Das Schicksal und Ich

Dieser Blogbeitrag hat ein unmögliches Thema. Es ist eigentlich unmöglich, über das Schicksal zu schreiben. Nicht, weil es sich beim Schicksal um etwas handelt, was größer ist als wir alle. Das ist zwar so, aber das ist nicht der Grund, warum es unmöglich ist, darüber zu schreiben. Die Sexualität z.B., die Kraft die alles menschliche Leben hervorbringt, unter welchen Umständen auch immer – und manche Umstände sind schlimm – die Sexualität ist auch größer als wir alle. Und doch kann man über sie schreiben, reden, philosophieren. Ist es vielleicht deshalb, weil das Schicksal etwas Göttliches oder etwas Heiliges wäre, wo jeder Versuch sich dem schreibend anzunähern, von vornherein Selbstüberhebung wäre? Auch das ist nicht Grund.

Der Grund ist ein anderer. Wenn man über das Schicksal schreiben will, könnte es sein, ehe man sich versieht, hat man vielleicht ganz Bibliotheken vollgeschrieben und Jahrzehnte damit verbracht – und hat doch nicht genug geschrieben. Und paradoxerweise gilt das Gegenteil aber auch. Man schreibt (oder sagt) nur ein oder zwei Sätze über das Schicksal – und selbst das ist schon zu viel und geht am eigentlichen Thema vorbei.

Ich schreibe also hier über das Schicksal und beginne mit der Aussage, dass es gar nicht möglich ist. In diesem Beitrag löse ich den Widerspruch, in dem ich eigentlich gar nicht über das Schicksal „an sich“ schreiben, sondern nur über zwei Aspekte, die vage etwas mit diesem Thema „Schicksal“ zu tun haben.
Bei Familienaufstellungen haben wir es oft mit schweren Schicksalen zu tun, diese mysteriöse Kraft wirkt hier, oft im Verborgenen mit Wirkungen auf die Nachgeborenen. Ich frage mitunter zu einem Anliegen: „Ist etwas Besonderes, etwas von schicksalhafter Qualität, in deiner Herkunftsfamilie vorgefallen? So weit du davon weißt?“. Die folgenden zwei Gedanken, die ich hier teilen möchte, speisen sich aus dem Umgang mit den Wirkungen von Schicksal in Familiensystemen. Ich schreibe hier also nicht über das Schicksal selber – was immer das auch sein mag – sondern über Wirkungen von schicksalhaften Ereignissen.

Die Schicksalsschläge – Das Schicksal als Negativum

Wenn wir an Schicksal denken, dann denken wir meist an die sog. Schicksalsschläge, die schweren Schicksale. Wir denken an bestimmte Behinderungen oder Beeinträchtigungen, mit denen Menschen vielleicht geboren werden oder durch Unfälle erleiden. Wir denken an schwere Erkrankungen, an früh verstorbene Kinder, an Verluste von Besitz und Heimat durch Krieg oder ethnische Konflikte. Wir bezeichnen solche Ereignisse als Schicksal, wenn sie uns ereilen, ohne dass wir sie durch unser Verhalten, durch größer Vorsicht oder Umsicht oder durch geeignete Lebensführung hätten vermeiden können.

Aber es gibt natürlich auch das Gegenteil: Ohne dass wir es unserer Leistung zuschreiben können, werden wir vielleicht von solchen Schicksalsschlägen verschont. Wir werden vielleicht in Zeiten und Umstände hineingeboren, die uns vor existenziellem Mangel bewahren. Wir überstehen gefährliche Situationen unbeschadet durch glückliche Umstände, die leicht hätten anders ausgehen können. Wir treffen vielleicht bei wichtigen Vorhaben durch Zufall genau die richtigen Menschen zur rechten Zeit, die unserem Wollen zum Erfolg verhelfen. Wir nennen das dann vielleicht nicht Schicksal, sondern etwa eine glückliche Fügung oder Glück oder schlicht Gnade. Aber es ist dieselbe Macht, dieselbe überpersönliche Kraft, die hier wirkt.

Das Schicksal als Gestalt

Manchmal ist es hilfreich, sich das Schicksal als Gestalt vorzustellen, wie eine Person, aber eine Person, die sehr viel größer ist als jeder Mensch. In Aufstellungen stelle ich manchmal auch das Schicksal auf, aber dann stelle ich die Person als Stellvertreter auf einen Stuhl, so dass diese Gestalt alle anderen Stellvertreter überragt.

Die Mythen und Legenden der verschiedenen Völker und Kulturen künden von etwas Ähnlichem. Auch hier stellt man sich das Schicksal oft als Götter oder Göttinnen vor, gibt dem Schicksal somit ein Antlitz, ohne ihm damit sein Mysterium zu nehmen. Was ist der Vorteil von einer solchen Vorstellung? Wir können dann das Schicksal im Inneren ansehen und wir können das Schicksal auch innerlich ansprechen. Im Fall von schweren Schicksalen können wir zum Beispiel mit unserer Wut, mit unserer Verzweiflung, mit unserer Hilflosigkeit, mit unseren Klagen uns an das Schicksal wenden. Wir können das Schicksal dann auch beschimpfen, wir können ihm mit der Faust drohen, wir können es anschreien und sagen „das ist nicht gerecht“. All dies können wir tun und all dies kann hilfreich sein in der Verarbeitung von Schicksalsschlägen, die in bestimmten Phasen verläuft.

Nur eines können wir auch dann nicht tun: Das Schicksal wenden!

Letzten Endes, am Ende der Verarbeitung eines Schicksalsschlages, bleibt nur eins zu tun gegenüber dem Schicksal: Sich vor ihm zu verneigen. Dann werde ich innerlich ruhig. Aber das ist der Endpunkt einer Auseinandersetzung mit dem Schicksal, niemals sein Anfang.
Aber auch vor der anderen Seite des Schicksals, den glücklichen Fügungen in unserem Leben, könnten wir uns – gelegentlich – verneigen. Das wäre eine Übung in Dankbarkeit.

Letzen Endes ist dies aber vielleicht der Einzige Satz, den man sinnvoll über das Schicksal schreiben kann: Am Ende bleibt nur, sich zu verneigen.

Keine Regel ohne Ausnahme

In der Aufstellungsarbeit gibt es eine Reihe von Regeln, nach denen sich die seelischen Bewegungen in einen System von Menschen abspielen, sei es in Familiensystemen oder auch anderen Systemen wie z.B. Organisationen. Gefunden wurden diese Regeln von Bert Hellinger in der Frühphase der Entwicklung der Familienaufstellung. Die Regeln betreffen solche Fragen, wie:

  • Wer gehört alles zu einem System und wer nicht? Hier ist die Frage der Bindung des Einzelnen an eine größere soziale Einheit angesprochen.
  • Welche Verbindungen und Verstrickungen gibt es zwischen den Schicksalen von Nachgeborenen und den Schicksalen von Vorfahren in Familiensystemen?
  • Welchen Platz habe ich in einem System? Hier spielt z.B. Umstand eine Rolle, dass Personen die früher sozusagen da waren in einem System einen gewissen Vorrang vor später zum System dazugekommen Personen haben.

Dies sei hier nur beispielhaft genannt, es ließen sich weitere Regeln formulieren, die insbesondere in Familiensystemen gefunden wurde wie etwas die Regeln des Ausgleiches zwischen Geben und Nehmen und einige weitere Dinge mehr.

Wichtig ist dabei: Diese Regeln sind ursprünglich nicht in irgendeiner Weise theoretisch „hergeleitet“ worden, sondern durch Beobachtung in vielen Familienaufstellungen gewonnen worden. Es sind also keine normativen Regeln, die beschreiben würden, wie etwas sein soll. Sondern es sind Beobachtungen gewesen, wie etwas sich wiederholt immer wieder in Aufstellungen gezeigt hat.

Aber – und dies ist ein großes „Aber“: Es bleibt grundsätzlich dabei, dass solche Regeln nur dann eine Aufstellung wirksam leiten können, wenn und so weit sie sich im konkreten Einzelfall dann auch so zeigt. Und dies muss nicht immer so sein. Oder anders gesagt: Zu fast jeder Regel gibt es – zumindest im Einzelfall – Ausnahmen.

Der unbefangene Blick auf das, was ist

Am Besten wäre es natürlich, wenn Aufstellungsleiterinnen und Aufstellungsleiter an jede Aufstellung mit einer Art „Anfängergeist“ heran gehen könnten. Wenn sie also zu Beginn einer Aufstellung sich ausschließlich von den Informationen im „wissenden Feld“ leiten lassen würden und jegliche Erfahrungen aus anderen Aufstellungen in diesem Moment aus dem Gedächtnis tilgen könnten. Das würde also bedeuten, die Leitung einer Aufstellung würde man so angehen, als ob man gar nichts über diese Regeln wüsste und zum allerersten Mal mit einer Aufstellung zu tun hätte.

Dies ist natürlich tatsächlich in Reinform so nicht möglich. Wenn man einige Erfahrung mit der Leitung von Aufstellungen hat, kann man es nicht vermeiden, dass es gewisse Erfahrungswerte aus anderen Aufstellungen gibt, die mit dazu beitragen, mich als Leiter einer Aufstellung auf bestimmte Ideen zu bringen. Zum Beispiel Ideen, wer oder was zu einem bestimmten Thema aufzustellen ist oder auch Ideen bezüglich bestimmter Sätze, die man Stellvertretern vorschlagen kann.

Was man aber machen kann als Aufstellungsleiterin oder –leiter ist: Ich kann darauf achten, dass dies jetzt eine Idee ist, die aus einer vergangenen Erfahrung stammt und nicht unmittelbar aus dem Feld der gegenwärtigen Aufstellung. Und wenn ich dies merke, dann muss ich in der Leitung einer Aufstellung diese Idee für mich als Hypothese auffassen. Und diese Hypothese wäre dann im konkreten Einzelfall, in der gerade vorliegenden Aufstellung, zu prüfen. Man testet also etwa, ob die Hereinnahme z.B. einer bestimmten Person in die Aufstellung etwas bei den Stellvertretern auslöst oder nicht. Wenn es keine Reaktion der Stellvertreter gibt, dann nimmt man diese Person wieder heraus aus dem Feld, dann war es in diesem Fall eben nicht ein entscheidender Impuls in Richtung Lösung, auch wenn es in früheren Aufstellungen so gewesen sein mag.

Ich selber habe zum Beispiel in verschiedenen Aufstellungen erleben können, dass bei Protagonisten mit einem Zwillingsgeschwister der wirkliche Durchbruch für eine Lösung erst dann gelang, wenn der Zwillingbruder oder die Zwillingsschwester auch aufgestellt wurde, auch wenn das vordergründige Problem als Anlass der Aufstellung nur eines der Zwillingskinder betrifft. Hier scheint es eine besondere seelische Verbindung bei Zwillingen zu geben, die stärker ist als bei anderen Geschwistern.

Dies führte dann im Laufe der Zeit dazu, dass ich – wenn im Vorgespräch ein Zwillingsgeschwister erwähnt wurde – sofort dachte: „Dieses Zwillingsgeschwister müssen wir in jedem Fall auch aufstellen.“
Bis ich dann einmal eine Aufstellung hatte mit Mann, der noch eine Zwillingsschwester hatte. Diese Zwillingsschwester wurde dann auch aufgestellt, obwohl sie erst einmal nicht direkt mit dem Anliegen des Mannes zu tun hatte. Und in diesem Fall war es dann so, dass sich in der Aufstellung sehr schnell zeigte, dass die Zwillingsschwester keinen Unterschied machte für das Thema, die Stellvertreter reagierten durchweg nicht auf ihre Anwesenheit in der Aufstellung.

Hier war sie also: Die Ausnahme von der Regel, die bislang immer wirksam war. Ich habe dann die Zwillingsschwester wieder aus der Aufstellung genommen und zur Stellvertreterin gesagt, sie könnte sich wieder setzen. Es hat der Aufstellung nicht geschadet, die Zwillingsschwester zumindest versuchsweise erst einmal mit dazu genommen zu haben.

Allerdings hat es mich noch einmal daran erinnert, jegliche Erfahrungswerte aus anderen Aufstellung allenfalls als Vermutungen zu behandeln, die überprüft werden müssen.

Wenn Aufstellungen scheitern – und manchmal gute Folgen haben

Ich habe kürzlich eine Geschichte gehört von einem Aufstellerkollegen, wie er zur Aufstellungsarbeit gekommen ist. Er war gerade frisch Vater eines Sohnes geworden und stellte fest, dass er Schwierigkeiten hatte, wirklich eine Beziehung zu diesem Baby, seinem Sohn, aufzunehmen. Er konnte sich diese Blockade nicht erklären, sie hat ihn umgetrieben und dann hörte er von der damals noch recht neuen Methode der Familienaufstellung und er meldete sich zu einem Wochenendseminar an.

Als er an der Reihe war mit seiner Aufstellung, ging es sehr schnell um das Verhältnis zu seinem Vater. Der Aufstellungsleiter stellte ihn dann seinem Vater gegenüber und forderte ihn auf, sich vor seinem Vater zu verneigen. Er aber spürte in sich einen Widerwillen dagegen und sagte, es wäre doch mindestens genau so richtig, wenn sein Vater sich vor ihm verneige. Daraufhin brach der Aufstellungsleiter – offenbar recht brüsk – die Aufstellung ab mit den Worten, er solle sich wieder setzten, er hätte seine Chance verspielt.

Diese Intervention war, natürlich, ein Schock. Der Mann, von dem ich spreche, fuhr an diesem Abend nach Hause mit einer ziemlichen Wut auf den Aufstellungsleiter und die Methode und dem Gedanken, dass Familienaufstellungen ein ziemlich nutzloser Unfug sind. Er schlief dann in dieser Nacht unruhig. Am nächsten Morgen schaute er seinen Sohn an nach dem Aufwachen und empfand intensiv die väterlichen Gefühle der Liebe seinem Sohn gegenüber, die er vorher an sich nicht feststellen konnte. Und sein Gedanke dazu in dieser Situation war: „Ich stehe in der Mitte. Meinem Vater gegenüber bin ich der Kleine und meinem Sohn gegenüber bin ich der Große“. Dieser Gedanke überfiel ihn eher, als das er ihn aktiv dachte, er kam wie aus dem Nichts.
Und doch war es diese klare Erkenntnis darüber, wo er steht in der Reihe, von wem er das Leben empfangen hat und an wen er es weitergegeben hat, die es ihm zum ersten mal erlaubte, sich wirklich als Vater zu fühlen, diese Rolle innerlich anzunehmen und auszufüllen.

Wenn man diese Geschichte betrachtet, dann scheint es hier so zu sein, als ob die wesentliche Botschaft, welche in der Aufstellung hätte vermittelt werden sollen, sich trotz des kompletten Scheiterns der Aufstellung irgendwie in der Psyche und Seele lebendig und wirksam wurde. Die Botschaft könnte man vielleicht beschreiben als: „Ich stehe in einer Linie der Weitergabe des Lebens. Über die Dankbarkeit für das Empfangen des eigenen Lebens über meine Eltern, eben auch über den Vater, als großes Geschenk kann ich das große Geschenk sehen, selber das Leben weitergeben zu dürfen und mit um diesen kleinen Menschen als Vater zu kümmern und für sein Wohlergehen zu sorgen.“
In diesem Fall hat, so wirkt es zumindest, die Aufstellung durch ihr Scheitern, den Abbruch der Aufstellung und das Gefühl der Kränkung hindurch etwas in der Seele ausgelöst, was unterschwellig weiter gearbeitet hat in Richtung der Lösung, die in der Aufstellung nicht vollzogen werden konnte. Der Same war gesetzt in der Seele und er ging auf, er wirkte auf einer unterschwelligen Ebene, während die Oberfläche des Bewusstseins mit dem Fehlschlag und dem Ablehnen der Methode beschäftigt war.

Das Beispiel illustriert, dass die seelische Bewegung auch nach einer Aufstellung oft weiter geht. Und diese seelische Bewegung sucht sich eine Lösung, welche die betroffene Person vielleicht erst später als plötzliche Einsicht überfällt.

Ist das immer so, dass auch gescheiterte Aufstellungen eine segensreiche Wirkung entfalten? Wahrscheinlich nicht. Aber manchmal kommt es vor. Es soll an dieser Stelle auch nicht geleugnet werden, dass Leiterinnen oder Leiter von Aufstellungen Fehler machen können, weshalb eine Aufstellung misslingen kann und damit den Personen, welche ihr Anliegen aufstellen, nicht wirklich geholfen wird. Es wäre irrig, diese kleine Episode als Beleg dafür zu nehmen, dass es egal sei, welche Interventionen die Leitung einer Aufstellung setzt und aus welcher inneren Haltung heraus. Die Episode belegt aber, dass die Seele über eine große Autonomie verfügt, wie sie mit Erlebnissen in einer Aufstellung weiter arbeitet. Dies steht nicht in der Verfügungsmacht der Leitung einer Aufstellung oder des Bewusstseins der Person mit dem Anliegen. Und das ist auch gut so, möchte ich anfügen.

In meiner Erfahrung in der Leitung von Aufstellungen habe ich bislang drei Muster des Scheiterns einer Aufstellung ausmachen können, die ich kurz beschreiben möchte.

„Ich kann diesen Weg NOCH nicht gehen“

Ich erinnere mich an eine Aufstellung, bei der es beim Protagonisten auch um die Annäherung, die Heilung der „unterbrochenen Hinbewegung“ zum eigenen Vater ging. Über den Stellvertreter in der Aufstellung war dieser Weg vorgebahnt, es zeigte sich beim Stellvertreter, dass die Annahme des Vaters als Vater die Lösung das Problem wäre, aufgrund dessen die Aufstellung gemacht wurde. Als der Stellvertreter gegen den eigentlichen Protagonisten ausgetauscht wurde, konnte dieser den Weg nicht gehen. Genauer: Er konnte ihn nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen, danach ging es nicht weiter, der Widerstand war zu groß. Der Protagonist sagte dazu: „Ich kann diesen Weg noch nicht gehen“. Ich habe dabei sehr stark das Wort „noch“ in dem Satz herausgehört. Ich habe die Aufstellung an dieser Stelle beendet mit dem Satz: „Ich vertraue dich deiner guten Seele an.“ Mein Gefühl war: Der Weg zur Lösung ist deutlich geworden, es nur im Moment noch nicht der Zeitpunkt für den inneren Vollzug.

Das wäre so ähnlich wie in der eingangs erzählten Begebenheit. Mein Eindruck war: Hier arbeitet jetzt etwas innerlich weiter und es darf nicht darum gehen, ein bestimmtes Ergebnis in einer bestimmten Zeit erzwingen zu wollen. Ob die innere seelische Bewegung in einem Monat, in einem Jahr oder sogar am nächsten Tag schon zu ihrem Ziel gelangt, ist unerheblich. Wichtig war nur – in diesem Fall – dass der Same gesät ist, und dies war deutlich zu spüren. Danach zieht man sich als Aufstellungsleiter am Besten von diesem Prozess zurück.

Die Ablehnung der Lösung

In einem anderen Fall, auch hier ging es um Annäherung, diesmal an die Mutter, war es zunächst ähnlich. Durch die Stellvertreterin wurde der Weg zur Lösung deutlich. Die Protagonistin aber lehnte den Vollzug der Lösung für sich ab. Sie tat es aber mit einem jammernden Tonfall mit der Bedeutung: „Dies kann man mir nicht zumuten.“

Auch hier war an dieser Stelle die Aufstellung beendet und gescheitert. Mein Gefühl dazu war aber: Hier wird sich in Bezug auf das Problem, weshalb diese Frau die Aufstellung gemacht hat, nichts ändern. Es bleibt alles so, wie es ist.

Aus meiner Sicht ist dies so als Aufstellungsleiter zu akzeptieren. Man sollte hier nicht mit gesteigerter Intensität versuchen, doch noch irgendwie – mit einem genialen Kniff oder so – zu einer „guten Lösung“ zu kommen. Das würde nur das Ego des Aufstellungsleiters befriedigen.

„Nein, ich WILL diesen Weg nicht gehen“

Es gibt noch eine andere Variante, die ich allerdings nur einmal erlebt habe, dort aber besonders eindrücklich. Auch hier war in der Aufstellung eine Lösung für ein bestimmtes Problem durch die Stellvertreter deutlich geworden. Die Protagonistin, nachdem sie für ihre Stellvertreterin in die Aufstellung eingewechselt wurde, ging dann auch zunächst einige Schritte in die Richtung der Lösung, allerdings zunehmen zögerlicher.

An einem bestimmten Punkt drehte sie um und sagte, klar und deutlich: „Nein, das mache ich nicht!“. Das wirklich beindruckende war dabei ihre Körpersprache. Bis dahin wirkte sich unsicher und schüchtern. Und hier stand sie nun, aufgerichtet zu ihrer vollen Größe und stand offensichtlich mit dieser Entscheidung voll in ihrer Kraft.

Es war, so wirkte es auf mich, eine klare Entscheidung, eine Entscheidung für etwas Größeres, dem sie mit dieser Entscheidung gegen die Lösung treu blieb. Und die unterschwellige Aussage war: „Wenn diese Entscheidung bedeutet, dass ich weiter mit dem Problem zu tun habe, weswegen ich hergekommen bin, dann soll es so sein. Ich nehme das billigend in Kauf.“ Und das ist eine ganz andere Haltung dem ursprünglichen Problem gegenüber als ein resignierendes „dann geht es eben so weiter.“
Wie gesagt: Mein Eindruck war, hier hat die Frau in ihrem Inneren etwas Größeres gefunden, dem sie verpflichtet ist und dem gegenüber ihr ursprüngliches Problem weniger bedeutsam ist, ja eigentlich die Qualität eines Problems verliert, sondern nur noch ein Umstand ist, mit dem ich umgehe, um einem anderen Zweck zu dienen.

Kannst du Frieden machen?

Der vorletzte Blogbeitrag vom Februar 2022 handelte vom Krieg und seinen langen Folgen, auch Generationen später noch. Und er schloss mit der etwas spekulativen Überlegung, die Kriege, welche wir in der äußeren Welt erleben, könnten auch etwas mit einem Krieg – oder sagen wir besser: mit dem fehlenden Frieden – in uns selber zu tun haben. Ich möchte hier diesem Gedanken etwas näher nachgehen.

Der Wille zur Vernichtung

Ein wesentliches Merkmal des Krieges ist der Wille zur Vernichtung. Es werden Menschen, Landschaften, Gebäude, Infrastruktur usw. vernichtet. Das ist das Ziel. Woher speist sich der Vernichtungswille, der sich hier Bahn bricht? An seinem Urgrund steht (auch) unsere Biologie als Säugetiere. Der Wille zur Vernichtung hängt zusammen mit biologisch tief liegenden Reflexen, mit der unwillkürlichen Antwort auf eine unmittelbare Bedrohung des Lebens durch Flucht oder Angriff. In dieser Hinsicht dient der „Angriff oder Flucht“-Reflex dem Leben, dem Überleben. Durch Flucht entziehe ich mich dem Vernichtungswillen eines anderen Lebewesens (sei es der Säbelzahntiger oder die meinem Stamm gegenüber fremde Horde). Durch Angriff und Vernichtung des Angreifers beende ich die Gefahr für mein Leben.

Wir können also diesen Willen zur Vernichtung nicht einfach nur schlecht nennen. An der Basis dient er dem Leben. In höchster Not kann der Einzelne diesen Kräften kaum entrinnen.

In der Entwicklung der Menschheitsgeschichte wurde der Mensch sesshaft. Er entwickelte Kultur und Zivilisation, die ursprünglichen und archaischen Verhältnisse unmittelbarer Gewalt wurden durch Gesetze und Regelungen sowie das staatliche Gewaltmonopol eingehegt.
Ist der Wille zur Vernichtung damit verschwunden? Wir können beobachten, dass der Wille zur Vernichtung sich unter solchen Verhältnissen eher verschiebt auf andere Ebenen der Auseinandersetzung. Wir können hier an den Streit um politische, wissenschaftliche, religiöse oder allgemein ideologische Meinungen denken. Hier gibt es natürlich auch immer eine Ebene des Suchens nach der besten Lösung, des Austausches und Vergleichens von Ideen. Es passiert aber sehr schnell, dass diese Ebene verlassen wird und der ideologische Kampf über persönliche Diffamierung, Ausgrenzung, Verleumdung usw. geführt wird. Auch hier wirkt der Wille zur Vernichtung, wenn auch weniger blutig, weniger in der Form unmittelbarer Gewalt.

Das gute Gewissen, dass zu schlimmen Taten führt

Es wirkt hier auch noch etwas Anderes. Sowohl in den wirklichen Kriegen wie auch in den im übertragenen Sinne Kriegen der Ideologien wirkt bei den Beteiligten ein gutes Gewissen. Dieses Gewissen ist ein Gruppengewissen. Der Kampf gegen den Feind sichert mir meine Zugehörigkeit zu meiner Gruppe. Alles was meine Zugehörigkeit zu meiner Gruppe sichert, gibt mir das gute Gefühl, dazu gehören zu dürfen. Das ist der Kern des guten Gewissens.

In meiner Gruppe, sei es als Nation in einem Krieg, als Partei in einem Bürgerkrieg oder auch als Kombattant in einer ideologischen Auseinandersetzung fühle ich mich im Recht. Ich fühle mich der Gegenseite gegenüber überlegen. Ich bin besser als der Andere, wir sind besser als die andere Gruppe. Daher ist alles, was ich ihnen– individuell und kollektiv – antue, gerechtfertigt. Es ist gerecht. Ich tue es mit gutem Gewissen. So wird die Gerechtigkeit als Pferd vor den Karren des Vernichtungswillens gespannt, wie Bert Hellinger es einmal ausgedrückt hat. Mein gutes Gewissen (was eigentlich nur das Recht auf Zugehörigkeit bedeutet) ist heilig. Und so werden die heiligen Kriege geführt. Die Kriege auf den Schlachtfeldern und die Kriege auf den Feldern der Ideologien.

Kriegspropaganda

Jeder Krieg benötigt Propaganda. Sie weckt den Vernichtungswillen, stattet diesen mit einem guten Gewissen aus. Ohne dieses gute Gewissen könnten die schlimmen Taten nicht vollbracht werden, nicht in der Größenordnung, wie es in Kriegen oder auch in gewaltsamen Umstürzen und Revolutionen aber auch in ideologischen Auseinandersetzungen geschieht. Zu jedem Krieg muss die Bevölkerung erst mobilisiert werden.

Im ersten Weltkrieg spielte eine bestimmte „Erzählung“ in England eine große Rolle für diese Mobilisierung. Ja, die Armeen des damaligen deutschen Kaiserreiches sind auf dem Weg nach Frankreich in das neutrale Belgien eingefallen. Ein klarer Rechtsbruch. Aber das alleine hätte nicht ausgereicht. Es wurde in England die Meldung verbreitet, die deutschen Armeen hätten bei ihrem Durchzug durch Belgien den belgischen Kindern systematisch die Hände abgehackt. Ein Beispiel für Gräuelpropaganda. Eigentlich ist die Erzählung kaum glaubhaft. Was hätte die deutsche kaiserliche Armee davon gehabt? Welchen Vorteil in der Kriegsführung hätte sich ergeben, sich damit aufzuhalten, sinnlos und wahllos belgischen Kindern die Hände abzuhacken, wenn es darum ging, möglichst schnell nach Frankreich zu gelangen? Aus der Distanz betrachtet, wirkt die Erzählung absurd.
Aber sie wurde geglaubt, es erzielte die gewünschte Wirkung. Die Stimmung, die öffentliche Meinung in England kippte, nun war es da, das gute Gewissen, mit welchem dieser Krieg geführt werden konnte. Was kann schlecht daran sein, solche Barbaren vernichten zu wollen, die unschuldigen Kindern die Hände abhacken?

In neuerer Zeit erlebten wir etwas Ähnliches mit der sogenannten „Brutkastenlüge“. Sie ermöglichte in den USA die Zustimmung zum Krieg gegen den Irak 1991. Ohne sie wäre dieser Krieg innenpolitisch kaum durchsetzbar gewesen.

Aktuell erleben wir den Krieg in der Ukraine, in den wir zunehmend zu Beteiligten werden über Waffenlieferungen, finanzielle und logistische Unterstützung. Weil wir beteiligt sind, läuft dieser Krieg nicht so unterhalb der Wahrnehmungschwelle für uns ab wie z.B. der Krieg im Jemen, der seit Jahren tobt, von dem aber nur wenige überhaupt jemals gehört haben dürften.
Ich meine, wir tun gut daran, jegliche Meldung über das Kriegsgeschehen von jeglicher Seite erst einmal unter Propagandavorbehalt zu stellen. Wenn wir bei jeder Meldung denken, es könnte so sein, es könnte aber auch reine Propaganda sein, ist unser Empörungsbereitschaft vielleicht nicht so leicht zu bewirtschaften, unser Vernichtungswille nicht so leicht zu wecken.

Kannst du Frieden machen … mit dem Krieg?

Wir könnten aber auch in der Betrachtung von Krieg und Vernichtungswillen innerlich einen Schritt zurücktreten, sozusagen das größere Bild ins Auge fassen. Ich hatte ja eingangs schon erwähnt, dass der Vernichtungswille, seine biologischen Grundlagen im ältesten Teil unseres Nervensystems, durchaus lebensförderlich sind. Diese Impulse dienen, der ursprünglichen Intention nach, dem Leben, dem Überleben.

Es könnte sich der Gedanke einstellen, dass auch Krieg und Vernichtungswille sich aus einem größeren Feld speist, einer Art übergreifendem Feld, welches eher geistiger Natur ist. Im Familienstellen erleben wir immer wieder das wirksame Feld der Herkunft, der Familie und der Sippe, welches meist unbewusst durch uns wirkt, im Guten wie im nicht so Guten. Und hier ist die Erfahrung, dass wir die negativen Wirkungen nur wenden können, wenn wir die Kräfte, die hier wirken, anerkennen. Dann zeigt sich mitunter eine gute Lösung. Solange wir diese Kräfte oder überhaupt dieses Feld, in das wir eingebunden sind, entweder bekämpfen oder nicht wahrhaben wollen, ist die gute Lösung meist versperrt.

Könnte dies auch für den Krieg gelten? Das wir ihn anerkennen müssen, als wirksame Kraft in einem größeren Feld, damit Frieden entstehen kann? Betrachten wir einmal andere Bereiche, in denen oft von einem „Krieg“ in übertragenem Sinne geredet wird. Der US-Präsident Richard Nixon hat in seiner zweiten Amtszeit den „Krieg gegen die Drogen“ ausgerufen. Und seit dem wird dieser Krieg gegen die Drogen durch verschiedenste staatliche Instanzen geführt. Mit welcher Wirkung? Seite einigen Jahren gibt es in den USA einen Opiatemissbrauch in einer Größenordnung, die alles bisher Gekannte in den Schatten stellt. Seit Jahrzehenten befindet sich die westliche Medizin mit großem Aufwand im Kampf gegen Krebs, auch hier wird manchmal von einem Krieg gegen den Krebs gesprochen. Mit welchem Resultat? Die Krebserkrankungen nehmen zu.
Erlöst und hier der Vernichtungswille? Würde die Anerkennung des Feindes, dass es ihn gibt und dass er dazu gehört, andere und bessere Lösungen eröffnen?

Wie geht es mir mit dieser Frage, kann ich mit dem Krieg meinen Frieden machen? Die Antwort ist: Mir fällt es schwer. Aber was ich auch bemerke: Wenn es mir gelingt, die Kriegführenden, die Soldaten, die Befehlshaber, die Entscheider und Initiatoren der Kriege als Menschen zu sehen, die in einem größeren Feld sich bewegen, geführt von Kräften, um die sie allenfalls ansatzweise wissen – in diesen Momenten gelingt es mir, sie in mein Wohlwollen einzuschließen. Ich stelle mir diese Menschen vor – und will Ihnen wohl. Ich nehme sie in den Blick, in meiner Vorstellung, ich nehme sie in mein Herz, unabhängig von ihren Taten, egal auf welcher Seite. Und dann wird in mir etwas friedlicher. Diese Haltung gelingt mir nicht, solange ich denke, diesen Krieg sollte es nicht geben, dass es seine Betreiber nicht geben sollte.

Kannst du Frieden machen mit dem Krieg in dir?

Gehen wir vielleicht noch etwas weiter nach innen in der Betrachtung. Wie sieht es mit dem Krieg in meinem inneren aus, mit meinem inneren Feind?

Viele Menschen kämpfen mit Seiten und Anteilen von sich selbst. Manche bekämpfen mit Eifer und rigider Verhaltenskontrolle gegen jedes Gramm Bauchspeck. Andere bekämpfen in sich eine Sucht. Oder eine Erkrankung, beispielsweise eine Krebserkrankung. Wieder andere hadern mit ihrer Faulheit oder mit ihrem mangelnden Ehrgeiz. Was auch immer es im Einzelnen sein mag: Diese inneren Kämpfe, der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“, tragen sie nicht auch die Insignien des Vernichtungswillens? Irgendetwas sollte es am besten nicht geben, es soll verschwinden, es soll „mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ werden.

Welche Erfolge erzielen wir in diesen Kämpfen? Und welche Misserfolge? Macht es uns friedlicher, wenn wir diejenigen Anteile und Bestrebungen in uns, die wir gerne „weg machen“ würden, zumindest anerkennen? Wenn wir sehen, dass sie da sind? Wenn wir uns vielleicht diesen inneren Anteilen sogar aufmerksam zuwenden, mit Interesse? Mit dem Wunsch, sie wirklich kennen zu lernen, statt ihnen das Existenzrecht abzusprechen?

Wäre die Welt – und auch das geistige Feld, dem wir angehören – friedlicher, wenn wir den Krieg in uns selber befrieden könnten?

Die Kraft, die aus dem Schweren und dem Leid kommen kann

Manche Menschen sind mit einem schweren Schicksal geschlagen, wie man so sagt. Dies kann eine schwere Erkrankung oder Behinderung sein. Oder das Erleben von Anfeindung und Verfolgung als teil einer ethnischen Minderheit. Oder jemand wird – ohne eigenes Zutun oder Verschulden – Opfer einer Gewalttat. Oder jemand wird von einem Naturereignis wie einem Vulkanausbruch oder einer Flut erfasst und verliert sein Heim, sein Gut und seine wirtschaftliche Existenz. Oder jemandem widerfährt ein schweres Unrecht, dass ungesühnt und ohne Ausgleich bleibt. Ich könnte die Liste möglicher schwerer Lebensumstände hier noch länger fortsetzen.

Was passiert mit einem solchen Menschen? Natürlich sind die Reaktionen darauf sehr individuell, je nach Persönlichkeit, Naturell und Temperament. Aber in vielen Fällen wirken sich diese schicksalhaften Begebenheiten beschwerend und einschränkend auf die betroffenen Personen aus, Menschen leiden und sind am vollen Lebensvollzug gehindert. Es gibt jedoch auch das Gegenteil, dass schwierige Lebensumstände oder traumatische Erlebnisse einen Menschen zu einer besonders starken Persönlichkeit formen, zu einem Menschen, der in einer besonderen Weise in sich und im Sein ruht und verankert ist. Oft strahlen solche Menschen eine besondere Güte, Weisheit und Zugewandtheit aus.

Das Gefühl der Stimmigkeit

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky beschäftigte sich mit der Gesundheit (in einem weiten Sinn, also nicht nur körperlich sondern auch seelisch, psychisch und geistig) unter anderem von Überlebenden der Konzentrationslager des Nationalsozialismus. Es zeigte sich, wie zu erwarten war, dass ein Teil dieser Menschen traumatisch belastet war während dagegen ein anderer Teil nicht nur einfach „gesund“, sondern gerade besonders ausgeprägt gut im Leben verwurzelt waren, das Leben besonders freudvoll und sinnvoll erlebten. Antonovsky interessierte sich dann besonders für diese zweite Gruppe. Was macht hier den Unterschied? Und die Antwort, die er fand: Diese Menschen hatten – nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer schweren Schicksale – etwas, was er „sense of coherence“ nannte. Es handelt sich hier um ein Gefühl, oder wörtlich um einen Sinn dafür, dass in diesen Beschwernissen des eigenen Lebens ein tieferer Sinn verborgen liegt, den man vielleicht nicht immer benennen kann, der aber empfunden werden kann.

Ähnlich entwickelte der Psychiater Viktor Frankl, selber Überlebender mehrerer Konzentrationslager, während der größte Teil seiner Familie in Konzentrationslagern ermordet wurde, aus dieser Erfahrung heraus die sog. Logotherapie[1]. Auch hier geht es zentral darum, dass der Mensch durch die Erfahrung von Leid, Schuld und Schicksal hindurch einen tieferen Sinn, ja vielleicht auch so etwas wie einen persönlichen inneren Auftrag entdecken kann.

Und tatsächlich kann man oft beobachten, dass Menschen mit einem schweren Schicksal, wenn sie es gut verarbeitet haben, ein größeres seelisches Gewicht haben. Und wenn man sie vergleicht mit Menschen, die ein leichtes und von schicksalhaften Ereignissen unbeschwertes Leben hatten, dann wirken Letztere wie seelische „Leichtgewichte“, auf der seelischen Ebene ist da weniger Substanz.

Es erscheint paradox, aber es scheint so, dass unser Gefühl für Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens gerade dann besonders gestärkt kann, wenn die Sinnhaftigkeit durch Schicksal einmal verloren gegangen und maximal erschüttert wurde, dann aber wieder gefunden werden konnte. Ein persönlicher Sinn im Leben kann gerade durch den vorübergehenden Verlust danach besonders deutlich vernehmbar in uns wirken.

Das Anlehnen an schicksalshafte Ereignisse

Das erste ;al stieß ich im Rahmen einer Aufstellung auf diesen Prozess bei einem Mann mit einer schweren und sehr einschränkenden chronischen Erkrankung. Ich habe dann die Krankheit aufgestellt, zunächst in dem vagen Impuls, diesem Mann die Krankheit gegenüber zu stellen und vielleicht auch die Krankheit eine bestimmten Satz sagen zu lassen. Aber schon beim Hereinführen der Stellvertreterperson in das Feld wurde deutlich, der Platz gegenüber ist nicht passend, die Krankheit musste hinter die Person gestellt werden. Und dann entwickelte sich die Aufstellung – ohne Worte – so, dass die Krankheit noch näher an diesen Mann heranging, bis sie unmittelbar hinter ihm stand. Als der Mann die Krankheit hinter sich fühlte, lehnte er sich ein wenig zurück. Er lehnte sich leicht an die Krankheit an. Dann tat er ein paar tiefe Atemzüge, seufzte – und plötzlich wurden sein Antlitz, seine Gesichtszüge, friedlich. Er war im Frieden, angelehnt an seine Krankheit.

Ähnliche Bewegungen habe ich dann später auch in anderen Aufstellungen beobachten können, etwa bei sexuellem Missbrauch, wenn der Missbrauch (nicht etwas der Täter!) aufgestellt wurde.

Wir verstehen es nicht wirklich, aber es scheint so zu sein, dass ein schweres Schicksal eine besondere Kraft vermitteln kann, wenn ich mich diesem Schicksal anvertraue, mit an es anlehne. Dann kann es eine segensreiche Wirkung haben, allerdings unter Verzicht auf jegliches sich Beklagen über dieses Schicksal.

Bert Hellinger hat einmal mit einer querschnittsgelähmten Frau im Rollstuhl gearbeitet, die sehr verbittert über ihre Querschnittlähmung war. Er hat sie dann aufgefordert, einmal die Augen zu schließen und ihr gesamtes Leben mit der Querschnittlähmung noch einmal innerlich zu betrachten. Nach einer Weile, nachdem sie damit durch war, schlug er ihr vor, noch einmal die Augen zu schließen und sich ihr Leben ohne die Querschnittlähmung vorzustellen, es vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Dann stellte er die Frage: „Welches der beiden Leben ist kostbarer?“
Die Frau reagierte zunächst mit Widerwillen auf diese Frage, dann ließ sie sich aber darauf ein. In ihrem Gesicht war eine zeitlang ein innerer Kampf zu beobachten. Dann sagte sie: „Dieses Leben ist kostbarer“ und die Augen strahlten dabei.

[1] Abgeleitet von „Logos“, einem Wort aus dem Altgriechischen, dass in etwa „göttliche Vernunft“ oder „umfassender Sinn“ bezeichnet.

Von den langen Folgen des Krieges

Kürzlich hörte ich von einem Heilpraktiker, der im Bereich der Energie- und Informationsmedizin arbeitet, eine Fallgeschichte. Es ging um einen jungen Mann, dessen Gesicht durch eine extreme Form von Akne regelrecht entstellt war. Alle medizinischen Bemühungen waren erfolglos und er war verzweifelt und trug sich mit Suizidgedanken.

Der Heilpraktiker fragte nach seiner Familiengeschichte und es fiel ihm auf, dass bei der Erwähnung des einen Großvaters die Stimme des jungen Mannes verändert war. Er frage nach und erhielt zur Antwort, über diesen Großvater wüsste er wenig, er habe ihn nicht kennen gelernt, der Großvater sei im zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen. Der Heilpraktiker trug ihm auf, sich in der Familie nach diesem Großvater und seinem Schicksal zu erkundigen. Es stellte sich heraus, dass dieser Großvater getötet wurde, als ihm ein Schrapnellgeschoss buchstäblich das Gesicht zerfetzte.

Hier war nun eine offensichtliche Verbindung zur Akne des jungen Mannes, welche sein Gesicht verunstaltete. Im Rahmen der Behandlung kam der junge Mann mit dem Großvater in Verbindung, er träumte von ihm und seinem Tod, trauerte und weinte um ihn. Innerhalb von zwei Monaten heilte die Akneerkrankung aus.

Dies ist ein besonders dramatisches und illustratives Beispiel dafür wie Krieg und andere schicksalshafte Ereignisse sich in folgenden Generationen auswirken können. Es muss nicht immer (und tut es meist auch nicht) diese Dramatik und diese lebhaft-bildliche Erscheinungsform annehmen. Häufiger wirk es sich eher in einem grundlegenden Lebensgefühl der Nachgeborenen aus. Aber dieses Phänomen, dass die Schicksale der Vorfahren in den Nachgeborenen weiterleben, sieht man im Familienstellen recht häufig. Ebenso ist es nicht untypisch, dass in der Auswirkung eine oder zwei Generationen übersprungen werden.

Bert Hellinger hat dies immer so interpretiert, dass die Nachgeborenen von einem größeren seelischem Prozess erfasst werden, den wir bestenfalls ansatzweise verstehen, mit dem Ziel, an die schweren Schicksale in der Herkunftsfamilie zu erinnern, wenn sie vergessen oder nicht gewürdigt sind. Er sprach in diesen Zusammenhängen oft in der Formulierung, hier nähme die „große Seele“ jemanden „in Dienst“ um etwas sonst Verborgenes sichtbar zu machen.

Man möchte meinen, dies sei aber nicht gerecht. Womit hat etwa der junge Mann mit der extremen Akne es „verdient“, hier zum Erinnerungsträger zu werden? Er trägt ja keine persönliche Verantwortung am damaligen Geschehen.
Solche Fragen führen meines Erachtens nach in die Irre. Warum hier bestimmte Familienmitglieder ausgewählt werden, warum es in der Enkelgeneration auftritt und nicht etwa in der Kindergeneration, all dies sind müßige Fragen, die versuchen, eines großen Mysteriums in erklärender Weise habhaft zu werden. Dieser Versuch scheitert, es bleibt ein Mysterium. Und vor der Größe des Mysteriums können wir uns nur verneigen. Und wir können, im kleinen und beschränkten menschlichem Rahmen, uns um Heilung bemühen. Die Heilung bedeutet eigentlich immer die Anerkennung des Schicksals, so wie es war. Und die Trauer um die davon Betroffenen. Wenn wir uns davon anrühren lassen, kann etwas heilen.

Die Aktualität des Krieges

Ich schreibe diesen Beitrag zu einer Zeit, in welcher der Krieg in seiner Realität wieder näher in unser alltägliches Bewusstsein rückt. Nicht, dass der Krieg vorher tatsächlich abwesend gewesen wäre. Er klopft lediglich vernehmlich an die Türen unseres Bewusstseins durch die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine.

Derzeit wissen wir nicht, welches Eskalationspotential hier besteht. Aber wir sind mit der Realität des Krieges konfrontiert, es ist nicht mehr irgendwo weit weg, etwas was in den Nachrichten wenn überhaupt, dann nur am Rande aufscheint.

Sicher ist eines: Dieser Krieg wird viel Leid verursachen. Er wird Tote, Verletzte, Verstümmelte zur Folge haben. Er wird Lücken in Familien reißen und Lebensgrundlagen zerstören. Das ist die unmittelbare Folge des Krieges. Und er wird auch noch in die nächsten Generationen hinein wirken, auch dies ist bereits jetzt sicher.

Goethe lässt im Faust im Rahmen der Osterspaziergangsszene, die ja insgesamt von der Lust am Leben geprägt ist („zufrieden jauchzet Groß und Klein / hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“) einen Bürger sagen:

„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus.“

Diese naiv-unbefangene Haltung dem Krieg gegenüber, den es ganz weit weg irgendwie und irgendwo noch gibt, mit dem wir aber nichts zu tun haben, ist aktuell kaum mehr möglich. Sie, diese Ansicht, war immer eine Illusion.

Der Krieg und der Frieden in uns

Ich möchte einen etwas verwegenen Gedanken anfügen. Leo Tolstoi wird das Zitat zugeschrieben: „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben.“ Er meint damit: Die Art, wie wir mit anderen empfindungsfähigen Geschöpfen umgehen, prägt die Art, wie wir untereinander umgehen.

In einem ähnlichem Sinne scheint mir: Solange wie wir Kriege in unserem Inneren führen, wird es auch im Äußeren Kriege geben. Und den Krieg im Inneren führen wir, in unterschiedlicher Intensität und Abstufung, immer dann, wenn wir irgendetwas an uns nicht haben wollen, nicht wahr haben wollen, weg bekommen möchten. Viele Bemühungen um „Selbstverbesserung“ nehmen mitunter diese Form an, dass Krieg gegen einen Teil in mir geführt wird, mit geringem langfristigem Erfolg.

Ich weiß nicht, ob es wirklich so stimmt. Aber doch scheint es mir: Wenn wir es schaffen würden, uns mit uns selber zu versöhnen, mit allen Anteilen in uns, auch mit dem Schatten und dem Feind in uns, dann wäre die Chance auf Frieden in den äußeren Verhältnissen größer. Dies aber ist ein lebenslanges Unterfangen. Wir könnten die Kriege im Außen als Erinnerung daran nehmen.

Was eine Aufstellung nicht kann (und was man auch nicht versuchen sollte)

Vor einigen Jahren hatte ich ein Erlebnis, als jemand über eine Aufstellung erzählte, welches mich unangenehm berührte. Eine Frau berichtete, sie vermisste ein bestimmtes Schmuckstück, dass neben dem materiellen Wert einen noch viel größeren ideellen Wert als Erbstück darstellte. Und sie hatte nun ihre polnische Putzfrau im Verdacht, dieses Schmuckstück entwendet zu haben. Sie berichtete, sie habe zu dieser Frage eine Aufstellung durchführen lassen, um Gewissheit über diesen Verdacht zu erhalten. Ich war –  so erinnere ich noch lebhaft – milde schockiert. Schockiert einerseits, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, ein solches Anliegen an eine Aufstellung heranzutragen aber noch mehr, weil die Leiterin oder der Leiter dieser Aufstellungsveranstaltung das Anliegen nicht rundweg abgelehnt hat.

Es war zunächst einmal ein starkes, ein eindeutiges Gefühl, dass die Klärung eines strafrechtlichen Vorwurfes nichts in einer Aufstellung zu suchen hätte. Etwas schwieriger gestaltet es sich schon, stringent zu begründen, warum nicht. Aber genau dies will ich in diesem Beitrag versuchen.

Zunächst einmal geht es in (Familien)aufstellungen um seelische Bewegungen und Kräfte, Dynamiken. Diese seelischen Bewegungen haben meist mit der Bindung an und der Zugehörigkeit zu für uns wichtigen Personen, besonders aus unserem Herkunftssystem, zu tun. Die seelischen Kräfte und Dynamiken die über eine Aufstellung sichtbar gemacht werden können, dienen der Liebe zwischen den Beteiligten und der Würdigung aller, die dazu gehören – unabhängig von ihren Taten.

Zwar erweisen sich oft die Wahrnehmungen der Stellvertreter in einer Aufstellung als erstaunlich „hellsichtig“ in der Weise, dass die Anliegengeber vielleicht sagen „ja, genau in diesem Tonfall hat der Onkel Otto immer geredet“ oder „das war exakt die Körperhaltung von meiner Großmutter mütterlicherseits“. Aber es kann noch dramatischer sein. Ich habe es einmal in einer Aufstellung erlebt, dass eine Teilnehmerin der Stellvertretung für eine Vorfahrin plötzlich in Atemnot geriet und sich dem Ersticken nahe fühlte, sie hatte sichtbar Mühe, Luft zu holen. Erst später stellte sich heraus, dass die Person, für die sie stand, als Flüchtling auf der MS Gustloff in der Endphase des zweiten Weltkrieges mit diesem Schiff untergegangen und (vermutlich) ertrunken ist.

Solche sehr dramatische Erlebnisse sind zwar selten, kommen aber vor. Und dies hat offenbar bei manchen Menschen die Vorstellung erzeugt, Aufstellungen hätten eine „orakelhafte“ Qualität, man könne damit Vorgänge beobachten, bei denen man räumlich und zeitlich nicht anwesend war.
Meiner Erfahrung nach haben Aufstellungen diese Qualität nicht. Sie erlauben zwar manchmal einen Blick „hinter den Schleier“ aber nur in so weit, wie es wirklich dem seelischem Anliegen dient. Im Fall der vermutlich mit dem Untergang der MS Gustloff untergegangen Ahnin diente die Dramatik der Situation der Würdigung des schweren Schicksals und hatte in diesem Zusammenhang eine seelische Funktion für die Person, für welche die Aufstellung durchgeführt wurde.

Die Seele interessiert sich – wenn man  einmal so von ihr reden wollte, als wäre sie eine Person – durchaus dafür, dass vergangen Personen und ihre Schicksale nicht vergessen werden. Sie interessiert sich aber dagegen sehr wenig für Besitz und Eigentum an sich. Die Seele interessiert sich also nicht dafür, ob eine bestimmte Person tatsächlich mein Schmuckstück entwendet hat, um auf das Eingangsbeispiel zurückzukommen. Sie würde sich aber wahrscheinlich schon dafür interessieren, welche Beziehung ich zur Erblasserin des Schmuckstücks hatte, was diese Person für mich bedeutet hat und dergleichen. Auf solche Fragen würde man in einer Aufstellung Hinweise bekommen, aber nicht auf die Frage, ob sich jemand dieses Schmuckstück angeeignet hatte und wenn ja, wer?

Um noch ein anderes, hier jetzt gedanklich konstruiertes Beispiel zu bemühen: Nehmen wir an, eine Ehefrau hat den Verdacht, dass ihr Ehemann eine uneheliche sexuelle Beziehung zur Nachbarin unterhält. Könnte man so etwas aufstellen? Ja, könnte man. Aber nicht mit dem Ziel, danach zu wissen, ob der Verdacht richtig ist oder nicht. Es könnte sein, dass sich in der Aufstellung herausstellt, die Frau steht innerlich treu zu ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die beide von ihren Ehemännern betrogen wurden. Dies wäre hier das entscheidende seelische Phänomen, diese Verbindung zu voran gegangen Frauen, denen sie ihre Existenz verdankt.

Diese Verbindung, diese Treue, dieses sich innerlich (wenn auch völlig unbewusst) sagen „ich mache es wie du“ oder auch in der Variante „ich mache es für dich“, ist auf der seelischen Ebene von Interesse. Ob die fragliche Frau nun die Tradition fortsetzt, in dem sie genau wie ihre Vorgängerinnen sich einen Ehemann aussucht, der tatsächlich untreu ist oder zumindest Anlass zum Verdacht bietet? Oder ob die fragliche Frau hier eher stellvertretend für z.B. ihre Mutter handelt, in dem sie die Vorwürfe, die seitens der Mutter an den Vater angemessen wären, sozusagen stellvertretend an ihren Ehemann richtet? Für solche Fragen könnte man in einer Aufstellung durchaus Hinweise gewinnen. Aber nicht für die Frage: Ist mein Verdacht wirklich berechtigt? Hat er also oder hat er nicht? Beide seelischen Dynamiken können in unserer gedachten Frau wirken – und zwar sowohl wenn ihr Ehemann tatsächlich untreu sein sollte wie auch wenn er es nicht wäre. Auf diese Frage, bekommen wir in der Aufstellung keine Antwort.

Aus meiner Sicht ist das auch gut so. Aufstellungen können dazu beitragen, mich aus unbewussten Verstrickungen mit den Schicksalen meiner Ahnen zu lösen, in dem ich diese Schicksale anerkenne und würdige und damit frei werde, für den eigenen Lebensvollzug.
Zu diesem eigenen Lebensvollzug würde es im (ausgedachten) Beispiel dann eben auch gehören, dass die Frau ihren Mut zusammen nimmt und mit ihrem Mann spricht über ihren Verdacht und über die Hinweise, die sie wahrnimmt oder meint wahrzunehmen. Mit offenen Ausgang. Das kann und soll eine Aufstellung niemandem abnehmen.

Das Neue

Dieser Blogbeitrag ist geschrieben in der Zeit „zwischen den Jahren“, wie man sagt, also in der Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester. Es ist dies eine Zeit, wo das neue Jahr vernehmlich vor der Tür steht und das alte Jahr schon so gut wie vergangen ist. Vielleicht ziehen wir Bilanz bezogen auf das alte Jahr und entwickeln eine Erwartung an das neue Jahr.

Das neue Jahr beginnt in unserem Kulturraum am 1. Januar. Dies ist eine recht willkürliche Setzung des gregorianischen Kalenders. Andere Kulturen haben für den Beginn des neuen Jahres andere Daten, wie etwa China, wo der Beginn des neuen Jahres zwischen dem 21. Januar und 21. Februar liegt, je nach dem, wann in dieser Zeit ein Vollmond ist.
Stimmiger in Bezug auf die Zyklen eines Jahreskreislaufes wäre sicherlich entweder die Wintersonnenwende am 21. Dezember, also die Rückkehr des Lichts nach dem dunkelsten Tag als Neujahrsbeginn zu nehmen oder den Frühlingsanfang um den 21. März, wie auch in der astrologischen Betrachtung mit dem Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen Widder ein neuer Jahreszyklus startet.

Unbeschadet der eher willkürlichen Setzung am 1. Januar wird aber doch der Beginn eines neuen Jahres als ein bedeutsamer Einschnitt und Wechsel erlebt. Mit diesem Tag beginnt etwas neues, ein neues Jahr, ein neuer Zyklus der Monate und Jahreszeiten.

Wie begegnen wir nun dem Neuen? Das Neue hat seinen besonderen Reiz, weil es frisch ist und noch unberührt, weil es noch offen ist für Gestaltung. In dem bekannten Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse heißt es:
         „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
         Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Was macht diesen Zauber aus? Nun, sicherlich ist es die Unverbrauchtheit, die uns im Neuen begegnet. Das Neue, so scheint es, eröffnet ein Feld von Möglichkeiten, gerade weil es noch nicht zu Ende geformt und somit festgelegt ist, sondern offen. So wie bei einem neugeborenen Kind zwar nicht alles, aber doch vieles noch offen ist bezüglich seines Lebensweges.

Und wie begrüßen wir am Besten einen neuen Menschen, ein neues Erdenwesen? In dem wir es anschauen mit dem Gedanken: „Sei Willkommen!“. Sei willkommen, du Mensch unter Milliarden Menschen, von denen keiner genau so ist wie du. Sei Willkommen, du Mensch, wie es in der ganzen Menschheitsgeschichte nie einen Menschen genau so gegeben hat und auch nie wieder einen genau so geben wird. Dies wäre, so scheint mir, die angemessene Begrüßung für ein Neugeborenes aber auch für jedes Neue in unserem Leben. Mit freudiger Neugier, was aus diesem Neuen wohl erwachsen mag.

Der Abschied

Aber alles Neue ist nicht nur neu, es trägt auch die Insignien des Alten, aus dem es erwachsen ist, in sich. Der neue Baum trägt in sich das Vermächtnis des Samens eines alten Baumes, aus dem er entstand. Der neu geborene Mensch ist in allem ganz eigen und einzigartig und doch steht er auf den Schultern der Ahnen, entstand durch die Eltern mit ihrer Lebensgeschichte und Kultur und diese wiederum wurden wer sie sind durch ihre Eltern und so weiter, bis in die Tiefe der Zeit hinein. Auch ein neues Jahr, mit allem was es für uns persönlich bringen mag, erhebt sich aus dem Fluss der vergangenen Jahre und auf der Grundlage dessen, was wir in den vergangen Jahren erreicht haben. Das Neue erwächst aus dem Alten, muss dieses Alte aber auch hinter sich zurück lassen.

Und auch bei einem neuen Jahr, so scheint mir, setzt das vollständige Einswerden mit dem Zauber des Anfangs, von dem Hermann Hesse redet, einen Abschied voraus. Das Alte, hier das alte Jahr, will würdig verabschiedet werden. Wie machen wir das? Am Besten mit einem Dank, mit Dankbarkeit. Dankbarkeit all dem gegenüber, was gut war im alten Jahr, was uns genährt, geschützt und genützt hat. Aber auch in Dankbarkeit den Schwierigkeiten, Herausforderungen und Niederlagen gegenüber. Auch sie haben uns geformt zu der Person, die wir jetzt sind. Und gleichzeitig verabschieden wir uns – nach Möglichkeit – mit leichtem Herzen, um uns dem Neuen ganz zuwenden zu können. Bei Hesse heißt es in dem angesprochenen Gedicht ein paar Zeilen vorher:
         „Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe      
         Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,  
         Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern      
         In andre, neue Bindungen zu geben.“

Diese Spannung zwischen Abschied und Neubeginn wohnt aber natürlich nicht nur dem Jahreswechsel inne. Genau genommen ist es der Rhythmus des Lebens selber, der in jedem Augenblick, genau betrachtet mit jedem Atemzug, von diesem Zusammenhang von Abschied und Neubeginn geprägt ist. Mit jedem Ausatmen verabschieden wir einen bis dahin noch gegenwärtigen Moment, der damit zur Vergangenheit wird, um mit dem nächsten Atemzug des Einatmens dem nächsten gegenwärtigen Moment zu begegnen, sich in seine „neue Bindungen zu geben“, wie es bei Hesse heißt. Dies scheint mir die eigentliche Bedeutung der Lehre vom Leben im großen JETZT zu sein. Was war ist Vergangenheit und nur noch Geschichte, war wird ist ein Rätsel. Und dazwischen, in diesem kurzen Zwischenraum, leben wir. Im gegenwärtigen Moment. Immer am Berührungspunkt von Abschied und Neubeginn – in jedem Moment.

Vielleicht wäre es eine hilfreiche Übung, wenn wir es denn könnten, wenn wir zumindest jedem neuen Tag, direkt nach dem Aufwachen, so begegnen könnten, wie wir es vielleicht am Neujahrsmorgen mit dem neuen Jahr noch machen. Wir würden uns bewusst, dass dieser neue Tag frisch und noch unverbraucht ist, dass ihm der Zauber des neuen Anfangs inne wohnt.

Die Stufen (Hermann Hesse, Mai 1941)

Da das erwähnte Gedicht von Hermann Hesse mit dem Titel „Stufen“ tief in der Seele etwas anrührt, sei es hier noch einmal ganz zitiert:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es war genau so wie es war – und jetzt darf es gut sein

Dies ist der Blogbeitrag für den November 2021. Der November ist in vielerlei Hinsicht der Totenmonat. Ich hatte dies im Beitrag vom November 2018 näher erläutert und im Beitrag vom November 2019 daran anknüpfend über den Umgang mit den Toten in unserem Leben geschrieben. Hier hatte ich angeführt, dass die Begegnung mit den Toten im Rahmen einer Aufstellung in den meisten Fällen sich in drei groben Schritten vollzieht:

  1. Die Hinwendung zu den Toten
  2. Der Kontakt mit den Toten
  3. Die Abwendung von den Toten und die Zuwendung zum eigenen Lebensvollzug

In gewisser Weise gilt diese Bewegungsform nicht nur Themen, die mit den Toten zu tun haben, sondern in den meisten Aufstellungen, unabhängig vom Thema.

Wenn es etwas Belastendes aus der Vergangenheit gibt, wenden wir uns zunächst dem – meist bislang Verdrängtem – mit gesammelter Aufmerksamkeit zu. Dann gehen wir in Kontakt mit dem, was schlimm war. Und dann lassen wir es hinter uns mit der Perspektive auf die Gegenwart und die nächsten Schritte in unserem Leben.

Die Hinwendung

Ein bekannter Psychotherapeut hat einmal gesagt, die Traumata in unserem Leben oder wo etwas gefehlt hat oder nicht genug vom Nährenden oder zuviel vom Zehrenden war, führen nicht deshalb zu Unglück oder Krankheit im jetzigen Leben, weil es so war, wie es war. Sondern weil wir in unserem jetzigen Leben an den damals gebahnten Reaktionsmustern festhalten, die damals sinnvoll und oft überlebenssichernd waren, in der Gegenwart aber dysfunktional sind. Und diese alten Reaktionsmuster dienen immer der Verdrängung, was einen großen Teil der Lebensenergie kostet. Dieser Verlust der Lebensenergie macht uns krank oder unglücklich, nicht das Ereignis selber.

In der Hinwendung zu dem, was zu wenig war in dem, was nährt und nützt oder zuviel war von dem, was zehrt und schadet, verlassen wir die Verdrängung als Bewältigungsstrategie. Wir bestätigen: Es war genau so wie es war!

Der Kontakt mit dem Schlimmen

Der zweite Schritt, der häufig mit dem ersten fast zusammen fällt, ist dann, dem Erkanntem und Anerkanntem eine Wertung zu geben. Wie war es damals für mich? Wir sagen nach dem „Es war genau so“ als Nachsatz vielleicht „Und es war schlimm für mich, damals“ wenn es eben um etwas Erlebtes geht, was schlimm erlebt wurde. Das „Anerkennen was ist“ bezieht sich also nicht nur auf Tatbestände, wie sie waren, sondern wie es für mich war. Damit wird ein Gefühl erinnert und wieder aktualisiert, ein damaliger bestimmter Erregungszustand im Nervensystem. Auch dies geschieht mit der Haltung „es war genau so wie es eben war“.

Die Abwendung von der Vergangenheit

Und in einem letzen Schritt orientieren wir uns wieder in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Wir nehmen unser Leben in den Blick und den hier fälligen nächsten Schritt. Wir bemerken dabei, dass wir jetzt andere Möglichkeiten haben als damals, in der Vergangenheit. Wenn etwa das Belastende aus dem Familiensystem kam und uns als kleines Kind betroffen hat, so hatten wir damals, als kleines Kind, wenig Möglichkeiten. Kinder sind sehr stark angewiesen auf Schutz und Versorgung, je kleiner, desto mehr. Als Erwachsene haben wir andere Möglichkeiten. Wir können das Verlassen, was uns schädigt und aktiv auf das zugehen, was und nährt und nützt oder auch gegen das angehen, was uns bedroht.

Die Heilung von Traumatisierungen

Es ist nun nicht so, dass die drei beschriebenen Schritte eine Art „Rezeptur“ für eine Aufstellung sind, dass man also für die Durchführung einer Aufstellung diese drei Schritte so planen könnte. Tatsächlich geht man ja in der Leitung einer Aufstellung so vor, dass man erst einmal abwartet, was sich zeigt und dann damit arbeitet mit der Frage: Was ist hier der nächste Schritt, der getan werden will oder was ist der Satz, der gesagt werden will? Erst in der Rückschau stellt sich heraus, dass sich viele Aufstellungen in ihrem Verlauf im Nachhinein als Abfolge dieser drei groben Schritte beschreiben ließen, auch wenn dies im Moment der Durchführung einer Aufstellung nicht im Bewusstsein war.

Wir hatten gesagt, dass schwierige Bedingungen in der Vergangenheit uns in der Gegenwart Probleme machen können, nicht weil die Vergangenheit so war wie sie war, sondern weil wir in unserem Nervensystem Reaktionsmuster gebahnt haben, die damals die vielleicht einzige Möglichkeit waren, die jetzt aber hinderlich sind. Das reine Verdrängen, wie es damals war, heilt nicht. Was heilt wäre, sich dem Damals noch einmal zuzuwenden, es noch einmal in seinem spezifischen Erregungsmuster zu erleben und dabei gleichzeitig zu erleben, dass die Situation sich geändert hat, jetzt nicht mehr dieselbe ist.

Warum brauchen wir aber diese Bewegungen, uns den alten Verletzungen von damals noch einmal – erkennend und anerkennend – zuzuwenden und das alte Erregungsmuster noch einmal neu zu fühlen? Es scheint so zu sein, dass ein Umlernen in der Reaktion der alten Erregungsmuster am besten gelingt, wenn genau dieses Erregungsmuster noch einmal neu erlebt wird, jetzt aber in einem geschützten und unterstützendem Kontext, in dem Ressourcen mobilisiert werden, die ich damals nicht hatte aber ja jetzt habe. Diese Gleichzeitigkeit beider Momente, der alten Erregung im Nervensystem und der Wahrnehmung der jetzt veränderten Situation mit anderen Möglichkeiten ist der Schlüssel. Ohne die Wahrnehmung des alten Erregungsmusters bleibt es entweder bei der Verdrängung oder bei einer rein kognitiven Erinnerung, die keine Kraft hat. Ohne den zweiten Teil, in der alten Erregung die jetzige Situation mit den neuen Möglichkeiten in einem unterstützenden Setting zu erleben, droht einen Retraumatisierung. Erst beides zusammen bringt die fundamentale Veränderung.

In der Traumatherapie geht man ähnliche Wege. Auch hier geht es darum, sich die Auslöser Ereignisse in der Vergangenheit noch einmal zu vergegenwärtigen, während man gleichzeitig in dem Gewahrsein bleibt, jetzt in einer geschützten, liebevoll unterstützenden und sicheren therapeutischen Umgebung zu sein. Die Erregung des Nervensystems aus dem Damals wird also nicht vermieden, sondern in einer bewältigbaren Intensität noch einmal neu aktiviert, aber gleichzeitig wird eine andere Art des Durchlaufes durch die Erregung und ihres Abbaus im Nervensystem gebahnt in dem Bewusstsein, dass ich jetzt sicher bin und andere Möglichkeiten der Bewältigung habe.

Auch hier könnte in einer Art Kurzformel sagen: Im Kern geht es darum, gleichzeitig zu sehen spüren, dass es genau so war wie es war (und dass es schlimm und überfordernd war) und dass es jetzt anders ist. Das Schlimme darf genau so wie es war gewesen sein. Und dann darf es gewesen sein. Und jetzt darf es gut sein.

Vaterliebe

Bruce Springsteen und seine E-Street-Band hatten während ihrer Europa-Tournee in den 80er Jahren ein Stück in ihrem Programm mit dem Titel „War (What is it good for? Absolutely nothing!).“ Ein Antikriegslied. Und zur Einleitung dieses Songs hat Bruce Springsteen auf den Konzerten immer eine persönliche Geschichte erzählt darüber, wie es war in den 60ern des letzten Jahrhunderts als Teenager aufzuwachsen „with war on TV every night“, also mit den Bildern vom Vietnamkrieg im Fernsehen jeden Abend. Diese persönliche Geschichte dient natürlich als Kontext für den nachfolgenden Song im Konzert und vordergründig handelt er eben vom Krieg bzw. von einer Antikriegshaltung. Aber die Geschichte erzählt noch etwas anderes, und darauf möchte ich hier das Augenmerk legen. Die Geschichte erzählt etwas von Vaterliebe.

Für diejenigen, die des Englischen halbwegs mächtig sind, empfehle ich, sich die folgende Audioaufnahme mit einer Länge von gut 4 Minuten erst einmal anzuhören, bevor man weiter liest.

Ich will es im Folgenden kurz nacherzählen, um auf meine Punkt zu kommen. Bruce Springsteen erzählt hier von den 60er Jahren, die Zeit in der er ein Teenager war. Und diese Zeit war in vielen Fällen geprägt von Konflikten und Auseinandersetzungen dieser Jugendlichen mit ihren Eltern und insbesondere mit den Vätern. Den Vätern gefiel oft vieles nicht an ihren Sprösslingen. Die langen Haare, die auch bei den jungen Männern Mode wurden, die Jeans-Kleidung, die Musik, die sie hörten und ihre politischen Einstellungen wie zum Beispiel eben auch die empörte Ablehnung des Vietnamkrieges durch die jüngere Generation.

Jedenfalls, so die Erzählung durch Bruce Springsteen, war es nicht nur so, dass sie jeden Abend den Vietnamkrieg im Fernsehen hatten. Er hatte auch jeden Abend Streit mit seinem Vater. Und in diesem Zusammenhang äußerte der Vater dann gelegentlich, er könne es gar nicht erwarten, bis Bruce zur Armee müsste. In der Armee würden sie ihm schon die Flausen austreiben und einen richtigen Mann aus ihm machen – und ihm die Haare schneiden, natürlich.

Nun war der Vietnamkrieg zumindest für die männlichen Heranwachsenden in der Zeit nicht nur etwas, was man im Fernsehen sieht. Es war eine reale nahe Zukunft. Damals gab es Wehrpflicht in den USA und viele junge Männer wurden mit gerade 18 Jahren eingezogen und zum Kriegsschauplatz Vietnam verbracht. Bruce Springsteen schildert das so, dass er es bei vielen jungen Männern in der Nachbarschaft beobachtet hat. Eines Tages waren sie bei den US-Streitkräften und nicht mehr da. Und, so sagt er, vielen kamen nicht mehr zurück. Und von denen, die zurückkamen, waren viele danach nicht mehr dieselben, hatten sich sehr verändert. Wie gesagt: Dieser Krieg im Fernsehen war keine Geschehen weit weg, sondern die mögliche Realität in der nahen Zukunft für die männlichen Heranwachsenden.
Und in dieser Situation wünscht sich sein Vater offenbar nicht sehnlicher, als das es für ihn, also den Sohn, möglichst bald so weit sein möge.

Und eines Tages ist es soweit. Er erhält seinen Musterungsbefehl. Er verlässt das elterliche Haus und treibt sich auf der Straße mit seinen gleichaltrigen Kumpels herum. Und alle haben Bammel. Die nächsten drei Tage bis zum Musterungstermin geht er nicht mehr nach Hause. Es wird wenig geschlafen, wahrscheinlich auch viel Alkohol und andere Drogen konsumiert in seiner Gruppe. Und die Frage ist: Was können wir tun, um nicht nach Vietnam zu müssen.

Nach der Musterung kommt er wieder nach Hause, nach dem er für drei Tage abwesend war, ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne dass seine Eltern wussten, wo er war. Natürlich müssen wir annehmen, dass die Eltern in großer Sorge waren. Und zu Hause trifft er als erstes seinen Vater in der Küche. Es entwickelt sich das folgende kurze Gespräch:

Der Vater fragt: „Wo bist du gewesen?“
Der Sohn antwortet: „Ich war zu meinem Musterungstermin“.
Darauf der Vater: „Wie ist es ausgegangen?“
Der Sohn: „Sie haben mich nicht genommen.“
Darauf der Vater: „Das ist gut.“

Und hier ist sie: Die Vaterliebe. In diesem einfachen und kurzen Satz („that’s good“). Die ganzen Konflikte und Streitereien, der Wunsch, der Sohn möge möglichst bald zur Armee und damit in den Krieg müssen („I can’t wait till the army gets you!“), das spielt alles keine Rolle mehr, erweist sich als oberflächliches Geplänkel. In dem Moment, wo es konkret wird, bricht sie durch, ursprüngliche Liebe, hier die Liebe des Vaters zu seinem Sohn.

In Aufstellungen und auch hier in diesem Blog geht es oft um diese ursprüngliche Liebe und wie sie wieder in Fließen kommt, da wo sie blockiert ist. Und genau das passiert hier in dieser Geschichte. Mit drei einfachen Worten.

Für mich ist diese Geschichte eine Illustration für die Behauptung, dass diese ursprüngliche Liebe immer da ist, immer existiert, egal wie wenig es danach aussieht und egal, wie verschüttet sie erscheinen mag. Und wenn sie zu Tage tritt, ist es ein bewegendes Erlebnis.

 

 


PS: Um dem erwähnten Song („War“) auch Genüge zu tun: Hier ist eine Live-Aufnahme von 1985 mit ein wenig zeitgeschichtlicher Einrahmung: