Kannst du Frieden machen?

Der vorletzte Blogbeitrag vom Februar 2022 handelte vom Krieg und seinen langen Folgen, auch Generationen später noch. Und er schloss mit der etwas spekulativen Überlegung, die Kriege, welche wir in der äußeren Welt erleben, könnten auch etwas mit einem Krieg – oder sagen wir besser: mit dem fehlenden Frieden – in uns selber zu tun haben. Ich möchte hier diesem Gedanken etwas näher nachgehen.

Der Wille zur Vernichtung

Ein wesentliches Merkmal des Krieges ist der Wille zur Vernichtung. Es werden Menschen, Landschaften, Gebäude, Infrastruktur usw. vernichtet. Das ist das Ziel. Woher speist sich der Vernichtungswille, der sich hier Bahn bricht? An seinem Urgrund steht (auch) unsere Biologie als Säugetiere. Der Wille zur Vernichtung hängt zusammen mit biologisch tief liegenden Reflexen, mit der unwillkürlichen Antwort auf eine unmittelbare Bedrohung des Lebens durch Flucht oder Angriff. In dieser Hinsicht dient der „Angriff oder Flucht“-Reflex dem Leben, dem Überleben. Durch Flucht entziehe ich mich dem Vernichtungswillen eines anderen Lebewesens (sei es der Säbelzahntiger oder die meinem Stamm gegenüber fremde Horde). Durch Angriff und Vernichtung des Angreifers beende ich die Gefahr für mein Leben.

Wir können also diesen Willen zur Vernichtung nicht einfach nur schlecht nennen. An der Basis dient er dem Leben. In höchster Not kann der Einzelne diesen Kräften kaum entrinnen.

In der Entwicklung der Menschheitsgeschichte wurde der Mensch sesshaft. Er entwickelte Kultur und Zivilisation, die ursprünglichen und archaischen Verhältnisse unmittelbarer Gewalt wurden durch Gesetze und Regelungen sowie das staatliche Gewaltmonopol eingehegt.
Ist der Wille zur Vernichtung damit verschwunden? Wir können beobachten, dass der Wille zur Vernichtung sich unter solchen Verhältnissen eher verschiebt auf andere Ebenen der Auseinandersetzung. Wir können hier an den Streit um politische, wissenschaftliche, religiöse oder allgemein ideologische Meinungen denken. Hier gibt es natürlich auch immer eine Ebene des Suchens nach der besten Lösung, des Austausches und Vergleichens von Ideen. Es passiert aber sehr schnell, dass diese Ebene verlassen wird und der ideologische Kampf über persönliche Diffamierung, Ausgrenzung, Verleumdung usw. geführt wird. Auch hier wirkt der Wille zur Vernichtung, wenn auch weniger blutig, weniger in der Form unmittelbarer Gewalt.

Das gute Gewissen, dass zu schlimmen Taten führt

Es wirkt hier auch noch etwas Anderes. Sowohl in den wirklichen Kriegen wie auch in den im übertragenen Sinne Kriegen der Ideologien wirkt bei den Beteiligten ein gutes Gewissen. Dieses Gewissen ist ein Gruppengewissen. Der Kampf gegen den Feind sichert mir meine Zugehörigkeit zu meiner Gruppe. Alles was meine Zugehörigkeit zu meiner Gruppe sichert, gibt mir das gute Gefühl, dazu gehören zu dürfen. Das ist der Kern des guten Gewissens.

In meiner Gruppe, sei es als Nation in einem Krieg, als Partei in einem Bürgerkrieg oder auch als Kombattant in einer ideologischen Auseinandersetzung fühle ich mich im Recht. Ich fühle mich der Gegenseite gegenüber überlegen. Ich bin besser als der Andere, wir sind besser als die andere Gruppe. Daher ist alles, was ich ihnen– individuell und kollektiv – antue, gerechtfertigt. Es ist gerecht. Ich tue es mit gutem Gewissen. So wird die Gerechtigkeit als Pferd vor den Karren des Vernichtungswillens gespannt, wie Bert Hellinger es einmal ausgedrückt hat. Mein gutes Gewissen (was eigentlich nur das Recht auf Zugehörigkeit bedeutet) ist heilig. Und so werden die heiligen Kriege geführt. Die Kriege auf den Schlachtfeldern und die Kriege auf den Feldern der Ideologien.

Kriegspropaganda

Jeder Krieg benötigt Propaganda. Sie weckt den Vernichtungswillen, stattet diesen mit einem guten Gewissen aus. Ohne dieses gute Gewissen könnten die schlimmen Taten nicht vollbracht werden, nicht in der Größenordnung, wie es in Kriegen oder auch in gewaltsamen Umstürzen und Revolutionen aber auch in ideologischen Auseinandersetzungen geschieht. Zu jedem Krieg muss die Bevölkerung erst mobilisiert werden.

Im ersten Weltkrieg spielte eine bestimmte „Erzählung“ in England eine große Rolle für diese Mobilisierung. Ja, die Armeen des damaligen deutschen Kaiserreiches sind auf dem Weg nach Frankreich in das neutrale Belgien eingefallen. Ein klarer Rechtsbruch. Aber das alleine hätte nicht ausgereicht. Es wurde in England die Meldung verbreitet, die deutschen Armeen hätten bei ihrem Durchzug durch Belgien den belgischen Kindern systematisch die Hände abgehackt. Ein Beispiel für Gräuelpropaganda. Eigentlich ist die Erzählung kaum glaubhaft. Was hätte die deutsche kaiserliche Armee davon gehabt? Welchen Vorteil in der Kriegsführung hätte sich ergeben, sich damit aufzuhalten, sinnlos und wahllos belgischen Kindern die Hände abzuhacken, wenn es darum ging, möglichst schnell nach Frankreich zu gelangen? Aus der Distanz betrachtet, wirkt die Erzählung absurd.
Aber sie wurde geglaubt, es erzielte die gewünschte Wirkung. Die Stimmung, die öffentliche Meinung in England kippte, nun war es da, das gute Gewissen, mit welchem dieser Krieg geführt werden konnte. Was kann schlecht daran sein, solche Barbaren vernichten zu wollen, die unschuldigen Kindern die Hände abhacken?

In neuerer Zeit erlebten wir etwas Ähnliches mit der sogenannten „Brutkastenlüge“. Sie ermöglichte in den USA die Zustimmung zum Krieg gegen den Irak 1991. Ohne sie wäre dieser Krieg innenpolitisch kaum durchsetzbar gewesen.

Aktuell erleben wir den Krieg in der Ukraine, in den wir zunehmend zu Beteiligten werden über Waffenlieferungen, finanzielle und logistische Unterstützung. Weil wir beteiligt sind, läuft dieser Krieg nicht so unterhalb der Wahrnehmungschwelle für uns ab wie z.B. der Krieg im Jemen, der seit Jahren tobt, von dem aber nur wenige überhaupt jemals gehört haben dürften.
Ich meine, wir tun gut daran, jegliche Meldung über das Kriegsgeschehen von jeglicher Seite erst einmal unter Propagandavorbehalt zu stellen. Wenn wir bei jeder Meldung denken, es könnte so sein, es könnte aber auch reine Propaganda sein, ist unser Empörungsbereitschaft vielleicht nicht so leicht zu bewirtschaften, unser Vernichtungswille nicht so leicht zu wecken.

Kannst du Frieden machen … mit dem Krieg?

Wir könnten aber auch in der Betrachtung von Krieg und Vernichtungswillen innerlich einen Schritt zurücktreten, sozusagen das größere Bild ins Auge fassen. Ich hatte ja eingangs schon erwähnt, dass der Vernichtungswille, seine biologischen Grundlagen im ältesten Teil unseres Nervensystems, durchaus lebensförderlich sind. Diese Impulse dienen, der ursprünglichen Intention nach, dem Leben, dem Überleben.

Es könnte sich der Gedanke einstellen, dass auch Krieg und Vernichtungswille sich aus einem größeren Feld speist, einer Art übergreifendem Feld, welches eher geistiger Natur ist. Im Familienstellen erleben wir immer wieder das wirksame Feld der Herkunft, der Familie und der Sippe, welches meist unbewusst durch uns wirkt, im Guten wie im nicht so Guten. Und hier ist die Erfahrung, dass wir die negativen Wirkungen nur wenden können, wenn wir die Kräfte, die hier wirken, anerkennen. Dann zeigt sich mitunter eine gute Lösung. Solange wir diese Kräfte oder überhaupt dieses Feld, in das wir eingebunden sind, entweder bekämpfen oder nicht wahrhaben wollen, ist die gute Lösung meist versperrt.

Könnte dies auch für den Krieg gelten? Das wir ihn anerkennen müssen, als wirksame Kraft in einem größeren Feld, damit Frieden entstehen kann? Betrachten wir einmal andere Bereiche, in denen oft von einem „Krieg“ in übertragenem Sinne geredet wird. Der US-Präsident Richard Nixon hat in seiner zweiten Amtszeit den „Krieg gegen die Drogen“ ausgerufen. Und seit dem wird dieser Krieg gegen die Drogen durch verschiedenste staatliche Instanzen geführt. Mit welcher Wirkung? Seite einigen Jahren gibt es in den USA einen Opiatemissbrauch in einer Größenordnung, die alles bisher Gekannte in den Schatten stellt. Seit Jahrzehenten befindet sich die westliche Medizin mit großem Aufwand im Kampf gegen Krebs, auch hier wird manchmal von einem Krieg gegen den Krebs gesprochen. Mit welchem Resultat? Die Krebserkrankungen nehmen zu.
Erlöst und hier der Vernichtungswille? Würde die Anerkennung des Feindes, dass es ihn gibt und dass er dazu gehört, andere und bessere Lösungen eröffnen?

Wie geht es mir mit dieser Frage, kann ich mit dem Krieg meinen Frieden machen? Die Antwort ist: Mir fällt es schwer. Aber was ich auch bemerke: Wenn es mir gelingt, die Kriegführenden, die Soldaten, die Befehlshaber, die Entscheider und Initiatoren der Kriege als Menschen zu sehen, die in einem größeren Feld sich bewegen, geführt von Kräften, um die sie allenfalls ansatzweise wissen – in diesen Momenten gelingt es mir, sie in mein Wohlwollen einzuschließen. Ich stelle mir diese Menschen vor – und will Ihnen wohl. Ich nehme sie in den Blick, in meiner Vorstellung, ich nehme sie in mein Herz, unabhängig von ihren Taten, egal auf welcher Seite. Und dann wird in mir etwas friedlicher. Diese Haltung gelingt mir nicht, solange ich denke, diesen Krieg sollte es nicht geben, dass es seine Betreiber nicht geben sollte.

Kannst du Frieden machen mit dem Krieg in dir?

Gehen wir vielleicht noch etwas weiter nach innen in der Betrachtung. Wie sieht es mit dem Krieg in meinem inneren aus, mit meinem inneren Feind?

Viele Menschen kämpfen mit Seiten und Anteilen von sich selbst. Manche bekämpfen mit Eifer und rigider Verhaltenskontrolle gegen jedes Gramm Bauchspeck. Andere bekämpfen in sich eine Sucht. Oder eine Erkrankung, beispielsweise eine Krebserkrankung. Wieder andere hadern mit ihrer Faulheit oder mit ihrem mangelnden Ehrgeiz. Was auch immer es im Einzelnen sein mag: Diese inneren Kämpfe, der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“, tragen sie nicht auch die Insignien des Vernichtungswillens? Irgendetwas sollte es am besten nicht geben, es soll verschwinden, es soll „mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ werden.

Welche Erfolge erzielen wir in diesen Kämpfen? Und welche Misserfolge? Macht es uns friedlicher, wenn wir diejenigen Anteile und Bestrebungen in uns, die wir gerne „weg machen“ würden, zumindest anerkennen? Wenn wir sehen, dass sie da sind? Wenn wir uns vielleicht diesen inneren Anteilen sogar aufmerksam zuwenden, mit Interesse? Mit dem Wunsch, sie wirklich kennen zu lernen, statt ihnen das Existenzrecht abzusprechen?

Wäre die Welt – und auch das geistige Feld, dem wir angehören – friedlicher, wenn wir den Krieg in uns selber befrieden könnten?

Die Kraft, die aus dem Schweren und dem Leid kommen kann

Manche Menschen sind mit einem schweren Schicksal geschlagen, wie man so sagt. Dies kann eine schwere Erkrankung oder Behinderung sein. Oder das Erleben von Anfeindung und Verfolgung als teil einer ethnischen Minderheit. Oder jemand wird – ohne eigenes Zutun oder Verschulden – Opfer einer Gewalttat. Oder jemand wird von einem Naturereignis wie einem Vulkanausbruch oder einer Flut erfasst und verliert sein Heim, sein Gut und seine wirtschaftliche Existenz. Oder jemandem widerfährt ein schweres Unrecht, dass ungesühnt und ohne Ausgleich bleibt. Ich könnte die Liste möglicher schwerer Lebensumstände hier noch länger fortsetzen.

Was passiert mit einem solchen Menschen? Natürlich sind die Reaktionen darauf sehr individuell, je nach Persönlichkeit, Naturell und Temperament. Aber in vielen Fällen wirken sich diese schicksalhaften Begebenheiten beschwerend und einschränkend auf die betroffenen Personen aus, Menschen leiden und sind am vollen Lebensvollzug gehindert. Es gibt jedoch auch das Gegenteil, dass schwierige Lebensumstände oder traumatische Erlebnisse einen Menschen zu einer besonders starken Persönlichkeit formen, zu einem Menschen, der in einer besonderen Weise in sich und im Sein ruht und verankert ist. Oft strahlen solche Menschen eine besondere Güte, Weisheit und Zugewandtheit aus.

Das Gefühl der Stimmigkeit

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky beschäftigte sich mit der Gesundheit (in einem weiten Sinn, also nicht nur körperlich sondern auch seelisch, psychisch und geistig) unter anderem von Überlebenden der Konzentrationslager des Nationalsozialismus. Es zeigte sich, wie zu erwarten war, dass ein Teil dieser Menschen traumatisch belastet war während dagegen ein anderer Teil nicht nur einfach „gesund“, sondern gerade besonders ausgeprägt gut im Leben verwurzelt waren, das Leben besonders freudvoll und sinnvoll erlebten. Antonovsky interessierte sich dann besonders für diese zweite Gruppe. Was macht hier den Unterschied? Und die Antwort, die er fand: Diese Menschen hatten – nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer schweren Schicksale – etwas, was er „sense of coherence“ nannte. Es handelt sich hier um ein Gefühl, oder wörtlich um einen Sinn dafür, dass in diesen Beschwernissen des eigenen Lebens ein tieferer Sinn verborgen liegt, den man vielleicht nicht immer benennen kann, der aber empfunden werden kann.

Ähnlich entwickelte der Psychiater Viktor Frankl, selber Überlebender mehrerer Konzentrationslager, während der größte Teil seiner Familie in Konzentrationslagern ermordet wurde, aus dieser Erfahrung heraus die sog. Logotherapie[1]. Auch hier geht es zentral darum, dass der Mensch durch die Erfahrung von Leid, Schuld und Schicksal hindurch einen tieferen Sinn, ja vielleicht auch so etwas wie einen persönlichen inneren Auftrag entdecken kann.

Und tatsächlich kann man oft beobachten, dass Menschen mit einem schweren Schicksal, wenn sie es gut verarbeitet haben, ein größeres seelisches Gewicht haben. Und wenn man sie vergleicht mit Menschen, die ein leichtes und von schicksalhaften Ereignissen unbeschwertes Leben hatten, dann wirken Letztere wie seelische „Leichtgewichte“, auf der seelischen Ebene ist da weniger Substanz.

Es erscheint paradox, aber es scheint so, dass unser Gefühl für Stimmigkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens gerade dann besonders gestärkt kann, wenn die Sinnhaftigkeit durch Schicksal einmal verloren gegangen und maximal erschüttert wurde, dann aber wieder gefunden werden konnte. Ein persönlicher Sinn im Leben kann gerade durch den vorübergehenden Verlust danach besonders deutlich vernehmbar in uns wirken.

Das Anlehnen an schicksalshafte Ereignisse

Das erste ;al stieß ich im Rahmen einer Aufstellung auf diesen Prozess bei einem Mann mit einer schweren und sehr einschränkenden chronischen Erkrankung. Ich habe dann die Krankheit aufgestellt, zunächst in dem vagen Impuls, diesem Mann die Krankheit gegenüber zu stellen und vielleicht auch die Krankheit eine bestimmten Satz sagen zu lassen. Aber schon beim Hereinführen der Stellvertreterperson in das Feld wurde deutlich, der Platz gegenüber ist nicht passend, die Krankheit musste hinter die Person gestellt werden. Und dann entwickelte sich die Aufstellung – ohne Worte – so, dass die Krankheit noch näher an diesen Mann heranging, bis sie unmittelbar hinter ihm stand. Als der Mann die Krankheit hinter sich fühlte, lehnte er sich ein wenig zurück. Er lehnte sich leicht an die Krankheit an. Dann tat er ein paar tiefe Atemzüge, seufzte – und plötzlich wurden sein Antlitz, seine Gesichtszüge, friedlich. Er war im Frieden, angelehnt an seine Krankheit.

Ähnliche Bewegungen habe ich dann später auch in anderen Aufstellungen beobachten können, etwa bei sexuellem Missbrauch, wenn der Missbrauch (nicht etwas der Täter!) aufgestellt wurde.

Wir verstehen es nicht wirklich, aber es scheint so zu sein, dass ein schweres Schicksal eine besondere Kraft vermitteln kann, wenn ich mich diesem Schicksal anvertraue, mit an es anlehne. Dann kann es eine segensreiche Wirkung haben, allerdings unter Verzicht auf jegliches sich Beklagen über dieses Schicksal.

Bert Hellinger hat einmal mit einer querschnittsgelähmten Frau im Rollstuhl gearbeitet, die sehr verbittert über ihre Querschnittlähmung war. Er hat sie dann aufgefordert, einmal die Augen zu schließen und ihr gesamtes Leben mit der Querschnittlähmung noch einmal innerlich zu betrachten. Nach einer Weile, nachdem sie damit durch war, schlug er ihr vor, noch einmal die Augen zu schließen und sich ihr Leben ohne die Querschnittlähmung vorzustellen, es vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Dann stellte er die Frage: „Welches der beiden Leben ist kostbarer?“
Die Frau reagierte zunächst mit Widerwillen auf diese Frage, dann ließ sie sich aber darauf ein. In ihrem Gesicht war eine zeitlang ein innerer Kampf zu beobachten. Dann sagte sie: „Dieses Leben ist kostbarer“ und die Augen strahlten dabei.

[1] Abgeleitet von „Logos“, einem Wort aus dem Altgriechischen, dass in etwa „göttliche Vernunft“ oder „umfassender Sinn“ bezeichnet.

Von den langen Folgen des Krieges

Kürzlich hörte ich von einem Heilpraktiker, der im Bereich der Energie- und Informationsmedizin arbeitet, eine Fallgeschichte. Es ging um einen jungen Mann, dessen Gesicht durch eine extreme Form von Akne regelrecht entstellt war. Alle medizinischen Bemühungen waren erfolglos und er war verzweifelt und trug sich mit Suizidgedanken.

Der Heilpraktiker fragte nach seiner Familiengeschichte und es fiel ihm auf, dass bei der Erwähnung des einen Großvaters die Stimme des jungen Mannes verändert war. Er frage nach und erhielt zur Antwort, über diesen Großvater wüsste er wenig, er habe ihn nicht kennen gelernt, der Großvater sei im zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen. Der Heilpraktiker trug ihm auf, sich in der Familie nach diesem Großvater und seinem Schicksal zu erkundigen. Es stellte sich heraus, dass dieser Großvater getötet wurde, als ihm ein Schrapnellgeschoss buchstäblich das Gesicht zerfetzte.

Hier war nun eine offensichtliche Verbindung zur Akne des jungen Mannes, welche sein Gesicht verunstaltete. Im Rahmen der Behandlung kam der junge Mann mit dem Großvater in Verbindung, er träumte von ihm und seinem Tod, trauerte und weinte um ihn. Innerhalb von zwei Monaten heilte die Akneerkrankung aus.

Dies ist ein besonders dramatisches und illustratives Beispiel dafür wie Krieg und andere schicksalshafte Ereignisse sich in folgenden Generationen auswirken können. Es muss nicht immer (und tut es meist auch nicht) diese Dramatik und diese lebhaft-bildliche Erscheinungsform annehmen. Häufiger wirk es sich eher in einem grundlegenden Lebensgefühl der Nachgeborenen aus. Aber dieses Phänomen, dass die Schicksale der Vorfahren in den Nachgeborenen weiterleben, sieht man im Familienstellen recht häufig. Ebenso ist es nicht untypisch, dass in der Auswirkung eine oder zwei Generationen übersprungen werden.

Bert Hellinger hat dies immer so interpretiert, dass die Nachgeborenen von einem größeren seelischem Prozess erfasst werden, den wir bestenfalls ansatzweise verstehen, mit dem Ziel, an die schweren Schicksale in der Herkunftsfamilie zu erinnern, wenn sie vergessen oder nicht gewürdigt sind. Er sprach in diesen Zusammenhängen oft in der Formulierung, hier nähme die „große Seele“ jemanden „in Dienst“ um etwas sonst Verborgenes sichtbar zu machen.

Man möchte meinen, dies sei aber nicht gerecht. Womit hat etwa der junge Mann mit der extremen Akne es „verdient“, hier zum Erinnerungsträger zu werden? Er trägt ja keine persönliche Verantwortung am damaligen Geschehen.
Solche Fragen führen meines Erachtens nach in die Irre. Warum hier bestimmte Familienmitglieder ausgewählt werden, warum es in der Enkelgeneration auftritt und nicht etwa in der Kindergeneration, all dies sind müßige Fragen, die versuchen, eines großen Mysteriums in erklärender Weise habhaft zu werden. Dieser Versuch scheitert, es bleibt ein Mysterium. Und vor der Größe des Mysteriums können wir uns nur verneigen. Und wir können, im kleinen und beschränkten menschlichem Rahmen, uns um Heilung bemühen. Die Heilung bedeutet eigentlich immer die Anerkennung des Schicksals, so wie es war. Und die Trauer um die davon Betroffenen. Wenn wir uns davon anrühren lassen, kann etwas heilen.

Die Aktualität des Krieges

Ich schreibe diesen Beitrag zu einer Zeit, in welcher der Krieg in seiner Realität wieder näher in unser alltägliches Bewusstsein rückt. Nicht, dass der Krieg vorher tatsächlich abwesend gewesen wäre. Er klopft lediglich vernehmlich an die Türen unseres Bewusstseins durch die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine.

Derzeit wissen wir nicht, welches Eskalationspotential hier besteht. Aber wir sind mit der Realität des Krieges konfrontiert, es ist nicht mehr irgendwo weit weg, etwas was in den Nachrichten wenn überhaupt, dann nur am Rande aufscheint.

Sicher ist eines: Dieser Krieg wird viel Leid verursachen. Er wird Tote, Verletzte, Verstümmelte zur Folge haben. Er wird Lücken in Familien reißen und Lebensgrundlagen zerstören. Das ist die unmittelbare Folge des Krieges. Und er wird auch noch in die nächsten Generationen hinein wirken, auch dies ist bereits jetzt sicher.

Goethe lässt im Faust im Rahmen der Osterspaziergangsszene, die ja insgesamt von der Lust am Leben geprägt ist („zufrieden jauchzet Groß und Klein / hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“) einen Bürger sagen:

„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus.“

Diese naiv-unbefangene Haltung dem Krieg gegenüber, den es ganz weit weg irgendwie und irgendwo noch gibt, mit dem wir aber nichts zu tun haben, ist aktuell kaum mehr möglich. Sie, diese Ansicht, war immer eine Illusion.

Der Krieg und der Frieden in uns

Ich möchte einen etwas verwegenen Gedanken anfügen. Leo Tolstoi wird das Zitat zugeschrieben: „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben.“ Er meint damit: Die Art, wie wir mit anderen empfindungsfähigen Geschöpfen umgehen, prägt die Art, wie wir untereinander umgehen.

In einem ähnlichem Sinne scheint mir: Solange wie wir Kriege in unserem Inneren führen, wird es auch im Äußeren Kriege geben. Und den Krieg im Inneren führen wir, in unterschiedlicher Intensität und Abstufung, immer dann, wenn wir irgendetwas an uns nicht haben wollen, nicht wahr haben wollen, weg bekommen möchten. Viele Bemühungen um „Selbstverbesserung“ nehmen mitunter diese Form an, dass Krieg gegen einen Teil in mir geführt wird, mit geringem langfristigem Erfolg.

Ich weiß nicht, ob es wirklich so stimmt. Aber doch scheint es mir: Wenn wir es schaffen würden, uns mit uns selber zu versöhnen, mit allen Anteilen in uns, auch mit dem Schatten und dem Feind in uns, dann wäre die Chance auf Frieden in den äußeren Verhältnissen größer. Dies aber ist ein lebenslanges Unterfangen. Wir könnten die Kriege im Außen als Erinnerung daran nehmen.

Was eine Aufstellung nicht kann (und was man auch nicht versuchen sollte)

Vor einigen Jahren hatte ich ein Erlebnis, als jemand über eine Aufstellung erzählte, welches mich unangenehm berührte. Eine Frau berichtete, sie vermisste ein bestimmtes Schmuckstück, dass neben dem materiellen Wert einen noch viel größeren ideellen Wert als Erbstück darstellte. Und sie hatte nun ihre polnische Putzfrau im Verdacht, dieses Schmuckstück entwendet zu haben. Sie berichtete, sie habe zu dieser Frage eine Aufstellung durchführen lassen, um Gewissheit über diesen Verdacht zu erhalten. Ich war –  so erinnere ich noch lebhaft – milde schockiert. Schockiert einerseits, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, ein solches Anliegen an eine Aufstellung heranzutragen aber noch mehr, weil die Leiterin oder der Leiter dieser Aufstellungsveranstaltung das Anliegen nicht rundweg abgelehnt hat.

Es war zunächst einmal ein starkes, ein eindeutiges Gefühl, dass die Klärung eines strafrechtlichen Vorwurfes nichts in einer Aufstellung zu suchen hätte. Etwas schwieriger gestaltet es sich schon, stringent zu begründen, warum nicht. Aber genau dies will ich in diesem Beitrag versuchen.

Zunächst einmal geht es in (Familien)aufstellungen um seelische Bewegungen und Kräfte, Dynamiken. Diese seelischen Bewegungen haben meist mit der Bindung an und der Zugehörigkeit zu für uns wichtigen Personen, besonders aus unserem Herkunftssystem, zu tun. Die seelischen Kräfte und Dynamiken die über eine Aufstellung sichtbar gemacht werden können, dienen der Liebe zwischen den Beteiligten und der Würdigung aller, die dazu gehören – unabhängig von ihren Taten.

Zwar erweisen sich oft die Wahrnehmungen der Stellvertreter in einer Aufstellung als erstaunlich „hellsichtig“ in der Weise, dass die Anliegengeber vielleicht sagen „ja, genau in diesem Tonfall hat der Onkel Otto immer geredet“ oder „das war exakt die Körperhaltung von meiner Großmutter mütterlicherseits“. Aber es kann noch dramatischer sein. Ich habe es einmal in einer Aufstellung erlebt, dass eine Teilnehmerin der Stellvertretung für eine Vorfahrin plötzlich in Atemnot geriet und sich dem Ersticken nahe fühlte, sie hatte sichtbar Mühe, Luft zu holen. Erst später stellte sich heraus, dass die Person, für die sie stand, als Flüchtling auf der MS Gustloff in der Endphase des zweiten Weltkrieges mit diesem Schiff untergegangen und (vermutlich) ertrunken ist.

Solche sehr dramatische Erlebnisse sind zwar selten, kommen aber vor. Und dies hat offenbar bei manchen Menschen die Vorstellung erzeugt, Aufstellungen hätten eine „orakelhafte“ Qualität, man könne damit Vorgänge beobachten, bei denen man räumlich und zeitlich nicht anwesend war.
Meiner Erfahrung nach haben Aufstellungen diese Qualität nicht. Sie erlauben zwar manchmal einen Blick „hinter den Schleier“ aber nur in so weit, wie es wirklich dem seelischem Anliegen dient. Im Fall der vermutlich mit dem Untergang der MS Gustloff untergegangen Ahnin diente die Dramatik der Situation der Würdigung des schweren Schicksals und hatte in diesem Zusammenhang eine seelische Funktion für die Person, für welche die Aufstellung durchgeführt wurde.

Die Seele interessiert sich – wenn man  einmal so von ihr reden wollte, als wäre sie eine Person – durchaus dafür, dass vergangen Personen und ihre Schicksale nicht vergessen werden. Sie interessiert sich aber dagegen sehr wenig für Besitz und Eigentum an sich. Die Seele interessiert sich also nicht dafür, ob eine bestimmte Person tatsächlich mein Schmuckstück entwendet hat, um auf das Eingangsbeispiel zurückzukommen. Sie würde sich aber wahrscheinlich schon dafür interessieren, welche Beziehung ich zur Erblasserin des Schmuckstücks hatte, was diese Person für mich bedeutet hat und dergleichen. Auf solche Fragen würde man in einer Aufstellung Hinweise bekommen, aber nicht auf die Frage, ob sich jemand dieses Schmuckstück angeeignet hatte und wenn ja, wer?

Um noch ein anderes, hier jetzt gedanklich konstruiertes Beispiel zu bemühen: Nehmen wir an, eine Ehefrau hat den Verdacht, dass ihr Ehemann eine uneheliche sexuelle Beziehung zur Nachbarin unterhält. Könnte man so etwas aufstellen? Ja, könnte man. Aber nicht mit dem Ziel, danach zu wissen, ob der Verdacht richtig ist oder nicht. Es könnte sein, dass sich in der Aufstellung herausstellt, die Frau steht innerlich treu zu ihrer Mutter und ihrer Großmutter, die beide von ihren Ehemännern betrogen wurden. Dies wäre hier das entscheidende seelische Phänomen, diese Verbindung zu voran gegangen Frauen, denen sie ihre Existenz verdankt.

Diese Verbindung, diese Treue, dieses sich innerlich (wenn auch völlig unbewusst) sagen „ich mache es wie du“ oder auch in der Variante „ich mache es für dich“, ist auf der seelischen Ebene von Interesse. Ob die fragliche Frau nun die Tradition fortsetzt, in dem sie genau wie ihre Vorgängerinnen sich einen Ehemann aussucht, der tatsächlich untreu ist oder zumindest Anlass zum Verdacht bietet? Oder ob die fragliche Frau hier eher stellvertretend für z.B. ihre Mutter handelt, in dem sie die Vorwürfe, die seitens der Mutter an den Vater angemessen wären, sozusagen stellvertretend an ihren Ehemann richtet? Für solche Fragen könnte man in einer Aufstellung durchaus Hinweise gewinnen. Aber nicht für die Frage: Ist mein Verdacht wirklich berechtigt? Hat er also oder hat er nicht? Beide seelischen Dynamiken können in unserer gedachten Frau wirken – und zwar sowohl wenn ihr Ehemann tatsächlich untreu sein sollte wie auch wenn er es nicht wäre. Auf diese Frage, bekommen wir in der Aufstellung keine Antwort.

Aus meiner Sicht ist das auch gut so. Aufstellungen können dazu beitragen, mich aus unbewussten Verstrickungen mit den Schicksalen meiner Ahnen zu lösen, in dem ich diese Schicksale anerkenne und würdige und damit frei werde, für den eigenen Lebensvollzug.
Zu diesem eigenen Lebensvollzug würde es im (ausgedachten) Beispiel dann eben auch gehören, dass die Frau ihren Mut zusammen nimmt und mit ihrem Mann spricht über ihren Verdacht und über die Hinweise, die sie wahrnimmt oder meint wahrzunehmen. Mit offenen Ausgang. Das kann und soll eine Aufstellung niemandem abnehmen.

Das Neue

Dieser Blogbeitrag ist geschrieben in der Zeit „zwischen den Jahren“, wie man sagt, also in der Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester. Es ist dies eine Zeit, wo das neue Jahr vernehmlich vor der Tür steht und das alte Jahr schon so gut wie vergangen ist. Vielleicht ziehen wir Bilanz bezogen auf das alte Jahr und entwickeln eine Erwartung an das neue Jahr.

Das neue Jahr beginnt in unserem Kulturraum am 1. Januar. Dies ist eine recht willkürliche Setzung des gregorianischen Kalenders. Andere Kulturen haben für den Beginn des neuen Jahres andere Daten, wie etwa China, wo der Beginn des neuen Jahres zwischen dem 21. Januar und 21. Februar liegt, je nach dem, wann in dieser Zeit ein Vollmond ist.
Stimmiger in Bezug auf die Zyklen eines Jahreskreislaufes wäre sicherlich entweder die Wintersonnenwende am 21. Dezember, also die Rückkehr des Lichts nach dem dunkelsten Tag als Neujahrsbeginn zu nehmen oder den Frühlingsanfang um den 21. März, wie auch in der astrologischen Betrachtung mit dem Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen Widder ein neuer Jahreszyklus startet.

Unbeschadet der eher willkürlichen Setzung am 1. Januar wird aber doch der Beginn eines neuen Jahres als ein bedeutsamer Einschnitt und Wechsel erlebt. Mit diesem Tag beginnt etwas neues, ein neues Jahr, ein neuer Zyklus der Monate und Jahreszeiten.

Wie begegnen wir nun dem Neuen? Das Neue hat seinen besonderen Reiz, weil es frisch ist und noch unberührt, weil es noch offen ist für Gestaltung. In dem bekannten Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse heißt es:
         „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
         Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Was macht diesen Zauber aus? Nun, sicherlich ist es die Unverbrauchtheit, die uns im Neuen begegnet. Das Neue, so scheint es, eröffnet ein Feld von Möglichkeiten, gerade weil es noch nicht zu Ende geformt und somit festgelegt ist, sondern offen. So wie bei einem neugeborenen Kind zwar nicht alles, aber doch vieles noch offen ist bezüglich seines Lebensweges.

Und wie begrüßen wir am Besten einen neuen Menschen, ein neues Erdenwesen? In dem wir es anschauen mit dem Gedanken: „Sei Willkommen!“. Sei willkommen, du Mensch unter Milliarden Menschen, von denen keiner genau so ist wie du. Sei Willkommen, du Mensch, wie es in der ganzen Menschheitsgeschichte nie einen Menschen genau so gegeben hat und auch nie wieder einen genau so geben wird. Dies wäre, so scheint mir, die angemessene Begrüßung für ein Neugeborenes aber auch für jedes Neue in unserem Leben. Mit freudiger Neugier, was aus diesem Neuen wohl erwachsen mag.

Der Abschied

Aber alles Neue ist nicht nur neu, es trägt auch die Insignien des Alten, aus dem es erwachsen ist, in sich. Der neue Baum trägt in sich das Vermächtnis des Samens eines alten Baumes, aus dem er entstand. Der neu geborene Mensch ist in allem ganz eigen und einzigartig und doch steht er auf den Schultern der Ahnen, entstand durch die Eltern mit ihrer Lebensgeschichte und Kultur und diese wiederum wurden wer sie sind durch ihre Eltern und so weiter, bis in die Tiefe der Zeit hinein. Auch ein neues Jahr, mit allem was es für uns persönlich bringen mag, erhebt sich aus dem Fluss der vergangenen Jahre und auf der Grundlage dessen, was wir in den vergangen Jahren erreicht haben. Das Neue erwächst aus dem Alten, muss dieses Alte aber auch hinter sich zurück lassen.

Und auch bei einem neuen Jahr, so scheint mir, setzt das vollständige Einswerden mit dem Zauber des Anfangs, von dem Hermann Hesse redet, einen Abschied voraus. Das Alte, hier das alte Jahr, will würdig verabschiedet werden. Wie machen wir das? Am Besten mit einem Dank, mit Dankbarkeit. Dankbarkeit all dem gegenüber, was gut war im alten Jahr, was uns genährt, geschützt und genützt hat. Aber auch in Dankbarkeit den Schwierigkeiten, Herausforderungen und Niederlagen gegenüber. Auch sie haben uns geformt zu der Person, die wir jetzt sind. Und gleichzeitig verabschieden wir uns – nach Möglichkeit – mit leichtem Herzen, um uns dem Neuen ganz zuwenden zu können. Bei Hesse heißt es in dem angesprochenen Gedicht ein paar Zeilen vorher:
         „Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe      
         Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,  
         Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern      
         In andre, neue Bindungen zu geben.“

Diese Spannung zwischen Abschied und Neubeginn wohnt aber natürlich nicht nur dem Jahreswechsel inne. Genau genommen ist es der Rhythmus des Lebens selber, der in jedem Augenblick, genau betrachtet mit jedem Atemzug, von diesem Zusammenhang von Abschied und Neubeginn geprägt ist. Mit jedem Ausatmen verabschieden wir einen bis dahin noch gegenwärtigen Moment, der damit zur Vergangenheit wird, um mit dem nächsten Atemzug des Einatmens dem nächsten gegenwärtigen Moment zu begegnen, sich in seine „neue Bindungen zu geben“, wie es bei Hesse heißt. Dies scheint mir die eigentliche Bedeutung der Lehre vom Leben im großen JETZT zu sein. Was war ist Vergangenheit und nur noch Geschichte, war wird ist ein Rätsel. Und dazwischen, in diesem kurzen Zwischenraum, leben wir. Im gegenwärtigen Moment. Immer am Berührungspunkt von Abschied und Neubeginn – in jedem Moment.

Vielleicht wäre es eine hilfreiche Übung, wenn wir es denn könnten, wenn wir zumindest jedem neuen Tag, direkt nach dem Aufwachen, so begegnen könnten, wie wir es vielleicht am Neujahrsmorgen mit dem neuen Jahr noch machen. Wir würden uns bewusst, dass dieser neue Tag frisch und noch unverbraucht ist, dass ihm der Zauber des neuen Anfangs inne wohnt.

Die Stufen (Hermann Hesse, Mai 1941)

Da das erwähnte Gedicht von Hermann Hesse mit dem Titel „Stufen“ tief in der Seele etwas anrührt, sei es hier noch einmal ganz zitiert:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es war genau so wie es war – und jetzt darf es gut sein

Dies ist der Blogbeitrag für den November 2021. Der November ist in vielerlei Hinsicht der Totenmonat. Ich hatte dies im Beitrag vom November 2018 näher erläutert und im Beitrag vom November 2019 daran anknüpfend über den Umgang mit den Toten in unserem Leben geschrieben. Hier hatte ich angeführt, dass die Begegnung mit den Toten im Rahmen einer Aufstellung in den meisten Fällen sich in drei groben Schritten vollzieht:

  1. Die Hinwendung zu den Toten
  2. Der Kontakt mit den Toten
  3. Die Abwendung von den Toten und die Zuwendung zum eigenen Lebensvollzug

In gewisser Weise gilt diese Bewegungsform nicht nur Themen, die mit den Toten zu tun haben, sondern in den meisten Aufstellungen, unabhängig vom Thema.

Wenn es etwas Belastendes aus der Vergangenheit gibt, wenden wir uns zunächst dem – meist bislang Verdrängtem – mit gesammelter Aufmerksamkeit zu. Dann gehen wir in Kontakt mit dem, was schlimm war. Und dann lassen wir es hinter uns mit der Perspektive auf die Gegenwart und die nächsten Schritte in unserem Leben.

Die Hinwendung

Ein bekannter Psychotherapeut hat einmal gesagt, die Traumata in unserem Leben oder wo etwas gefehlt hat oder nicht genug vom Nährenden oder zuviel vom Zehrenden war, führen nicht deshalb zu Unglück oder Krankheit im jetzigen Leben, weil es so war, wie es war. Sondern weil wir in unserem jetzigen Leben an den damals gebahnten Reaktionsmustern festhalten, die damals sinnvoll und oft überlebenssichernd waren, in der Gegenwart aber dysfunktional sind. Und diese alten Reaktionsmuster dienen immer der Verdrängung, was einen großen Teil der Lebensenergie kostet. Dieser Verlust der Lebensenergie macht uns krank oder unglücklich, nicht das Ereignis selber.

In der Hinwendung zu dem, was zu wenig war in dem, was nährt und nützt oder zuviel war von dem, was zehrt und schadet, verlassen wir die Verdrängung als Bewältigungsstrategie. Wir bestätigen: Es war genau so wie es war!

Der Kontakt mit dem Schlimmen

Der zweite Schritt, der häufig mit dem ersten fast zusammen fällt, ist dann, dem Erkanntem und Anerkanntem eine Wertung zu geben. Wie war es damals für mich? Wir sagen nach dem „Es war genau so“ als Nachsatz vielleicht „Und es war schlimm für mich, damals“ wenn es eben um etwas Erlebtes geht, was schlimm erlebt wurde. Das „Anerkennen was ist“ bezieht sich also nicht nur auf Tatbestände, wie sie waren, sondern wie es für mich war. Damit wird ein Gefühl erinnert und wieder aktualisiert, ein damaliger bestimmter Erregungszustand im Nervensystem. Auch dies geschieht mit der Haltung „es war genau so wie es eben war“.

Die Abwendung von der Vergangenheit

Und in einem letzen Schritt orientieren wir uns wieder in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Wir nehmen unser Leben in den Blick und den hier fälligen nächsten Schritt. Wir bemerken dabei, dass wir jetzt andere Möglichkeiten haben als damals, in der Vergangenheit. Wenn etwa das Belastende aus dem Familiensystem kam und uns als kleines Kind betroffen hat, so hatten wir damals, als kleines Kind, wenig Möglichkeiten. Kinder sind sehr stark angewiesen auf Schutz und Versorgung, je kleiner, desto mehr. Als Erwachsene haben wir andere Möglichkeiten. Wir können das Verlassen, was uns schädigt und aktiv auf das zugehen, was und nährt und nützt oder auch gegen das angehen, was uns bedroht.

Die Heilung von Traumatisierungen

Es ist nun nicht so, dass die drei beschriebenen Schritte eine Art „Rezeptur“ für eine Aufstellung sind, dass man also für die Durchführung einer Aufstellung diese drei Schritte so planen könnte. Tatsächlich geht man ja in der Leitung einer Aufstellung so vor, dass man erst einmal abwartet, was sich zeigt und dann damit arbeitet mit der Frage: Was ist hier der nächste Schritt, der getan werden will oder was ist der Satz, der gesagt werden will? Erst in der Rückschau stellt sich heraus, dass sich viele Aufstellungen in ihrem Verlauf im Nachhinein als Abfolge dieser drei groben Schritte beschreiben ließen, auch wenn dies im Moment der Durchführung einer Aufstellung nicht im Bewusstsein war.

Wir hatten gesagt, dass schwierige Bedingungen in der Vergangenheit uns in der Gegenwart Probleme machen können, nicht weil die Vergangenheit so war wie sie war, sondern weil wir in unserem Nervensystem Reaktionsmuster gebahnt haben, die damals die vielleicht einzige Möglichkeit waren, die jetzt aber hinderlich sind. Das reine Verdrängen, wie es damals war, heilt nicht. Was heilt wäre, sich dem Damals noch einmal zuzuwenden, es noch einmal in seinem spezifischen Erregungsmuster zu erleben und dabei gleichzeitig zu erleben, dass die Situation sich geändert hat, jetzt nicht mehr dieselbe ist.

Warum brauchen wir aber diese Bewegungen, uns den alten Verletzungen von damals noch einmal – erkennend und anerkennend – zuzuwenden und das alte Erregungsmuster noch einmal neu zu fühlen? Es scheint so zu sein, dass ein Umlernen in der Reaktion der alten Erregungsmuster am besten gelingt, wenn genau dieses Erregungsmuster noch einmal neu erlebt wird, jetzt aber in einem geschützten und unterstützendem Kontext, in dem Ressourcen mobilisiert werden, die ich damals nicht hatte aber ja jetzt habe. Diese Gleichzeitigkeit beider Momente, der alten Erregung im Nervensystem und der Wahrnehmung der jetzt veränderten Situation mit anderen Möglichkeiten ist der Schlüssel. Ohne die Wahrnehmung des alten Erregungsmusters bleibt es entweder bei der Verdrängung oder bei einer rein kognitiven Erinnerung, die keine Kraft hat. Ohne den zweiten Teil, in der alten Erregung die jetzige Situation mit den neuen Möglichkeiten in einem unterstützenden Setting zu erleben, droht einen Retraumatisierung. Erst beides zusammen bringt die fundamentale Veränderung.

In der Traumatherapie geht man ähnliche Wege. Auch hier geht es darum, sich die Auslöser Ereignisse in der Vergangenheit noch einmal zu vergegenwärtigen, während man gleichzeitig in dem Gewahrsein bleibt, jetzt in einer geschützten, liebevoll unterstützenden und sicheren therapeutischen Umgebung zu sein. Die Erregung des Nervensystems aus dem Damals wird also nicht vermieden, sondern in einer bewältigbaren Intensität noch einmal neu aktiviert, aber gleichzeitig wird eine andere Art des Durchlaufes durch die Erregung und ihres Abbaus im Nervensystem gebahnt in dem Bewusstsein, dass ich jetzt sicher bin und andere Möglichkeiten der Bewältigung habe.

Auch hier könnte in einer Art Kurzformel sagen: Im Kern geht es darum, gleichzeitig zu sehen spüren, dass es genau so war wie es war (und dass es schlimm und überfordernd war) und dass es jetzt anders ist. Das Schlimme darf genau so wie es war gewesen sein. Und dann darf es gewesen sein. Und jetzt darf es gut sein.

Vaterliebe

Bruce Springsteen und seine E-Street-Band hatten während ihrer Europa-Tournee in den 80er Jahren ein Stück in ihrem Programm mit dem Titel „War (What is it good for? Absolutely nothing!).“ Ein Antikriegslied. Und zur Einleitung dieses Songs hat Bruce Springsteen auf den Konzerten immer eine persönliche Geschichte erzählt darüber, wie es war in den 60ern des letzten Jahrhunderts als Teenager aufzuwachsen „with war on TV every night“, also mit den Bildern vom Vietnamkrieg im Fernsehen jeden Abend. Diese persönliche Geschichte dient natürlich als Kontext für den nachfolgenden Song im Konzert und vordergründig handelt er eben vom Krieg bzw. von einer Antikriegshaltung. Aber die Geschichte erzählt noch etwas anderes, und darauf möchte ich hier das Augenmerk legen. Die Geschichte erzählt etwas von Vaterliebe.

Für diejenigen, die des Englischen halbwegs mächtig sind, empfehle ich, sich die folgende Audioaufnahme mit einer Länge von gut 4 Minuten erst einmal anzuhören, bevor man weiter liest.

Ich will es im Folgenden kurz nacherzählen, um auf meine Punkt zu kommen. Bruce Springsteen erzählt hier von den 60er Jahren, die Zeit in der er ein Teenager war. Und diese Zeit war in vielen Fällen geprägt von Konflikten und Auseinandersetzungen dieser Jugendlichen mit ihren Eltern und insbesondere mit den Vätern. Den Vätern gefiel oft vieles nicht an ihren Sprösslingen. Die langen Haare, die auch bei den jungen Männern Mode wurden, die Jeans-Kleidung, die Musik, die sie hörten und ihre politischen Einstellungen wie zum Beispiel eben auch die empörte Ablehnung des Vietnamkrieges durch die jüngere Generation.

Jedenfalls, so die Erzählung durch Bruce Springsteen, war es nicht nur so, dass sie jeden Abend den Vietnamkrieg im Fernsehen hatten. Er hatte auch jeden Abend Streit mit seinem Vater. Und in diesem Zusammenhang äußerte der Vater dann gelegentlich, er könne es gar nicht erwarten, bis Bruce zur Armee müsste. In der Armee würden sie ihm schon die Flausen austreiben und einen richtigen Mann aus ihm machen – und ihm die Haare schneiden, natürlich.

Nun war der Vietnamkrieg zumindest für die männlichen Heranwachsenden in der Zeit nicht nur etwas, was man im Fernsehen sieht. Es war eine reale nahe Zukunft. Damals gab es Wehrpflicht in den USA und viele junge Männer wurden mit gerade 18 Jahren eingezogen und zum Kriegsschauplatz Vietnam verbracht. Bruce Springsteen schildert das so, dass er es bei vielen jungen Männern in der Nachbarschaft beobachtet hat. Eines Tages waren sie bei den US-Streitkräften und nicht mehr da. Und, so sagt er, vielen kamen nicht mehr zurück. Und von denen, die zurückkamen, waren viele danach nicht mehr dieselben, hatten sich sehr verändert. Wie gesagt: Dieser Krieg im Fernsehen war keine Geschehen weit weg, sondern die mögliche Realität in der nahen Zukunft für die männlichen Heranwachsenden.
Und in dieser Situation wünscht sich sein Vater offenbar nicht sehnlicher, als das es für ihn, also den Sohn, möglichst bald so weit sein möge.

Und eines Tages ist es soweit. Er erhält seinen Musterungsbefehl. Er verlässt das elterliche Haus und treibt sich auf der Straße mit seinen gleichaltrigen Kumpels herum. Und alle haben Bammel. Die nächsten drei Tage bis zum Musterungstermin geht er nicht mehr nach Hause. Es wird wenig geschlafen, wahrscheinlich auch viel Alkohol und andere Drogen konsumiert in seiner Gruppe. Und die Frage ist: Was können wir tun, um nicht nach Vietnam zu müssen.

Nach der Musterung kommt er wieder nach Hause, nach dem er für drei Tage abwesend war, ohne Erklärung, ohne Abschied, ohne dass seine Eltern wussten, wo er war. Natürlich müssen wir annehmen, dass die Eltern in großer Sorge waren. Und zu Hause trifft er als erstes seinen Vater in der Küche. Es entwickelt sich das folgende kurze Gespräch:

Der Vater fragt: „Wo bist du gewesen?“
Der Sohn antwortet: „Ich war zu meinem Musterungstermin“.
Darauf der Vater: „Wie ist es ausgegangen?“
Der Sohn: „Sie haben mich nicht genommen.“
Darauf der Vater: „Das ist gut.“

Und hier ist sie: Die Vaterliebe. In diesem einfachen und kurzen Satz („that’s good“). Die ganzen Konflikte und Streitereien, der Wunsch, der Sohn möge möglichst bald zur Armee und damit in den Krieg müssen („I can’t wait till the army gets you!“), das spielt alles keine Rolle mehr, erweist sich als oberflächliches Geplänkel. In dem Moment, wo es konkret wird, bricht sie durch, ursprüngliche Liebe, hier die Liebe des Vaters zu seinem Sohn.

In Aufstellungen und auch hier in diesem Blog geht es oft um diese ursprüngliche Liebe und wie sie wieder in Fließen kommt, da wo sie blockiert ist. Und genau das passiert hier in dieser Geschichte. Mit drei einfachen Worten.

Für mich ist diese Geschichte eine Illustration für die Behauptung, dass diese ursprüngliche Liebe immer da ist, immer existiert, egal wie wenig es danach aussieht und egal, wie verschüttet sie erscheinen mag. Und wenn sie zu Tage tritt, ist es ein bewegendes Erlebnis.

 

 


PS: Um dem erwähnten Song („War“) auch Genüge zu tun: Hier ist eine Live-Aufnahme von 1985 mit ein wenig zeitgeschichtlicher Einrahmung:

Geschwisterliebe

In diesem Blog geht es häufiger um die sogenannten „ursprüngliche Liebe“. Um dieses Phänomen der ursprünglichen Liebe zu verstehen, ist es notwendig, sich beim Wort Liebe eine wenig zu befreien aus unseren Idealvorstellungen der romantischen Liebe, wie sie insbesondere in der Paarbeziehung aufscheint. Die ursprüngliche Liebe meint eine noch viel solidere Form der Bindung, es geht buchstäblich um die Existenz.

Die ursprüngliche Liebe meint in erster Linie die Verbundenheit der Eltern und der Kinder. Diese Bindung ist existenziell, weil das Kind nur über die Eltern ins Leben kommt, also existiert. Dieses Band bleibt bestehen, egal was an späteren Gefühlsaufladungen überlagernd dazu kommt. Diese Sichtweise bedeutet auch, dass diese ursprüngliche Liebe immer da ist, auch wenn es eher so scheint, als sei die Beziehung durch Wut, Ablehnung, Kränkung oder Kritik geprägt. Letzteres sind aber eher sekundäre Reaktionen darauf, dass die ursprüngliche Liebe nicht frei fließen kann oder konnte.

Es gibt aber noch eine andere Form dieser ursprünglichen Liebe, die (fast) so stark sein kann wie die Verbindung zwischen Eltern und Kindern und die manchmal auch das ein wenig ersetzen kann, was vielleicht in der Beziehung zu den Eltern schmerzlich vermisst wird: Die Liebe zwischen Geschwistern.

Die negative Seite der Geschwisterliebe

Ich erinnere mich an eine Aufstellung, in der die Mutter der Fokusperson (der Person mit dem Anliegen für die Aufstellung) ganz kalt und erstarrt war. Sie war nicht seelisch zu erreichen, weder von ihren Kindern noch von ihrem Mann noch von ihrer Mutter, sie war innerlich abwesend. Auf die Frage „Ist etwas schicksalhaftes bei deiner Mutter passiert?“ gab es die Information, diese habe als Kind von vier Jahren ihren einen Jahr jüngeren Bruder bei einem Unfall verloren. Es wurde deutlich, dass diese Mutter mit ihrem toten Bruder inniglich verbunden blieb. Sie folgte ihm sozusagen innerlich nach in den Tod, obwohl sie äußerlich lebte, heiratete, Kinder bekam usw.

Diese Liebe, hier zwischen Schwester und Bruder, hatte genau die Qualität und Intensität, die wir im Rahmen der Aufstellungsarbeit als die ursprüngliche Liebe bezeichnen. Allerdings wirkte sich diese – schicksalshafte – lebenslange Bindung an den Bruder negativ aus, weil sie den Fluss der ursprüngliche Liebe zu den eigenen Kindern behinderte.

Die positive Seite der Geschwisterliebe

Auf der anderen Seite kann einen solche tiefe Geschwisterliebe sich auch hilfreich und fördernd auswirken und Prozesse ermöglichen, die einzeln vielleicht so nicht möglich sind.

So ist es in Aufstellungen oft ein kritischer, aber mitunter auch sehr schwieriger Punkt, dass die Kinder auf die Eltern zugehen, auf sie zugehen können. Manchmal scheitert diese Hinbewegung erst einmal oder gerät ins Stocken. Und hier zeigt sich in Aufstellung mitunter, dass diese Hinbewegung zusammen mit einem oder auch mit mehreren Geschwistern, die sich an der Hand nehmen und dann gemeinsam auf die Eltern zugehen, möglich ist. Dies erweist sich als unmittelbar segensreich und gleichzeitig sind die Kinder nicht vereinzelt, sondern aufgehoben und verbunden in ihrer Geschwisterreihe.

Bei solchen Szenen in einer Aufstellung kommt mir häufig das Märchen von Hänsel und Gretel in den Sinn, den beiden verlorenen und ausgesetzten Kindern, die aber immerhin noch einander haben und dadurch sowohl die Gefahren des Märchens meistern wie auch das Schicksal wenden können, so erzählt es zumindest das Märchen.

Mitunter sieht es in einer Aufstellung so aus, als ob eine solch innige Geschwisterbeziehung einen Mangel an Beziehung und emotionaler Wärme zu den Eltern lindern oder gar heilen könne. Solche Geschwister wirken dann emotional genährt und satt, auch wenn die Eltern aufgrund eigener seelischer Belastungen nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Oft findet man dieses Phänomen der Geschwisterliebe auch besonders intensiv bei Menschen, die Zwillingsgeschwister haben. Hier kann man oft beobachten in einer Aufstellung, dass ein Protagonist sich aufrichtet, in die volle Kraft und Größe kommt und einen unbefangenen Blick erhält wenn der andere Zwilling neben ihr oder ihm steht.

Wenn die Hinbewegung zu den Eltern nicht möglich ist

Jeder Mensch und allgemein jedes Lebewesen ist bedürftig. Ein Lebewesen bedarf bestimmter Dinge, um Leben zu können. Diese Dinge müssen wir nehmen. Ohne dieses Nehmen haben wir auch nichts zu geben. Unser Körper benötigt zum Beispiel Flüssigkeit und Nahrung. Diese müssen wir nehmen, wir müssen sie in uns aufnehmen. Ohne dieses Nehmen können wir nicht Geben, sind wir nicht leistungsfähig.

Wenn immer ein Bedarf, ein Bedürfnis da ist, muss zu seiner Befriedigung etwas genommen werden. Und zum Nehmen, zur Aufnahme dessen, was unser Bedürfnis stillt, müssen wir uns dort hin bewegen, wo das Bedürfnis gestillt werden kann. Es bedarf einer Hinbewegung zur Quelle, um zu nehmen.

Eine Grundtatsache, die im Familienstellen immer wieder deutlich wird, ist: Die Kinder nehmen von den Eltern. Weil die Kinder bedürftig sind und die Eltern die Quelle sind. Das ungeborene Kind im Mutterleib nimmt aus dem Körper der Mutter, uns zwar auf Gedeih und Verderb. (Wenn z.B. bei der Mutter eine Intoxikation mit Alkohol besteht, erfährt auch das Ungeboren eine solche Intoxikation. Es gibt hier für das Kind keine Wahl.) Nach der Geburt setzt die aktive Hinbewegung zur Quelle ein, die ein Bedürfnis stillen kann. Die Bewegung des Säuglings zur Mutterbrust ist eine solche ursprüngliche Hinbewegung.

Bei der Hinbewegung der Kinder zu den Eltern geht es aber nicht nur um die körperlichen Bedürfnisse. Auch im geistig-seelischen Bereich muss das Kind, um sich entwickeln zu können, nehmen von den Eltern. Dazu muss es sich auf die Eltern, die Quelle, hin bewegen, um nehmen zu können. Das ist ein aktiver, kein passiver Prozess.

Oft ist diese ursprüngliche Hinbewegung der Kinder zu den Eltern gestört. Dafür gibt es vielerlei Gründe und Ursachen, das Resultat bleibt aber gleich: Das Leben kann nicht voll von den Eltern genommen werden, so wie es von ihnen kommt und ohne Abstriche. Und dies führt zu einem eingeschränktem eigenen Lebensvollzug und oft zu Krankheiten. Im Rahmen von Familienaufstellungen ist es daher eine Grundfigur in den Bewegungen der Seele, diese Hinbewegung der Kinder zu den Eltern nachzuholen und zu heilen, wo sie ursprünglich gehemmt oder unterbrochen war. Wichtig ist dabei der Grundsatz, dass die Kinder auf die Eltern zugehen und nicht umgekehrt.

Mitunter erweist sich aber in einer Aufstellung, dass selbst diese nachträgliche und in gewisser symbolische Hinbewegung zu den Eltern nicht möglich ist. Die Hinbewegung scheitert auch in der Aufstellung. Manchmal ist für die Person, die aufstellt, nicht möglich, auf die Eltern oder auf einen Elternteil zu zu gehen. Die innere Hürde ist zu groß. Manchmal sind die Eltern oder ein Elternteil einfach nicht erreichbar auf der seelischen Ebene, sie sind wie abwesend, oft wirken sie versteinert. Manchmal entziehen sich auch Eltern oder Elternteile aktiv der Hinbewegung der Kinder. Man sieht dies in Aufstellungen, wenn die Stellvertreter der Eltern vor der Annäherung der Kinder zurückweichen, wie es manchmal vorkommt, wenn Kinder verlassen wurden oder ohne Not weggegeben wurden oder auch wenn bei Geburt eines Kindes nach einem gescheiterten Abtreibungsversuches.

In dem letztgenannten Fall scheitert die Hinbewegung, weil Eltern oder ein Elternteil sich dem entzieht. Das Kind wird verlassen oder zurückgewiesen, weil es den Plänen zur Selbstverwirklichung der Eltern im Wege steht, es ist also eine willkürliche Entscheidung seitens des Elternteils.
Dies muss unterschieden werden von frühen Trennungen zwischen Eltern (und insbesondere Müttern) von kleinen Kindern aufgrund schicksalshafter Ereignisse wie Tod, medizinischen Notlagen oder Krieg und Vertreibung. Die Seele des Kindes weiß um diesen Unterschied zwischen Schicksal und willkürlichen Entscheidungen.[1] Dieser Beitrag befasst sich mit den Wirkungen solcher Trennungen, die auf Willkürentscheidungen ohne Not beruhen.

Was bleibt? Das Leben!

Was bleibt für ein Kind in einem solchen Fall dann noch? Im Rahmen von Aufstellungen haben wir es ja mit einem Kind zu tun, das erwachsen ist. Aber im Erwachsenen lebt eben immer noch das bedürftige Kind. Was also bleibt für dieses innere Kind, wenn die Hinbewegung – auch symbolisch – nicht möglich ist? Was tatsächlich bleibt ist: Das Leben selber.

Wir hatten gesagt: Das Kind muss nehmen von den Eltern, es hat hier keine Wahl. Und das aller elementarste im Leben ist: Von meinen Eltern habe ich mein Leben. Ohne sie wäre ich nicht. Das überstrahlt alle anderen Umstände, wie auch immer sie gewesen sein mögen. Aber auch dieses Nehmen ist ein aktiver, kein passiver Prozess. Es ist zwar faktisch, zumindest auf der körperlichen Ebene schon passiert. Wenn ich lebe, dann lebe ich, weil es meine Eltern gab, so wie sie waren und sie mich gezeugt haben und ich auf die Welt gekommen bin, mit genau den Umständen, wie sie eben waren.
Aber dieser Umstand, der faktisch so ist, muss auch in gewissem Sinne geistig noch nachvollzogen werden. Die Frage dahinter ist: Kann ich „JA“ sagen zu meinem Leben, so wie es ist und wie es sich entwickelt hat in den Umständen, die waren, wie sie eben waren? Oder noch anders gefragt: Wenn ich mein Leben betrachte mit allen Einschränkungen und Beschwernissen und emotionalen Wunden – sage ich dann, es ist gut das ich lebe, auch mit diesen besonderen Schwierigkeiten? Oder wäre es besser, wenn ich nicht leben würde, weil die Bedingungen für dieses Leben zu defizitär waren, sie hätten anders sein sollen? Es zeigt sich oft, dass ohne dieses bewusste Nehmen des Lebens, so wie es ist und wie es war, der Lebensvollzug eingeschränkt bleibt.

Was noch bleibt: Die Narben!

Die bisherige Antwort, auf die Frage, was bleibt für das Kind, wenn die liebevolle Hinbewegung zu den Eltern nicht möglich ist, es bleibe ja immer noch das Leben selber, ist aber unvollständig. Sie muss ergänzt werden um einen anderen Aspekt. Was nämlich noch bleibt, ist der Schmerz und die Erinnerung an den Schmerz ganz tief in der Psyche und auch in der Seele. Wenn z.B. ein neugeborenes Kind noch vor der Geburt von seinem Vater verlassen wird, der mit diesem Kind und dieser Familie nichts zu tun haben will, dann empfängt es eine Botschaft, die es ein Leben lang begleitet und die sich in vielfältiger Weise im späteren Leben auswirken kann, insbesondere wenn es um Vertrauen und Selbstliebe geht.

Und auch dieser fundamentale Schmerz der Verlassenheit und des Nich-Gewollt-Werdens, den das kleine Kind als Prägung erfährt (erneut: ohne eine Wahl dabei zu haben) muss gewürdigt werden.
Es kann sich als notwendig erweisen, im späteren Erwachsenenleben diesem Schmerz, der damit verbundenen Trauer oder auch Wut, einen Raum zu geben, in dem dieser empfunden werden kann.

Die Wunde, die hier entstanden ist, kann dadurch nicht ungeschehen gemacht werden. Aber sie kann heilen. Was zurückbleibt, ist eine Narbe. Und im besten Fall tragen wir diese Narbe dann mit Würde, ohne sie verstecken zu wollen vor der Welt. Das ist die andere Seite des Nehmens des Lebens von Eltern mit allem was dazugehört. Auch die Narben gehören dazu. Die entscheidende Frage ist hier: Ist es eine noch offene Wunde oder ist es eine Narbe aus der Vergangenheit, was bedeutet, was einmal war, ist eben vergangen. Es war so, dort und damals, und es hat mich geprägt. Und trotzdem nehme ich das Leben im Hier und Jetzt – auch mit dieser Narbe!

Noch etwas ist wichtig in diesem Zusammenhang. Die Reaktion der Seele auf die ursprüngliche Wunde ist häufig, dass ein innerer Teil von uns abgespalten wird. Dieser innere Teil wird sozusagen ins Exil geschickt. Das ist eine Überlebensstrategie. Aber irgendwann muss dieser innere Teil wieder heimgeholt werden. Sonst hindert das Überleben das Leben.

Genau dieser Heimholung dient der Prozess, die ursprüngliche Wunde und die damit verbundenen Emotionen noch einmal zu erleben. Wir sagen damit dem abgespaltenem inneren Teil in uns: Jetzt darfst du da sein! Jetzt wende ich mich dir zu. Was damals als Kind nicht möglich war, weil es zu schmerzhaft war, ist jetzt möglich, weil ich erwachsen bin. In dieser Zuwendung zur Wunde liegt die Verwandlung der offenen Wunde in die Narbe. Die Wunde muss ans Licht, im Dunklen ist die Heilung der Wunde schwer möglich.

Was hier angesprochen ist, ist das verletzte innere Kind in uns. Was ist hier die Aufgabe? Die Aufgabe ist, das verletzte innere Kind zunächst einmal heimzuholen, ihm einen sicheren Platz in meinem Inneren zu geben. Und dann kann der erwachsene Teil in mir das innere Kind sozusagen „nachnähren“. Dies geschieht, wenn ich als Erwachsener meinem inneren Kind all die Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Anteilnahme gebe, die das Kind so schmerzhaft vermisst hat. Dann kann das innere Kind in mir, das durch die Abspaltung im Alter des Schmerzes stehen geblieben ist, wachsen und älter werden. Auf diesem Weg wird aus der Wunde die Narbe.

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[1] Ich kann mich nicht erinnern, dass bei einer schicksalshaften Trennung der Eltern vom Kind die Hinbewegung zu den Eltern in einer Aufstellung gescheitert wäre.

Gefühle und Emotionen – wo ist der Unterschied?

Im letzten Blogbeitrag hatte ich Gefühle und Emotionen thematisiert hinsichtlich der Frage, welche Form von Gefühlen und Emotionen einen seelischen Gehalt haben. In diesem Zusammenhang hatte ich als Randbemerkung erwähnt, dass es sinnvoll sein mag, zwischen Gefühlen und Emotionen zu unterscheiden, ohne dies näher auszuführen. Für die Erwägungen im letzten Beitrag wurden dagegen Gefühle und Emotionen als austauschbare Begriffe verwendet, wie wir es ja im Alltagssprachgebrauch auch tatsächlich meistens tun.

In diesem Beitrag soll auf die Unterscheidung von Gefühl und Emotion näher eingegangen werden. Ganz trennscharf ist die Unterscheidung nicht, es geht mehr um eine unterschiedliche Akzentsetzung in der Betrachtung. Hier spielen zwei Überlegungen eine Rolle:

  1. Die Unterscheidung zwischen Gefühl als eher körpernahem Aspekt, also dem Spüren bestimmter körperlicher Regungen, die oft recht autonom sind, einerseits und der inhaltlichen Erlebnisqualität dieser körperlichen Regungen, die ich als Freude, Ärger, Wut, Überraschung, Liebe, Angst usw. erlebe.
  2. Die Kontrollierbarkeit der Regung, was die Umsetzung in Handlungen angeht, wobei ein Gefühl eher für die kontrollierte Form und Emotion für die durch mich nicht mehr kontrollierbare Form steht.

Körpersensationen und ihre Interpretationen

In der Psychologie gibt es ein klassisches sozialpsychologisches Experiment aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts[1]. Dabei wurden Probanden angeblich ein Vitaminpräparat verabreicht, tatsächlich aber Adrenalin gespritzt, was natürlich einen Reihe von körperlichen Reaktionen wie beschleunigte Herzrate, verstärkte Durchblutung und Hautschweiß, veränderter Muskeltonus usw. auslöste. Verschiedene Teilgruppen der Probanden wurden dabei in unterschiedliche soziale Situationen gebracht, in denen durch verdeckte Versuchsleiter die Situationen entweder in Richtung Ärger oder in Richtung freudige Erregung beeinflusst wurden. Es zeigte sich, dass tatsächlich dieselbe physiologische Veränderung je nach Kontext entweder als Ärger oder als positive Emotion (in der Beschreibung ist von Euphorie die Rede) interpretiert und erlebt wurden.

Dies lässt sich nun so auffassen, dass offenbar einer erlebten Emotion zunächst einmal nur ein – inhaltlich zunächst unspezifisches – Erregungsmuster im Körper zugrunde liegt. Dieses Erregungsmuster wird, bewusst oder unbewusst, bemerkt und dann in einem zweiten Schritt mit Hinweisen aus dem situativen Kontext abgeglichen. Auf Basis dieser Informationen entscheiden wir uns dann sozusagen, ob diese körperliche Erregung nun eine freudiges Ereignis oder ein Ärgernis ist. Die Physiologie dahinter ist aber dieselbe.

Für den Unterschied zwischen Gefühl und Emotion bedeutet dies, das Gefühl wäre jetzt wirklich das wahrnehmbare Körpergefühl, dass ich in Form einer Selbstbeobachtung an mir wahrnehmen kann. Ich kann hier, ein wenig wie ein distanzierter Beobachter, feststellen: „Aha, mein Herz fängt gerade an, schneller zu schlagen“ oder „Interessant, ich merke eine vibrierende Anspannung in der Muskulatur meiner Hände“ oder dergleichen. Erst in dem Moment, wo ich diese Körpersensationen als etwa Angst oder Zorn oder dergleichen interpretiere, erhält das unspezifische Erregungsmuster seine inhaltliche Qualität im Erleben.

In diesem Sinne wäre die Unterscheidung zwischen Gefühl und Emotion wichtig, weil es oft sinnvoll sein könnte, beim Herannahen einer unerwünschten Emotion den Aufmerksamkeitsfokus weg von der Emotion und hin zum Körpergefühl zu verlagern. Ich bleibe dann im Gefühl, wirklich im engeren Sinne im Körpergefühl, aufmerksam und beobachtend, werde aber nicht von der Emotion überschwemmt.

Gefühl und Emotion als Grad der Kontrolle

In einer ähnlichen, aber etwas anders gelagerten Form könnte man den Unterschied zwischen Gefühl und Emotion auch als Grad der Kontrolle beschreiben. Nehmen wir einmal als Beispiel das Gefühl der Trauer, weil vielleicht ein geliebter Mensch verstorben ist Die Funktion der Trauer ist ja eine Anpassung an einen Verlust.

Ich kann hier das Gefühl der Trauer empfinden und gleichzeitig, zumindest bis zu einem bestimmten Grad, noch handlungsfähig bleiben. Es kann sein, ich organisiere die Dinge, die mit dem Begräbnis zu tun haben. Und während ich dies tue, bin ich im Gefühl der Trauer, empfinde Trauer. Wenn ich jedoch am offenen Grab stehe und es mich übermannt, in diesem Moment fange ich vielleicht an, hemmungslos zu Schluchzen, ich lasse hier alle Hemmungen fahren, lasse mich von der Emotion vollständig ergreifen. Dies kann ein sehr heilsamer Prozess sein.

Was ist der Unterschied? Im ersten Fall wird das Gefühl der Trauer zwar auch gefühlt, aber im Ausdruck gibt es eine gewisse Hemmung. Wenn mich das Gefühl als Emotion ergreift, fällt dagegen jegliche Hemmung weg. Es gibt hier nichts mehr zu kontrollieren und im Beispiel am offenen Grab ist es auch völlig unnötig, etwas kontrollieren zu wollen. Hier passt es in den sozialen Kontext, sich dem Gefühl ohne jeglichen Kontrollanspruch zu überlassen. Die Emotion geht wie eine Welle durch mich hindurch und aus mir heraus[2], ungehindert, und verebbt nach einer gewissen Zeit auch wieder. Und für eine gewisse Zeit und im passenden Kontext lasse ich mich von der Emotion mitreißen. Ohne Vorsicht und ohne Rücksicht.

Genau diese Vorsichts- und Rücksichtslosigkeit von starken Emotionen ist natürlich auch der Grund, warum starke Emotionen uns manchmal Angst machen. Wir fürchten verloren zu gehen in der Emotion oder im Rausch der Emotionen einen Schaden anzurichten, den wir später bereuen. Im Vergleich dazu erscheint das Gefühl sicherer, gerade weil es eben auch noch der Kontrolle und bis zu eine Gewissen Grad der Hemmung unterliegt. Das Gefühl ist noch der Abwägung zugänglich, ob und in welcher Form sein Ausdruck passend zu Situation und Anlass ist. Dies wäre der wesentliche Punkt dieses Aspekts der Unterscheidung: Beim Gefühl bin noch zu einer Moderation des Gefühlsausdrucks in der Lage, bei der ungehinderten Emotion bin ich es nicht mehr.

Die weit verbreitete Angst vor dem Gefühl oder eigentlich die Angst vor der Emotion wäre in diesem Sinne vor allem die Angst vor Kontrollverlust.

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[1] Das Experiment von S. Schachter und J.E. Singer aus dem Jahr 1962 begründete in der Sozialpsychologie die sog. Zwei-Faktoren-Theorie der Emotionen.

[2] Emotion ist im lateinischen Ursprung des Wortes eine Zusammensetzung der Vorsilbe „e“ (aus oder heraus) und des Verbs „movere“ (bewegen), bedeutet wörtlich also „herausbewegen“.