie wäre ich nicht! Ich verdanke Ihnen meine Existenz, mein Leben. Und dem gegenüber sind alle Einwände, die man haben mag, zweitrangig. Es ist auch so, dass ich mit der Ablehnung der Eltern oder eines Elternteils ja einen Teil von mir selbst ablehne. Das mag die Schwächung erklären, die ich in der Ablehnung der Eltern erleide.

Heißt dies nun, dass Vernachlässigung oder Missbrauch oder Misshandlung von Kindern durch die Eltern keine Rolle spielen? So wird es ja manchmal (miss)verstanden. Nein, die Umstände spielen schon eine Rolle. Aber gleichzeitig gibt es eben diese größte und tiefste aller Gaben: Das Leben selber. Und davon nehmen alle einschränkenden Umstände nichts fort.

Bislang ist das allerdings erst einmal nur eine Behauptung: In der Zustimmung zu dem, was ist, mit allem, was dazugehört, liegt eine besondere Kraft. Allerdings kann man die Behauptung überprüfen. Dazu muss man nur einmal beide Haltungen, die der Ablehnung und die der Zustimmung, nacheinander einnehmen.

Im ersten Fall stellen wir uns unsere Eltern vor, mit allem, was zu ihnen gehört und ihrem Schicksal. Und dann schauen wir gesammelt auf unsere Eltern und sagen innerlich: „Auch wenn es als Kind schwer für mich war …“ (und hier denken wir an die Einschränkungen, die es gab – dar verletzte innere Kind in uns will ja auch zu seinem Recht kommen) und fahren fort „… verdanke ich Euch mein Leben. Ohne Euch wäre ich nicht. Ihr seid genau die richtigen Eltern für mich.“

Im zwei Fall stellen wir uns innerlich vor unsere Eltern und sagen: „Ich habe unter Euch gelitten. Ihr habt mir nicht gegeben, was ich gebraucht hätte. Ich hätte andere Eltern als Euch haben müssen.“

Wichtig für diese Überprüfung ist, diese Sätze nicht nur mit dem Verstand zu sagen oder zu denken, sondern gleichzeitig auch wirklich und ernsthaft zu fühlen. Und nun kommt die Überprüfung. Bei welchem der beiden Szenarien fühlen wir uns mehr im Einklang mit dem Leben? Bei welchem werden wir enger, bei welchem weiter? Bei welchem sind wir mehr in unserer Kraft?

Nicht nur die Herkunft

Die eigene Herkunft mag besonders grundlegend sein bezüglich Zustimmung oder Ablehnung. Aber genau betrachtet wirkt dasselbe Prinzip auch bei vielen anderen Gegebenheiten, die wir in unserem Leben haben, aber lieber nicht hätten. Dies können bestimmte unangenehme Gefühle sein, Angewohnheiten, Eigenschaften oder auch so etwas wie persönliche „Ticks“ oder Süchte oder Krankheiten … oder … oder … oder.

Auch hier können wir überprüfen und vergleichen, wie wirken die innere Haltung der Zustimmung, des Ja-Sagens zu dem was ist, oder die innere Haltung der Verneinung und des Bekämpfens? Was macht und freier und was macht uns unfreier? Was lähmt uns und was macht uns handlungsfähig? Was bringt uns mehr in Einklang und was mehr in Missklang, in Dissonanz?

So könnte zum Beispiel ein Spielsüchtiger sich innerlich mit seiner Sucht konfrontieren und zur Sucht sagen: „Ich erkenne (ich anerkenne), dass du da bist. Es gibt dich. Ja: Ich bin spielsüchtig“. Und paradoxerweise ist dies meist der erste notwendige Schritt, wenn man sich von einer Sucht lösen will.
Oder wenn ich eine Angst habe, die mich einschränkt, dann kann ich zu meiner Angst sagen: „Ich schaue dich jetzt genau an und erkenne an, dass es dich gibt“. Und wenn dieser Satz wirklich genau so gemeint ist, dann ergibt sich meist die Möglichkeit, trotz Angst handlungsfähig zu bleiben. Wenn wir dagegen innerlich vor der Angst wegrennen und sagen, sie sollte eigentlich nicht da sein, sie sollte weggehen, dann hat sie uns erst richtig gepackt[1].

Man könnte es so sagen: Wenn wir den Dingen in unserem Leben, die wir nicht haben möchten, erst einmal vorbehaltlos zustimmen – dann erhalten wir meist ein wenig mehr Spielraum. Oder noch anders gesagt: Die Zustimmung nimmt einen Teil des Schreckens.

„Catch 22“ – eine Warnung bezüglich der Zustimmung

Im englischen Sprachraum gibt es ein geflügeltes Wort: „Catch 22“, zu Deutsch so viel wie „Falle 22“. Diese Redewendung geht auf den gleichnamigen Roman von Joseph Heller bzw. auf dessen Verfilmung zurück. Roman und Film handeln von einem Bomberschützen in einem Fluggeschwader der US Air Force im zweiten Weltkrieg, der keine Einsätze mehr fliegen möchte, weil er Angst hat.
Nun gibt es zwar theoretisch im Regelwerk des Militärs die Möglichkeit, keine Kampfeinsätze mehr fliegen zu müssen, wenn man z.B. geisteskrank („verrückt“) wäre. Der Flugarzt erklärt dann dem Romanhelden, der von den Kampfeinsätzen befreit werden will aufgrund seiner Angst: Verrückt ist, keine Angst vor dem Kampeinsatz zu haben. Wenn man also Angst vor dem Kampfeinsatz hat, zeigt das nur, dass man normal und damit flugtauglich ist. Wer aber so verrückt ist, keine Angst vor dem Kampfeinsatz zu haben und fliegen zu wollen, der wird natürlich auch keinen Antrag auf Befreiung vom Kampfeinsatz stellen.

„Catch 22“ beschreibt also eine paradoxe Situation. Und ein wenig ähnlich ist die „Falle 22“, die es bezüglich der Zustimmung zu unangenehmen oder unerwünschten Lebensumständen gibt. Wenn ich die Zustimmung zu einer Tatsache nur (innerlich) erteile, um dadurch das Unerwünschte los zu werden – dann ist es nur eine andere Form des „Neins“ zu diesem Unerwünschtem und damit wirkungslos.

Die Zustimmung muss also „ehrlich“ gemeint sein. In dem Sinne, dass ich anerkenne, was ist. „Ja“ dazu sage im Sinne von „Ja, so ist es jetzt“. Und ohne den Hintergedanken, dass es dadurch verschwände. Das wäre nur eine „taktische“, eine vordergründige Zustimmung. Man muss sich also von dem Zweckgedanken, ich stimme jetzt zu damit es weggeht, lösen. Die wäre keine Zustimmung, sondern eine verkleidete Ablehnung, eine Mogelpackung.

Zum Abschluss: Eine Ehrenrettung für das „Nein“

Heißt dies nun, man solle niemals nein sagen, immer zustimmen? Sicherlich nicht. Auch die Ablehnung, das „Nein“ hat seinen Platz. Genau genommen ist es sogar so, dass ohne ein „Nein“ auch ein „Ja“ keine Bedeutung hat. Wer immer nur allem zustimmt, dessen Zustimmung ist kraftlos, sie hat kein Gewicht. Es geht eher darum, wozu genau wir zustimmen oder was genau wir ablehnen. Und auch, wie wir Zustimmung und Ablehnung miteinander verbinden.

Die Kraft der Zustimmung ergibt sich aus dem Erkennen und Anerkennen der Realität. Irgendetwas ist so, wie ist. Ich habe zum Beispiel jetzt in dieser konkreten Situation Angst in einer ganz bestimmten Ausprägung. Es geht um die Anerkennung des Faktischen. Es macht keinen Sinn, abzulehnen, was nun einmal im Moment ist. Dabei ginge Kraft und Energie verloren.

Überhaupt nicht sinnlos ist dagegen das Nein, also die Ablehnung, wenn es um ein Verhalten geht, welches sich scheinbar naheliegend aus dem, was ist, ergibt. Im Beispiel des bereits erwähnten Spielsüchtigen könnte dies bedeuten: Er sagt „Ja“ zur seiner Spielsucht. Es ist ein Teil in ihm, den es gibt. Aber er sagt „Nein“ zur Verlockung, heute Abend in die Spielbank zu gehen. Die innere Bewegung könnte also als Satz ausgesprochen lauten: „ JA, es gibt die Verführung, heute Abend wieder an en Roulette-Tisch zu gehen. Und NEIN, ich gebe ihr heute nicht nach!“.

Das Nein zu einem bestimmten Verhalten entfaltet seine Kraft hier erst dadurch, dass ich erst einmal zustimme, dass es die Versuchung in mir gibt.

Letztlich ist ein Nein zu einer Möglichkeit oder einem Angebot ja auch ein Ja zu meiner Entscheidungsfähigkeit. Und hier, in der Ent-Scheidung, also der Trennung von etwas aus eigenem Entschluss, entfaltet das Nein seine Kraft. Allerdings nur, so möchte man hinzufügen, wenn ich dann wieder „Ja“ zu dem sage, was statt dem Abgelehnten ist oder sein soll.

 

[1] In der Psychologie ist dieses Phänomen wohlbekannt als „Angst vor der Angst“. Diese ist sehr oft das eigentliche Problem, nicht so sehr eine bestimmte Angst selber.

Familienaufstellung und Heilung

Wenn jemand eine Familienaufstellung macht zu einem persönlichen Anliegen, dann verspricht er oder sie sich etwas davon. Er oder sich verspricht sich eine Lösung für ein persönliches Problem oder eine Heilung, zumindest einen Beitrag zu einer Heilung von einer Krankheit.

Die Frage ist nun: Kann eine Familienaufstellung heilend wirken und wenn ja, wie heilt sie? Oder vorsichtiger formuliert: Wie entfaltet sie Wirkungen, die eine Heilung unterstützen oder fördern.

Mir scheint, wir können hier drei Arten von Wirkungen erkennen und unterscheiden, die alle eine lindernde bis heilende Wirkung haben (können).

„Ich folge dir nach“ – Körperliche und psychische Erkrankungen und die Verstrickung mit den Schicksalen der Herkunftsfamilie

Es gibt mitunter Erkrankungen oder Einschränkungen im Lebensvollzug, wo der Zusammenhang mit wichtigen Personen der Herkunftsfamilie recht offen zu Tage liegt. Etwa eine Frau, die Diabetes hat, sagt auf die Frage, ob es diese Erkrankung in ihrer Herkunftsfamilie gab: „Ja, meine Mutter hatte das auch schon. Und deren Mutter auch.“ Oder bei einem Mann, der im Alter von 33 Jahren einen Suizidversuch unternimmt an einem 31. Oktober. Sein Vater erhängte sich im Alter von 33 Jahren an einem 31. Oktober. Und dessen Vater, der Großvater des Mannes, erschoss sich ebenfalls im Alter von 33 Jahren und ebenfalls an einem 31. Oktober.

Im Rahmen von Familienaufstellungen sprechen wir hier von einer „Ich folge dir nach“-Thematik. Es scheint, als wolle ein Nachgeborener das Schicksal von Vorangegangenen wiederholen. Als ob die Seele sagt: „Ich mache es wie du!“. Und darin liegt eine große Verbundenheit, eine große ursprüngliche Liebe den betreffenden Personen der Ahnenreihe gegenüber. Aber: Diese Liebe ist, wie Bert Hellinger es ausgedrückt hat, eine „blinde“ Liebe. Und die Lösung wäre: Dass die nachgeborene Person auf die Vorangegangenen schaut, mit Liebe und mit Achtung. Mit Achtung für deren Schicksal. Und dann vielleicht in einer Familienaufstellung diesen Personen der Ahnenreihe sagt: „Bitte! Schaut freundlich auf mich, wenn ich nicht euren Weg gehe.“

Dann wird die Seele frei, die ursprüngliche Liebe zu den eigenen Wurzeln muss dann nicht mehr über die Nachahmung eines fremden Schicksals sich vollziehen. Ich kann den Weg und das Schicksal derer, die waren, achten – und bin selber frei zu mir gemäßem Handeln.

Aber oft sind die Verbindungen von Krankheit/Symptom und Herkunftsfamilie nicht in dieser Form ein deutliches 1:1 Abbild.

Die eigene Herkunftsfamilie nehmen und annehmen – mit allem was dazu gehört und ohne Abstriche

Viele körperliche Leiden, psychische Beeinträchtigungen oder andere Beschränkungen im Lebensvollzug haben aber keine solche direkte und deutliche Verbindung zur Herkunftsfamilie, ihren Schicksalen und Dynamiken. Es kann z.B. sein, eine Frau macht eine Familienaufstellung, weil sie wenig Erfolg im Leben hat, weder beruflich noch privat, also z.B. in Partnerschaften. Auch hat sie widerkehrend mit depressiven Episoden zu kämpfen und ist ungewollt kinderlos. Aber genau dieses Muster findet sich so nicht in ihrer Herkunftsfamlie. Ihre Mutter war im Gegenteil beruflich sehr erfolgreich, nie depressiv und auch offensichtlich nicht kinderlos, sonst gäbe es die besagte Frau ja gar nicht.

In der Aufstellung zeigt sich das Bild: Die Tochter steht zu ihrer Mutter in großer Distanz, die Haltung drückt Trotz aus. Es ist, als wenn sie sagen würde: „Von dir nehme ich nichts!“ Und die Lösung kann in diesem Fall sein, dass die Tochter – langsam und voller anfänglicher Widerstände – auf die Mutter zu geht, dann auf die Knie geht und in inniglicher Umarmung den Kopf an den Bauch der Mutter legt. Und dann kommt etwas ins Fließen von der Mutter zur Tochter, wir nennen es die ursprüngliche Liebe – und oft fließen dann auch Tränen. Und die Tochter richtet sich dann, nach einer Weile, wieder auf zur Mutter sagt: „Jetzt nehme ich mein Leben an, genau so, wie es von dir zu mir geflossen ist. Vollständig und ohne Abstriche“. Dann kommt die Tochter in ihre Kraft.

Hier haben wir keine direkte Verbindung auf der Symptomebene, die Symptome der Tochter waren nicht die Symptome der Mutter. Aber, so könnte man interpretieren, die Symptome der Tochter waren ein Ausdruck der Ablehnung der Mutter, was in der Seele immer auch heißt: Ich lehne mein Leben, zumindest teilweise, ab. Und dies wäre der seelische Nährboden für die Symptomatik.

In der einen oder anderen Form spielt dieses „das eigene Leben nicht voll nehmen und annehmen“ sehr oft eine Rolle in Familienaufstellungen. Die konkreten Anlässe, warum jemand eine Familienaufstellung machen möchte, sind demgegenüber sehr unspezifisch und höchst unterschiedlich. Der Einwand dem Leben gegenüber kann sich buchstäblich in allem Möglichen ausdrücken.

Wo Schicksal wirkt und Demut heilt

Es gibt aber noch dritte Form des Zusammenhangs von Krankheit und Aufstellungsarbeit. Ich denke dabei beispielhaft an eine Aufstellung, bei der eine ältere Frau zusammen mit ihrem Mann erschien, der an Demenz erkrankt war. Das – nicht ganz so direkt – vorgetragene Anliegen der Frau war, über eine Aufstellung die Demenzerkrankung ihres Mannes zu heilen. Der Aufstellungsleiter sagte dann: „Ich nehme diesen Auftrag nicht an.“ Sagte dann aber zur Frau: „Wenn du möchtest, können wir in einer Aufstellung uns einmal ansehen, wie die seelischen Bewegungen sind. Bei dir und bei deinem Mann“. Damit war die Frau einverstanden.

In der Aufstellung wurde über den Stellvertreter des Mannes deutlich, dass die Demenzerkrankung sein Weg war, sich langsam nach einem langen und sehr erfolgreichen Leben von diesem Leben zurück zu ziehen. Wir könnten auch sagen: Es war der Weg, den die Seele gewählt hatte, sich auf das Sterben vorzubereiten. Die Seele des Mannes war dabei ruhig und zufrieden. Wichtig in der seelische Bewegung der Frau war, dass – aus Gründen die hier nicht interessieren – sie ihm noch etwas schuldig war und das die Pflege ihres Mannes im Alter ein Weg sein kann, hier einen Ausgleich herzustellen.

In solchen Fällen darf man nicht eine Aufstellung durchführen mit dem Ziel, die Krankheit „weg zu machen“. Es würde nicht funktionieren – und es wäre auch eine Anmaßung.
Hier wirkt in der Erkrankung etwas, was größer ist und sich dem manipulativen Zugriff entzieht. Die hier gemäße innere Haltung seitens der Protagonisten einer Aufstellung aber auch seitens der Aufstellungsleitung hat Bert Hellinger einmal in einem Buchtitel in eine prägnante sprachliche Formulierung gebracht: Wo Schicksal wirkt und Demut heilt.

Heißt das, dass hier keine Heilung stattgefunden hat? Nicht in Bezug auf die Demenzerkrankung. Die war in der Seele des Betroffenen ein Schicksal, dem sie, die Seele, deutlich zugestimmt hat.
Aber in der seelischen Bewegung der Frau des Demenzerkrankten hatte sich deutlich sichtbar etwas ereignet während der Aufstellung. Sie kam in Frieden mit der Demenzerkrankung ihres Mannes.

Ist das eine Heilung? Ich meine: Ja.

Nun soll es werden

Nun soll es werden – Frieden auf Erden

Dieser Beitrag entsteht in der Zeit „zwischen den Jahren“, zwischen den Weihnachtsfeiertagen 2018 und dem neuen Jahr 2019. Die Weihnachtszeit enthält, neben vielem anderen, ein Versprechen. Das Versprechen einer besseren Welt. Und wie bei so vielen Versprechen droht die Enttäuschung des gebrochenen oder unerfüllten Versprechens.

In einem bekannten Weihnachtslied („Kommet ihr Hirten“) gibt es die Zeilen:
„Nun soll es werden
Frieden auf Erden
Den Menschen allen
ein Wohlgefallen“

Wenn wir dieses Versprechen mit dem Verstand kritisch prüfen, erscheint es naiv. Es drückt eine kindliche Sehnsucht aus nach einer Welt ohne Kriege, ohne schwere Krankheiten, ohne Hunger und ohne Leid.

Und wie sieht die Realität aus? In dieser Welt gibt es weiter Kriege, Krankheiten und schwere Schicksalsschläge. Weder machen diese „Kräfte“ – und sei es auch nur über Weihnachten – eine Pause noch sind sie endgültig und auf Dauer besiegt.

In diesem Sinne wäre also die religiös-christliche Weihnachtsbotschaft auch nur ein weiteres leeres Versprechen, dass jedes Jahr aufs Neue enttäuscht wird. Ähnlich den Versprechungen von Produktbotschaften in der Werbung: „Dieses Produkt wird dich glücklich machen“. Und als Konsumenten mit etwas Lebenserfahrung wissen wir, dass die Halbwertszeit der Erfüllung solcher Versprechungen meist recht kurz ist.

Die Rückschau – zum Frieden gelangen

Und doch gibt es diese Momente, wo wir in Frieden und Einverständnis gelangen mit allem, was ist. Manchmal gelingt dies in der Meditation. Manchmal in der Rückschau, wenn wir unser Leben mit ein wenig Distanz rückblickend betrachten. Dann erscheint ein Gefühl von Führung, ein verbunden sein mit einer größeren Kraft, die aber selber im Dunklen bleibt.

Und gerade in den „dunklen Stunden“ der Seele, wenn wir von dieser größeren Kraft, die sich nicht näher benennen lässt, in besonderer Weise betroffen sind, erwächst auch eine besondere persönliche Kraft. Wenn wir uns dem Schicksalshaften stellen und innerlich „Ja“ dazu sagen. Nur ist es schwer, dies im Moment der Betroffenheit zu erfahren. Es ist leichter in der Rückschau.

Mir scheint, dies ist der Weg, das Weihnachts-Versprechen „nun soll es werden Frieden auf Erden“ doch noch einzulösen. Wenn wir Frieden machen im Inneren mit dem Leben und seinen Bedingungen, so wie sind. Und sei es Krieg, schwere Krankheit oder Tod. Und wenn wir dann dort handeln, wo wir zu Handeln vermögen und wo wir zum Handeln aufgefordert sind und soweit es in unserer Kraft steht. Aber nicht, um die Welt zu retten. Das wäre eine anmaßende Haltung, also ob man auserwählt sei und das Glück der gesamten Welt sei in die eigenen Hände gegeben.

Die Rückschau auf die Eltern

Eine der häufigsten seelischen Bewegungen in Familienaufstellungen ist die Zuwendung, die Hin-Bewegung zu den eigenen Eltern. Wie auch immer diese Eltern gewesen sein mögen und wie auch immer die Umstände waren, so ist es doch eine fundamentale Tatsache: Ihnen verdanke ich mein Leben! Ohne sie wäre ich nicht! Und ein Teil der heilenden Wirkung dieser Hinbewegung zu den eigenen Eltern (und damit zum eigenen Leben) verdankt sich der Tatsache, dass vor dem Hintergrund dieses Größeren („Euch verdanke ich mein Leben“) die Einwände und die Kritik, die jeder von uns gegen seine Eltern hat, verblassen. Ja, kleinlich im Wortsinne erscheinen.

Aber eigentlich greift es immer noch zu kurz, wenn man nur auf die eigene Mutter oder den eigenen Vater schaut. Bert Hellinger drückt es so aus:

„Leben kommt von weit her über die Eltern, nicht von den Eltern. Das Leben ist unverfälscht, wie immer die Eltern sind. Gerade wenn wir auch dahinter schauen, können wir nehmen, was über die Eltern kommt. Das ist die eigentliche Haltung von Annahme und Zustimmung.“[1] (Hervorhebungen von mir).

Was bedeutet dieses „dahinter schauen“? Nun, man sieht in gewisser Weise nicht nur die eigene Mutter mit ihren Besonderheiten und Eigenheiten, sondern dahinter auch deren Mutter und die Mutter der Mutter und deren Mutter usw. Und dasselbe beim Vater. Dahinter steht der Vater des Vaters und dessen Vater usw. Und ebenso natürlich steht hinter der Mutter deren Vater und dessen Mutter und Vater, hinter dem Vater steht dessen Mutter und deren Mutter und Vater.
Dass muss man sich nicht konkret als Personen bildlich vorstellen. Es reicht, wenn alle, die dazu gehören und dazu beigetragen haben, dass ich lebe, sozusagen hinter den eigenen Eltern als Ahnung aufscheinen. Dann versteht man, was es bedeutet, das Leben kommt über die Eltern zu mir und nicht von den Eltern. Das ist eine andere Art der Zustimmung zum Leben und zu dem Platz, den es mir gibt mit allen Möglichkeiten und Einschränkungen. Das geht über die bloße Zustimmung zu den Eltern, so wie sie waren und sind, weit hinaus.

Und wenn diese Zustimmung zum Leben, wie es durch unsere Eltern zu uns kam und zu dem besonderen Platz, an den es uns gestellt hat, wirklich innerlich vollzogen wird – dann entsteht Frieden.

In diesem Sinne, so scheint mir, kann das Versprechen der Weihnacht, der geweihten Nacht („Nun soll es werden, Frieden auf Erden“) eingelöst werden.

[1] Bert Hellinger: Mit der Seele gehen. Gespräche mit Bert Hellinger. Herder Verlag 2008. S. 126

Die Toten und wir

Dieser Blogbeitrag erscheint am 25. November 2018. In den evangelischen Kirchen ist dies der Totensonntag, der in besonderer Weise dem Gedenken und der Erinnerung an die Verstorbenen dient. Außerdem ist dies der Novemberbeitrag im Blog und der November ist in besonderer Weise der „Totenmonat“. Auf der katholischen Seite haben wir am Beginn des Novembers die Feiertage Allerheiligen und Allerseelen, am Ende eben den schon erwähnten Totensonntag und am Wochenende davor den Volkstrauertag, ursprünglich zum Gedenken an die gefallenen Soldaten im ersten Weltkrieg.

Gedenkstein am Grundewald in Berlin-Zehlendorf

In diesem Blogbeitrag soll es also um die Toten gehen und darum, wie sich unser Verhältnis zu den Toten in der Aufstellungsarbeit zeigt.

Die Toten können in das Leben der Lebenden hineinwirken – im Guten wie im Schlimmen

Ziemlich am Beginn der Familienaufstellungen stand bereits die Erfahrung, dass es Menschen gibt, die insbesondere schwere Schicksale in ihrer Familiengeschichte in gewisser Weise „nachahmen“ oder „reinszenieren“. Wir sprechen dann von einer Verstrickung. Meist handelt es sich um Tote in dem Familiensystem und zwar besonders um Mitglieder des Systems, die keinen oder keinen guten Platz in diesem Familiensystem hatten. Die vergessen wurden, die verschwiegen wurden oder in Gedächtnis der Lebenden entweder an den Rand gedrängt oder sogar ganz verdrängt wurden. Und wenn wir mit diesen Vergessenen oder Ausgeschlossenen Familienmitgliedern identifiziert sind, dann wirken diese Toten wie eine Belastung. Sie schränken die volle Annahme und den vollen Vollzug des eigenen Lebens ein.
Manchmal zieht es dann einen Menschen selber noch zu Lebzeiten zu den Toten, manchmal führt es dazu, sich Teilen des Lebens zu versagen, den diese andere Person in meinem Familiensystem auch nicht hatten haben können, etwa Erfolg oder eine eigene Familie.

Auf der anderen Seite kann aber von den Toten im Familiensystem eine besondere Kraft wirken. Das ist immer dann der Fall, wenn die Toten geachtet und geehrt werden auch mit ihren schweren Schicksalen. Dann wirken die Toten sich stärkend und heilsam auf die Seele und den eigenen Lebensvollzug aus.

Die Toten wirken also in das Leben der Lebenden hinein – sowohl Guten wie im Schlimmen. Im Rahmen der Aufstellungsarbeit haben wir es meist zunächst einmal meist mit Letzterem zu tun. Wo der Mensch im Einklang mit den Schicksalen der Toten seiner Sippe lebt, gibt es keinen Anlass für eine Aufstellung. Aber auch in den Aufstellungen zeigt sich die zweite Seite der Wirkungen der Toten: Meist in der Lösung. Wenn wir dem Schicksal der Toten zustimmen, wie es war, dann erhalten wir von den Toten oft einen Segen für das eigene Leben. Ein typischer Satz, der dann in Aufstellung mitunter verwendet wird, lautet etwas: „Bitte schau freundlich auf mich, wenn ich jetzt in meinem Leben lebe, was dir verwehrt war“. Diese Segnung der Nachgeborenen wird in den Aufstellungen in aller Regel von den Toten gerne gegeben und hat oft eine fundamental erleichternde Wirkung auf die Nachgeborenen.

Die toten Täter

Besonders schwer tun wir uns aber mit dieser seelischen Bewegung, wenn die Toten in unserem Familiensystem auch Täter waren. Dazu ein Beispiel:

In einer Aufstellung ging es um das Anliegen einer Frau, die keine dauerhafte Partnerschaft eingehen konnte. In der Aufstellung entwickelte sich der Fokus auf ihre Großmutter. Diese hatte fünf Ehemänner – und alle wurden (vermutlich) von ihr vergiftet. Und doch war es in der Aufstellung evident, dass es entscheidend war, dass sie, die Frau mit dem Anliegen in der Aufstellung, den Segen von ihrer Großmutter erhielt. Der lösende Satz lautete sinngemäß: „Bitte, segne mich, wenn ich bei einem Mann bleibe. Auch wenn du das nicht getan hast.“

Wie gesagt: In der Aufstellung war es unmittelbar evident, dass hier die Lösung lag: Im Segen der Großmutter, die – wahrscheinlich – eine fünffache Mörderin war.

Das fordert uns einiges ab und es ist sehr verständlich, dass beim Lesen oder erzählt Bekommen einer solchen Geschichte sich innerer Widerstand regt. Mit den Tätern, mit Mördern gar, sollen wir uns gemein machen? Und doch ist es – zumindest für mich, der ich diese Aufstellung miterlebte – ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Toten, auch die toten Täter und Täterinnen, heilend im Familiensystem der Nachgeborenen wirken können. Auch wenn dieses Wirken oberflächlich betrachtet jeglicher Logik entbehrt.

Aber kommen wir noch einmal auf den Ausgangspunkt zurück: Dem Andenken und auch der Ehrung der Toten. Ich hatte eingangs vom Totensonntag und dem davor liegendem Volkstrauertag geschrieben. Auch hier tun wir uns naturwüchsig nicht so leicht, auch diese Toten, die Soldaten der Weltkriege, die in aller Regel auch Täter waren und getötet haben, in unserer ehrendes Angedenken mit einzubeziehen.

Ich fand dazu auf der Webseite des MDR ein Zitat aus einer Rede des SPD-Politikers und damaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe[1] zum Volkstrauertag 1922:

„Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Toten zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat Liebe not.“

Quelle: https://www.mdr.de/religion/religion/volkstrauertag116.html

Über den Umgang mit den Toten

Wenn man im Rahmen von Aufstellungen Tote aufstellt – eigentlich werden sie nicht „aufgestellt“, sondern meist hingelegt, d.h., sie liegen auf dem Boden – ergibt sich oft die folgende Bewegung:

Zunächst bewegen sich Stellvertreter der Lebenden auf die Toten zu. Manchmal stehen sie dann vor den Toten. Manchmal knien Sie vor Ihnen und halten vielleicht eine Hand. Manchmal legen Sie sich auch eine Zeit lang zu Ihnen.

Und nach einiger Zeit erheben sich die Lebenden wieder, drehen den Toten den Rücken und lassen Sie hinter sich. Und die Gesichter der Lebenden, welche die Toten so hinter sich lassen, wirken geklärt. Und die Toten sind in ihrem Frieden.

Noch etwas anderes kann man in den Aufstellungen beobachten: Die Toten, insbesondere auch wenn Sie Täter waren, fühlen sich den anderen Toten und besonders innig ihren toten Opfern zugehörig und mit ihnen auf eine besondere Art verbunden. So entsteht Frieden im Bereich der Toten. Wenn wir sagten: Die Toten wirken auf das Leben der Lebenden hinein so können Sie auch auf diese Weise in das Leben der Lebenden hinein wirken: Sie stiften inneren Frieden.
Wenn die toten Täter bei ihren toten Opfern liegen und wenn von den Nachgeborenen beide gleichermaßen in den Blick und in das Herz genommen werden – mit ihren Taten, ihren Verstrickungen und ihren Schicksalen – und wenn beiden in dieser Weise gedacht wird, dann entsteht Frieden. Bei den Toten und bei den Lebenden.

Totengebet für Hitler

Ich las kürzlich etwas – die genaue Quelle habe ich leider nicht mehr präsent – über ein Seminar, dass ein chassidischer Rabbi gehalten hat. Und da hat er an einem Abend abschließend gemeint, das jüdische Volk würde erst dann seinen Frieden mit sich selbst und mit den arabischen Nachbarn finden, wenn auch der letzte Jude das Totengebet für Adolf Hitler gesprochen hat. Es wird geschildert, dass die Teilnehmer, überwiegend Juden, an diesem Abend das Seminar einigermaßen sprachlos verließen.
Am nächsten Morgen geschah etwas Besonderes: Ein Psychoanalytiker aus New York, dessen ganze Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde, betrat den Raum. Und es veränderte sich sofort die Atmosphäre. Sein Gesicht war gezeichnet von den inneren Kämpfen einer schlaflosen Nacht, aber alle spürten, dass er in dieser Nacht genau dies getan hatte: Das Totengebet für Adolf Hitler gesprochen. Und sein Gesicht soll, durch all die Erschöpfung hindurch, Frieden und Heil ausgestrahlt haben.

Da liegt eine Größe darin. Und wir betreten damit ein Gebiet jenseits von Gut und Böse.

Kann man eine solche Haltung verlangen? Sicherlich nicht. Kann man sie gewinnen? Ja, aber es ist nicht leicht.

Für uns Deutsche aber scheint mir, es wäre schon etwas gewonnen, wenn es uns gelingt, auf die Toten zu schauen, auf die Täter gleichermaßen wie die Opfer. Und sie zusammen im Reich der Toten liegen zu sehen. In Frieden. Es könnte sein, dass damit mehr bewirkt wird in der Seele als mit allem demonstrativem Aktionismus „gegen Rechts“. Und die tatsächlichen rechtsradikalen Erscheinungen könnten so zumindest gemildert werden.

Auch dies, so scheint mir, bedeutet „bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat Liebe not“ – um es mit Paul Löbe zu sagen.

 

[1] Das Paul-Löbe-Haus in Berlin, ein Funktionsgebäude mit Abgeordnetenbüros und Sitzungssälen des deutschen Bundestages, ist nach ihm benannt, der auch der Alterspräsident des ersten deutschen Bundestages 1949 war.

Die Hinbewegung der Kinder zu den Eltern

Mit der häufigsten Bewegung, die sich in Familienaufstellungen ereignet, ist die Bewegung der Kinder auf die Eltern zu. Oft geschieht diese Bewegung unter erkennbaren Widerständen oder zumindest mit gemischten Gefühlen. Aber wenn diese Bewegung, die Hinbewegung eines Kindes zu den Eltern, gelingt, dann ist dies oft der Wendepunkt in einer Aufstellung. Es ist der Punkt, an dem sich die Lösung ergibt und die ursprüngliche Liebe wieder in Fluss gerät. Mitunter entstehen hier sehr bewegende Momente.

Warum ist diese Bewegung so bedeutsam? Und warum nicht andersherum? Warum ist es nicht eine Bewegung der Eltern zu den Kindern? Die letzte Frage stellt sich oft. Gerade, wenn es gute Gründe gibt, warum die Bewegung des Kindes zu den Eltern schwer ist. Wenn es Missbrauch oder Vernachlässigung gegeben hat oder wenn Elternteile – was recht häufig ist – schwer erreichbar erscheinen oder eine emotionale Kälte ausstrahlen. Man könnte dann denken: Ist es nicht an den Eltern, eine Befriedung des Verhältnisses einzuleiten? Schließlich sind sie es doch, die scheinbar dem Kind gegenüber „in der Schuld“ stehen. In dem sie dem Kind nicht das gaben oder geben konnten, was jedes Kind braucht: Geborgenheit und bedingungslose Liebe. Müsste dann nicht der Impuls zu einer „Bereinigung“ des Verhältnisses dann von den Eltern ausgehen?

Und doch ist es so, dass in Aufstellungen deutlich spürbar ist: Der Weg zur Lösung geht nur anders herum. Das Kind muss zu den Eltern gehen. Oft sagen dies auch die Stellvertreter von Müttern oder Vätern so: „Ich möchte gerne zu ihr/ihm gehen. Aber es geht nicht.“ Und sie stehen dann in der Aufstellung an ihrem Platz als Eltern und das Kind steht etwas entfernt- und alles in der Körpersprache des Elternteils sagt: „Komm!“. Und das ist für die Kinder oft ein schwerer Weg.

Das Ursprüngliche in der Hinbewegung

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sucht es als allererstes die Mutter, die Mutterbrust. Dies ist ein Reflex – und eben die erste und vielleicht bedeutsamste Hinbewegung in der neuen Welt. Obwohl der Säugling sich noch nicht alleine bewegen kann und der Unterstützung in dieser Bewegung bedarf, trägt diese Suche nach der Mutterbrust doch schon alle Anzeichen eines aktiven Impulses. Und wenn das „Andocken“ gelingt, ist dies der erste Erfolg in diesem noch ganz jungen Leben. Man darf annehmen, dass in diesen Momenten wesentliche Grundlagen und Verknüpfungen im Nervensystem geprägt werden, die im späteren Leben das Thema „Erfolg“ wesentlich mit beeinflussen.

Wir haben also hier ganz am Beginn eine Suchbewegung und eine Hinbewegung. Und auch später ereignet sich diese Hinbewegung des Kindes zu einem Elternteil mannigfach. Man denke nur an die Szenen, wenn ein Kind, dass gerade laufen lernt, sich aufrichtet und unsicher, staksig aber voller Freude einige aufrechte Schritte auf Mutter oder Vater zu macht, um sich dann in die geöffneten Arme fallen zu lassen.

Die Störung der ursprünglichen Hinbewegung

Es gibt viele Anlässe, warum die ursprüngliche Hinbewegung gestört oder unterbrochen sein kann. Das kann ein früher Krankenhausaufenthalt sein, dass kann sich daraus ergeben, dass Eltern physisch oder psychisch „nicht verfügbar“ waren. Wie immer die Umstände im Einzelnen gewesen sein mögen, es bleibt, dass das Kind nicht zur Mutter oder dem Vater konnte, wonach es sich doch so sehr sehnte. Und dann schlägt diese unerfüllte Sehnsucht oft um in Wut, Trauer, Trotz oder Verzweiflung. Die Sehnsucht aber bleibt. Und das Kind zieht sich zurück von dem, wonach es sich sehnt.

Familienaufstellungen können dann ein Weg sein, wie die Folgen dieser unterbrochenen Hinbewegung überwunden werden können. Die ursprüngliche Hinbewegung wird wieder aufgenommen und an ihr Ziel gebracht, sozusagen in ihrer symbolischen Form. Das ist eine Form der „Nachreifung“ oder „Nachnährung“, die auch lange Zeit nach der ursprünglich unterbrochenen Hinbewegung möglich ist und als heilend erlebt wird.

Noch einmal: Wer muss zu wem?

Aber noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Warum muss das Kind zu den Eltern gehen und nicht umgekehrt? Wenn ein Kind ein Defizit erfährt in der Geborgenheit und der Annahme seitens der Eltern, müssten dann in einer Familienaufstellung nicht die Eltern auf das Kind zugehen? Und dann vielleicht Sätze sagen wie: „Es tut mir leid. Ich habe dich nicht wirklich gesehen.“? Oft werden solche Sätze tatsächlich gesagt von Stellvertretern für Eltern in einer Aufstellung. Aber erst, wenn das Kind auf die Eltern zugegangen ist und bei Ihnen angekommen ist.

Man könnte meinen, die Eltern sind hier „in der Schuld“ wenn es Defizite gab. Und somit muss auch die Bewegung des nachträglichen Ausgleichs von Ihnen ausgehen. Was dabei übersehen wird: Das Kind verdankt seinen Eltern sein Leben! Wie auch immer die sonstigen Umstände im Aufwachsen gewesen sein mögen: Dies ist die größere „Schuld“. Zu den Eltern zu gehen, auch innerlich, und sie zu nehmen, so wie sie sind und waren, vorbehaltlos mit allem was dazu gehört – das ist gleichzeitig auch der Prozess, dass Leben vollständig zu nehmen, mit allem was dazugehört. Das Kind nimmt das Leben von den Eltern. Und dieses Nehmen setzt die Hinbewegung voraus. Ohne die Hinbewegung kann es kein wirkliches Nehmen geben.

Der Verstand mag oft meinen, das, was die Eltern gegeben haben und geben konnten, war nicht genug. Aber auch dieser Vorbehalt erscheint zweitrangig gegenüber der Tatsache, dass das Leben selber über die Eltern kommt. Hier steht das Kind fundamental „in der Schuld“ gegenüber den Eltern. Und das aktive Nehmen des Lebens – darum geht es bei der Hinbewegung zu den Eltern – kann man dem Kind nicht abnehmen. Auch wenn es schwer ist. Daher muss das Kind im inneren Vollzug zu den Eltern gehen – und nicht umgekehrt[1].

Es ist aber selten, dass das eigene Leben gelingt, wenn das Leben nicht vollständig von den Eltern genommen werden kann. Wie gesagt: Mit allem, was dazu gehört, im Guten und im weniger Guten.

 

[1] Natürlich ist es auch so, dass das Kind sich auch wieder lösen muss von den Eltern. Wenn es etwa (innerlich) sagt: „Ich nehme jetzt das Leben von euch, so wie ich es bekommen habe. Und ich mache etwas Eigenes daraus“.

Über die Empörung und Entrüstung

Vieles in politischen oder gesellschaftlichen Debatten und in ihrer Darstellung in den Medien zielt darauf, dass das Publikum empört oder entrüstet reagiert. Ganz aktuell zum Beispiel anlässlich der Vorstellung der Studie zu sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirchen in den vergangen Jahrzehnten. Aber auch viele Beiträge in den sozialen Medien, etwa zu „#metoo“ oder zur Flüchtlingssituation, leben von dem aufmerksamkeitserheischenden Effekten einer solchen Empörungskultur. Manche, wie der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, sprechen sogar von einer „Empörungsbewirtschaftung“[1] und der Begriff verweist noch stärker auf ein wirtschaftliches Kalkül dahinter.

In diesem Beitrag soll es darum gehen, was Empörung und Entrüstung bewirkt. Was sie nutzt und was sie verhindert.

Empörung der Guten gegen die Bösen

Zunächst einmal dient die Empörung einer moralischen Bewertung. Es empören sich die „Guten“ gegen die „Bösen“. Es ist eine Parteinahme der Unbeteiligten für die Opfer und gegen die Täter, so scheint es. Und der Impuls geht in Richtung Verurteilung und Ausgrenzung der Täter.

Die Frage stellt sich: Nützt diese Empörung den Opfern? Und auch: Trägt sie zum inneren und Äußeren Frieden bei? Kommt durch die Empörung etwas Hilfreiches in den Seelen den Beteiligten zustande? Wird dadurch etwas geheilt?
Diese Art der Fragestellung deutet schon eine gehörige Portion Skepsis an, ob Empörung – so verständlich und nachvollziehbar sie ist und als Durchgangsphase vielleicht sogar notwendig sein mag – wirklich dazu beiträgt, in der Seele in Einklang zu kommen. In Einklang mit dem Geschehen und seine Folgen.

Bert Hellinger und die Empörung über die Verweigerung der Empörung

In einem Seminar zur Supervision für Therapeutinnen und Therapeuten berichtet eine Therapeutin über eine ihrer Klientinnen. Die 37-jährige Frau ist jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Mit Wissen und implizitem Einverständnis der Mutter, die nichts dagegen unternommen hat. Nach dieser Falldarlegung sagt Bert Hellinger, sie, die Therapeutin, könne der Klientin da gar nicht helfen. Und an die Therapeutin gewandt:
“Weißt du auch, warum?“
Therapeutin: „Nein“.
Hellinger: „Weil du entrüstet bist. Spürst du das?“
Teilnehmerin: „Ja.“

Und in einem ähnlich gelagerten Fall sagt Hellinger nach der Fallschilderung zur Gruppe:
“Wer hat einen Platz in meinem Herzen? Und wer hat keinen Platz in ihrem Herzen?“
Therapeutin (seufzt tief): „Wahrscheinlich der Vater“
Hellinger: „Helfen kannst du nur, wenn er einen Platz bekommt in deinem Herzen. Und wer ist ausgeklammert? Wer wird nicht erwähnt?“
Therapeutin: „Die Mutter.“
Hellinger: „Genau.“

Solche Interventionen in Aufstellungen bzw. noch vor der eigentlichen Aufstellungen haben Bert Hellinger viel Kritik eingetragen. Es könnte so wirken, als ginge es um Entlastung und Entschuldigung der Täter. Insbesondere manche Frauen waren empört: Wie kann man so etwas sagen? Und noch dazu als Mann!

Hier gab es also noch eine Empörung. Diesmal als Empörung über die mangelnde Empörung bezüglich der Täter. Aber die Frage bleibt: Ist mit der Verdammung der Täter ein Frieden in der Seele der Opfer erreichbar? Die Erfahrungen mit Aufstellungen bei solchen Themen legen nahe, dass es nicht so ist.

Natürlich bleibt ein Täter ein Täter. Und er hat die Folgen seines Tuns, auch die Schuld, zu tragen. Und die Opfer müssen angeschaut werden, gerade auch von den Tätern. Und natürlich müssen Opfer, insbesondere Kinder und Jugendliche, auch vor den Tätern geschützt werden. Aber, wenn eine Lösung in der Seele der Opfer erreicht werden sollen, nützen die Instrumente der moralischen Verdammung alleine herzlich wenig. Man ist dann zwar auf der moralisch „richtigen“ Seite – aber nicht im Einklang mit dem tatsächlichen Geschehen und den seelischen Wirkungen.

Die Leistung von Therapeuten und Aufstellungsleitern

Im Nachhinein, nach geschehener Tat (sei es nun Missbrauch oder auch Mord oder andere Tötungsdelikte in einer Familie) erweist sich die Empörung und die Ausgrenzung der Täter als nicht wirklich nützlich für die Heilung der seelischen Wunden, die durch die Tat entstanden sind und fortwirken.

Therapeuten und Aufstellungsleitern wird hier etwas anderes abverlangt. Nämlich: Auf das System insgesamt zu schauen, mit Allen und Allem, was dazu gehört. Und die Täter, ihre Taten und ihre Schuld, auch ihre Verstrickungen, gehören eben dazu. Und dem muss man – zunächst einmal – innerlich zustimmen. Zustimmen in dem, wie es war. Nicht als Zustimmung zur Tat, sondern als Zustimmung zu den seelischen Kräften, die in der Tat und den Folgen wirken.
Und dieses auch den Tätern „einen Platz im eigenen Herzen“ zu geben, wie Hellinger es formuliert hat, gehört oft zu dem Schwersten, was hier von Therapeuten oder Aufstellungsleitern zu leisten ist.

Die bloße moralische Empörung erweist sich hier als zu klein und wird der Wucht des Geschehens nicht gerecht.

Eine Anregung zur Selbsterfahrung

Wenn du, liebe Leserin und lieber Leser, dir ein Geschehen vergegenwärtigst, welches dich in die Empörung führt oder führen könnte: Überprüfe einmal, die beiden nachfolgenden inneren Bewegungen:

1. Du schaust auf die Täter mit dem Blick der moralischen Verurteilung, vielleicht auch mit der Überlegung, welche Strafe hier angemessen wäre

2. Du schaust mit weichem Blick auf das gesamte Geschehen, die Taten der Täter mit ihrer Schuld und Verstrickung, das Schicksal der Opfer mit seinem ganzen Gewicht – und die größere Seele, die durch alle Beteiligten hindurch wirkt

In der ersten inneren Bewegung:
Wie schaust du auf die Täter? Wie schaust du auf die Opfer? Welche Würde haben Täter und Opfer in deinem Blick? Was empfindest du, den Opfern gegenüber? Bewegt dich ihr Schicksal? Ergreift dich da etwas?

In der zweiten inneren Bewegung:
Wie schaust du auf die Täter? Wie schaust du auf die Opfer? Welche Würde haben Täter und Opfer in deinem Blick? Was empfindest du, den Opfern gegenüber? Bewegt dich ihr Schicksal? Ergreift dich da etwas?

 

[1] https://www.heise.de/tp/features/Luegenpresse-Wieso-Luegenpresse-3278810.html?seite=all

Der Kniefall in Warschau – oder: Vom Umgang mit kollektiver Schuld

Am 7. Dezember 1970 kommt es in Warschau zu einem historischen Vorfall. Einem Vorfall, der ein ikonisches Bild erzeugt.

(Bildquelle: Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau#/media/File:Willy_Brandt_Square_02.jpg  – Urheber: Szczebrzeszynski – Lizenz: Gemeinfrei)

Was ist passiert?

Im Rahmen des Staatsbesuches des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland in Polen sieht das Protokoll eine Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Toten des jüdischen Ghettos in Warschau vor. Eine solche Kranzniederlegung folgt einer bestimmten Choreographie. Obwohl der Staatsbesuch selber alles andere als „gewöhnlich“ war in der historischen Situation des Jahres 1970, ist eine Kranzniederlegung trotzdem etwas, das einer bestimmten Routine folgt. Und so war es auch hier.
Schweigend und gemessenen Schrittes treten der Bundeskanzler und seine Begleiter auf das Mahnmahl zu. Der Kranz wir von zwei Männern aus dem Begleittross zum Mahnmal getragen und dort niedergelegt. Der Bundeskanzler tritt auf das Mahnmal zu, er beugt sich zum Kranz und richtet die Schlaufen mit den Farben der Bundesrepublik Deutschland noch einmal aus. Dann tritt er einige Schritte zurück. Er faltet die Hände, er senkt den Kopf. „In stillem Gedenken“, möchte man sagen.

Und dann geschieht das Unerwartete, das Ungeplante. Statt, wie üblich, stehend zu verharren, sinkt der Bundeskanzler auf die Knie und verbleibt so für etwa eine halbe Minute. Dann steht er auf, dreht sich um – und ist sichtlich ergriffen. Schweigend geht er auf den Begleittross, den Außenminister, seine Berater, die Pressevertreter zu, die ebenso ergriffen und schweigend dastehen. Der damalige Außenminister Walter Scheel, beschreibt die Wirkung auf die Umstehenden später so: „In dem Moment, als wir ausstiegen und vor das Mahnmal traten, war die Stimmungslage sehr überwältigend. Plötzlich sank Willy Brandt auf die Knie und jeder Mensch, der anwesend war, hätte es ihm gleichtun wollen …“ (zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau  Hervorhebung von mir)

Noch einmal: Was ist hier passiert?

Der enge Vertraute von Willy Brandt, Egon Bahr, schildert es in einem späteren Interview so:

Er selber hat die Szene gar nicht mitbekommen, er stand hinter einer Gruupe von Journalisten und hat das Bild erst später in Zeitungen gesehen. Aber er spürt: Etwas ist passiert! „Plötzlich wurde es ganz still“ sagt Bahr. Er fragt: „Was ist denn los?“ und jemand dreht sich um und sagt: „Er kniet“.
Am selben Abend kommt es zu einem Gespräch zwischen Brand und Bahr. Bahr ist „befangen“. Er braucht einen Whiskey, um sich Mut anzutrinken, ehe er den Vorfall ansprechen kann. Brandt sagt ihm: „Ich hatte plötzlich das Gefühl: Kranz niederlegen reicht nicht“.

Das ist passiert:

Brandt wird erfasst von einer inneren Regung. Die kommt plötzlich, unerwartet über ihn. Und in der Regung ist eine Botschaft. Die Routine des Protokolls ist nicht genug. Sie ist dem Geschehen nicht angemessen. Und er überlässt sich dieser inneren Bewegung, die in einem Kniefall ihren Ausdruck findet.

Passiert ist eine Bewegung der Seele. Er, Brandt, wird von etwas erfasst. Und er vertraut sich dieser Bewegung an, nicht wissend, wohin sie führen wird. Und diese Bewegung der Seele erfasst auch alle Umstehenden sowie letztlich, über massenmediale Vermittlung, große Teile der Öffentlichkeit in vielen Ländern.

Knapp 20 Jahre später sagt er in einem Interview: „Ich konnte dann letztlich nichts anderes tun, als ein Zeichen zu setzen: ‚Ich bitte … für mein Volk um Verzeihung. Bete auch darum, dass man uns verzeihen möge.’ “

https://www.youtube.com/watch?v=hguYEbpwVZU

Diese Bewegung der Seele erfasst jemanden, der nicht Täter war. Auch nicht Mit-Täter oder Mitläufer. Den keine persönliche Schuld trifft. Der aber über sein Amt und in Vertretung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bürger in einer Tradition, in einer historischen Linie, in einer Nachfolge steht. Und diese Linie beinhaltet Schuld von Deutschen unter anderem gegenüber Juden und Polen. Dies ist eine Schuld, die ein Kollektiv betrifft, unabhängig von persönlicher Schuld oder Verstrickung des Einzelnen. Und dieser Schuld setzt sich Willy Brandt in diesem Moment ganz aus. Mit aller Wucht der Schicksale von Gewalt und gewaltsamen Tod, die das beinhaltet. Diese Wucht lässt ihn in die Knie gehen und damit ehrt er die von diesen Schicksalen Betroffenen mehr, als eine protokollarisch routinierte Kranzniederlegung es getan hätte.

Neben vielem anderen ist das eine demütige Haltung. Sie erkennt – und anerkennt – das Größere, das in diesen Schicksalen liegt. Und er tut dies schweigend. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ (Willy Brandt, zitiert nach Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau  Hervorhebung von mir)

In diesen seelischen Bewegungen versagt die Sprache in der Tat in aller Regel. Wir betreten hier außersprachliches Gebiet. Mit der Sprache versagt aber hier auch alle Anklage (oder Selbstanklage) und alles Aufrechnen von Schuld auf den verschiedenen Seiten. Dies alles ist der wahren Größe und Wucht des Geschehens nicht angemessen. Sprache wäre hier nur ein Versuch, das Größere wieder „in den Griff bekommen“ zu wollen. Es lässt sich aber so nicht kontrollieren.

Der Friede der Toten – und der Friede in unseren Seelen

In Familienaufstellungen erleben wir diese seelische Bewegung auch häufig. Insbesondere, wenn es um gewaltsame Tode geht. Die Toten kommen dann zur Ruhe in den Seelen der Überlebenden und der Nachgeborenen, wenn sie gesehen werden. Und gesehen werden heißt hier: Wenn sie angemessen betrauert werden. Wenn ihr Schicksal geachtet wird.

Dann kommen die Toten zur Ruhe, dann entsteht Frieden. Aber nur, wenn die Überlebenden und die Nachgeborenen so, mit dieser inneren Haltung, auf die Toten schauen, sie betrauern und ihr Schicksal würdigen. Das bedeutet aber auch: Die Überlebenden und Nachgeborenen müssen sich „anfassen“ lassen, erfassen lassen durch das, was durch den Tod hindurch in der Seele wirkt.

Und noch etwas anderes zeigt sich immer wieder bei Familienaufstellungen: Es dient auch der Ruhe der Toten und dem Frieden, wenn die toten Täter sich zu den toten Opfern legen. Und wenn die Überlebenden und die Nachgeborenen auf die Toten schauen: Sowohl auf die toten Opfer wie auch die toten Täter.
Das ist schwer zu verstehen. Aber so zeigt es sich in den Aufstellungen immer wieder. Es ist so, als ob die Gemeinsamkeit des Todes hier etwas ausgleichen, etwas versöhnen würde. (Und wenn wir über die Ruhe und den Frieden der Toten reden, meinen wir natürlich auch immer die Ruhe und den Frieden der Toten in unserer Seele.)

Gestört wird diese seelische Bewegung, welche dem Frieden dient, durch Anklagen oder durch Einforderung einer persönlichen Schuld, wo es um die kollektive Schuld geht.

Heißt das etwa, dass persönliche Schuld keine Rolle spielt? Oder das man auf die Strafverfolgung bei persönlicher Schuld verzichten sollte?
Das heißt es nicht. Die Strafverfolgung und auch die juristische Verurteilung von konkreter individueller Schuld sind notwendig und dienen auch dem Frieden und dem Ausgleich[1].

Es dient aber nicht dem Frieden und der Versöhnung, wenn diese beiden Ebenen verwechselt werden. Wenn also ein Nachgeborener eines Opfers von einem Nachgeborenen eines Täters etwas einfordert, als handele es sich um eine persönliche Schuld des einen Nachgeborenen gegenüber dem anderen Nachgeborenen.

Diese Forderung, der Nachgeborene möge eine persönliche Schuld bekennen und anerkennen und büßen, dient nicht dem Frieden – und sie dient auch nicht den Toten. Der so fordernde Nachgeborene, der das Schicksal der Vorfahren rächen möchte an den Nachfahren der Täter, achtet das Schicksal der Opfer nicht. Er stellt sich über die eigenen Vorfahren. Es ist eine anmaßende Haltung, weil sie die Opfer nachträglich klein macht. Die Haltung sagt: „Ihr wahrt damals nicht fähig – aber ich bin es jetzt.“ Damit macht er sich zu groß und die Opfer zu klein. Aus dieser Haltung erwächst nichts Gutes.

Vor allem: Es macht eine seelische Bewegung, wie sie an jenem nebligen und nasskalten Dezembertag 1970 in Warschau stattgefunden hat, unmöglich. Ein abverlangtes persönliches Schuldanerkenntnis, ein Verlangen nach persönlicher Buße oder einer Büßergeste, wo es keine persönliche Schuld gibt, sondern ein „in der Tradition kollektiver Schuld Stehen“, macht die Seele stumm. Da ist ein erfasst werden von der Größe und der Wucht von Schicksalen nicht mehr möglich. Es geht in einem solchen Kontext schlicht nicht. Und so werden die Toten wieder nicht gewürdigt in ihrem Schicksal: Weder von den nachgeborenen „Anklägern“ noch von den nachgeborenen „Angeklagten“.

Die Geschichte der Menschheit ist voller kollektiver Schuld, die über die Nachgeborenen seelisch nachwirkt, sowohl auf der Opfer- wie auf der Täterseite. Europäer stehen einer historischen Linie der gewaltsamen Eroberung und Unterwerfung ganzer Kontinente. Weiße US-Amerikaner stehen in der Nachfolge der Verschleppung und Versklavung von Afrikanern. Heute lebende Türken stehen in der Nachfolge des Völkermords an Armeniern in den Jahren 1915/16. Um nur einige Beispiele zu nennen. Es geht aber nicht nur um Nationen oder Völker. So steht z.B. die katholische Kirche in diesem Sinne „im Erbe“ der Hexenverbrennung und Ketzerverfolgung. Und auch im Verhältnis von Männern und Frauen gibt es solche Momente.

Der Friede unter den Nachgeborenen, sowohl im Äußeren wie im Inneren der Seele, bedarf einer seelischen Bewegung, wie sie sich in Warschau am 7. Dezember 1970 gezeigt hat.
Eine tagespolitisch motivierte Agitation und Propaganda der Schuldzuweisung dient dem Frieden und dem Seelenfrieden in aller Regel nicht. Weder bei den Opfern noch bei den Nachgeborenen. Sie ist zu „billig“ – und wird dem Leiden und den Schicksalen nicht gerecht.

[1] Für die Täter ist das Erkennen und Anerkennen der eigenen persönlichen Schuld auch der Weg, wieder in ihre Würde zu kommen.

Über das größere spezifische Gewicht von Müttern

Jedes Kind, das auf die Welt kommt, wird in diese Welt gebracht durch einen Vater und eine Mutter. Aber es ist offensichtlich, dass die Anteile von Vater und Mutter an diesem „in die Welt bringen“ nicht gleich sind.

Während der Schwangerschaft wächst das Kind im Körper der Mutter heran. Das ist eine ganz einzigartige körperliche Symbiose. Und jeder noch so subtiler körperlicher Prozess wird vom heranwachsenden Embryo unmittelbar geteilt. Kind und Mutter sind in Vielem weitgehend ein Organismus. Und in dieser Phase werden Grundlagen des Nervensystems und der gesamten Erlebens- und Empfindungsfähigkeit ausgebildet, in dieser Einheit mit der Mutter.
Und auch nach der Geburt bleibt zunächst die Bindung des Neugeborenen an die Mutter eine andere, eine intensivere. Am augenfälligsten wird dies im Prozess des Stillens. Das Stillen ist mehr als nur reine Ernährung des Babys. Es ist auch Ernährung, aber darüber hinaus steht es auch für Bindung, Sicherheit und Geborgenheit. Auch hier „dockt“ der Körper noch einmal an den Körper der Mutter an, hört den vertrauten Herzschlag und erfährt Wärme und Zuwendung in einer sehr direkten und körperlichen Art.

Aber auch im späteren Entwicklungsprozess des Kindes steht in den meisten Fällen die Mutter stärker im Mittelpunkt für das Kind als der Vater.

Dies gibt den Müttern in einer Familie ein besonderes, ein stärkeres Gewicht. Dieses stärkere Gewicht entspringt der anderen Beziehung, die Mütter im Vergleich zu Vätern durch Schwangerschaft, Geburt und Stillen zu den Kindern haben. Und es führt in den meisten Fällen dazu, dass Mütter bezüglich des Innenlebens in der Familie eher „das Sagen“ haben als Väter. Die Mutter steht stärker im Zentrum der Familie und sie bestimmt stärker das Wesentliche im Familienleben. So wird es zumindest in den meisten Familien gelebt. Man könnte also von einem Matriarchat sprechen, dass wir bezüglich des Innenlebens der Familie vorfinden.

Und wenn Eltern sich trennen, sind wir (sozusagen instinktiv) geneigt, die Kinder stärker als der Mutter zugehörig zu empfinden und im Streitfall auch den Müttern zuzusprechen. Ein Empfinden, dass auch in der Praxis der Familengerichtsentscheidungen ihren Niederschlag findet.

Wie gesagt: Dies ist der Regelfall, der gilt, wenn nicht besondere Umstände dagegen sprechen.

Dies bedeutet nun nicht, dass Väter völlig unwichtig sind für die Entwicklung und das Gedeihen der Kinder[1]. Aber es bedeutet: Die Rolle der Väter ist – im Wortsinne – nicht so zentral, nicht so im Mittelpunkt wie die der Mütter. Der Vater steht sozusagen etwas mehr „am Rande“. Er ist etwas mehr ein Unterstützer der Mutter in ihrer Rolle und in ihrem Gewicht im Familiensystem.
Aus dieser beobachtbaren Tatsache rührt der Satz von Bert Hellinger her: „Das Männliche dient dem Weiblichen“.

Korrespondierend damit erleben wir häufig, dass speziell Mütter als Person zentrierter sind, als dies Männer bzw. Väter sind. Eine Frau, die Mutter ist, bedarf weniger der Rückversicherung als Frau. Der Mann bedarf – unabhängig von der Vaterschaft – dieser Rückversicherung seiner Identität als Mann stärker. Und er sucht sie meist in der Gemeinschaft mit anderen Männern.

Noch einmal: Die nicht so zentrale Position der Väter in der Familie bedeutet nicht, dass der Vater unwichtig wäre. Söhne benötigen den Vater als Rollenmodell dafür, was es bedeutet, ein Mann zu sein.
Das ist völlig unbeschadet davon, wie „erfolgreich“ – was immer das auch heißen mag – der Vater in seinem „Mann sein“ ist. Auch ein Vater, der in seinem „Mann sein“ scheitert, zeigt dem Sohn etwas auf einer seelischen Ebene über die besonderen Herausforderungen des „Mann seins“ – wenn er anwesend ist.

Auch Töchter benötigen den Vater, wenn auch anders. Sie benötigen den „väterlichen Blick“, den Blick des andersgeschlechtlichen Elternteils, sozusagen als Spiegel. In dem sie sich als Mädchen und als (spätere) Frau erkennen können – und der bei Abwesenheit der Väter in der Seele schmerzlich vermisst wird[2].

Studien zeigen, dass Kinder, die vaterlos aufwachsen z.B. ein höheres Risiko haben, Schulversager zu werden, eine stärkere Gefährdung zu Drogensucht, Delinquenz, psychischen Störungen oder auch Suizid aufweisen. Aber das sind natürlich nur statistische Tendenzen für ein Kollektiv, die im Einzelfall nicht zutreffen müssen.

All dies ändert aber nichts daran, dass die Mütter ein sozusagen „natürliches“ stärkeres Gewicht im Familiensystem haben, besonders den Kindern gegenüber. Das hat natürlich auch so seine Schattenseiten. Viele an sich unnötigen Einschränkungen und Beschränkungen, die sich Erwachsene in ihrem Lebensvollzug auferlegen, haben etwas mit „inneren Stimmen“ zu tun, die sagen: „Das darfst du nicht“ oder „das tut man nicht“ in den unterschiedlichsten Variationen. Und wenn man dann einmal fragt: Wer spricht da? Dann ist es fast immer die Mutter. Seltener der Vater.

Und mitunter ziehen Frauen aus diesem empfundenen Übergewicht auch den Schluss, dass der Vater eigentlich entbehrlich, ja sogar störend ist. Manchmal verachten sie die Väter. Oder sie verachten das Männliche generell. Und haben dann eine Tendenz, die Väter aus der Familie zu drängen, zu „entsorgen“. Und komplementär dazu: Ein Vater, der in der Familie nicht in seiner Rolle als Vater geachtet und gewürdigt wird, den zieht es oft innerlich und seelisch aus der Familie heraus.

Was wäre hier die Lösung?

Zunächst einmal, dass sich die Mütter ihres besonderen Gewichts in der Familie bewusst sind und es annehmen. Ohne dabei in die Verachtung gegenüber den Vätern zu gehen. Die Mutter spürt in diesem Fall ihre besondere Bedeutung insbesondere in Bezug auf die Kinder. Aber sie muss sich dann nicht „besser“ fühlen gegenüber dem Vater und Mann[3]. Es reicht, wenn sie beim Wissen um ihre besondere Bedeutung (durch Schwangerschaft und Geburt) bleibt und diese besondere Bedeutung ausfüllt. Der Mann hat diese besonderen und tiefgehenden Erfahrungen nicht. In diesem Sinn sind Mütter und Väter nicht nur nicht gleich, sondern auch nicht gleichgewichtig. Das muss anerkannt werden.

In Familienaufstellungen erlebt man häufig, dass der Satz von einer Mutter zum Vater der gemeinsamen Kinder gesagt: „Ich achte dich als Vater unserer Kinder“ oder noch stärker „Dir verdanke ich das Wichtigste in meinem Leben – unserer gemeinsamen Kinder“ eine enorm erleichternde auf das gesamte Familiensystem hat. Wenn er beim Sprechen wirklich innerlich vollzogen wird.
Dasselbe gilt natürlich auch für Väter, die den Müttern sagen: „In dir achte und ehre ich auch die Mutter unserer gemeinsamen Kinder“.

Für diese Wirkung dieser Sätze ist es völlig unerheblich, ob die Eltern zusammen leben oder bereits getrennt sind.

[1] Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hat in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Buch darüber geschrieben mit dem Titel „Die vaterlose Gesellschaft“. Und das war vor dem Hintergrund der vielen Väter, die entweder nicht aus dem Krieg zurückkehrten oder – wenn sie zurückkehrten – seelisch nicht mehr anwesend waren.

[2] Es gibt Hinweise darauf, dass Mädchen, welche dieses väterlichen Blicks entbehren mussten aufgrund der Abwesenheit der Väter, sich mitunter später deutlich narzisstisch entwickeln. Sie sind obsessiv mit dem Spiegel und der Selbstbespiegelung beschäftigt. Sie suchen dort den väterlichen Blick – und können ihn dort nicht finden.
Und wenn sie später als erwachsene Frauen Beziehungen zu Männern eingehen, suchen sie auch hier den „väterlichen Blick“. Auch dies ist zum Scheitern verurteilt, diese Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt – wiewohl sie lange anhalten können.

[3] Man könnte auch sagen: Wenn eine Frau sich „besser“ und überlegen fühlt dem Mann gegenüber, ist dies eine verzerrte Form des Wissens um diese besondere Bedeutung.

Stellvertretung in einer Aufstellung und Rollenspiel

In einer Familienaufstellung nutz man Stellvertreter, die für bestimmte Personen in einem Familiensystem stehen, um eine seelische Dynamik in diesem System aufscheinen zu lassen. Die Stellvertreter stehen dabei z.B. für die Mutter oder den Bruder oder den Großvater und dergleichen der Person, um die es geht, die also ein Anliegen an die Aufstellung hat. Auch die Person mit dem Anliegen wird in der Aufstellung zunächst durch eine andere Person vertreten. Durch die Aufstellung entsteht eine Resonanz mit dem „wissenden Feld“[1] und nach einer kurzen Zeit fangen die Stellvertreter an, gewissen Empfindungen, Impulse oder körperliche Eindrücke zu haben. Diese Empfindungen bringen etwas ans Licht, was als seelische Bewegung zu der Person gehören, für welche die Stellvertreterin oder der Stellvertreter steht. Aus Sicht der Stellvertreter sind dies erst einmal fremde Eindrücke. Sie gehören nicht zu mir selber, sondern ich stelle mich sozusagen als Kanal zur Verfügung, um etwas, was zu der Person, für die ich stehe gehört, auszudrücken.

Und doch ist dies im Kern kein „Rollenspiel“. Rollenspiele werden im psychosozialen oder psychotherapeutischen Bereich mitunter verwendet, um einen Perspektivenwechsel erfahrbar zu machen oder um typische Muster einer sozialen Situation herauszuarbeiten. Und beim Rollenspiel gehe ich dann richtig in die Rolle hinein und „agiere sie aus“ – mitunter durchaus „dramatisch“. Das ist ähnlich wie in der Schauspielerei, wo ein guter Schauspieler während der Performance wirklich buchstäblich zu seiner Rolle wird.

Die Stellvertretung in einer Familienaufstellung hat hier einen ganz anderen Charakter. Es geht hier überhaupt nicht um das „ausagieren“. Es geht nur darum, in sich hineinzuhorchen: Was meldet sich da? Spüre ich irgendetwas? Und wenn ja: Was? Und dies dann auszusprechen. Aber auch das Aussprechen erfolgt im Normalfall betont nüchtern. Es sind einfache Aussagesätze wie „ich merke eine Enge im Brustraum“ oder „mir werden die Knie weich“ oder „ich kann hier niemanden wirklich anschauen“. Reine Feststellungen, mehr erst einmal nicht. (Als dramatische Inszenierung wäre das ziemlich langweilig).
Es geht hier um die leisen Empfindungen und inneren Stimmen, die man am besten wahrnehmen kann, wenn man gesammelt und gefasst ist. Es geht genau nicht darum, etwas dramatisch auszuagieren, das würde den Prozess stören und die feinen und leisen Wahrnehmung, die aus dem „wissenden Feld“ kommen, übertönen.

Am besten und am einfachsten gelingt dies, wenn die Stellvertreter über die Personen, für welche sie stehen, wenig wissen. Außer den wesentlichen Fakten wie z.B. ich steh für die Großtante der Person mit dem Anliegen, die ihr Leben in der Psychiatrie verbracht hat. Oder: Ich steh für den Onkel, der im Krieg umgekommen ist. Je weniger ich als Stellvertreter über die Person weiß, für die ich stehe, also über ihren Charakter, ihr Temperament, ihre Motive und persönlichen Eigenheiten, desto besser.

Damit fehlen dann alle Informationen, die man bräuchte, um die Stellvertretung wirklich als Verkörperung einer Rolle anzulegen. Je weniger ich über vertretene Person als Persönlichkeit weiß, desto weniger Phantasien kann ich mir darüber machen, wie sie wohl gewesen sein muss und wie ich mich dementsprechend verhalten „sollte“. Und je mehr uns als Stellvertreter dieser Bezug fehlt, desto leichter kann die leise Stimme des wissenden Feldes überhaupt durchdringen.

Es geht also für die Stellvertreter darum, festzustellen „was ist“ – aber eben gerade nicht darum, es dramatisch auszuagieren.

Manchmal passiert es in einer Aufstellung, dass Stellvertreter in einen Disput oder eine Diskussion geraten. Da sagt dann vielleicht ein (stellvertretenes) Kind zu einer (stellvertretenen) Mutter den Satz: „Du hast mich nie gesehen – und das war schwer für mich“. Und wenn die Mutter darauf spontan reagiert und empört sagt: „Das finde ich jetzt aber ungerecht von dir, nach allem, was ich für dich getan habe, wie kannst du nur so etwas sagen …“, dann beginnt hier Rollenspiel. Die Stellvertreterin der Mutter ist in ihrer Rolle. Und in dieser ist sie gekränkt und spürt einen Vorwurf, gegen den sie sich verteidigen zu müssen glaubt. Und dann wäre man im Rollenspiel, aber nicht mehr in einer Aufstellung.
Als Leitung einer Aufstellung muss man so etwas, möglichst sanft, unterbinden. Und vom Rollenspiel wieder zur Stellvertretung zurückzuführen. Stellvertretung hieße in dem Beispiel, eben nicht auf den Satz zu erwidern. Sondern in erst einmal nur zu hören und zu spüren. In sich hinein zu horchen: Wie geht es mir jetzt, wenn ich in dieser Position als Mutter der Stellvertreterin meines Kindes gegenüberstehe und diesen Satz höre? Und dann kommt vielleicht etwas ganz anderes, etwa dass sie als Stellvertreterin – auch hier wieder relativ nüchtern – sagt: „In mir ist alles ganz kalt und wie tot.“

Nun wurde schon zweimal erwähnt, dass die ausgesprochenen Sätze möglichst einfache Tatsachenfeststellungen sein sollten, nüchtern und ohne Emphase. Es geht eben nicht darum, eine Rolle zu „kolorieren“ und möglichst bewegend zu gestalten. (Das wäre wieder Rollenspiel).
Heißt das nun, dass sich in einer Aufstellung nicht trotzdem Dramatisches und durchaus Ergreifendes abspielen kann? Natürlich nicht. Oft wird es durchaus „dramatisch“, auch wenn das nicht immer der Fall sein muss. Aber wenn es passiert, hat die Dramatik einen anderen Charakter. Die Stellvertreter werden von etwas ergriffen, dass sie nicht geplant, nicht als Rolle angelegt haben. Wenn ein Stellvertreter etwas anfängt, hemmungslos zu weinen oder buchstäblich zusammen zu brechen und dies wirklich als Stellvertretung und nicht als gespielte Rolle erfolgt, dann wird die Stellvertretung von etwas ergriffen, was größer ist. Und was einen sozusagen ungeplant und hinterrücks überfällt. Es handelt sich dann immer um Primärgefühle[2]. Und die können durchaus „wuchtig“ sein, aber sie sind immer im Dienste der Lösung.

Zusammenfassend gesagt: In der Stellvertretung geht es nicht darum, eine bestimmte Persönlichkeit möglichst lebendig werden zu lassen. Die Stellvertretung ist eher wir ein Messinstrument, ein Seismograph, welcher die tektonischen Bewegungen und Spannungen im inneren einer Seele anzeigt. Und das Messinstrument selber soll keine Emotionen auf sich ziehen, es soll anzeigen. Das Angezeigte dagegen kann durchaus heftige Emotionen beinhalten.

[1] Mehr dazu hier:

[2] Mehr dazu hier: Über Gefühle, ihre Qualitäten und ihre Rolle in der Aufstellungsarbeit

 

Familienaufstellungen und „Psycho-Techniken“

Es gibt seit einiger Zeit einen vielfältigen Markt an „Psycho-Techniken“ zur Überwindung von belastenden Gefühlen wie auch zur Veränderung von einschränkenden Gewohnheiten oder Überzeugungen (Glaubenssystemen). Diese Techniken und Methoden haben sich teilweise aus dem psychotherapeutischen Bereich und teilweise etwas abseits davon entwickelt. Angeboten werden diese Techniken als (psychologische) Beratung, Coaching oder allgemein Lebenshilfe. Die Grenzen zur Psychotherapie im engeren Sinne sind oft fließend.

Als Beispiel ließe sich hier das „Neurolinguistische Programmieren“ (NLP) nennen. Oder auch die sog. Klopfakkupressur („emotional freedom technique“ – EFT), verschiedenste Meditations- und Entspannungstechniken, „Erfolgstrainings“ und weitere Methoden und Techniken, die man im weitesten Sinn als „Mentaltechniken“ bezeichnen könnte. Allen gemeinsam ist, dass sie auf das Erreichen einer vom Klienten erwünschten positiven psychologischen Zustandsveränderung zielen. Es geht um Zustandsveränderung im individuellen Bereich.

Viele dieser Methoden zeichnen sich dadurch aus, dass sie solche Zustandsveränderungen hochwirksam in relativ kurzer Zeit versprechen und – wenn sachgerecht angewandt – oft auch erreichen. Situationsspezifische Ängste werden abgebaut, Motivation und Fokussierung gestärkt, dass Stresslevel gesenkt, einschränkende Glaubenssätze und Überzeugungen werden überwunden, und durch hilfreichere Annahmen über mich und die Welt ersetzt. Das Leben wird erfolgreicher und weniger durch innere und äußere Konflikte geprägt.

Mitunter werde ich gefragt, wie sich im Vergleich zu solchen Methoden Familienaufstellungen verstehen lassen. Oder: Wie sind die Unterschiede in dem, worauf abgezielt wird, zu sehen?

Unterschiede zwischen dem Familienstellen und psychologischen Techniken zur Zustandsveränderung

Es gibt hier verschiedene Aspekte, anhand derer man die Unterschiede akzentuieren kann.

Ein Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken im Kern auf die Ebene des individuellen Erlebens und Verhaltens zielen, es geht also um die einzelne Person, das Individuum. Bei Familienaufstellungen werden dagegen soziale Systeme, die Herkunftsfamilie oder auch die Gegenwartsfamilie, in den Blick genommen. Metaphorisch gesprochen: Der Blick geht z.B. nicht so sehr auf die einzelnen Pflanze, sondern auf die Beschaffenheit des Bodens und der Standortverhältnisse (Licht, Bewässerung usw.), des Lebensraumes und der ökologischen Nische im Zusammenspiel mit anderen Lebewesen, auf deren Grundlage sie wächst, genährt wird und sich entfaltet – oder eben auch verkümmert und welkt.

Ein anderer Aspekt ist, dass Mental- und Psycho-Techniken einen gewissen „handwerklichen“ Aspekt haben. Sie werden seitens des Anwenders gelernt, gekonnt und beherrscht. Und in dem Ausmaß, in dem sie vom Anwender beherrscht werden, erlauben sie auch ein gewisses Ausmaß an Vorhersehbarkeit der erreichbaren Resultate. Beim Familienstellen vertraut sich dagegen die Aufstellungsleiterin / der Aufstellungsleiter zusammen mit den Stellvertretern ganz dem „wissenden Feld“ an. Und es ist nicht vorhersehbar, was sich im Einzelnen dabei zeigt und in welche Richtung die Lösung zeigen wird. (Mehr zum „wissenden Feld“ hier und hier und hier.)

Der wesentliche Unterschied ist aber: Wenn eine Störung oder eine erlebten Einschränkung im Lebensvollzug einen systemischen Hintergrund hat, etwa bei systemischen Verstrickungen aus der Herkunftsfamilie, bei unbewussten Identifikationen mit jemandem aus dem Herkunftssystem, dann werden auch die ansonsten hochwirksamen Psychotechniken, die auf das rein Individuelle zielen, scheitern. Das Scheitern kann verschiedene Formen annahmen.

  • Es kann sein, dass etwas erst einmal wirkt – aber nur kurze Zeit. Danach stellt sich der alte Zustand mehr oder weniger unverändert wieder ein.
  • Es kann sein, dass sich eine Symptomverschiebung einstellt, etwa eine Suchtstruktur die sich von einer Alkoholabhängigkeit zu einer Internetsucht wandelt.
  • Es kann sich ein Ebenenwechsel derselben Thematik einstellen etwa von der körperlichen zur seelischen Ebene oder umgekehrt (eine Neigung zu übertriebener Gereiztheit im Kommunikationsverhalten wird erfolgreich überwunden und in der Folge stellt sich eine Allergie ein) oder von der Ebene des Äußeren zur Ebene des Inneren oder umgekehrt (eine Neigung zu autoaggressiver Selbstsabotage wird überwunden und es stellt sich eine Neigung zu aggressiven Handlung oder aggressivem Kommunikationsstil im Äußeren ein). In diesen Fällen wäre das zugrundeliegende Thema nicht gelöst oder „erlöst“, sondern nur in einen anderen Kontext und eine andere Ausdrucksform verlagert.

Wenn also ein systemischer Hintergrund bei Beschwerden oder Einschränkungen besteht – und dies ist vermutlich häufiger der Fall, als es das nicht ist – erweisen sich auch an sich hochwirksame und schnelle Interventionen auf der psychoregulativen Ebene als beschränkt.

Als bildliche Metapher: Es ist dann manchmal so, wie wenn man bei einem Auto sichtbare Roststellen einfach mit Lackspray übersprüht werden. Man sieht es dann nicht so, es fällt erst einmal nicht mehr auf – aber darunter arbeitet der Rost weiter und irgendwann platzt der Lack auf und die unschönen „Rostausblühungen“ werden umso sichtbarer.

Die Relativierung der Unterschiede

Allerdings ist die Trennung der Methoden – die sich als Arbeit an der Oberflächenstruktur vs. Arbeit an der Tiefenstruktur beschreiben ließe – in der Praxis nicht so deutlich gegeben. Es gibt hier vielfältige Übergänge und Verschleifungen, welche die beschriebenen Gegensätze aufweichen. So gibt es z.B. im Bereich des NLP eine Standardformat, das sog. „Reimprinting“, dass von Anfang an die Tradierung und Prägung von psychischen Themen in der Kindheit im Familiensystem und auch die Heilung im System in den Blick nimmt. In dem zentral nicht gefragt wird „welche Ressourcen hättest du gebraucht in dieser Situation“ sondern: „Welche Ressourcen hätten deine Eltern gebraucht in dieser Situation, um liebevoller und unterstützender sein zu können?“

Oder im Bereich des EFT (der Klopfakkupressur) wird zunehmen bei einem unerwünschten Gefühl nicht nur gefragt, welches Gefühlt dies genau ist, sondern auch: „Wer in deinem Familiensystem hatte das auch?“ Und dann wird stellvertretend für diese Person, unabhängig davon, ob noch lebend oder schon verstorben, „mitgeklopft“.

In dieser Form werden also auch in den psychoregulativ akzentuieren Mentaltechniken die systemischen Untergründe mit adressiert und damit einerseits der Wirkungsbereich ausgeweitet und die Unterschiede zwischen rein auf das Individuum zentrierten Ansätzen und systemischen Ansätzen stark relativiert. Auf diese Weise stehen sich verschiedene Interventionsansätze weniger konkurrierend gegenüber, sondern befruchten sich gegenseitig und ergänzen sich komplementär.

In der Orientierung der Berater, Coaches und Therapeuten bleibt es aber ein wichtiger Unterschied, auf welcher Ebene ich eine Symptomatik begreife und meine Interventionen setzte.

Etwas Ähnliches ergibt sich auch, wenn man etwa an die Grundorientierungen von schamanischen Heilungsansätzen denkt. Wenn ein Klient z.B. unter mangelndem Erfolg und eingeschränktem Lebensvollzug leidet, könnte man in der Nachfolge von schamanischen Heiltraditionen geneigt sein, an einen Verlust von Seelenanteilen zu denken. Und sich nachfolgend mit entsprechenden schamanischen Techniken auf die Suche nach diesen verlorenen Seelenanteilen mit dem Ziel ihrer Rückholung machen.
Und man würde erwarten, dass erst nach einer solchen Rückholung von Seelenanteilen und deren Reintegration dann Techniken und Interventionen wirken können, wie sie von „Erfolgstrainern“ oder „Erfolgscoaches“ angewandt werden. Nach dem Motto: „Nur was wirklich HIER ist, kann geheilt werden.“ (Vielleicht werden die letzteren Methoden dann aber auch gar nicht mehr gebraucht).

Um im den Bild vom Rost am Auto zu bleiben: Manchmal muss man schon eine gewisse Abarbeitungsreihenfolge einhalten, um nachhaltig etwas zu bewirken. Man benötigt erst eine sachgerechte Grundierung, bevor die Arbeit des Lackierens beginnt.